Jahrgang 2009 Nummer 23

Schwungvoller Jugendstil verändert Kunst und Gesellschaft

Die Zeitschrift »Jugend« und ein Künstlerkreis standen am Anfang

Wohn- und Geschäftshaus mit figuralen und floralen Motiven des Jugendstils an der Bahnhofstraße in Traunstein

Wohn- und Geschäftshaus mit figuralen und floralen Motiven des Jugendstils an der Bahnhofstraße in Traunstein
Titelbild der ersten »Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben«

Titelbild der ersten »Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben«
Klare Linienführung an einer Fassade an der Gedonstaße in München

Klare Linienführung an einer Fassade an der Gedonstaße in München
In der Bahnhofstraße in Traunstein sind zwei nebeneinander liegende Häuser an ihren Fassaden mit figuralen und floralen Motiven des Jugendstils verziert. Sie wurden 1904 in einer Zeit erbaut, in der der eben erst in Mode gekommene Jugendstil zur Blüte kam. Die Häuser sind in Altbayern, wo sich auch der Baustil der eher behäbigen Mentalität der Menschen anpasst, eine Seltenheit. Bauten mit Jugendstil-Verzierungen sind im Wesentlichen auf München konzentriert. Dort hat sich um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert eine von Künstlern und Literaten getragene Strömung entwickelt, die in Kunst und Gesellschaft eine bemerkenswerte Veränderung hervorgerufen hat.

Vielleicht findet der Leser einmal bei einem Besuch in der Landeshauptstadt Zeit und Muße, die noch anzuführenden Bauten vom Krieg verschonter oder wieder hergestellter Jugendstil-Architektur näher zu betrachten. Weil der von der Literatur angeregte und in der darstellenden Kunst zum Ausdruck gebrachte Jugendstil auch die gesellschaftlichen Strukturen in Bayern verändert hat und seine Auswirkungen bis heute noch erkennbar sind, soll das historische Umfeld beleuchtet werden, aus dem sich der Jugendstil entwickelt hat. Am Anfang standen vier Zeitschriften und Vereinigungen von Künstlern und Literaten, denen es um eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft ging.

Kunst als gesellschaftlicher Neubeginn

Von diesen geistigen Kräften getragen, kam es zu einem Neuanfang, den der Zeitzeuge Ahlers-Hestermann so beschreibt: »Eine Handvoll Künstler, angewidert von dem antiken Trödel, der ganz Europa in einem nie da gewesenem Ausmaß bedeckte, unternahm es, radikal neue Formen zu finden, ohne von der herrschenden Schicht dazu einen Auftrag zu erhalten. Sie vollführten etwas, das in der Kunstgeschichte ohne Beispiel ist. Sie machten einen Anfang nicht in einer zertrümmerten, leeren Welt, sondern in einer im Ganzen recht selbstzufriedenen, besitz- und errungenschaftsstolzen, von Gegenständen überfüllten.«

Am Beginn dieser neuen Kunstepoche stand die am 1. Januar 1896 erschienene »Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben«. Das Titelbild zeigt eine verschneite Landschaft, in deren Hintergrund sich die Türme der Münchner Frauenkirche erheben. Über eine Eisfläche läuft ein junger Mann auf Schlittschuhen, mit einer Fackel in der linken und einem grünen Zweig in der rechten Hand. Im Rauch der Fackel ist der Schriftzug »Jugend« eingebunden. In diesem Bild der Erstlingsnummer ist alles enthalten, was für eine schwungvolle, jugendliche Aufbruchsbewe-gung steht. Georg Hirth kommentiert sie mit den Worten: »Wir wollen die neue Wochenschrift »Jugend« nennen.«

Nach dieser Zeitschrift wurde der Jugendstil benannt, der in der Kunst um die Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges das geistige Leben dieser Zeit bestimmte. Mit dem Jugendstil verbindet man die Vorstellung von dekorativ, mit Blumen verzierten Möbeln und Gebrauchsgegenständen. Wohlhabende Bürger ließen ihre Villen in diesem Stil erbauen. Die architektonischen Zierformen zeigen lineare, oft asymmetrische Ornamentik florealen oder geometrischen Ursprungs. Fließende Linien vermeiden Ecken und Kanten.

Zwei Zeitschriften als Wegbereiter für den neuen Stil

Der Herausgeber der Zeitschrift »Jugend« Georg Hirth war ein Mann, der dem fortschrittlichen Geist zugetan war und der vorrangig das 1871 gegründete, neue Deutsche Kaiser-reich propagierte. Dies forderte in dem monarchistisch geprägten Bayern, in dem nach dem Tode Ludwigs II. seit 1886 der Prinzregent die Herrschaftszügel fest im Griff hatte, Mut und Entschlossenheit.

Den bürgerlichen Kräften sollte in Politik und Gesellschaft ein Gegengewicht entgegengesetzt werden. Dies waren auch die Ziele der bayerischen Fortschrittspartei, deren Gründungsmitglied Julius Knorr, der Schwiegervater von Georg Hirth, war. Knorr war Herausgeber der »Münchner Neuesten Nachrichten«, die in Stil und Inhalt ganz auf den Fortschrittsglauben dieser Zeit eingestellt war und als einflussreichste Zeitung Süddeutschlands galt. Nach dem Tode von Knorr übernahm Hirth auch diesen Zeitungsverlag. Die Zeitung bot ihm Gelegenheit, unter anderem seine Gedanken zur Trennung von Schule und Kirche publik zu machen. Damit war wieder ein Akzent gesetzt, der die Position der fortschrittlichen Kräfte stärkte. Auf diesem politischen Hintergrund wollte Hirth nun auch in der Kunst und Kultur ein Zeichen setzen, alte, verkrustete Formen aufbrechen und besonders in der gestaltenden Kunst, Wege zu neuen Ufern suchen.

Als generelles Motto stellte Hirth in seiner Zeitschrift das neue Lebensgefühl heraus, das diese Zeit des Aufbruchs in ein neues Jahrhundert prägte. Sein Ausdrucksmittel war die Satire, die zunehmend dem Zeitgeist angepasste, politische und gesell-schaftliche Missstände an den Pranger stellte. Schon bald hatte die Zeit-schrift über 30 000 Abonnenten. Der wirtschaftliche Ertrag ließ allerdings auf sich warten, so dass Hirth in den ersten Jahren beträchtliche Gelder zuschießen musste.

Der »Simplizissimus« mit der roten Bulldogge

Das mochte wohl auch an der Konkurrenz gelegen sein, die dem Blatt im »Simplizissimus« erwachsen ist, der von Albert Langer am 1. April 1896 herausgegeben wurde. Zum Markenzeichen des »Simplizissimus« wurde eine rote Bulldogge, die ihre Zähne gegen alles fletschte, was sich ihr an spießbürgerlicher Verlogenheit entgegenstellte.

Mochten anfänglich beide Blätter um die Gunst der Leser ringen; bald ergänzten sie sich und brachten für das kulturelle Leben der Landeshauptstadt eine echte Bereicherung. Die wirtschaftliche Startposition war übrigens auch beim »Simplizissimus« ebenso wenig rosig wie bei der »Jugend«. Der 26 Jahre junge und wohl etwas zu optimistische Verleger des »Simplizissimus« Albert Langer hatte für die Erstausgabe 480 000 Exemplare bestellt, von denen die meisten wieder eingestampft werden mussten. Langer ließ sich aber dadurch nicht entmutigen und errang mit dem in der Nummer 5 von Thomas Theodor Heine gezeichneten roten Hund einen durchschlagenden Erfolg.

Zwar war die Satire die Grundlage für beide Zeitschriften, mit der sie ihre Leser ansprachen. Während es aber beim »Simplizissimus« bei der Satire verblieb, verstärkte Hirth in seiner Zeitschrift seinen Einfluss auf die Kunst. Für die ersten Jahrgänge der »Jugend« entwarf O. Eckmann dekorative Schmuckformen. Die der Natur abgeschauten Formen von Blüten und Blättern wurden abstrakt umgebildet und lieferten so Anregungen für die gestaltende Kunst. So wurde nicht nur die Zeitschrift die geistige Grundlage für den neuen Stil; Hirths Haus wurde darüber hinaus zum Künstlertreffpunkt in München.

Schon 1892 hatten sich Münchner Künstler mit Unterstützung Hirths zu einem Verein zusammengeschlossen, der sich später »Sezession« nannte und sich von der etablierte, vorrangig auf Gewinn bedachte Kunstszene im Sinne seines Titels »absondern« wollte. Peter Behrens, Lovis Corinth, Max Liebermann und Theodor Heine, der Erfinder des Simplizissimus-Hundes, gehörten zu den Gründungsmitgliedern.

Der Jugendstil als europäische Kunst

In diesem Kreis wurde der Gedanke der »Einheit von Kunst und Leben« geboren. Die Kunst sollte das ganze Leben durchdringen und in einer euphorischen Aufbruchstimmung konventionelle, dem Historismus verhaftete Formen mit einem neuen, schwungvollen Dekor überwinden. Dem entsprach die Kunstform des Jugendstils, die alle Elemente des täglichen Lebens, Haus, Möbel und Gebrauchsgegenstände, verzierte.

So hatte der Stil, der schon seit den 80er Jahren als modern galt, seinen Namen und konnte gegenüber den in anderen Ländern Europas aufkeimenden Stilrichtungen eine gewisse Individualität bewahren. Der in Österreich heimische »Sezessionsstil« erinnert an die Sezessionsbewegung in München. Die Franzosen bezeichneten ihren neuen Stil als »art noveau«, als neue Kunst. Italien richtete den Namen nach dem beherrschenden Stil-Motiv aus, das Bauwerke, Möbel und Gebrauchsgegenstände im gleichen Maße zierte. Es sind dies die Pflanzen und Blüten, die dem »stile florence« in Italien den Namen gegeben haben. Der Jugendstil entwickelte sich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts und fand mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges sein jähes Ende.

Der Jugendsti als Antwort auf den Historismus

Nachdem aus dem Krieg gegen Frankreich 1871 das neue Deutsche Reich hervorgegangen war, waren dem Land immerhin 43 Friedensjahre geschenkt, in denen sich Kunst und Kultur ungestört entwickeln konnten. Die Architektur der Gründerzeit, das sind die auf die Reichsgründung 1870/71 folgenden Jahrzehnte, war durch den Historismus gekennzeichnet. In dem durch die Romantik geweckten Geschichtsbewusstsein wurden historische Stilformen, Barock, Gotik und Romanik wieder aufgegriffen.

Besonders in München war dieser Stil als Schmuckform hochherrschaftlicher Bürgerhäuser beliebt. Die Häuser umfassten in jedem Geschoß Wohnungen mit 12 bis 13 Zimmern, zu denen noch 5 Zimmer für das Personal kamen. Zimmer mit einer Raumhöhe von 4 m ließen sich auch entsprechend repräsentativ gestalten. In diesen Wohnungen, die in ihrem Raumvolumen mittelgroße Villen übertrafen, etablierte sich das Bür-gertum dieser Zeit. Im Verlauf der Kunstgeschichte hat jeweils eine neue Stilrichtung die bisherige gegensätzlich verändert. Die Rundformen der Romanik wurden durch gotische Spitzbögen abgelöst. Der klaren Linie der Renaissance folgte das verschnörkelte Barock.

Es war ein Protest der Künstler, alte, nicht mehr zeitgemäße Formen durch neue, moderne Kunst abzulösen. So ist auch der Jugendstil als Protest gegen den »antiken Trödel« der im Historismus übernommenen Formen zu sehen. In dieser Abkehr vom »besitz- und errungenschaftsstolzen Bürgertum« war es ein Anliegen des Jugendstils und in der ihn begleitenden geistigen Bewegung, »neue, radikale Formen« zu finden.

Jugendstilhäuser in Schwabing

Ein Spaziergang durch Schwabing lässt uns die Umsetzung dieser Gedanken in die Praxis nachvollziehen. München war in Deutschland neben Berlin und Darmstadt ein Zentrum der Jugendstilkunst, der sich vor allem der Architekt Martin Dülfer verschrieben hatte. Seine künstlerische Handschrift tragen Fassaden von Häusern in der Schelling-, Theresien-, Leopold-, Gedon- und Ohmstraße. Diese Häuser liegen in einem Umkreis, der sich in einen Spaziergang leicht einbeziehen lässt. Die Haus-nummern braucht man sich dabei nicht zu merken. Die Fassaden der Jugendstil-Häuser heben sich, schon von weitem erkennbar, aus dem Grau der stahlbetongestützten Einheitsfassaden ab. Wie mit Edelsteinen besetzt, leuchten kleine Blüten und geometrische Ornamente an den Wänden.

In der Schellingstraße 27 sind rote Mohnblumen mit grünen Blattstängeln das beherrschende Motiv. Das Gesims unter der Dachkante und die Felder unter den schwungvoll vorgesetzten Balkonen sind mit leuchtend roten Mohnblumen übersät. - Zu diesen verspielten Motiven in der Schellingstraße bildet die von Dülfer entworfene Fassade an der Gedonstraße 4-6 einen gewissen Kontrast. Streng geometrisch geordnete Formen hinterlassen den Eindruck einer zurückhaltenden Vornehmheit. - Die Leopoldstraße 77 ist eine Kombination beider Dekorformen. Die schwungvollen Blattmotive der wellenförmig begrenzten Giebelfassade ergänzen im Untergeschoß stilisierte Bäume. Mit Borten behangene Leisten zwischen den Fenstern und am Erker unterstreichen den vornehmen, herr-schaftlichen Gesamteindruck.

Jugendstilhäuser außerhalb von Schwabing

Außerhalb von Schwabing finden wir in der Elsässerstr. 22, in der Nähe des Ostbahnhofes, eine recht eigenwillige Fassade, die Thomas Hartlsberger 1903 gestaltet hat. Den oberen Teil der Giebelwand, in ein mehrfach geschwungenes Dreieck nach oben auslaufend, füllen Blattpflanzen mit Blüten. Die Blätter schwingen, wie von einem Windhauch bewegt. Im oberen Teil des Giebelfeldes verdichtet sich das Blattgefüge und verschmilzt mit einem Tiergesicht, dessen Maul zugleich das obere Dachfenster ist.

Ein Tier ist an die Hausfassade gezaubert, das einer Traum- und Märchenwelt entsprungen sein könnte. Das Anliegen des Architekten war es wohl, in Stuckdekor eine Gestalt aus dem Reich der Phantasie zu formen. Ein Traumgesicht, das aus der Re-alität dieser Welt herausführt. Derartige »Gesichter« finden sich noch an vielen anderen Hausfassaden, immer im oberen Giebelbereich. Trogerstr. 48, Römerstr. 15, Elisabethstr. 25 und Belgradstr. 24 sind Besichtigungsadressen in Schwabing. Hinter diesen Darstellungen könnte neben der Lust am Spielerischen auch der Gedanke des Schadensabwehrzaubers übernommen worden sein. Gestalten aus dem Reich des Bösen werden am Haus an herausragender Stelle festgemacht, um dieses vor vor Schaden zu bewahren. Gekreuzten Pferdeköpfe am Giebel bäuerlicher Städel haben den gleichen geistigen Ursprung. Das Skelett eines Pferdekopfes neben dem Eingangstor des Hauses Prinzregentenstr. 50 könnte dem gleichen geistigen Ursprung zuzuschreiben sein.

Kammerspiele und das Volksbad

Um das Münchner Jugendstilbild abzurunden, sollen noch das Müller’sche Volksbad an der Isar und die Münchner Kammerspiele an der Maximilianstraße erwähnt werden. Die Münchner Kammerspiele als einziges Jugendstiltheater in Deutschland ist nach Dehio (Deutsche Kunstdenkmäler) »eine bewusst inszenierte Intimität als Ausdruck der Theaterkunst dieser Zeit.« - Das Müller’sche Volksbad als erstes Münchner Hallenbad, das neben dem Jugendstil auch noch andere historistische Formen zeigt, war schon seiner Zeit eine Attraktion für Leute, die im Jugendstil baden wollten.
So hat der Jugendstil nicht nur die Münchner Wohnkultur am Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt. Die neuen, schwungvollen Formen dieses Stils, in denen von der Natur vorgegebene Blüten und Blättern nachempfunden sind, haben bis heute nichts von ihrer zeitlosen Eleganz verloren. Sie sind nicht nur eine Erinnerung an eine Zeit des Aufbruchs in Kunst und Gesellschaft an der Jahrhundertwende; sie habe vielmehr auch heute im Vergleich zur modernen Kunst noch einen hohen Stellenwert.

Dieter Dörfler

Benutzte Literatur: Michael Weisser »Im Stil der Jugend« Fricke 1979



23/2009