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Jahrgang 2012 Nummer 13

Schönes mit buntem Krüll

Die Waldmünchner Kunsthandwerkerin Edeltraud Landgraf zeigt ihre kleinen Kunstwerke

Osterei mit Osterlamm, von Edeltraud Landgraf mit Krüll verziert.

Osterei mit Osterlamm, von Edeltraud Landgraf mit Krüll verziert.
Reisealtärchen nach altem Vorbild von Edeltraud Landgraf mit Altöttinger Heiligtümern.

Reisealtärchen nach altem Vorbild von Edeltraud Landgraf mit Altöttinger Heiligtümern.
Reliquienkapsel heiliger Bruder Konrad aus Messing, Krüllarbeit von Edeltraud Landgraf.

Reliquienkapsel heiliger Bruder Konrad aus Messing, Krüllarbeit von Edeltraud Landgraf.
Zum »kirchlichen Kunstgut« zählen Krüll-Arbeiten nicht, sonst wäre in dem kürzlich erschienenen »Lexikon für kirchliches Kunstgut« unter diesem Stichwort »Krüll« eine Erklärung zu finden. Aus Frankreich komme die Kunst des »Krüllens«, wo man von »papier rollé« spricht, weiß Edeltraud Landgraf, die jetzt von einem Ostermarkt zum anderen zieht, um ihre liebenswerten »kleinen und großen Kostbarkeiten« nicht nur (in Schauvitrinen hinter Glas) vorzustellen, sondern auch interessierten Laien anschaulich zu zeigen, wie das »Krüllen« geht. Dabei hat es die energische kleine Dame gar nicht so gern, wenn ihre von daheim mitgebrachten Sachen ungefragt fotografiert werden. »Sind ja alles Unikate«, sagt sie und schaut den Berichterstatter recht streng an. Der aber tut den Unikaten nichts. Kann er gar nicht, denn sie liegen alle in verglasten Schaukästen, in die die Ostermarktbesucher neugierig hineingucken.

Schöne Sachen mit buntem Krüll gehören in die Kategorie »Klosterarbeit«, kostbar in Rahmen oder Kästchen eingebettete Heiligenbildchen aus Papier, Wachs oder getriebenem Leichtmetall, die früher vor allem in Frauenklöstern hergestellt wurden, heute als wertvolle Stücke aus dem Bereich der religiösen Volkskunst von Sammlern geschätzt und von kunsthandwerklich Beschlagenen bewundert werden.

Krüll ist eine ganz spezielle Form des Verzierens aus schmalen vergoldeten oder versilberten bräunlichen Papierstreifen, die kunstfertig gerollt und geklebt werden. Edeltraud Landgraf hat ein ganzes Arsenal hierfür nötiger Werkzeuge auf ihrem Tisch ausgebreitet, von Pinzetten über Feilen, Scheren, Messerchen, Pinseln, Holzstäbchen und – winzigen Wäscheklammern aus Holz, mit denen sie die mit weißem Leim eingestrichenen Röllchen zusammenzwickt.

Von der Ikone bis zum Osterei, vom Tafelbild bis zur Glückwunschkarte, vom Wachsstöckl bis zu Klöppelarbeiten – auf Ostermärkten trifft man Künstlerinnen und Floristen, Stickerinnen, Klöpplerinnen und Malerinnen, kann mit ihnen reden, ihnen aus nächster Nähe beim Arbeiten zuschauen und die fertigen Produkte auch erwerben. Immer wieder zieht es vor allem die Damen unter den Besuchern zu Edeltraud Landgraf. Sie verfügt über ein breites Spektrum an religiösen Bildern und setzt manchmal seltene Naturmaterialien, die sie – fast immer in Verbindung mit Krüll – zu ansehnlichen kleinen Kunstwerken kombiniert. Die sind freilich gar nicht billig. Wie sollten sie auch - an so einer Klosterarbeit hängen viele, viele Stunden.

Die in Waldmünchen in der Oberpfalz ansässige, auch als Porzellanmalerin im Ein-»Frau«-Betrieb tätige Kunsthandwerkerin hat vor elf Jahren im Münchner Friedmann-Verlag ein bebildertes Anleitungs- und Schau- Buch über »Krüll-Arbeiten« herausgebracht. »Schritt für Schritt« wird da das Arbeiten mit buntem Krüll erklärt.

Von Edeltraud Landgraf angeregt, schaut man sich daheim um - und siehe da, zu ihren Altötting-Krüll-Arbeiten kommen noch eigene Stücke aus der kleinen Sammlung religiöser Volkskunst hinzu: zwei Kopien der Schwarzen Madonna unter Glasstürzen, etwa 100 Jahre alt. Die Altöttinger Muttergottes steht, das Jesuskind auf dem Arm, in einer Art Krüll-Laube. Solche kleinen Glasstürze wurden früher als Andenken im Devotionalienhandel von Wallfahrern erworben und daheim als Heiligtümer im Herrgottswinkel aufgestellt. Das winzige Bild des heiligen Bruders Konrad liegt, von Krüll umgeben, in pfenniggroßen aufklappbaren Reliquienkapseln, etwa 80 Jahre alt. Man trug sie bei sich, um allzeit unter dem Schutz des beliebten heiligen Klosterpförtners von Altötting zu stehen. Im Tölzer Kasten hängt ein Antlitz-Christi-Bild auf Leinen gedruckt. Es ist mit Resten von Krüll verziert.



Dr. Hans Gärtner



13/2012