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Jahrgang 2020 Nummer 10

Schneekanonen auf der Steinberg-Alm eine Sensation

Der Stoaberger-Sepp war Protagonist in Sachen Tourismus längst vergangener Tage

Bei den Gästen überaus beliebt: der Stoaberger-Sepp.
Schlepparbeit mit Riesenrad: Bau der Sesselbahn 1959. (Fotos: Archiv Steinberg-Alm)
Raffinierte Konstruktion: Wintertaugliches Unimog-Gespann.
Skivergnügen in den 60er Jahren.
Ohne ihn lief nichts: Skiliftexperte Sepp Eder.

Wer von der Steinberg-Alm Richtung Bründling und weiter zum Hochfellngipfel wandert, lässt gleich zu Beginn seiner Schritte linksseitig den sogenannten »Kratzer« liegen. Der weitläufige, grasbewachsene Hang hält im Sommer seit alters her für das Almvieh eine schmackhafte Weide parat. Ein idyllisches Bild für jeden Betrachter, so dass man meinen könnte, die Aufgabe des Kratzers hätte seit Menschen Gedenken nur darin bestanden, für Nachschub auf dem Milchmarkt zu sorgen.

Ältere Leser hingegen werden sich bestimmt noch an die glorreichen TOUROPA-Zeiten erinnern, als die etwas schräg abfallende »Leitn« einmal ein beliebter Tummelplatz für Brettlfans, Skihaserl jeglicher Couleur und sonstige Wintersportfreunde war. Für damalige Verhältnisse fast schon als kleiner Skizirkus zu bezeichnen, der bis hin zur modernen Sesselbahn ausgebaut wurde und sogar – und das ist die eigentliche Sensation dabei – mit einer funktionierenden Beschneiungsanlage aufwarten konnte.

Innovative Ideen für Skizirkus und Ruhpolding

Denn innovative Ideen in Sachen Tourismus waren bereits kurz nach Kriegsende mehr denn je gefragt, wenn es um die Gunst der Urlauber ging. So auch im bayerischen Alpenraum. Einer jener Protagonisten, der die Zeichen der Zeit und des Wirtschaftswunders frühzeitig erkannt hatte, war der Berggastwirt und Liftbetreiber Josef Haßlberger. Der Stoaberger-Sepp (Jahrgang 1916), Kriegsheimkehrer mit zerschossener Hand, die ihn zeitlebens behinderte, ist stellvertretend für viele ähnlich Betroffene ein herausragendes Beispiel dafür, wie man sich nicht unterkriegen lässt. Seine enorme Tatkraft kam nicht nur dem Ausbau seiner Existenz zugute, sondern gleichzeitig auch dem Bekanntheitsgrad Ruhpoldings als führenden Fremdenverkehrsort. Das sollte nicht vergessen werden. Überdies hinaus stellte er sich in den Dienst der Allgemeinheit, saß er doch zwölf Jahre lang im Gemeinderat (1966 bis 1978), die Hälfte davon als 3. Bürgermeister und war von 1969 bis 1987 Vorstand des örtlichen Sportvereins. In der Zeit genossen auch bekannte Politiker wie Landwirtschaftsminister Josef Ertl und der spätere Außenminister und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher ihren Aufenthalt auf der Steinberg-Alm.

Harte Aufbauarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Bis an Weihnachten 1959 die Ein-Personen-Sesselbahn als Nachfolger zweier Vorgänger-Lifte verschiedener Bauarten den Betrieb aufnahm, hatte der Stoaberger-Sepp harte Jahre hinter sich, in denen es galt, erst einmal die erforderliche Infrastruktur zu schaffen. Als erste Maßnahme nahm er in den Jahren 1948/49 den Ausbau des holprigen Muliwegs in Angriff, um die Alm auf 1100 Meter Höhe für Zubringer- Fahrzeuge besser erreichbar zu machen. Kein leichtes Unterfangen in dem Gelände, das teilweise zwanzig Prozent Steigung aufweist, wie die von seiner Frau Traudi fein säuberlich eingeklebten Schwarzweiß-Fotos im Privatalbum deutlich machen. Zur Fahrgastbeförderung bewährte sich zuerst ein mit Schneeketten ausgerüsteter Allrad-Unimog mit speziellem Aufbau. Es handelte sich dabei um einen busähnlichen, in den Westfalia-Werken in Gütersloh gefertigten Nachläufer, dessen Endmontage bei der Firma Geisenfelder in Traunstein erfolgte. Er wurde nach einigen Jahren in gebrauchtem Zustand an die Gemeinde Ramsau verkauft, die diesen passenderweise für die Linie von der Ramsau hinauf zum Zipfhäusl einsetzen konnte.

Gäste-Transport als Ausstellungs-Thema in Gaggenau

Das Anfang der 50er Jahre gebaute Sattelzug-Gespann wird heuer unverhofft noch einmal die Aufmerksamkeit vieler Besucher auf sich ziehen: Es wird als Foto in Originalgröße während der Sonderausstellung in Gaggenau zum Thema »Unimog in den Bergen« zu sehen sein, die Ende April ihre Tore öffnet. Claudia und Franz Haßlberger konnten auf Anfrage des Vorsitzenden des Kuratoriums Unimog-Museum, dem Schweizer Claudio Lazzarini aus Chur viele hilfreiche Informationen dazu weitergeben. Ein weitaus kleineres Modell im Maßstab 1:24, beliebter Blickfang für Kinder und Hobbybastler, ist im Eingangsbereich der Alm zu besichtigen und erinnert ebenfalls an das längst vergangene Kapitel der kollektiven Personenbeförderung.

Weitaus moderner und komfortabler wurden die Gäste dann in der Folgezeit mit dem ersten Allrad-Omnibus von Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) transportiert, zumal die großen Seitenscheiben während der gemächlichen Fahrt einen ungetrübten Ausblick auf das Bergpanorama zuließen. Um die gestiegenen Anforderungen und Gästezahlen zu meistern, richtete Sepp Haßlberger sogar eine eigene Buslinie ein, die das ganze Jahr über vom Bahnhof zur Steinberg-Alm verkehrte. Der Omnibus mit weitausladender Motorhaube prägte jahrzehntelang das Ortsbild von Ruhpolding. Von reibungslosem Durchfahren der etwa sieben Kilometer langen Strecke konnte allerdings keine Rede sein: Im Sommer musste der Chauffeur pro Fahrt immerhin fünf Mal stoppen, aus- und einsteigen, um die Viehgatter zu passieren.

Konkurrenz staunte über Schneeerzeugung

1964 dann ein weiterer Paukenschlag, der sich von Garmisch bis Berchtesgaden wie ein Lauffeuer herumsprach: Auf der Steinberg- Alm machen sie Schnee! Die Sensation war perfekt. Die Konkurrenz rieb sich die Augen, denn es war die erste Anlage dieser Art überhaupt im weiten Umkreis, um sogenannten »Kunstschnee« erzeugen zu können. Dass der Stoaberger-Sepp die Investition von etwa 70 000 Deutschen Mark überhaupt schulterte, hatte zwei triftige Gründe:zumeinen gab es damals schon milde Winter, also finanzielles Gift für jeden Liftbetreiber, andererseits fegten die Hochfelln-Fallwinde über den Kratzer her und verbliesen den Schnee in alle Richtungen, nur nicht auf den Ski-Hang. Glücklicherweise finden sich heute noch viele Unterlagen, Baupläne, Rechnungen, Schriftverkehr und Fotos über die verschiedenen Projekte im Aktenfundus der Haßlberger's, den die Familie auch weiterhin hüten wird wie den eigenen Augapfel. So auch über das System der »Schneekanonen«.

Beim Durchblättern der Unterlagen stößt man auf Namen längst verstorbener Personen, die engagiert zur Werke gingen und maßgeblich daran beteiligt waren, dass die anstehenden Vorhaben auf der Steinberg-Alm erfolgreich umgesetzt wurden. Zwei von ihnen sollten hier stellvertretend erwähnt werden: Ingenieur Helmut Minwegen, der technik-affine Rheinländer, von 1956 bis 1974 Betriebsleiter der Rauschbergbahn, der die Anlage mit einer Rohrlänge von 570 Metern akribisch geplant hatte. Sie wurde mittels Diesel-Kompressoren, einer Kreiselpumpe und zwei Zerstäubern, die alle 40 Meter versetzt werden konnten, betrieben. Das erforderliche Wasser kam aus dem 280 Kubikmeter fassenden hauseigenen Feuerlöschbecken. Das eigentliche »know-how« aber stammte vom Maschinenbauer Sepp Eder. Der Ruhpoldinger Experte und unermüdliche Tüftler war bis in den Bayerischen Wald hinein bekannt als kompetenter Liftbauer. Wie Tochter Marlene erzählt, entstanden ihres Wissens nach unter seiner Leitung fünfzig Skilifte, darunter in Ruhpolding allein beim Brandstätter, Boider, Ramsler, in Maiergschwendt, am Westernberg sowie Skilifte in Inzell und weiteren Chiemgauorten. Außerdem war sein Fachwissen beim Bau der Rauschbergbahn Anfang der 50er Jahre gefragt. Die Konzeption der Ruhpoldinger Schneekanone war allerdings auch für ihn technisches »Neuland«.

Die Jahre, die ins Land gingen, brachten weitreichende Veränderungen mit sich. Dem Wunsch nach längeren, herausfordernden Abfahrten trugen der Rauschberg mit Rossgasse, Kienbergabfahrt und Südhang Rechnung und am Unternberg lockten Lifte und die Doppelsesselbahn bis hinauf zum Gipfel mit unbeschwertem Skigenuss. Das Skigebiet auf der Steinberg-Alm ist (ebenso wie das der unterhalb gelegenen Blickner-Alm) mittlerweile Geschichte. Es wurde 1990 geschlossen, die Sesselbahn abgebaut und verkauft. Geblieben ist lediglich der Fallwind vom Hochfelln herunter, der heute noch beizeiten wie damals über den »Kratzer« fegt.

Zufall in Kanada spielte Frau Holle

Wie so viele vermeintliche Erfindungen, man denke nur an Röntgen-Strahlen, Frottee-Stoff oder Teflon, geht auch die technische Schneeerzeugung, wie sie im Fachjargon bezeichnet wird, auf einen Zufall zurück: Kanadische Flugzeugtechniker untersuchten Ende der 40er-Jahre des vorigen Jahrhunderts die Vereisung von Düsentriebwerken bei tiefen Temperaturen, wobei sich praktisch ungewollt »künstlicher« Schnee bildete. Fortan wurde das Grundprinzip weiterentwickelt. Ihr Siegeszug weltweit ist seither trotz massiver Proteste von Naturschützern nicht mehr aufzuhalten. Die erste Druckluftschneekanone entstand in den USA im Jahr 1950, acht Jahre später folgte die erste Propellerkanone, 1970 dann ein Lanzensystem als komplette Anlage. Die erste Niederdruckkanone wird mit Fritz Jakob von der Firma Linde in Verbindung gebracht, die 1968 entstand. So gesehen ist die vollfunktionstüchtige Ruhpoldinger »Schneekanone« von 1964 eine technische Meisterleistung, die die Macher von damals in unzähligen Entwicklungs- und Arbeitsstunden vollbrachten.

Schanzen-Beschneiung ging in die Hose

Um die Ruhpoldinger Schneekanone rankt sich eine im Nachhinein zum Schmunzeln anregende Geschichte, die damals viel Staub, oder besser gesagt Schnee aufwirbelte. Denn um den Athleten des jährlichen Weihnachtsspringens 1964 optimale Bedingungen bieten zu können, wurde die Beschneiungsanlage kurzerhand an die Adler-Schanze in Maiergschwendt verlegt. Und, weil man es besonders gut meinte im Sinne der Präparierung, ließ man die Kanone die ganze Nacht hinweg laufen. Allerdings mit weitreichenden Folgen, denn: Unter der enormen Last der produzierten Schneemenge knickte der Stahl-Anlaufturm ein und der traditionelle Wettbewerb musste schweren Herzens von Seiten des Skiclubs abgesagt werden. Offenbar war den Verantwortlichen ein Fehler bei der Feinabstimmung des Wasser-Luft-Gemischs unterlaufen, weshalb nasser Schnee aus den Düsen kam. Dieses Missgeschick führte jedenfalls zum Abbruch der Schanze und Skispringen spielte sich fortan auf den Anlagen am Zirmberg ab, zu dessen Füßen auch das Biathlon-Zentrum »Chiemgau-Arena« liegt.

 

Ludwig Schick

10/2020