Jahrgang 2001 Nummer 20

Sankt Urban, der Weinpatron

Bauernregeln zum 25. Mai

Der 25. Mai gilt als Gedenktag des heiligen Urban, der hierzulande etwa seit dem 13. Jahrhundert als Schutzpatron der Weinbauern, vor allem in Franken, verehrt wird. Alte Flur- und Gemarkungsnamen wie Urbans Weingärten, Wingerten oder Am Weinberg erinnern an die Existenz ehemaliger Weingärten.

Der Urbanstag war aber einst nicht nur für Winzer von Bedeutung, auch Bauern sehnten den Tag herbei. Als wichtiger Lostag im Bauernkalender vermerkt, erwartete man sich von dem Wetter am 25. Mai Aufschluß über die Witterungsverhältnisse für die kommende Zeit. Zudem stellte der Gedenktag des heiligen Urban eine Zäsur im bäuerlichen Arbeitsrhythmus dar, zumal das Wetter nach den Eisheiligen über Qualität und Ertrag der Ernte entscheiden sollte.

So entstanden viele Bauern- und Wetterregeln. Zunächst gibt Sankt Urban der letzten noch verbleibenden Kälte den Rest, doch läßt er – wie es im Volksmund heißt – auch weiter blicken: »Die Witterung auf Sankt Urban zeigt des Herbstes Wetter an.« Winzer wissen es dann ganz genau: »Scheint am Sankt-Urbanstag die Sonne, so gerät der Wein zur Wonne; regnet's aber, so nimmt er Schaden und wird selten wohl geraten.« Wie sehr Weinbauern ihren Patron schätzten, zeigt ein Winzerbrauch. Im Fränkischen etwa war es üblich, eine Statue des Heiligen am Gedenktag auf dem Markt nahe dem Brunnentrog auf einen Tisch zu stellen. Gegen Abend schlug die Stunde der Wahrheit: War der Tag schön, wurde die Figur mit Wein übergossen. Enttäuschte Urban mit Regen, bewarf man ihn mit Straßendreck, begoß ihn mit schmutzigem Wasser oder tauchte ihn gar im Wassertrog unter.

Aus dieser Tradition leitet sich in Nürnberg das sogenannte Urbanreiten ab. Bis ins 17. Jahrhundert wurde von Männern, die das Jahr über den verkäuflichen Wein in den Straßen anboten, am Urbanstag das Bild des Heiligen herumgetragen. Ein Wein-Ausrufer, der in einem närrisch anmutenden Kostüm den heiligen Urban darstellte, ritt auf einem mageren Schimmel, begleitet von Stadtdienern und Musikanten. Sackpfeifen und Schalmeien mischten sich mit dem Ruf der Menschen: »Urban, du mußt in den Trog!«

Der Landwirt von einst hatte am Urbanstag wenig Zeit zum Feiern. Er schwor darauf, daß Flachs, Hanf und Hirse, die um den 25. Mai gesät werden, besonders gut geraten und zog die Feldarbeit vor. Vom Brotbacken wurde abgeraten, weil es ansonsten das ganze Jahr über zur Schimmelbildung neigen würde. Brötchen, die am Urbanstag gebacken und im Gottesdienst verteilt wurden, sollten aber die Kraft besitzen, nie zu schimmeln und Brotmangel in dem Haus, in dem sie verwahrt wurden, zu verhindern. Wer auf Freiersfüßen ging oder bald unter die Haube kommen wollte, dem empfahl man, einen ganzen Tag streng zu fasten. Um Wanzen zu vertreiben, mußte man eine Andacht in der Kirche halten und durfte im heimischen Herd kein Feuer zünden. Wollte man einen Sommer ohne Fliegen, hielt man die Fenster geschlossen. Dem Glauben nach sollten Fliegen dann stets am Haus vorbeifliegen.

Gefeiert wurde dennoch: Winzer- und Weinbauern gingen ins Wirtshaus. Städter zogen, wenn der Gedenktag auf einen Sonntag fiel, bei schönem Wetter mit Picknickkörben ins Grüne. Warum Sankt Urban, der im dritten Jahrhundert als Urban I. in Rom zum Papst ernannt worden war, zum Weinheiligen ernannt wurde, ist nicht eindeutig geklärt. Einer altüberlieferten Erklärung zufolge war es Papst Urban, der anordnete, beim Abendmahl verwendete Weinkelche sollten stets aus Gold oder Silber angefertigt sein. Deshalb gelte der Kelch als das historische gottesdienstliche Trinkgefäß und die Weintraube als Erkennungszeichen des Heiligen. Eine andere Überlieferung berichtet von einem Schüler des heiligen Gallus, der im 7. Jahrhundert am Neckar gepredigt haben soll und Bauern auch die Kunst des Weinbaues lehrte. Im Volksglauben soll die Lebensbeschreibung des Predigers Urban mit der des Papstes Urban I. verschmolzen sein.

Etwas überzeugender klingt indes die These, daß Sankt Urban allein deshalb zum Patron der Weinberge und Winzer wurde, weil sein Gedenktag jährlich in die Zeit der Rebenblüte fällt und bereits in vorchristlicher Zeit just im Mai alte sogenannte Bacchusfeste gefeiert wurden, die eine gute Weinlese gewährleisten sollten.

Heike Michel



20/2001