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Jahrgang 2007 Nummer 27

Salzburger Miniaturen

Ein Spaziergang zu den Sehenswürdigkeiten und anderen Raritäten in Salzburg

Der Park von Schloss Mirabell, ein Geschenk des Fürstbischofs an seine Geliebte Simone Alt.

Der Park von Schloss Mirabell, ein Geschenk des Fürstbischofs an seine Geliebte Simone Alt.
Eine Stadtbesichtigung mit dem Fiaker.

Eine Stadtbesichtigung mit dem Fiaker.
Das Cafe Bazar, ein typisches österreichisches Kaffeehaus.

Das Cafe Bazar, ein typisches österreichisches Kaffeehaus.
Von Traunstein aus ist Salzburg über die Bundesstraße 304 in 36 km Entfernung leicht zu erreichen und damit schon als Nachbarstadt zu betrachten. Da fährt man schon einmal am Nachmittag nach Salzburg zu einem Einkaufsbummel oder gerade nur so ins österreichische Cafe. Obwohl der Leser die Stadt an der Salzach mit ihren geschichtsträchtigen Bauwerken kennen wird, dürfte es nicht ohne Reiz sein, sich auf einige Anregungen einzulassen, um Bekanntes wieder zu entdecken oder auch nur aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Begleiten wir also den Spaziergänger auf seinem Weg durch die Stadt über den Mirabellgarten zum Dom und in das touristische Zentrum um die Getreidegasse. Die erste Station ist der Barockpark mit dem Schloss Mirabell. Das Schloss ist in den Park integriert. Allegorische Figuren aus Sandstein sind im westlichen Park, im »Zwergerlgarten«, im Kleinformat zu bewundern. Die Brunnen sind die Kulisse für das im Barock so beliebten Theater. Das Leben im Barock wurde allgemein als Theater verstanden, in dem der Mensch die ihm zugewiesene Rolle zu spielen hatte. Es ging nur darum, die Rolle eben so gut wie möglich über die Bühne zu bringen.

So sah auch Fürstbischof Dietrich von Raithenau seine Aufgaben in dem von ihm regierten Reich. Für seine Geliebte Salome Alt, Lebensgefährtin würde man heute sagen, ließ er das Schloss Mirabell als ausdruckvolles Zeugnis seiner Liebe errichten. Salome hatte ihm dafür 15 Kinder geschenkt, für die der Fürstbischof liebevoll sorgte. Architektonische Zeugnisse großer Liebe gibt es viele; das ursprünglich nach Salome Alt »Altheim« genannte Schloss ist eines der eindrucksvollsten. Der Nachfolger Raithenaus, Fürstbischof Markus Sittikus, hat das Schloss umbenennen lassen, um so die Erinnerung an seinen sündigen Vorgänger zu tilgen. Nachdem für den Herrn andere Gesetzte galten wie für das gemeine Volk dürfte aber schon damals der sündhaften Liebe des kunstsinnigen Fürstbischofs wenig Bedeutung beigemessen worden sein. Vom Bau des berühmten Barockbaumeisters Lukas von Hildebrand 1752 sind heute nur noch die Prunkstiege und der Marmorsaal erhalten geblieben.

Auf dem Weg zum Dom eine Einkehr im Cafe Bazar

Nach dem Schlossbesuch entschließt sich der Spaziergänger zu einer Einkehr im Cafe Bazar, wo er von einem Ober bedient wird, der dem Gast durchaus nicht nur Kaffee und Sachertorte anzubieten hat. Eigentlich ist schon das Wort »Kaffee« eine österreichische Wohlbefindlichkeit verletzende Ausdrucksweise. Im Cafe Bazar werden 13 Kaffee Variationen angeboten. Ich nehme mir die Karte zur Hand, in der jedenfalls für mich fremdartige Namen für das gewöhnlich in einem Cafe servierte, braune Getränk zu finden sind. Melange, Brauner und Einspänner stehen auf der Karte. In Unkenntnis dieser Kaffeesorten möchte der Spaziergänger bei dem ihm sonst gewohnten Kännchen Kaffee verbleiben. »Ein Kännchen Kaffee verlangen nur die Deutschen,« sagt der Ober und stellt damit den auch in der EU noch nicht verloren gegangenen Unterschied zu unserem Nachbarland heraus. Um weitere Komplikationen zu vermeiden, bestelle ich einen Braunen. Vom Cafe Bazar aus ist der Weg über die Salzachbrücke ins Zentrum und zum Dom nicht zu verfehlen. An den Portalen des Salzburger Domes erinnern die beiden Apostel Petrus und Paulus an die Gründer der christlichen Kirche und die Heiligen Rupertus und Virgil an die des Bistums Salzburg. Die Fassade des Domes mit der Mariensäule davor ist die eindrucksvolle Kulisse des Schauspiels vom »Leben und Sterben des Jedermanns« von Hugo von Hofmannsthal, das Max Reinhardt 1920 zum ersten Mal auf dem Domplatz inszeniert hat. Die Schauspieler führen durch das Leben des unbedachtsamen Reichen, der sich den Freuden dieser Welt hingibt und am Ende doch noch seine Erlösung findet. Der markerschütternde Ruf »Jeeedermann« von der Festung und von den Türmen der Stadt über den Domplatz ausgebreitet, beendet mit dem Läuten der Glocken das eindrucksvolle Schauspiel. Fürstbischof Wolf Dietrich von Raithenau hatte die Vision, in der Residenz seine Machtstellung als weltlicher Fürst und im Dom seine barocker Größe angemessene geistliche Herrschaft zur Schau zu stellen. Für den Neubau des Domes an Stelle des alten kam ihm der Zufall zu Hilfe, als 1598 im Dom ein Feuer ausbrach und das Deckengewölbe zum Einsturz brachte.

Der Fürstbischof, so erzählten sich damals die Leute, habe das Feuer selbst legen lassen, um Platz für ein neues Herrschaftszentrum um Dom und Residenz zu schaffen.

Nun hat der Spaziergänger in einer Bank im Dom Platz genommen, um so den barocken Raum auf sich wirken zu lassen. Die Innenmaße des 83 Meter langen Hauptschiffes und der 62 Meter messenden Querachse geben eine Vorstellung von der Dimension des Raumes. Die lichtdurchflutete Kuppel betont die Mitte des Domes. Licht, die farbigen Deckenfresken und die besonders in den Seitenschiffen auffällige Vielfalt barocker Stuckformen bestimmen die Dekoration des Raumes.

Dazwischen ist eine Vielzahl von Engelsköpfen eingefügt. Jedes Gesicht ist individuell gestaltet und von liebreizender Schönheit. Dem Betrachter drängt sich der Gedanke auf, dass der italienische Stuckateur Mädchengesichter aus der Stadt in Stuck festgehalten hat. Aber vielleicht ist natürliche und engelhaft Schönheit gar kein Gegensatz. An der Deckendekoration des Domes entfaltet sich die ganze Dramaturgie des sinnesfreudigen Barocks.

Der Dom zeigt in seiner künstlerischen Ausstattung eine Vielfalt von Stilen, die jeweils einem Abschnitt der Geschichte zuzuordnen ist. Wenn an den Eingangsportalen aus Bronze 1958 Künstler aus unserer Zeit ihre Handschrift hinterlassen haben, so ist das Taufbecken ein Relikt des alten Domes aus dem 12. Jahrhundert. Vier Löwen, die Macht der Kirche symbolisierend, tragen das Becken, in dem das Taufwasser als lebensspendendes Element zu deuten ist. Die Bischöfe repräsentieren die Kirche, die der Welt das Heil vermittelt. Die im Deckel eingravierten Szenen des Taufsakramentes wurden 1959 durch ein symbolgerechtes Wellenband ergänzt. Die Kraft der Löwen hat durch die heiligen Kirchenmänner die segensreiche Kraft des Taufwassers bis heute erhalten.

Grünmarkt vor der Kollegienkirche mit kulinarischen Kostbarkeiten

Nach dem Besuch des Domes wendet sich der Spaziergänger dem von Touristen oft übermäßig frequentierten Bereich zwischen Universitätsplatz, Alten Markt und der Getreidegasse zu. Freilich braucht eine Stadt auch Menschen, für die sie schließlich da ist; es kommt eben nur auf das Maß an, das in der Innenstadt von Salzburg, besonders zur Sommerzeit, oft überschritten wird. Am Universitätsplatz ist heute Markttag, der auch für den Spaziergänger eine Abwechslung von dem bisherigen Kulturprogramm bietet. Die am Markt feilgebotenen, ländlichen Produkte, stammen aus dem Salzburger Umland, das mit seiner Almenlandschaft schon bisher Generationen gesund ernährt hat. Die an den Ständen ausgelegten Teile von Geflügel, Tauben und Wildbret neben den üblichen Fleischsorten machen Appetit.

Der Duft von Gewürzen und Kräutern mischt sich mit dem Bratengeruch vom nahen Würstelstand an der Ecke, der sich für den Hungrigen für eine kurze Rast anbietet. Der Spaziergänger bleibt nun im unauffälligen Abstand zu einer Standlfrau stehen, die schon eine Zeit lang mit einer Kundin im Gespräch vertieft ist. Nachdem einleitend die allgemeine Welt- und Wirtschaftslage in einem negativen Licht abgehandelt worden war, brachte Frau Salzgruber ihre Sorgen zur Sprache, wobei sie bemerkte, dass sie zu Hause nur ihrem Dackel etwas erzählen könne und der verstehe sie halt nicht. Auch das ist eine beachtliche, soziale Funktion des Marktes.

Der Spaziergänger muss sich nun durchaus nicht nur mit dem Anschauen der kulinarischen Kostbarkeiten des Marktes begnügen. Gleich dort drüben werden an einem Stand Würsteln verschiedener Sorten abgeboten. Der Spaziergänger entscheidet sich für eine Bosna-Wurst und erinnert sich beim Verzehr, dass Bosnien einst zur Donaumonarchie gehörte und sich wenigsten in einem Würstchen ein Andenken bewahrt hat.

Am Grünmarkt, der als Universitätsplatz im Stadtplan zu finden ist, sollte der Spaziergänger noch die Fassade der Kollegienkirche auf sich wirken lassen. Der in einem mächtigen Halbrund sich vorwölbende Mittelteil wird von zwei Türmen flankiert, die in ihrem oberen Teil mit ihrer filigranen Ausstattung die Schwere der Fassade auflockern. Fischer von Erlach hat mit diesem barocken Monumentalbau den Prototyp geschaffen, der die barocke Kirchenarchitektur in Süddeutschland geprägt hat. Die Kollegienkirche ist zum Wahrzeichen der Stadt geworden.

Gleich gegenüber fällt die mit Rokokodekor verzierte Fassade des Hauses auf, in dem Wolfgang Amadeus Mozart geboren wurde und seine Schwester Nannerl 1829 gestorben ist. In der Mitte des Platzes wurde der Almkanal freigelegt, dessen Wasser auch heute noch in einem offenen Schacht dahinrauscht. Er gehört zu der 1143 angelegten Wasserversorgung für die Stadt, die eine der ältesten Anlagen dieser Art im Mittelalter ist.

Die Arkadenhöfe der Durchhäuser auf dem Weg zur Getreidegasse

Den Grünmarkt verbinden die »Durchhäuser«, mit zahlreichen Arkadenhöfen und eleganten Geschäften versehen, mit der Getreidegasse. Der Name dieser von keinem Salzburg Touristen zu vernachlässigenden Straße geht nicht auf das Getreide zurück sondern stammt von dem Getrampel der Pferde, das auf dem Pflaster hallte. Heute ist allenfalls noch der Aufschlag der Stöckelschuhabsätze zu hören, soweit sie nicht in dem lärmenden Touristenstrom untergehen.

Die an die Getreidegasse angrenzenden Bürgerhäuser sind teilweise 750 Jahre alt und waren über Generationen hinweg Heimstätten von Handwerkern und Gastwirten. Die schmiedeeisernen Zunftschilder, heute nur geschäftemacherischer Reklame dienend, erinnern noch an ihre mittelalterliche Herkunft. Dass die Ursprünglichkeit der Getreidegasse der Kommerzialisierung zum Opfer gefallen ist, mag man bedauern, ist aber durchaus im Zuge der Zeit gelegen und nicht nur auf Salzburg beschränkt.

Der Spaziergänger lässt sich in der sich durch die Getreidegasse dahinschiebenden Menschenmasse mittreiben. Vielleicht bleibt zwischen den Schaufenstern und den anstehenden Preisvergleichen – »Bei uns ist das aber lange nicht so teuer« – noch ein Blick auf die Stuck verzierten Häuserfassaden. In den oberen Stockwerken wohnte das Personal, was in den kleineren Fenstern sichtbar wird. Als im mittelalterlichen Salzburg noch die Pferdekutschen durch die Getreidegasse fuhren und die vor ihren Geschäften stehenden Handwerker sich mit ihren Kunden unterhielten, war die Getreidegasse auch der soziale Mittelpunkt der Stadt.

Natürlich bleibt der Spaziergänger vor dem mit einem großen Schriftzug bezeichneten Geburtshaus Mozarts stehen, das mit dem Haus am Grünmarkt identisch ist. Sollte er sich zu einer Besichtigung des als Museum eingerichteten Hauses entschließen, würde er vieles vom Leben und Werk des großen Meisters erfahren. Das heute als Museum eingerichtete Haus wurde von der Familie Mozart 27 Jahre lang von 1747 bis 1773 bewohnt. Die Einrichtung ist ebenso original wie die Noten und Musikinstrumente des Meisters. Nach 1773 entfloh die Familie der mittelalterlichen Enge der Altstadtwohnung und bezog im sogenannten »Tanzmeisterhaus« am Marktplatz eine stattliche Achtzimmer-Wohnung, in der Wolfgang Amadeus viele seiner Ideen in Noten umsetzte.

Hohensalzburg, die mittelalterliche Festung über der Stadt

Nach soviel Gedränge in der von Touristen besetzten Altstadt macht sich der Spaziergänger daran, der Hohensalzburg, der im Mittelalter uneinnehmbaren Festung, hoch über der Stadt, einen Besuch abzustatten. Über die Standseilbahn ist die Fes-tung mühelos zu erreichen. Nach dem Verlassen der Festungsbahn wird sich der Spaziergänger zunächst an der Festungsmauer ganz vom Talblick auf die Stadt einnehmen lassen. Da wird die schwungvolle Eleganz der vom Fluss geprägten Stadtlandschaft überschaubar, zu der auch die umgebende Landschaft mit ihren jahreszeitlich schneebedeckten Bergen und den grünen Vorhügeln gehört.

Nach diesem faszinierenden Stadtblick wird sich der Spaziergänger der Besichtigung der Festung zuwenden, wofür der Eintritt schon mit der Bahnkarte bezahlt worden ist. Der an seiner Mütze und Ansteckleiste erkennbare Burgführer hat heute schon fünf Durchgänge – so heißt das im Fachjargon – hinter sich. In seiner gesamten beruflichen Laufbahn als Burgführer sind schon 1450 Führungen zu zählen. Da geht ihm alles flott von der Zunge; besonders wenn er eingangs von der Geschichte der Burg erzählt. Um 1200 wurde die erste Anlage auf dem strategisch günstig gelegenen Bergrücken gebaut. Den ersten, bescheidenen Festungsbau schützte schon eine vier Meter starke Mauer an der Westflanke. Die im Mittelalter als uneinnehmbar geltende Festung wurde von den Fürstbischöfen mehrfach erweitert und mit Türmen und Wehranlagen ausgestattet.

Der Burgführer schildert die Geschichte der fürstbischöflichen Burgherrn, die die Hohensalzburg als Rückzugsort betrachteten, wenn sie sich unten in der Residenz nicht mehr sicher fühlten. Das umfangreiche, mit Zahlen unterlegte Wissen des Führers ist das Eine, die geforderte Merkfähigkeit des Spaziergängers das Andere. Die Festung Hohensalzburg war weitgehend autark. Die Vorräte an Verpflegung waren für eine lange Belagerungszeit eingerichtet. Als im Mittelalter einmal bei einer Belagerung der Burg die Vorräte zur Neige zu gehen drohten, ließ man sich etwas einfallen. Die letzte, noch auf der Festung verbliebene Kuh wurde mit einem jeweils unterschiedlichen Anstrich täglich, demonstrativ an der Burgmauer entlang geführt, so dass die Belagerer über den Fleischvorrat auf der Burg getäuscht wurden und abzogen. Der Weg über den großen Burghof mit der Zisterne in der Mitte lässt das Bild einer mittelalterlichen, autarken Stadt erahnen. Die Georgskirche mit dem gotischen Kreuzrippengewölbe und kunsthistorisch wertvollen Reliefs liegt im Burghof dem Hohen Stock gegenüber. Der Erbauer der Kirche FB Leonhard von Keutschach ließ noch zu Lebzeiten 1515 für sein Grabmal ein Marmorrelief gestalten, das an der Hofseite der Kapelle zu bewundern ist.

Bei der Führung durch den Hohen Stock, dem bischöflichen Schloss, beeindruckt vor allem die Goldene Stube mit dem Kachelofen. Er ist ein vielbestauntes, gotisches Kunstwerk, an dem ein modisch gekleideter Adeliger die Herrenmode um 1500 nachempfinden lässt. Der Kachelofen in der Goldenen Stube zeigt viele Variationen der im Mittelalter hoch entwickelten Hafnerkunst. Schade, dass die Führung dem Spaziergänger keine ausreichende Zeit zur näheren Betrachtung lässt.

Die holzvertäfelten Decken und Wände betonen die Intimität des Raumes. Mit etwas Phantasie lässt sich hier ein festliches Bankett vorstellen. Unter den Gästen waren auch Adelige aus der Stadt mit ihren Damen anzutreffen. Der offiziell einem zölibatären Lebensstil verpflichtete Bischof trug in seiner Burg in Friedenszeiten dem schönen Schein Rechnung. In einem Erlass wurden die in der Stadt üblichen Fensterhennen (Prostituierte) auf der Burg verboten. Salzburger Miniaturen haben nur einen kleinen Ausschnitt der Sehenswürdigkeiten der Stadt angeboten. Residenz, Festspielhaus, das Müllner Bräustübl sind nur einige Ziele, die sich der Spaziergänger für seinen nächsten Ausflug vornehmen könnte. Salzburg wird ihn nie enttäuschen.

Dieter Dörfler

Benutzte Literatur: ADAC Reiseführer Salzburg. Bildführer Festung Hohensalzburg. Harenberg City Guide Salzburg.



27/2007