Jahrgang 2010 Nummer 32

»Riebergemacht« und »riebergebracht«

Ein nützliches Verzeichnis führt in Bayerns Heimatsammlungen der Sudeten- und Ostdeutschen

Altes Glas aus der alten Heimat: Böhmische Deckelpokale und Lampenschirm

Altes Glas aus der alten Heimat: Böhmische Deckelpokale und Lampenschirm
Gerettet trotz Flucht: Marionettenfiguren aus einer nordböhmischen Werkstatt

Gerettet trotz Flucht: Marionettenfiguren aus einer nordböhmischen Werkstatt
»Heimatstube« oder »Haus der Heimat« heißen diejenigen »Heimatmuseen« Bayerns meistens, die nicht das Traditionsgut aus dem Ort, in dem sie stehen, sammeln, bewahren und ausstellen, sondern die Alltagsdinge, die durch Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten »bayerisch« wurden. In den wenigsten Fällen wurde das Sachkulturerbe – Riegelhauben, Rosenkränze, Rodeln oder Rosskämme – den landes-, kommunal- oder vereinseigenen Museen „einverleibt“. Da und dort schmort manche kleine Spanschachtel-, Kochbuch- oder Schlüsselsammlung auch noch immer in einem Nebenraum.

In Eching bei Freising etwa gibt es die »Maischer Heimatecke«, seit 2002 im Turnhallenkeller der Grund- und Realschule von einstigen Einwohnern des Dorfes »Majs« (Maisch, Ungarn, hart an der kroatischen Grenze) eingerichtet. Die »Ecke« füllen Erinnerungsstücke, »vorwiegend aus dem bäuerlichen Alltag«, die »in die landwirtschaftliche Sammlung der Gemeinde integriert« wurden.

Ein 2009 erschienener Führer der »Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern« macht auf 86 so genannte Heimatsammlungen der Sudeten- und Ostdeutschen ausführlich aufmerksam. Herausgeber Michael Henker und Redakteurin Christine Schmid-Egger statteten den 127seitigen Band mit 182 Fotos und Einzelkarten aus. Dieses Verzeichnis lockt in erster Linie »Betroffene« und deren Nachfahren an (»Schaut nur, was wir vo drieben riebergebracht haben, als wir riebergemacht sind…!«), wendet sich aber auch an die von Hause aus altbayerische, schwäbische und fränkische Bevölkerung, nicht zuletzt gezielt und an die Schuljugend und deren Lehrpersonal. Gerade von den – nicht selten im Flucht- und Vertreibungsgepäck in den kargen Jahren um 1945 mitgeführten – Sachen gehen, je wertvoller und memorabler sie sind, Impulse aus. Sie sprechen die Sinne an und lassen über Gründe und Situationsbedingungen, Bewältigungsmechanismen und Überwindungsstrategien des Heimatverlustes Deutscher im Osten des »Reiches« nach dem Zweiten Weltkrieg nachdenken und werfen konkrete Fragen zu Flucht und Vertreibung auf. Von »den Sachen« ausgehend, gestalten Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten ihren Unterricht anschaulich und personbezogen.

1997 wurde in Niederbayerns Hauptstadt das »Haus der Heimat« im ehemaligen Eichamt von 1871 eröffnet. Stadtgemeinde und Sudetendeutsche Landsmannschaft kooperierten hier, wie in vielen anderen Fällen, erfolgreich mit dem Bund der Vertriebenen. Eine große Auswahl an Münzen aus Altösterreich, Ungarn und Böhmen sowie Trachten sind zu bewundern.

Marktoberdorf im Ostallgäu, Patenstadt des Landkreises Hohenelbe (Vrchlabi) im Riesengebirge hat seit 50 Jahren ihr »Riesengebirgsmuseum im Martinsheim«, das 1988 erweitert und neu bestückt werden konnte. Rübezahl geht hier um und zeigt sich in zahlreichen Dokumenten, Illustrationen und Büchern. Als »herausragend« wird die Wintersportsammlung des Marktoberdorfer Museums bezeichnet: Bobs, Schier, Sportdresses.

Im rekonstruierten Südflügel des Alten Schlosses zu Oberschleißheim bei München sind 400 Objekte auf Dauer ausgestellt, die das verlorene Ostpreußen ins Gedächtnis des Besuchers rufen, das bis in die Frühzeit der Gründung des Deutschen Ordens zurückreicht. Bernsteinliebhaber und -kenner kommen hier auf ihre Kosten – schließlich war Ostpreußens Samlandküste einst mit dem weltweit reichsten Bernsteinvorkommen gesegnet. Die beinah 800 Jahre währende Geschichte der Ost- und Westpreußen arbeitet das Haus der »Ost- und Westpreußen-Stiftung in Bayern e. V.«, ebenfalls in Oberschleißheim, auf. Hier begegnen dem Besucher unter anderem die Dichter Max Halbe und Gerhart Hauptmann.

Drei volle Seiten der sich als nützliches Nachschlagewerk und Informationsträger ersten Ranges erweisenden Publikation der bayerischen Landesstelle sind dem »Stadtmuseum« und der »Heimatstube Adlergebirge« der einwohnerstärksten Gemeinde des Landkreises Mühldorf a. Inn, Waldkraiburg, vorbehalten. Dieses Jahr feiert die vor 60 Jahren gegründete, vor 50 Jahren zur Stadt erhobenen „Flüchtlingsgemeinde“ im Grünen ein Doppeljubiläum. Waldkraiburg entwickelte sich aus einem ehemaligen Pulverfabrik-Gelände und dem nahe gelegenen »Flüchtlingslager« Pürten zu einer modernen, ihre Lebensqualität stetig steigernden Wohn-, Schul- und Industrie-Kommune, immer noch mit bewusst betontem eigenem »Vertriebenen“-Charakter, dem Stadtarchiv und „Haus der Kultur« in besonderem Maße verpflichtet sind. Waldkraiburg hält etwas auf seine Geschichte. Und viel davon, sie populär, insbesondere der jungen Generation, zu vermitteln.

»In Inszenierungen und anhand von Hörstationen und Filmen sowie Fotografien, Gegenständen und Dokumenten werden sowohl die Vorgeschichte des Ortes als auch Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung am Ende des Zweiten Weltkriegs beleuchtet.« Dabei kommen verschiedene Medien zum Einsatz: Flucht- und Vertreibungsgepäck, Videostation, Zeitzeugenberichte, Karten, Fotos. Wie beschwerlich der Neubeginn in der frei gewählten Heimat, in die man vor mehr als fünfzig Jahren unfreiwillig »von drieben rieber gemacht« war, für die zwar entkräfteten, gleichwohl aber hoch motivierten von den östlichen Siegermächten Geschädigten gewesen ist, zeigt wohl keine bayerische Gemeinde deutlicher und vielfältiger auf als Waldkraiburg.

Ohne auf die Heimatarchive, Bibliotheken und Dokumentationsstellen einzugehen, erfasst das schön bebilderte Verzeichnis (Stichjahr: 2008) in Kurzporträts alle im Freistaat Bayern ermittelten Heimat-Stuben. Sie werden – nach Ortschaften, von Allersberg bis Zirndorf – alphabetisch aufgeführt. Mit Adressen- und Öffnungszeiten-Angaben, vor allem aber mit Übersichts- und Detailkarten und einem hilfreichen Register im Anhang. Das Buch gibt`s kostenlos bei der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern (www.museen-in-bayern.de).

Liste bisher erfasster bayerischer Ortschaften mit Heimatsammlungen der Sudeten- u. Ostdeutschen:
Allersberg – Ansbach – Arzberg – Aschaffenburg – Augsburg – Aurach – Bad Kissingen – Bad Neustadt – Bamberg – Bubenreuth – Buchloe – Bürgstadt – Dinkelsbühl – Donauwörth – Dürrenzimmern – Eching – Ellingen – Erlangen – Forchheim – Furth i. W. – Georgengmünd – Geretsried – Gerolzhofen – Gundelfingen – Gunzenhausen – Günzburg – Haar – Illertissen – Immenstadt – Ingolstadt – Karlsfeld – Kaufbeuren – Königsbrunn – Kronach – Landshut – Lichtenfels – Marktoberdorf – Marktredwitz – Massing – Memmingen – Miltenberg – Moosburg – München – Neualbenreuth – Neukirchen b. Hl. Blut – Neureichenau – Neutraubling – Nördlingen – Oberschleißheim – Pappenheim – Passau – Pressath – Regen – Regenstauf – Rehau – Röhrnbach – Rohr – Schwandorf – Schwarzenbruck – Sulzbach-Rosenberg – Tirschenreuth – Tittmoning – Tutzing – Waldkraiburg – Waldsassen – Weiden – Weißenburg – Weißenhorn – Windischeschenbach-Neuhaus – Würzburg – Zenting – Zirndorf



Hans Gärtner



32/2010