Jahrgang 2020 Nummer 37

Residenz, Schatzkammer und Staatsgefängnis

Die Burghauser Burg steht im Guiness-Buch der Rekorde

Historische Ansicht von Stadt und Burg Burghausen.
Herzogin Hedwig, Ehefrau von Herzog Georg dem Reichen.

Seit einigen Jahren ist es offiziell: Die Burg in Burghausen darf sich als die »weltgrößte Burg« bezeichnen. So lautet der Eintrag im GuinessBuch der Rekorde. Ganz korrekt müsste es eigentlich die »weltlängste Burg« heißen, denn der Rekord bezieht sich auf die Ausdehnung der 1.051 Meter langen Anlage. Natürlich ist sie kein einheitlicher Gebäudetrakt, sondern sie besteht aus sechs Höfen mit Wohngebäuden und Ställen, Türmen, Wehrgängen, Brücken, Zwingern. Im innersten – sechsten – Burghof ist die Wohnung des Herzogpaares (Palas und Kemenate), die Dürnitz (Räume für die Dienstmannen), die Kapelle St. Elisabeth und die Schatzkammer.

Das heutige Aussehen der Burg stammt im Wesentlichen aus der Zeit der niederbayerischen Reichen Herzöge Heinrich und Georg im 14. und 15. Jahrhundert. Damals war Burghausen zeitweise Regierungshauptstadt und Residenz, und der Staatsschatz in Gold und Silber lagerte in der Schatzkammer. Mit dem Ausbau der Burg hatte bereits Heinrich XIII. um 1280 begonnen, nachdem Burghausen in den Besitz der Wittelsbacher gekommen war. In der Folgezeit teilte sich die Dynastie in die Linien München, Straubing, Ingolstadt und Landshut, wodurch sich die Verhältnisse reichlich verwirrten, zumal sich die Herzöge untereinander meist bekriegten. So wurde der Ingolstädter Herzog Ludwig der Gebartete von seinem Landshuter Vetter Heinrich dem Reichen jahrelang in Burghausen gefangen gehalten, weil er die Zahlung eines hohen Lösegelds verweigerte. Mit seinem Tod erlosch die Ingolstädter Linie und Heinrich sicherte sich in raschem Zugriff das Erbe.

Heinrichs Sohn Georg der Reiche heiratete Hedwig (Jadwiga), eine Tochter des polnischen Königs Kasimir. An ihre glanzvolle Vermählung erinnert bis heute die regelmäßig mit einem großen Volksfest gefeierte Landshuter Hochzeit. Dass sich Georg nach vier gemeinsamen Jahren in Burghausen nach Landshut absetzte und Hedwig in Burghausen mit ihrem Hofstaat zurück ließ, hat immer schon zu Spekulationen über eine Verbannung der Herzogin geführt. So schreibt Benno Hubensteiner, Georg habe seine Frau nach Burghausen verbannt, um in Landshut ungestört seinem ungezügelten Leben mit leichten Frauen und trinkfesten Kumpanen nachzugehen. Ein anderer Autor äußert großes Mitleid mit Herzogin.

Hedwig, die viele Jahre der Einsamkeit in Burghausen vertrauern musste... Demgegenüber hat der Burghauser Historiker Johann Dorner festgestellt, dass sich der Herzog immer wieder für Wochen in Burghausen aufhielt und Hedwig eine standesgemäße Hofhaltung ermöglichte, wie sich aus Rechnungen und anderen Archivalien ergebe. Burghausen sei eine Art Nebenresidenz von Landshut gewesen. Die Herzogin lud zu Jagdgesellschaften ein, an denen auch ihr Mann teilnahm, beteiligte sich an Wallfahrten, unterhielt Briefkontakte nach Polen und lud von dort adelige Gäste ein. Von Landshut wurde sie regelmäßig mit teuren Weinen und Obst wie Trauben und Pfirsichen beliefert, vom Kloster Mondsee mit Fischen. Ein Hofnarr und ein Hofzwerg sorgten für Abwechslung. Von Verbannung im eigentlichen Sinne könne also keine Rede sein, urteilt Dorner.

Der von der Ur-Salzach geschaffene, schmale Nagelfluhrücken zwischen Salzach und Wöhrsee war wie geschaffen für die Anlage einer Burg. Erstes Gebäude auf den Burgberg dürfte ein mit Palisaden befestigter Holzbau gewesen sein, in den sich die Bewohner aus dem Tal bei Gefahr flüchteten. In einer Urkunde von 1025 ist erstmals von einem Reichshof »Burchusun« zu lesen. Die Grafschaft Burghausen war zunächst im Besitz der Ratpotonen und der Sighartinger, bis sie von Heinrich dem Löwen eingenommen wurde und nach seinem Tod an die Wittelsbacher überging. Der Zugang zum Burggelände war früher durch das heute niedergelegte Oettinger Tor geschützt, links die Rentmeisterei, eine Art Finanzamt, die Forstmeisterei, an deren Ostfassade ein kurbayerisches Wappen mit schwungvollem Rocaille-Rahmen, in der Mitte des ersten Hofes das Brunnenhaus und der Uhrturm. In den Türmen waren Wohnungen für den Kanzler und Gerichtsschreiber, die Kapläne, Bau- und Zimmermeister.

Im zweiten Hof steht die absolut sehenswerte Äußere Schlosskapelle, erbaut vom herzoglichen Hofbaumeister Pesnitzer aus Landshut im Auftrag von Herzog Georg und seiner Gemahlin. Nach Ansicht von Experten eine reife Frucht der späten Gotik. Auf der Emporenbrüstung ein Erbärmdechristus, zu seinen Seiten die Stifter mit dem jeweiligen Landeswappen.

Im dritten Hof befand sich früher der riesige Getreidekasten. Hier wurden die Abgaben der Untertanen des Rentamts gelagert. Aus den Abrechnungen geht hervor, dass die Reichen Herzöge mit den Lebensmittellieferungen ihrer Bauern wie Getreide, Geflügel, Eier und Schmalz mehr als die Hälfte ihrer Einkünfte bezogen. Im Erdgeschoß waren Ställe für hundert Pferde und Futtervorräte. Im daneben stehenden Aventin-Haus soll nach Ausweis einer Gedenktafel Johannes Thurmayer, genannt Aventin, der Vater der bayerischen Geschichtsschreibung und Prinzenerzieher, gewohnt haben, was aber historisch nicht stimmt. Eine von vielen Geschichtsmythen, die sich von Generation zu Generation fortpflanzen. Im Schergenturm, Amtshaus genannt, lag die Fragstatt, das ist die Folterkammer. Der Foltergang stellte die Verbindung zu dem auf der Stadtseite liegenden Hexenturm her, der ebenfalls Gefängniszellen enthielt. Dem Foltergang ist heute der mächtige Querbau des Zucht- und Arbeitshauses vorgelagert im Volksmund Gefängnis genannt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er zu Wohnungen umgebaut.

Letztlich war die Burg so gestaltet, dass alle Wege, Befestigungen und die gesamte Infrastruktur auf das Wohl und auf die Sicherheit des Herzogs und seiner Familie in den Bauten des inneren Burghofs hingeordnet waren. Die umfangreiche Schutzmannnschaft der fürstlichen Familie lebte in der Dürnitz, das streng bewachte Herzogspaar im ersten Obergeschoß des Palasts. Die dreiteilige Raumfolge bestand aus zwei Stuben und einem Schlafzimmer dazwischen. »Des gnädigen Herren Stube« war ausgestattet mit gotischem und italienischem Mobilar, Wirkteppichen und Gemälden. Die fürstlichen Zimmer konnten rauchfrei durch Hinterladeöfen beheizt werden, in der damaligen Zeit eine luxuriöse Einrichtung. Im zweiten und dritten Obergeschoß des Palas lagen die Gästezimmer, im Erdgeschoß die Vorratskammern.

Eine Infotafel im Palas vermeldet, dass Heinrich XIII, Margarete von Österreich, die Gemahlin von Heinrich dem Reichen, und Hedwig von Polen auf der Burghauser Burg gestorben sind. Hedwig starb im Jahre 1502 und wurde in Raitenhaslach begraben, ihr Mann starb ein Jahr später und liegt in Seligenthal bei Landshut begraben.

 

Julius Bittmann

 

37/2020

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