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Jahrgang 2016 Nummer 10

Rechtsprechung unter freiem Himmel

Zur Geschichte des Landgerichts Marquartstein im 14. bis 17. Jahrhundert – Teil III

Gerichtstag im Mittelalter.
Hartwig Peetz.

Ein Gerichtstag auf dem Grassauer Kirchplatz Welche Rechtsstreitigkeiten wurden nun auf der Grassauer Schranne dem Gerichtsplatz für das Marquartsteiner Pfleggericht ausgetragen? Um diese Frage exakt beantworten zu können, verfügen wir über zu wenige Quellenhinweise. Überliefert sind:

❍ Ein Rechtsstreit aus dem Jahr 1466, auf den in den Gerichtsurkunden des Klosters Baumburg hingewiesen wird. Es geht hier um eine Auseinandersetzung zwischen Schleching und Süßen wegen Viehauftriebs.(1)

❍ Ein Rechtsstreit aus dem Jahr 1494 zwischen Bauern aus Reit im Winkl und aus Unken (Gericht Salzburg) wegen unerlaubten Viehauftriebs der Unkener auf die Winklmoosalm, die zum Gericht Marquartstein gehörte. Eine literarische Bearbeitung dieses sehr ausführlich überlieferten Rechtsstreits wird weiter unten vorgestellt.

❍ Ein Rechtsstreit zwischen dem Kloster Frauenchiemsee und einem Traunsteiner Bürger aus dem Jahr 1501. Der Klosterrichter Hans Wertinger von Frauenchiemsee klagte im Namen der Äbtissin gegen Kuntz Huenerstorffer, den Lehnsinhaber eines Hofes zu Reifing, sowie gegen den verstorbenen Bürger Lienhardt Stewb aus Traunstein und dessen Nachkommen, da Letzterer ohne Genehmigung der Äbtissin Abgaben aus dem Hof bezogen habe. Der Landrichter Oswald Weydacher zu Marquartstein fällte am 15. März 1501 auf der Schranne zu Grassau das Urteil, dass die Beklagten sich im Verlaufe von 45 Tagen mit der Äbtissin zu einigen hätten.(2) Der Ausgang der Angelegenheit ist nicht bekannt.

Da über die Gerichtsverhandlungen der damaligen Zeit meist nur sehr dürftige Informationen erhalten sind, im Falle des 1494 stattgefundenen Rechtsstreits jedoch ein ausführlicher Brief, der Anlass gab für eine detaillierte Schilderung der Verhandlung, soll diese im folgenden ausführlich abgedruckt werden.

Der Traunsteiner Amtmann und Heimatforscher Hartwig Peetz (1822 bis 1892)(3) besaß offenbar ein Schriftstück – er spricht von einem »Brief«, – in dem eine Gerichtsverhandlung in Grassau beschrieben war. Auf dieser Grundlage verfasste er eine historische Erzählung, die in manchen Details frei erfunden sein könnte,(4) dennoch aber eine profunde Kenntnis des altbayerischen Rechtssystems und des Ablaufs von Gerichtsverhandlungen im 15./16. Jahrhundert annehmen lässt. So manche Kleinigkeit, auf die wir noch kommen werden, verrät darüber hinaus seine Kenntnis der spezifischen Grassauer Verhältnisse. Die Gerichtsverhandlung fand im Jahr 1494 auf dem Grassauer Kirchplatz statt.(5)

»Es mag ein klarer Sommermorgen angebrochen sein, als der herzogliche Pfleger Jorg Laglberger(6) von dem Bergschlosse Marquartstein herab bei den Loitshäusern über die Brücke geritten, deren Zimmerwerk hier über die tiroler Ache gespannt war. … Als 'Seine Vest', wie man damals den herzoglichen Pflegverwalter volksüblich anzusprechen hatte, unter den Obstbäumen des Pfarrdorfs Grassau in Begleitung seines Pflegschreibers eingeritten, hatte sich schon viel Volks aus den Bergen dort eingefunden, um den strengen Gebieter ehrfürchtig zu begrüßen.

Diese Gerichtscommission stieg beim Rotmaierwirt [heute: Gasthof »zur Post«] ab, weil dieser gerühmten Ehtaferne die Gerichtfutterung oblag, nämlich die Verpflegung für Herren und Knechte nebst ihrem Gefährt und Gethier. Während nun der Pflegrichter(7) vor Allem seine genau bestimmte Diät verzehrte und der Gerichtsschreiber sich versicherte, ob er sein Gesetzbuch samt den Prozeßgeschriften nicht im Pultkasten daheim gelassen, war bereits der Fridbot [Gerichtsdiener] auf dem 'bewohnlichen' Kirchhofe unter den Ahornbäumen vollauf beschäftigt, denn auf dieser Stätte wurde jedes 'Taiding' [Gerichtstagung] … in offener 'Schranne' gehalten. Vorerst schon hat dieser Friedbote‚ den 'Umstand', wie man das hinter den Schrankbäumen andrängende Volk geheißen hat, ernstlich zu vermahnen, daß während der Verhandlung Niemand sich mit ungebührlichen Worten erzeige oder gar eine 'Rauf- oder Haderhand' anfange.

'Sollt einer von Altersher nit wissen' – setzt er mit bedeutsamem Mienenspiel hinzu – daß wer 'zuckt' für das 'Aus der Scheid' nit weniger straffällig als für das 'Wiederhinein', dem mag es der Pflegamtsschreiber bei Leib und Gut nachher um je sechzig Pfennige deutlicher erklären! Also sei männiglich anständig, wie das im Gebirg immer der Brauch …

Schon kommt der Pflegschreiber daher mit dem schweren Gerichtsbuch unterm Arm, rückt des Herrn Tisch so, daß der gen Osten zu schauen kommt, stellt den wuchtigen Lehnstuhl auf die Steinplatte und fordert den Friedboten auf, den Aufrufzettel abzuroteln [abzurollen], um der richtigen Ladung der Dingleute [Geschworenen] sicher zu sein. Auf des Friedboten Ruf treten sodann immer einige Zehn in den Ring, ehrsame Männer aus der Kreuztracht in der Grassau [von entfernt liegenden Kirchdörfern]. Diese haben den braunen Regenmantel über die Schulter geschlagen, einfach umgürtet, in Lederhosen, mit gefilztem Schuh angethan, barhäuptig, den runden Hut auf dem Daumen tragend. [Es folgt eine Aufzählung dieser Personen, anschließend der Nichtanwesenden]

Durch den Friedboten wurden entschuldigt: der Stegmüller, der Kendlmüller und der Paulschuster von Loitshausen, weil sie durch Feldgüsse mit Wasser noch verrunnen, Jörg Bock der Klausmann, weil er bereits ehegestern mit Gottes Leichnam versehen, dann der Straßberger Cenz, weil er mit dem Gatterbeck Fraidl unter einem First wohnt, ferner Schwarzenböck der Meßner, weil er mit Gottshausdienst und die Bauern Gutsjahr und Gaismartl, weil sie mit Herrngeschäft [Regierungsgeschäften] beladen seien.

Die Konfrau [Eheweib] des Strähtrumpfer Jackl hat seine Vest Herrn Pfleger um eine Ausnahme begrüßt, weil ihr Ehwirt [Ehegatte] zu Zeiten im Kopfe nicht recht besonnen sei. Als aber der Rachlbauer aufgerufen nichtanwesend war, wurde er vom Pflegschreiber zu siebenzig Pfennigen Strafe wegen unentschuldbaren Ausbleibens vorgemerkt. Da mußte der Friedbot die Leute im Umstand beschwichtigen, denn über selbigen Großrachl wurde viel gelacht, weil ihm jüngst erst der Frohnknecht ober seine Hausthüre ein Hirschgeweih angenagelt hatte des zum Zeichen und Spott, daß er im Revier des Wildfrevels verdächtig sich des Weiteren wohl verhoffen [erschrecken] dürfe.

Plötzlich drängt sich das Volk näher an die Schranken. Es erscheint im Namen des Herzogs von Baiern der stolze Gerichtsherr mit dem Stab in der Hand und das Baret mit schweifender Feder auf dem ernsten Haupte.

Der Friedbot gebietet Ruhe. Bis auf einige Zeisige in den Bäumen war Alles still als 'Seine Vest' den Stab auf den Tisch gelegt und sich mit untergeschlagenen Beinen auf dem erhöhten Sessel nieder gelassen hat.

Damit hat die Verhandlung begonnen.

'Ich frag Euch – so erhebt der Gerichtsherr mit feierlichem Ernst die Stimme – wer kommt vor mich und offenes Gericht zu klagen?'

Da treten der Blasibauer von St. Pankraz am Eck [Reit im Winkl] und seine Genossen in die offene Schranne … [es folgt eine Aufzählung der Personen]. Ihr angedingter Redner des Rechts, Lorenz Pöckh, stellt sich nun auf die rechte Seite des Richters und hebt an mit dem Fürbringen der Klage.

'Inhaltliche des Urbarbuches zu Marquartstein müssen meine Klienten auf der Unserem gnädigsten Herzog mit Grund und Boden zugehörigen Alm zu Winkelmoos einen jährlichen Zins dienen [leisten]. Auf dieser Alm ist nun von den Leuten zu Unken und Gfäl eine Irrung beschehen, indem sie auf die Ezn [Viehweide] ihr Vieh aufgetrieben und mit diesem ihren Besuch den Blumen [der Weide] merklich gefundenen Schaden zugefügt haben. Darum wurden fünfundzwanzig Rosse und siebzehn Rinder nach Landesgewohnheit gepfändet und in den Pfandstall der Herrschaft nach Marquartstein geantwortet, wie sich zu Recht gebührt. Dort stehen sie noch …«

Es folgen Rede und Gegenrede durch die betroffenen Parteien, wobei die Unkener bestreiten, dass die Weiderechte im Grenzgebiet zwischen Marquartstein und Salzburg klar abgegrenzt seien und deshalb die Viehpfändung nicht Rechtens sei. Im Übrigen sei schwer zu beweisen, auf wessen Grund und Boden das Vieh gepfändet worden sei. Eine Absicht, Schaden anzurichten, sei jedenfalls nicht vorhanden gewesen. Der Pfleger gibt jedoch mit Hinweis auf die in den Grundbüchern von 1345 und 1476 verbrieften Rechte der Reit im Winkler diesen Recht und spricht sein Urteil:

»Vermöge desselben seien die Reuter vom Winkel [Reit im Winkler], die sich einer rechten und vollen Pfändung berühmen, nach dem fürstlichen Urbar und Grenzbrief von 1476 bei ihren inhabenden Urbaren … zu belassen, die Salzburger Unterthanen deren aber für verlustig zu erklären. Betreffs des Viehes aber, das bei der Herrschaft schon über 'drei Licht und drei Finster' [über drei Tage] still stehe, haben sich beide Parteien wegen des essenden Pfannwerthes [Wert des gepfändeten Viehs] nach des Landes und der Schranne Recht dahin zu vertragen, daß für den bisher erlittenen Schaden nebst der Kostung [Kosten] die Unkener aufkommen sollen …

Also hat sich das Recht zu Grassau ergangen am Erchtag vor St. Veitstag [10. Juni] 1494.

Im 'Umstand' draußen gab sich mit diesem Erkenntnisse volle Befriedigung kund. Es müßte der Baier nicht von jeher an der Gewohnheit festgehalten haben, wenn nicht auch nach diesem Rechtshandel ein fröhliches Zechgelag beim Rotmaierwirt den Tag beschlossen hätte.«(8)

Ungeachtet der möglicherweise freien Ausmalung dieser Grassauer Gerichtsszene gibt sie doch ein gewiss realistisches Bild von der Rechtsprechung früherer Jahrhunderte unter freiem Himmel. Aus dem ganzen Achental erschienen die Einwohner, um sich über die gültigen Rechtsbestimmungen zu informieren. Es herrschte Anwesenheitspflicht. Abwesenheit ohne triftigen Grund wurde mit Geldstrafe belegt. Da die Menschen oft erhebliche Strecken zum Gerichtsort zurücklegen mussten, ist es auch weiter nicht verwunderlich, dass sie vor und nach dem großen Ereignis beim Wirt am Kirchplatz einkehrten.


Dr. Hans J. Grabmüller


Teil I und Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 8 vom 20. 2. und Nr. 9 vom 27. 2. 2016


Anmerkungen:
(1) Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Klosterurkunden von Kloster Baumburg 545.
(2) Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Klosterurkunden von Kloster Frauenchiemsee 925. – Vgl. GERN-HARDT, Ludwig: Geschichte der Gemeinde Grassau. [o. O.] 1931 [Unveröff. Typoskript im Gemeindearchiv Grassau, AZ 322/2-4], S. 141.
(3) Vgl. seine ausführliche Würdigung in: Chiemgau-Blätter (2002) Nr. 40.
(4) »Um aber jenen Vorgang in seinem lebendigen Verlauf für die Gegenwart lebendig zu erhalten, soll er, weil in den Ostalpen derartige Aufzeichnungen zu den Seltenheiten gehören, hier in der Form einer Erzählung mitgeteilt werden.« (PEETZ, Hartwig: Ein altbayerisches Landschrannengericht, in: DERS.: Chiemgauer Volk. Erinnerungen eines Chiemgauer Amtmanns. Aus seinem Nachlasse. Band 2. Leipzig 1893, S. 108-119 (hier S. 109).
(5) Ebenda, S. 110. – Vgl. auch DERS.: Culturhistorische Einblicke in die Alpenwirthschaft des Chiemgaues. München 1869, S. 25.
(6) Georg Laglberger war von 1492 bis 1502 Pfleger in Marquartstein (WAGNER, Johann Josef: Die Geschichte des kgl. bayerischen Landgerichts Traunstein und seiner weltlichen wie kirchlichen Bestandteile. [Sonderdruck] Grabenstätt 1981, Anl. III).
(7) Die Marquartsteiner Pfleger waren zu der Zeit Pfleger und Richter in Personalunion.
(8) PEETZ (wie Anm. 4), S. 108-119.


10/2016