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Jahrgang 2016 Nummer 8

Rechtsprechung unter freiem Himmel

Zur Geschichte des Achentals im 14. bis 17. Jahrhundert: Das Staudacher Brückengericht – Teil I

Achenbrücke um 1900
Burg Marquartstein. (Kupferstich von Michael Wening)
Grabplatte der Gräfin Adelheid von Marquartstein in der Klosterkirche zu Baumburg. In der rechten Hand hält sie ein Modell des von ihr gegründeten Klosters. (Foto: Thomas Grabmüller)

Der früheste Quellenbeleg für eine Gerichtsverhandlung im Landgericht Marquartstein stammt aus dem Jahr 1317, aus einer Zeit also, da das Gericht erst kurz existierte (es wurde um 1280 gegründet)(1). Dieser Beleg ist deshalb von großem Interesse, weil er das Institut des »Brückengerichts«, eines unter freiem Himmel neben oder auf einer Brücke stattfindenden Gerichts, nachweist. Er ist insofern bemerkenswert, als wir zwar aus dem fränkischen Raum – hier vor allem aus Würzburg(2) – das Institut eines Brückengerichts kennen, nicht jedoch aus Altbayern bzw. dem Chiemgau.

Der Chronist berichtet, dass ein gewisser Ortneyd der Enhindorfer in einem Streit, den er gegen das Kloster Baumburg führte, die Rechtsfindung zwei Männern, nämlich Cunrat dem alten Awer [= Auer] und einem gewissen Eberhart, überlassen habe. Die Prozessbeteiligten hätten sich »vnter Hohenstain in dem grazzawertal vnter ainem pirnpaum auf der Ahen bei der pruk« zusammengefunden, um zu verhandeln. Es kam zu einer Einigung, derzufolge alle »die Krieg vnd Ansprach, die er [Ortneyd] gegen den Probst vnd sein Gotteshaus gehabt, beruhen vnd zu Ende seyn sollen.«(3) Ortneyd der Enhindorfer verzichtete demnach auf alle Ansprüche gegenüber Baumburg und beugte sich dem Rechtsspruch der beiden Richter. Obwohl wir aus dieser Quelle keine näheren Einzelheiten erfahren, verrät sie uns doch so Einiges über die Gerichtsorganisation im frühen Marquartsteiner Landgericht.

Zunächst ist erstaunlich, dass ein Streit gegen das mächtige Kloster Baumburg ausgerechnet im Grassauer Tal, genauer: in Staudach »unterhalb dem Schloss Hohenstein«, verhandelt wurde. Baumburg war zu dieser Zeit begüterter Grundherr im Achental(4) und so ist anzunehmen, dass Ortneyd, über den wir aus anderen Quellen nichts wissen, Grundholde des Klosters war und als solcher mit dem Kloster in Streit geraten war.

Wichtige Hinweise liefert auch die Ortsangabe »vnter Hohenstain in dem grazzawertal«. Ein zu Hohenstein gehöriges Gericht erscheint in zweifacher Hinsicht in dieser Zeit als Anachronismus, denn erstens bildet das Landgericht seit mehreren Jahrzehnten die oberste Gerichts- und Verwaltungsinstitution im Achental, und zweitens wurde bereits 200 Jahre vorher von Marquart I. das Herrschaftszentrum der Sighardinger von Staudach nach Marquartstein verlagert (um 1075).

Das bedeutet, dass das Brückengericht in Staudach auf eine gerichtliche Institution zurückgehen muss, die älter ist als das landesherrliche Gericht und vielleicht auch älter als das gräfliche Gericht Marquarts.

Was wissen wir über die Herrschaft der Sighardinger und deren Hohensteiner Herrschaft? Als Begründer des Adelsgeschlechts gilt Sighard I. von Baumburg (876/80 bis 906),(5) dessen Nachfolger sich zu einer der bedeutendsten Grafenfamilien im Chiemgau entwickelten. In unserem Zusammenhang sind vor allem Sighard VII. (auch: Sizo, um 1010 bis 1046), Graf im Chiemgau und auf Baumburg, sowie seine Gemahlin Juditha von Bedeutung. Beide sollen die ersten Stifter einer Kirche in Baumburg gewesen sein.(6) Sie hatten sieben Söhne, von denen Marchward als Marquart I. seinen Sitz auf der im 10. Jahrhundert erbauten Burg Hohenstein bei Staudach-Egerndach nahm.(7)

Marquart soll eine Schwester des Gerant (auch Gerchrant) von Egerndach geheiratet haben. Wo sich der Sitz des Geschlechts der Egerndacher ursprünglich befand, ist heute nicht mehr feststellbar.(8) Dieser Ehe wiederum sollen ein Sohn gleichen Namens und eine Tochter Gisela entstammen. Da der Sohn an der Feste seines Vaters keinen Gefallen gefunden haben soll, habe er um 1075 die Burg Marquartstein errichtet. Hohenstein habe er Gerant zur Nutzung überlassen.

Die Lebensgeschichte Marquarts I. war in der Forschung umstritten, weil es so gut wie keine schriftliche Überlieferung aus seiner Zeit gibt. Inzwischen kann aber wohl als gesichert angenommen werden, dass Marquart I. und Marquart II. ein und dieselbe Person waren.(9) Diese Feststellung wurde vor allem auch von Heinz Dopsch untermauert.(10)

In unserer Frage nach der Herkunft des Brückengerichts spielt diese Detailfrage letztlich keine Rolle. Wichtig ist allerdings festzuhalten, dass dieses Gericht noch aus einer Zeit stammen muss, als Marquart bzw. seine Vorgänger Herren auf Hohenstein waren. Infrage kommen hier das gräfliche Gericht der Sighardinger sowie ein Dorfgericht aus noch älterer Zeit. Da Dorfgerichte aber in der Regel in den einzelnen Dörfern Recht sprachen und eine überdörfliche, das ganze Tal einbeziehende Rechtsprechung in der Zeit vor den Sighardingern schwer vorstellbar ist, muss wohl davon ausgegangen werden, dass das Brückengericht bei Staudach einer Zeit entstammt, in der die territoriale Herrschaft über das Grassauer Tal bereits existierte, vermutlich also in der Zeit der Hohensteiner und vor dem Umzug Marquarts auf Burg Marquartstein.

Dass die eingangs beschriebene Gerichtsverhandlung einen Zusammenhang zwischen Hohenstein und Baumburg herzustellen scheint, lässt sich nicht nur an der Person Ortneyds festmachen, sondern auch an den vielfältigen Beziehungen zwischen den Sighardinger Grafen und dem Kloster Baumburg. Der Stammvater der Sighardinger, Sighard I. war Herrscher von Baumburg. Auch seine Nachfolger nannten sich stets Grafen im Chiemgau und auf Baumburg. Sighard VII. (um 1010 bis 1046) hat sich als Stifter einer Kirche in Baumburg hervorgetan(11) und Marquarts Frau Adelheid förderte die Klostergründung in Baumburg, wo sie dann auch nach ihrem Tod (1104/05 oder 1110) begraben wurde.(12)


Dr. Hans J. Grabmüller


Teil II und Teil III in den Chiemgau-Blättern Nr. 9 vom 27. 2. und Nr. 10 vom 5. 3. 2016


Anmerkungen:
(1) Vgl. GRABMÜLLER, Hans J.: Die historische Entwicklung. Teil I: Von den Anfängen bis 1803. Grassau 2010 (= Die Geschichte der Marktgemeinde Grassau), S. 158-159.
(2) Vgl. SCHLINKER, Steffen: Litis Contestatio: Eine Untersuchung über die Grundlagen des Gelehrten Zivilprozesses in der Zeit vom 12. bis zum 19. Jahrhundert. Würzburg 2008, S. 648.
(3) Regesta sive Rerum Boicarum Autographa ad annum usque 1300, hrsg. v. K. H. v. Lang [u.a.]. Band 5. München 1936, S. 357.
(4) GRABMÜLLER (wie Anm. 1), S. 229-230.
(5) DOPSCH, Heinz: Siedlung und Recht. Zur Vorgeschichte der Berchtesgadener Stiftsgründer, in: BRUGGER, W. [u. a.] [Hrsg.]: Geschichte von Berchtesgaden. Stift – Markt – Land. Band 1. Zwischen Salzburg und Bayern (bis 1594). Berchtesgaden 1991, S. 175-228 (hier: S. 202 und genealogische Tabelle auf S. 203).
(6) Monumenta Boica. Neue Folge: Band 3. München 1964, S. 3 (Nr. 1).
(7) GAUKLER, Franz: Die Edlen von Hohenstein, Egerndach und Marquartstein. Eine geschichtliche Studie. Staudach 1975, S. 13.
(8) Ebenda, S. 16-17.
(9) Vgl. z. B. REICHERSEDER, Walter: Die Grafen Marquart von Marquartstein. Hat es einen Marquart II, überhaupt gegeben?, in: Chiemgau-Blätter (2004) Nr. 8, S. 1-2; GRABMÜLLER (wie Anm. 1), S. 149-150.
(10) DOPSCH (wie Anm. 5), S. 202-203, 218.
(11) Monumenta Boica (wie Anm. 6), S. 3 (Nr. 1).
(12) GRABMÜLLER (wie Anm. 1), S. 152-154.

 


8/2016