Jahrgang 2001 Nummer 32

Prozessionen, Wallfahrten und Kräuterweihe

Der Gedenktag »Mariä Himmelfahrt« ist schon im 5. Jahrhundert dokumentiert

In den traditionell katholischen Regionen Südeuropas ist der 15. August ein hoher Feiertag. Auch in Bayern ist »Mariä Himmelfahrt« ein Höhepunkt des Kirchenjahres, seit Jahrhunderten mit ländlich-bäuerlichen Traditionen verbunden. Obwohl die Aufnahme Mariens in den Himmel erst seit 1950 als katholisches Dogma gilt, ist dieser Gedenktag bereits im 5. Jahrhundert in der armenischen Kirche dokumentiert. Gebete, Legenden und Überlieferungen bezeugen die Marienverehrung, lange bevor Papst Pius XII. das Marien-Dogma erließ.

Nach einer Legende sollen Apostel im Sarg der Gottesmutter an Stelle des Leichnams Blumen gefunden haben. Es wird vermutet, daß diese Aussage auf Bischof Juvenalis zurück geht, der im 5. Jahrhundert in Jerusalem lebte, und dem damaligen Kaiser Marcianus gesagt haben soll, die Grabtücher Mariens hätten einen »unbeschreiblichen Wohlgeruch« verbreitet. In Bayern hat sich aus dieser Heiligenlegende der Brauch der Kräuterweihe entwickelt, der in das 10. Jahrhundert zurückreicht. Seit damals wird Maria in Anlehnung an das alttestamentarische Hohenlied Salomons als »Blume des Feldes und Lilie der Täler« bezeichnet.

Mit einer Kräuterweihe findet in vielen der 4 000 katholischen Pfarreien Bayerns der Marien-Feiertag. Den ganzen Tag über werden Messen gehalten und am Abend wird vielerorts eine Prozession zu Ehren der Gottesmutter abgehalten. Diese Prozessionen gehören in den Abendstunden das 15. August zu den typischen frommen Bildern aus Bayern, wenn sich flackernde Lichterketten durch die abgeernteten Fluren ziehen.

Ursprünglich gehörten 77 Kräuter zu den heil- und glückbringenden »Büschl«, die in den Kirchen geweiht wurden. Bis heute sind es das Woll- und Frauenkraut, der Bibernell und Teufelabbiss, das Liebstöckl und Fünffingerkraut. In der Mitte des Kräuterbündels soll die Himmelskerze alles überragen. Die Tradition der magischen Kräuter geht in heidnische Vorzeit zurück. Damals sollten sie Geister, Hexen und Unwetter vertreiben, später wurden sie zum christlichen Symbol der Schutzwirkung im Hergottswinkel der Bauernstuben.

Eine der schönsten Darstellungen der Aufnahme Mariens in den Himmel ist auf dem Hochaltar der niederbayerischen Benediktinerabtei Rohr zu sehen. Der berühmte Maler Egid Quirin Asam zeigt Maria im Himmel schwebend, während die Aposteln mit Gebärden des Staunens und der Ratlosigkeit den leeren Sarkophag umringen. Berühmt ist dieses Bild durch die bis ins äußerste gesteigerte figürliche Dramatik.

Mit dem Marienfest verbindet sich auch der »Frauendreißiger«. Es beginnt eine 30tägige Zeit der besonderen Marienverehrung. Früher wurde in diesen Tagen sogar gefastet. Heute finden in dieser Zeit viele Marienwallfahrten statt. Ein alter Volksbrauch sagt, daß die dann gelegten Eier besonders kräftigend sind. Deshalb wurden zu dieser Zeit noch bis in die 60er Jahre auf dem Land Eier eingekocht.

Nikolaus Dominik



32/2001