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Jahrgang 2016 Nummer 35

Prophetische Worte eines Chiemseebischofs

Berthold Pürstinger sagte das Kommen des Antichrists voraus

Titelbild der Schrift »Onus Ecclesiae« von Berthold Pürstinger.
Salzburg, der Dienstsitz der Chiemseebischöfe. Anonymes Ölgemälde.
Zisterzienserkloster Raitenhaslach an der Salzach.

Im Jahre 1524 erschien in Landshut eine religiöse Streitschrift mit bitteren Klagen über die damaligen skandalösen Zustände in der katholischen Kirche. Verfasser war der Chiemseebischof Berthold Pürstinger, ein frommer Gottesmann und gleichzeitig ein hervorragender Kenner der kirchlichen Verhältnisse in Stadt und Land. Er hatte in Italien Theologie studiert, viele Jahre in der erzbischöflichen Kanzlei in Salzburg gearbeitet und war Inhaber der großen Pfarrei Schnaitsee, bis er schließlich zum Bischof für die bayerischen Teile des Erzbistums Salzburg ernannt wurde.

Von seinen Reisen kreuz und quer durch das Land, wo er bischöfliche Funktionen ausübte und Pfarreien visitierte, war er mit den Zuständen vor Ort bestens vertraut. Firmungen, Kirchen- und Altarweihen sowie Segnungen von Friedhöfen nahm Pürstinger an vielen Orten des Rupertiwinkels, des Chiem- und Isengaus vor, unter anderen auf der Fraueninsel, in St. Zeno in Bad Reichenhall, Marzoll, Waging, Stein an der Traun, Prien, Frasdorf, Törring, Feichten bei Garching, Neumarkt-St. Veit und Lohkirchen.

Bischof Pürstinger schrieb sein Buch in lateinischer Sprache, sein Titel »Onus ecclesiae« lässt sich am besten mit »Drohruf gegen die Kirche« übersetzen. Das Anliegen des Buches kommt treffend in einem Holzschnitt auf seinem Titelbild zum Ausdruck. Er zeigt neben einer Kirche das Bild des Teufels in Gestalt eines wilden Tieres mit Eberkopf und Drachenfüßen. In seiner einen Pfote hält er das Schwert, bereit zum Losschlagen, in der anderen hat er eine brennende Fackel, um das Gotteshaus in Brand zu stecken. Ein in den Wolken erscheinender Engel hält eine offene Schale in den Händen und lässt daraus böse Geister entweichen. Die Mächte der Hölle sind losgelassen – wahrlich eine beängstigende Situation, die für alle Menschen das Schlimmste befürchten lässt.

Tatsächlich standen zu Anfang des 16. Jahrhunderts die Zeichen der Zeit auf Sturm. In Kirche und Gesellschaft brodelte es, bisher für unerschütterlich geltende Ordnungsprinzipien wurden hinterfragt, in Flugblättern und Broschüren staatliche und kirchliche Autoritäten angegriffen.

In seinem Buch sieht Pürstinger das Grundübel der Zeit in der Habgier, die nach seiner Beobachtung alle Menschen erfasst hat, vom kleinen Mann bis zum Bischof, vom Bauer bis zum König. Er beschreibt schonungslos die Missstände innerhalb der Kirche, schildert die Verkommenheit der Mönche und Nonnen, der Priester, Äbte und Bischöfe. »Anstatt Zwistigkeiten unter weltlichen Fürsten zu schlichten, erregen sie selbst Kriege und führen sie mit eigener Faust. Die Begehrlichkeit unter den Bischöfen ist wie ein Aussatz verbreitet, auf ihm wuchert die Schmarotzerpflanze des Nepotismus.« Einziger Ausweg aus diesem Sumpf ist nach Pürstinger der Verzicht der Kirche auf materielle Güter.

Auch gegen die weltliche Obrigkeit zieht der Autor vom Leder, hat aber großes Verständnis für die Schwachen und Armen. Wie in der Praxis mit den kleinen Leuten umgegangen wird, schildert er beim Thema Jagd und Wilderei. »Anstatt dass die Jagdherren den Schaden wieder gutmachen, den das Wild anrichtet, fordern sie noch von den Untergebenen rücksichtslos hohe Abgaben. Solche Jagdherren sind selber Jagdhunde und Bestien. Will gar ein Bauer seinerseits auf Jagd gehen, so hat er die härtesten Strafen zu erwarten, ihm werden die Augen ausgestochen oder er wird gar getötet. Während doch die Tiere des Waldes nach dem Naturrecht allen gehören! Aber der Untertan hat von seinem eigenen Herrn mehr zu leiden als vom Feind . . «

Eine besondere Rolle spielt bei Pürstinger die Zahl Sieben, die das ganze Buch gliedert. Auch die Weltgeschichte seit der Geburt Christi wird in sieben Phasen eingeteilt. Der Autor sieht sich gegenwärtig am Ende der fünften Phase, kündigt aber bereits die sechste Phase an – das Kommen des Antichrists und seines Vorläufers, des Lügenpapstes. In dieser Zeit wird die Kirche gedemütigt, ihrer weltlichen Macht beraubt und verfolgt. Gleichzeitig ist es aber auch eine Zeit der Reinigung, die nicht mehr von Menschen, sondern von Christus selbst vollzogen wird. Was wie Zerstörung aussieht, erweist sich in Wahrheit als Chance eines Neubeginns. Die siebte und letzte Phase ist schließlich eine Zeit des Friedens für Staat und Kirche unter einem Engelspapst und ein Vorgeschmack auf die himmlische Seligkeit.

Auch in der Heimat des Verfassers, im Fürsterzbistum Salzburg, schlugen die Wellen des Aufruhrs hoch, Bürger und Bauern erhoben sich gegen den Landesfürsten, und der diplomatisch geschickte Chiemseebischof bewährte sich als Vermittler zwischen den Parteien. Sogar im eigenen Bistum bekam er die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung zu spüren. Bei einer Pastoralreise nach Tirol wurde er in Kitzbühel von einer aufgebrachten Menge angegriffen und nach seinen eigenen Worten »auf'm Predigtstuhl grausam bedroht«. Im Pinzgau, der zum Chiemseebistum gehörte, zerstörten aufständische Bauern die Burg Fischhorn, in welcher der chiemseeische Pfleger seinen Sitz hatte. Diese Auseinandersetzungen bewogen den 62 Jahre alten Bischof, im Jahre 1526 von seinem Amt zurückzutreten und sich in das Privatleben zurückzuziehen.

Einige Jahre lebte er im Zisterzienserkloster Raitenhaslach in der Nähe von Burghausen, »um sich dem Studium der Gottesgelehrsamkeit und dem Gebet« zu widmen, wie ein Biograf schreibt. Hier in der Stille des Klosters verfasste er die »Teutsche Theologey«, die als die erste deutsche Dogmatik gilt. In zwei kleineren Schriften untersuchte er, ob die Forderung der reformatorischen Prediger nach dem Laienkelch berechtigt sei oder ob – wie er bekräftigt – die Kommunion unter einer Gestalt genügt. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Saalfelden, wo er eine Priesterbruderschaft und ein Armenhospital gründete. Er starb im Jahre 1543 und wurde in der Pfarrkirche Saalfelden bestattet.

Berthold Pürstinger war wie ein Prediger in der Wüste. Sein Ruf nach Erneuerung der katholischen Kirche blieb leider ohne Wirkung. Hätte es mehr Männer seines Formats gegeben, wäre es wohl nicht zur Glaubensspaltung gekommen, weil sich die Kirche von innen heraus erneuert hätte.


Julius Bittmann


35/2016