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Jahrgang 2020 Nummer 15

Prangerstehen kostete dem Täter die Ehre

Schandstrafen gaben einen Delinquenten der Demütigung preis

Straf- und Folterinstrumente: in der Mitte der Pranger, darunter Stock und Daumenschrauben. Titelblatt der »Bambergischen Halsgerichtsordnung«.
Gefangener im Schandfass (Spanischer Mantel).
Vorführung eines Gefangenen vor den Richter. Holzschnitt eines unbekannten Künstlers (1507).

In vielen Heimatmuseen sind Schandmasken und Schandgeigen ausgestellt, die zu den Strafinstrumenten des Mittelalters gehören und der öffentlichen Demütigung des Straftäters dienten. So eine Schandmaske bestand aus Metall, hatte das Aussehen eines abstrakten Tierkopfes und zeigte die typischen Kennzeichen des jeweiligen Vergehens, zum Beispiel eine lange Zunge für Geschwätzigkeit und üble Nachrede oder eine lange Nase für Neugier und das Einmischen in fremde Angelegenheiten, woher der Ausdruck kommt, seine Nase in fremde Sachen stecken. Je nach Höhe der Strafe war die Maske einen oder mehrere Tage zu tragen. Sie war äußerst hinderlich beim Trinken und Essen, aber auch beim Sprechen, vor allem, wenn sie noch mit einem Knebel ausgestattet war, mit dem man sich leicht die Zunge verletzte. Eine Hals- oder Schandgeige war ein geigenförmiges Doppelbrett aus zwei symmetrischen Holzteilen, hatte vorne einen Verschluss und hinten ein Scharnier. Sie wurde dem Täter nicht nur um den Hals gelegt, sondern konnte auch Hand- und Fußgelenk arretieren. Üblich war auch die Doppelhalsgeige für zwei notorische Streithähne, die so konstruiert war, dass sich die beiden von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen mussten und jetzt genug Zeit hatten, ihre Beziehung in Ordnung zu bringen und ihre Schandtaten zu bereuen.

Von Ehrenstrafen wird bereits in antiken Schriften berichtet, sie kamen auch in der Rechtssprechung der Germanen und Bajuwaren vor, bei denen der Ehrbegriff und seine Aberkennung eine große Rolle spielten. Schriftlich sind sie erstmals in der »Carolina« von 1532 festgehalten, der bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts geltenden Strafrechtskodifikation Kaiser Karls V. für das gesamte Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Einer ihrer Grundgedanken ist die These, dass jedes Vergehen eine Verletzung der Gemeinschaft darstellt und deshalb vor der Gemeinschaft zu bekennen und von ihr und vor ihr zu bestrafen ist. Der Begriff der Ehre hatte dabei eine hohe gesellschaftliche Bedeutung, und wenn ein Mensch durch die Obrigkeit in aller Öffentlichkeit bestraft wurde, traf ihn das zutiefst auch in seiner Ehre. Diesumsomehr, als die Gemeinschaften klein und überschaubar waren und jeder jeden kannte. Ein Täter konnte nicht wie heute nach der Verurteilung in der anonymen Masse verschwinden, sondern blieb sein Leben lang in der Gemeinschaft geächtet. Es gab allerdings einen Schlupfwinkel: Durch Geld konnten Ehrenstrafen »abgelöst« werden. Naturgemäß war das jedoch nur Besitzenden wie Adeligen und Geschäftsleuten möglich, das einfache Volk war dazu nicht in der Lage.

Das bekannteste Instrument der Ehrenstrafe ist der Pranger, im einfachsten Falle ein Holzpfosten oder eine Steinsäule mit einem Halsring zum Fixieren des Delinquenten. Notfalls genügte ein an einer Mauer oder an einer Wand befestigter Eisenring. Wesentlich feudaler war ein Pranger in Form von einem erhöhten Podest mit umlaufendem Geländer. Standort sollte ein zentraler, viel besuchter Platz sein, oft an der Kirchenmauer oder vor dem Rathaus. Solche Schand- oder Ehrenstrafen setzten einen Delinquenten dem öffentlichen Spott aus und beschädigten seine bürgerliche Reputation. Während er öffentlich zur Schau gestellt wurde, konnte ihn jedermann verspotten oder gar mit Tomaten oder faulen Eiern bewerfen.

Weitere Ehrenstrafen waren das Schandfass, der Lasterstein, der Stock, der Springer und das Eselsreiten. Beim Schandfass, auch Spanischer Mantel genannt, steckte man den Täter in ein konisches Holzfass ohne Boden, dessen Deckel so ausgeschnitten war, dass gerade sein Kopf durchpasste. So wurde er unter großem Hallo durch die Straßen geführt oder auf einem belebten Platz ausgestellt. Der Lasterstein war ein Felsblock von unterschiedlicher Größe, bis zu 30 Kilogramm schwer und mit fratzenhaften Bildern bemalt, den der oder die Verurteilte unter mehrmaligem Absetzen durch die Straßen schleppen musste, meist umringt vom schreienden Pöbel. Der Stock diente zum Einschließen von Kopf, Händen und Füßen. Bei der »Springerstrafe« wurden dem Angeklagten die Beine mit einer Kette zusammengebunden und mit einem Schloss gesichert, dass er sich nur noch springend fortbewegen konnte. Zum Eselsreiten diente eine eselähnliche Holzatrappe, auf ihr band man den Delinquenten fest und führte ihn zum allgemeinen Gaudium durch den Ort.

Die Ehrenstrafen, wie sie in Bayern bis zur Einführung des Strafgesetzbuches von 1813 in Geltung waren, wurden von den sogenannten Niedergerichten oder Hofmarksgerichten ausgesprochen. Ihr oberster Richter war der Gutsherr selbst, der sich aber meist durch den Verwalter oder den Pfleger – sämtliche ohne juristische Vorbildung – vertreten ließ. Die Zuständigkeit der Niedergerichte erstreckte sich auf Vergehen, die nicht mit schweren Körperstrafen oder mit der Todesstrafe geahndet wurden, das waren in erster Linie die Malefizfälle Mord, Totschlag und Vergewaltigung. Häufig ging es bei Anklagen vor dem Niedergericht um Kleinkriminalität wie Diebstahl von Obst, Feldfrüchten und Fischen, Raufereien, Unruhestiftung in Gaststätten, Fluchen, verbotenes Spielen, Betrug, Fälschungen, üble Nachrede und Verleumdung.

Einen nicht unerheblichen Umfang nahmen vor Gericht – damals wie heute – sexuelle Verfehlungen ein, besonders die sogenannte Leichtfertigkeit. Darunter verstand man jeglichen Sex zwischen nicht miteinander verheirateten Personen. Aus dem Jahre 1785 hat sich eine wohl für die Rechtssprechung gedachte Tabelle »Strafmaß bei Leichtfertigkeit« erhalten. Demnach betrug die Strafe beim ersten Mal für den Mann bis zu 14 Tage »Springer«, für die Frau 5 Tage »Halsgeige«, beides jeweils zu Haus zu verbüßen. Beim 2. Mal wurde die Strafe verdoppelt, beim 3. Mal wurde der MannausdemRentamt, die Frau aus der Hofmark ausgewiesen. Als Sonderfall galt sexueller Verkehr mit einem Geistlichen. Bestraft wurde nur die Frau, Kleriker unterstanden nicht der weltlichen Gerichtsbarkeit. Die Frau wurde beim ersten Mal mit 1 Woche Arbeitshaus bestraft, beim zweiten Mal mit Prangerstehen und anschließendem Landesverweis für mehrere Jahre, beim dritten Mal mit Züchtigung mit Ruten und Landesverweis auf ewige Zeiten.

Julius Bittmann

15/2020