weather-image
11°
Jahrgang 2015 Nummer 16

Prächtige Paläste gegen zugige Zelte vertauscht

Therese von Bayern bricht als Forschungsreisende Konventionen – Vor 90 Jahren gestorben

Therese am Schreibtisch inmitten von Büchern. Schon als Kind las die Prinzessin alles, was ihr unter die Finger kam. (Repro: Mittermaier)
Therese (ganz rechts) als kleines Mädchen mit den Eltern und den drei Brüdern Ludwig (von links), Arnulf und Leopold. (Bild: Bayerische Staatsbibliothek)
Ein farbenfrohes Aquarell mit einer Szene aus Tunis, das Therese 1875 bereiste. (Bild: Bayerische Staatsbibliothek)

Generationen von kleinen Mädchen haben schon davon geträumt, einen schneidigen Königssohn zu heiraten und in einem prächtigen Palast zu leben. Therese von Bayern war diese Zukunft in die Wiege gelegt, doch die einzige Tochter des späteren Prinzregenten Luitpold, die heuer vor 90 Jahren gestorben ist, hatte nur eins im Sinn: den goldenen Käfig so weit wie möglich hinter sich zu lassen. Die wissbegierige Wittelsbacherin sammelte lieber Insekten statt standesgemäße Verehrer und das nicht etwa im heimischen Englischen Garten ums Eck, sondern in fernen Ländern wie Kanada oder Brasilien. Die Freiheit, monatelang von der Familie und ihren Pflichten am Hof abzutauchen, musste sich die Prinzessin allerdings hart erkämpfen. Doch ihr Werdegang zeigt, dass Frauen – entgegen der Auffassung der damaligen Zeit – sehr wohl in der Lage sind, auch ohne Ehemann im Leben zurecht zu kommen.

Die kleine Therese kommt am 12. November 1850 in München als drittes Kind ihrer Eltern Luitpold und Auguste zur Welt. Die Mutter ist eine geborene Habsburgerin aus der Toskana-Linie und in Florenz aufgewachsen, wo ihr 1841 ein junger bayerischer Prinz auf Reisen begegnet, der sich sofort in die Erzherzogin verliebt. Doch Auguste ist gesundheitlich nicht die allerfitteste – die Familie ist mit einem erblichen Lungenleiden geschlagen – und deshalb zögert König Ludwig I. lange, seinem Sohn die Zustimmung zur Hochzeit zu geben. 1845 wird dann aber doch geheiratet und in der Folge kommen vier Kinder zur Welt: Die Prinzen Ludwig und Leopold und nach Therese noch ein weiterer Bub, Arnulf. Ludwig wird später der letzte bayerische König und Leopold, mit Kaiserin Elisabeths Tochter Gisela verheiratet, machte sich als Generalfeldmarschall im Ersten Weltkrieg einen Namen. Die Familie Luitpold lebt in München im riesigen Leuchtenberg-Palast am Odeonsplatz, heute Sitz des Bayerischen Finanzministeriums. Die Mutter kümmert sich – ungewöhnlich für die damalige Zeit – intensiv um die Erziehung und den Unterricht ihrer Sprösslinge. Auch Luitpold ist ein verständnisvoller Vater, der zwar auf Zucht und Ordnung pocht, seiner kleinen Therese fast jeden Wunsch erfüllt, mag der auch noch so exzentrisch sein. So darf das Mädchen eine Fledermaus und ein Ferkel bei sich im Schlafzimmer halten und auch ihr Wunsch, statt Sticken und Nähen lieber Geographie und Geschichte zu lernen, erfüllen die Eltern der wissbegierigen Schülerin. Im Sommer zieht es die Familie regelmäßig an den Bodensee oder nach Schloss Hohenschwangau, wo Luitpolds Bruder, König Max II. mit seiner Familie die heißen Monate verbringt. Zu den beiden Prinzen, dem späteren König Ludwig II. und dessen Bruder Otto haben die Luitpold-Kinder eine enge Beziehung, wobei sich Therese besonders zu Otto hingezogen fühlt, was ihr in späteren Jahren, als die freundschaftlichen Gefühle sich in eine tiefe Schwärmerei verwandeln, großen Kummer bereiten wird. Denn Otto zeigt schon in jungen Jahren Anzeichen einer psychischen Erkrankung, die sich mit der Zeit so verschlimmert, dass der Prinz 1878 entmündigt und für den Rest seines Lebens in Schloss Fürstenried interniert wird.

Die historische Forschung ist sich bis heute uneins über Art und Ursache von Ottos Erkrankung; wahrscheinlich litt er an Syphilis, in deren Endstadium es zu einer Zerstörung des zentralen Nervensystems kommen kann, was die geistige Umnachtung erklären würde. Als Therese klar wird, dass ihre – heimliche – Liebe zu Otto nicht in eine Heirat münden kann, schwört sie sich, auch keinen anderen Mann zu erhören, weil sie das als Verrat empfinden würde. Betrachtet man Thereses weiteren Lebensweg, ist ihr geheimer Treueschwur möglicherweise aber auch ein unbewusstes, psychologisches Mittel, um sich nicht für einen anderen, tatsächlich verfügbaren Heiratskandidaten entscheiden zu müssen. Ihr Vater und die Brüder setzen Therese nämlich mit zunehmendem Alter immer mehr zu, sich endlich zu verheiraten. Unter den Bewerbern ist auch Erzherzog Ludwig Victor, jüngster Bruder des österreichischen Kaisers Franz Josef, der bei Therese aber sofort durchfällt: Er habe nur Interesse für Toilette und elegante Damen mit böser Zunge, immer geschniegelt, gestriegelt, pomadiert, parfümiert, ein Geck durch und durch und Vermögen habe er auch keins, lautet ihr vernichtendes Urteil. Tatsächlich tut Therese gut daran, diese Partie auszuschlagen, denn der Erzherzog ist das schwarze Schaf der Familie, der von einem Skandal zum nächsten stolpert und am Ende vom Kaiser nach Schloss Klessheim verbannt wird, weil seine Eskapaden in Wien nicht mehr tragbar sind. Für andere passende Partien kann sich Therese ebenfalls nicht erwärmen; auch wenn der Vater die Tochter nur deshalb 1875 mit Bruder Leopold und dessen Ehefrau Gisela auf einer Reise nach Südeuropa mitfahren lässt, dass sie unterwegs einen annehmbaren Mann kennenlernt. Doch Therese ist mit ganz anderen Dingen beschäftigt: Der Aufenthalt in Tunis, Spanien, Portugal und Frankreich erweist sich als Quell der Inspiration für die Prinzessin. Endlich hat sie das Gefühl, das enge Korsett der Konventionen einmal hinter sich lassen und in vollkommen fremde Welten eintauchen zu können.

Wieder zu Hause, verfasst Therese auf Anraten der Schriftstellerin Isabella Braun, deren Bücher sie selbst als junges Mädchen verschlungen hat, einen Aufsatz über ihre Eindrücke von Tunis, der in den »Jugendblättern für christliche Unterhaltung und Belehrung« erscheint. Die Kritiken, die Therese dafür erhält, fallen durchwegs positiv aus; doch es sollte noch einmal ein paar Jahre dauern, bis Therese sich tatsächlich traut, ihre schriftstellerische Begabung, die schon so lange in ihr schlummert, weiter zu nutzen. Erst als Charlotte Blennerhassett 1880 in ihr Leben tritt, erhält Thereses Werdegang die endgültige Wendung. Die Prinzessin kränkelt zu der Zeit ständig vor sich hin und zeigt dabei auch Züge von Schwermut, weshalb Vater Luitpold beschließt, die Tochter zur Kur ins sonnige Italien zu schicken. Als Begleiterin engagiert er die mit einem irischen Adeligen verheiratete Münchnerin Lady Blannerhassett, die sich als wahrer Segen für Therese erweist. Der sieben Jahre älteren, hochgebildeten Frau gelingt es mit viel Feingefühl und Herzenswärme, dass sich die Prinzessin endlich einmal alles von der Seele redet, was sie die ganzen Jahre in sich hineingefressen hat. Und noch viel wichtiger: Charlotte Blannerhassett, die selbst gerne schreibt, kann Therese überreden, ihre Talente nicht weiter zu verstecken. Ein weiteres, positives Ereignis in dieser Zeit ist Thereses Ernennung zur Äbtissin des Damenstifts St. Anna. Damit löst sich für die Prinzessin das Dilemma, dass sie, da unverheiratet, als »alte Jungfer« angesehen wird, die irgendwie immer zwischen zwei Stühlen sitzt. Durch den Eintritt in ein Damenstift erhielten ledige Frauen der Gesellschaft einen Rang, der dem einer Ehefrau gleichkam. Diese Stifte waren allerdings keine Orden im religiösen Sinn; die Mitglieder lebten oft nicht einmal hinter Klostermauern und konnten zudem jederzeit wieder austreten, falls sie doch noch eine Heirat eingehen wollten. Jetzt endlich kann Therese das tun, was ihr die so sehnlichst vermisste, seelische Zufriedenheit bringen wird: Ganz allein, nur mit einer Hand voll Begleiter aufregende neue Kulturen kennenlernen. Dabei scheut sich die Prinzessin auch nicht, in zugigen Zelten mitten in der Pampas zu übernachten oder mit einem Paddelboot unbekannte Urwaldgewässer zu durchqueren. Thereses Tatkraft erscheint umso erstaunlicher, wenn man berücksichtigt, dass ihre Gesundheit seit Jahren angeschlagen ist: Nicht nur, dass sie von der Mutter die schwache Lunge geerbt hat, sie leidet auch immer wieder an Gicht und rheumatischen Beschwerden, die sie teilweise sogar zwingen, am Stock zu gehen. Doch Therese hat einen eisernen Willen und noch wichtiger: Sie hat jetzt ein Ziel. Um gesellschaftlichen Verpflichtungen unterwegs zu entgehen, legt sie sich das Pseudonym »Gräfin Elpen« zu – und lernt vor Antritt einer Reise sogar noch die entsprechende Landessprache, um sich auch mit den einfachen Menschen auf der Straße unterhalten zu können. In den 1880er Jahren ist sie ausschließlich in Europa unterwegs, wobei sie allein achtmal nach Griechenland fährt und sogar bis zum Polarkreis hinaufkommt. Immer wieder muss sie ihre Reisen jedoch unterbrechen, weil zu Hause gesellschaftliche Verpflichtungen warten. Denn ihr Vater ist seit 1886, als König Ludwig II. starb, in Vertretung des regierungsunfähigen Bruders Ludwigs, Otto, Regent. Da der Vater seit mehr als 20 Jahren Witwer ist, kommt Therese als seiner Tochter damit protokollarisch der Rang der ersten Frau zu, weshalb sie nicht umhin kann, repräsentative Aufgaben zu übernehmen. Nach ihren Reisen Anfang der 1880er Jahre, schafft sie es deshalb auch erst 1893, die Verpflichtungen wieder für längere Zeit über Bord zu werfen und München für eine Reise durch Kanada, die Vereinigten Staaten und Mexiko weit hinter sich zu lassen. Fünf Jahre später, im Jahr 1898, sollte sie dann auch noch die übrigen Länder des amerikanischen Kontinents erforschen. Von dieser zweiten Expedition nach Südamerika bringt Therese eine riesige Sammlung zoologischer, botanischer und ethnologischer Objekte mit, die sich heute in den staatlichen Sammlungen in München befinden. Doch die Prinzessin sammelt und katalogisiert nicht nur, sie veröffentlicht auch wissenschaftliche Aufsätze und Reisebeschreibungen unter dem Namen »Therese«. Obwohl Frauen in Bayern zu der Zeit noch kein Abitur machen und regulär an einer Universität studieren können, erhält die Prinzessin die ihr zustehende Anerkennung in wissenschaftlichen Kreisen: 1892 wird sie Ehrenmitglied der Geographischen Gesellschaft sowie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und 1897 folgt die Ehrendoktorwürde der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Kriegsjahre und die Zeit nach der Revolution, die ihren Bruder Ludwig III. ins Exil zwingt, verbringt die Prinzessin zurückgezogen am Bodensee, wo sie, nach langem Leiden 1925 im Alter von 75 Jahren stirbt. Beerdigt ist sie in der Theatinerkirche in München. Ein Teil ihres Nachlasses in Form von Sammelalben ist seit Kurzem in den Digitalen Sammlungen der Bayerischen Staatsbibliothek zu sehen, darunter auch etliche Aquarelle von Thereses Reise nach Spanien und Nordafrika 1875. Die fotographischen Aufnahmen zeigen Städte- und Landschaftsbilder sowie Personen in der jeweiligen Landestracht. Die Alben sind zu finden unter www.digitalesammlungen. de unter der Überschrift: Therese von Bayern (1850-1875). Bilder zu ihren Forschungsreisen.

Eine ausführliche Biographie zu Thereses Leben hat Hadomud Bußmann verfasst mit dem Titel: »Ich habe mich vor nichts im Leben gefürchtet.« Erschienen im Beck-Verlag sowie im Insel-Verlag als Taschenbuchausgabe.


Susanne Mittermaier


16/2015