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Jahrgang 2010 Nummer 35

Pirker, der Tod und Max Reinhardt aus Prien

Die Salzburger Festspiele werden 90 Jahre – und der Sammler wird fündig

»Prospect der Facade des Ertzbisch. hohen Thums…« (Stich, 17. Jh., aus Pirker, S. 35): Noch heute Schauplatz des Salzburger »Jed

»Prospect der Facade des Ertzbisch. hohen Thums…« (Stich, 17. Jh., aus Pirker, S. 35): Noch heute Schauplatz des Salzburger »Jedermann«.
Er glaubt es nicht, aber es ist wahr. Die Salzburger Festspiele gehen ins 90. Jahr – und er nimmt auf besondere Weise an diesem Jubiläum Anteil. Durch drei Zufalls-Funde. Einer gelang in München, zwei auf einen Sitz in Prien am Chiemsee. In einem kleinen Antiquariat, das es längst nimmer gibt. Zum Bedauern nicht nur der Zufalls-Funde wegen, die dort geschahen. Auch wegen der netten Leute, die man dort treffen konnte – freilich auch nur rein zufällig.

In diesem (Zu-)Fall handelt es sich um zwei Herren. Der eine ist tot, der andere ist der Tod. Der Tote ist kein Geringerer als der große Max Reinhardt. Der, der die Salzburger Festspiele im Jahre 1920 hauptsächlich ins Leben rief. Schauspieler, Intendant, Regisseur. Geboren 1873 in Baden bei Wien, mit erstem Engagement als Mime für die Spielzeit 1893/94 am Salzburger Stadttheater, von wo aus er von Otto Brahm nach Berlin geholt wurde, ans Deutsche Theater. 1901 fing Max Reinhardt an, am Regieführen Freude zu finden, noch bevor er (lieber?) Direktor einer kleinen Spielstätte in der Reichshauptstadt und dann gar Intendant am Deutschen Theater wurde. Als solcher entwickelte er seine legendäre, wenngleich nicht unumstrittene Theaterreform – weg vom Naturalismus, hin zu Impressionismus und »Magie«. Hugo von Hofmannsthals »Jedermann« brachte Max Reinhardt 1920 auf den Salzburger Domplatz, »Das Salzburger Große Welttheater«(1) zwei Jahre später in die Kollegienkirche, elf Jahre darauf Goethes »Faust« in die Felsenreitschule. 1918 kaufte sich Reinhardt Schloss Leopoldskron(2), 20 Jahre später nahmen’s ihm die Nazis weg. 1933 schon war er in die USA emigriert. 1943 starb er in New York.

Ein Deckfarben-Porträt dieses Mannes, 30 mal 40 Zentimeter, vermutlich auf Grund oder zumindest unter Hinzuziehung eines später weit verbreiteten Fotos des Künstlers entstanden, zog der Sammler in jenem kleinen, heute verschwundenen Priener Antiquariat aus einem Stapel Grafiken hervor. Es ist auf starke Pappe aufgezogen und, vor allem, signiert: »Simmel«. Hans Ries, Münchner Experte für die Illustratoren des 19./20. Jahrhunderts, weiß von einem Paul Simmel, der 1887 bis 1933 lebte und »vor allem für die Berliner Presse« (»Berliner Illustrierte«, »Lustige Blätter«) tätig war. Seine Ausbildung hat er (laut Thieme-Becker, XXXI, 47) in Berlin, München und Paris genossen. Dass ihm Max Reinhardt einmal Porträt saß, ist überaus wahrscheinlich«.

Zum »Jedermann« passt nichts so gut wie der Tod, der diesen, ob er will oder nicht, ereilt. Wenige Augenblicke, nachdem »der Reinhardt« eingesackelt war, gesellte sich seinem Bildnis ein zauberhaftes Blättchen (22 mal 16 Zentimeter) hinzu. Zwar unsigniert, aber, wiederum durch Hans Ries, unschwer in die Werkliste des humoristischen Münchner Zeichners und Buchillustrators Hans Jörg Schuster (geb. 1910) einzureihen. »Das Blatt«, so Ries, »dürfte noch aus den 1940er Jahren herrühren. Sowohl der schwungvolle Zug der Zeichenfeder als auch die Zweifarbigkeit« weisen auf Hans Jörg Schuster, der, wie nicht nur Ries vermutet, inzwischen verstorben ist. »Neben dem feinnervigen Gesamthabitus« sei »auch ein Detail wie der langgezogene Zeigefinger des Todes für Schuster kennzeichnend. Solche markant feingliedrigen, extremen Züge finden sich immer wieder bei ihm, der eine Art kalligraphisches Zeichnen gepflegt hat und sich darin auch vorzüglich als Illustrator einschlägiger Stoffe erwies.«

Thematisch eins gehen mit diesem getuschten »Boandlkramer«, wie Wilhelm von Kobell den Sensenmann nennen würde, der hier den stillen Genießer beim Weintrinken überrascht, die von Schuster ausgezierten, zahlreichen, populären, altbairischen Buchveröffentlichungen, vor allem solche des Ingolstädter Volkskundlers und Mediziners Josef Benzinger, überein, der zum Beispiel im Verlag Heering, Seebruck sein »Traktätchen-Brevier für Hof und Haus« herausbrachte.

Von Prien – einige Jahre später – nach München, in eine Klosterbibliothek der Altstadt, die ein noch passabel erhaltenes Büchlein abstieß, das dem Sammler als erklärtem Salzburgfan und langjährigem Festspielbesucher (inzwischen auch Max-Reinhardt-Porträt- und »Boandlkramer«-Zeichnung-Besitzer) wie gerufen kam: »Die Salzburger Festspiele« von Max Pirker. Leider verliert das sonst so beredte »Salzburger Kulturlexikon« von Adolf Haslinger und Peter Mittermayr, Salzburg, Residenz-Verlag 2001, kein Sterbenswörtchen über den Autor, der nicht einmal im Literaturverzeichnis genannt wird, dessen ausgreifender Essay im Amalthea-Verlag, Zürich – Leipzig – Wien (vermutlich kurz vor 1930) erschien.

Geschmückt mit (nicht eben guten), teils ausklappbaren Wiedergaben alter Stiche und Gemälde (auf gebräuntem, dünnem Papier), singt Pirker das Loblied auf »Salzburgs theatralische Sendung «, wie eins der Kapitel überschrieben ist. Darin schlägt Pirker den Bogen zum Porträt des großen Theatermannes der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, wenn er unter anderem schreibt: »Max Reinhardts innerstes Wesen ist barock, oder vielleicht eine bisher unerfüllte Sehnsucht nach dem Barocktheater«.

Pirker geht dezidiert auf den »Ur-Jedermann « vom August 1920 ein: »Max Reinhardt und Hugo Hofmannsthal (sic!) hatten ja das alte, schlichte Spiel vom Sterben des reichen Mannes…, schon unter dem alten Regime hoftheaterfähig gemacht. Diese erste Aufführung war ein bleibender Eindruck von überwältigender Stärke. Einen herrlicheren Schauplatz als es der Salzburger Domplatz ist, hätte Reinhardt kaum irgendwo finden können: die Domfassade mit dem dreigeteilten Portal, den Statuen der Bischöfe, den im Glanze der scheidenden Sonne aufleuchtenden Türmen als Hintergrund, die Bogengänge mit dem Durchblick auf den Mozart- und Kapitelplatz als Kulissen…, von der Hohensalzburg herab hallten die geisterhaften Rufe nach dem sündigen ‘Jedermann‘, die Glocken läuteten, aus dem Innern des Domes strömte die Musik, das machtvoll gesprochene Wort noch übersteigend. Die Einzelbilder haften wohl bei jedem, der diese Aufführung miterlebt hat, lebenslang in der Erinnerung…«

Wenn auch heute ein Reinhardt-Nachfolger vom Schlag eines Christian Stückl die Musik nicht mehr, wie man es ihm als Sohn Oberammergaus und bekennendem kritischen Katholiken durchaus zutraute, »aus dem Innern des Domes« strömen lässt – vieles von dem bei Max Pirker aufscheinenden Faszinosum »Salzburger Festspiele« ist bis heute nahezu unverändert geblieben, neun Jahrzehnte nach seiner Gründung.

Hans Gärtner

Anmerkungen:
1: »Das Große Welttheater« heißt die Ausstellung »90 Jahre Salzburger Festspiele« mit dem Salzburg Museum, Dauer: bis 26. Oktober 2010, Teilausstellungen im Monatsschlössl Hellbrunn, Dommuseum zu Salzburg / Lange Galerie der Erzabtei St. Peter, im Museum der Moderne Rupertinum sowie in Mozarts Geburtshaus, ermöglicht durch die »Freunde der Salzburger Festspiele« und die »Berenberg Bank«. Dazu erscheint ein Katalog.

2: Eine Sommernacht spezieller Art – Picknick zwischen Pavillons und unter alten Bäumen – erleben jeweils 150 Gäste im Rokoko-Schloss Leopoldskron an vier Abenden des Festspielsommers 2010. Schauspiel-Studierende des Salzburger Mozarteums führen Short Cuts aus Shakespeares berühmtem Stück auf. Bei Anbruch der Dunkelheit wird Max Reinhardts Hollywood-Verfilmung (1935) in der Originalfassung am Ufer des Weihers gezeigt.



35/2010