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Jahrgang 2012 Nummer 4

Pettenkofer stoppt Cholera in Traunstein

Münchner Professor gilt als Vater der Hygieneforschung – Ausbruch der Seuche 1854

Max von Pettenkofer besuchte 1854 Traunstein und brachte dort die Cholera zum Erliegen.

Max von Pettenkofer besuchte 1854 Traunstein und brachte dort die Cholera zum Erliegen.
Die meisten Toten in Traunstein waren in der Schrödlgasse, heute Schaumburgerstraße zu beklagen. Die Aufnahme stammt aus der Zei

Die meisten Toten in Traunstein waren in der Schrödlgasse, heute Schaumburgerstraße zu beklagen. Die Aufnahme stammt aus der Zeit um 1900.
Der Albertistock in der Au war der zweite Seuchenherd in Traunstein. Pettenkofer ließ alle betroffenen Wohnungen gründlich säube

Der Albertistock in der Au war der zweite Seuchenherd in Traunstein. Pettenkofer ließ alle betroffenen Wohnungen gründlich säubern und brachte dadurch die Cholera zum Erliegen.
»Traunstein, ein freundliches Städtchen an der Traun im bayerischen Gebirge, nicht ferne von Salzburg gelegen, zählt mit dem Salinenbezirke Au 3267 Einwohner, von denen auf die Saline 708 treffen«, ist in einem Buch aus dem Jahr 1855 zu lesen. Eine der frühen Reisebeschreibungen, deren Nachfrage zu der Zeit ständig steigt, könnte man auf den ersten Blick vermuten. Doch es sind keine Sommerfrischler, die diese Zeilen lesen. Der Anlass für die Abfassung des Buches hat zwar im weitesten Sinne auch etwas mit Reise zu tun, doch der »Gast«, der sich in Traunstein eingenistet hat, ist kein freundlicher Besucher, im Gegenteil: die Folge seines Erscheinens sind Krankheit und Tod: Eine Cholera-Epidemie hatte im August und September 1854 in Traunstein gewütet und Dutzende von Menschenleben gefordert. Obwohl die gefürchtete Seuche damals in vielen Orten Bayerns grassierte, ist ausgerechnet Traunstein in die wissenschaftlichen Lehrbücher eingegangen.

Zu verdanken ist diese »Popularität« Max von Pettenkofer, aus dessen Feder auch die oben zitierten Zeilen stammen. In seinen »Untersuchungen und Beobachtungen über die Verbreitungsart der Cholera nebst Betrachtungen über Maßregeln, derselben Einhalt zu thun,« widmet sich der Arzt in einem Kapitel speziell dem Verlauf der Seuche in Traunstein.

Pettenkofer ist zu der Zeit Professor der medizinischen Chemie an der Universität München und eigentlich auch noch gar kein »von«; der besseren Lesbarkeit halber wird er aber schon an dieser Stelle mit dem Adelstitel beehrt, den er später für seine beruflichen Leistungen erhalten wird.

Der Bauernsohn aus dem Donaumoos hatte dank finanzieller Unterstützung eines Onkels eine höhere Schulbildung erhalten und anschließend die Universität besucht. Dort entwickelt er sich zu einer Art Tausendsassa der Naturwissenschaften: Er studiert Pharmazie, Naturwissenschaft und Medizin und legt seine ärztliche Promotion in den Fächern Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe ab. Gleichzeitig erwirbt er eine Zulassung als Apotheker und bildet sich in Chemie weiter, unter anderem bei Justus von Liebig. Nebenbei macht er auch noch schnell Karriere: Im Alter von 29 Jahren erhält er eine Professur an der Ludwig- Maximilians-Universität (LMU) in München für medizinische Chemie.

Sein Spezialgebiet sollte die Hygiene werden: er avanciert zum ersten deutschen Professor für Hygiene und richtet als späterer Rektor der LMU einen ganzen Lehrstuhl für diesen neuen Bereich der Medizin ein. Doch Pettenkofer beschränkt sich bei seinen Forschungen nicht auf Krankheiten und deren Therapie; sein Interesse für chemische Vorgänge mündet in einer Reihe von Erfindungen, die bis heute in Gebrauch sind: Der »Fleischextrakt«, besser bekannt unter dem Namen »Suppenwürfel«, die Zahnfüllung mit Amalgam, eine Methode zur Zementherstellung sowie die Konstruktion eines Atemapparats gehen auf den umtriebigen Wissenschaftler zurück.

Im Jahr 1854 müssen seine Erfindungen aber für eine geraume Zeit in den Hintergrund treten; jetzt sind Pettenkofers Kenntnisse in Sachen »Seuchenmanagement« gefragt: München erlebt damals einen heißen, schwülen Sommer mit fast tropischen Temperaturen, als am 27. Juli der Tagelöhner Peter Stopfer ins Allgemeine Krankenhaus eingeliefert wird. Er leidet unter Erbrechen und heftigem, reiswasserartigen Durchfall, der seinen Körper innerhalb kürzester Zeit vollkommen austrocknen lässt. Zwei Tage später ist Stopfer tot. Der 39-Jährige ist damit offiziell der erste Choleratote der Münchner Epidemie von 1854. Doch heftige Durchfallerkrankungen mit tödlichem Ausgang grassierten zu dem Zeitpunkt schon zwei Wochen in der Residenzstadt. Ob man die ersten Anzeichen auf Seiten der Behörden nicht wahrhaben wollte oder tatsächlich nicht mit der gefürchteten Cholera in Zusammenhang brachte, ist aus heutiger Sicht nur schwer zu beurteilen.

Der Ausbruch einer tödlichen Epidemie ist zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall mehr als eine Katastrophe, denn seit Mitte Juli strömen Tausende von auswärtigen Besuchern zur »Ersten Allgemeinen Deutschen Industrie- Ausstellung«, nach München. Eine Seuche würde den erwarteten Strom an Gästen im Glaspalast mit einem Schlag stoppen, Wirtshäuser und Hotels leer bleiben.

Ende Juli hat sich die Zahl der Personen jedoch so erhöht – zu den Erkrankten zählen ausgerechnet auch etliche der 500 Aufseher der Weltausstellung – dass der Ausbruch einer Epidemie kaum noch zu leugnen ist.

Der »Brechdurchfall«, so die wörtliche Übersetzung des griechischen Begriffs »Cholera« ist Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht lange in Europa präsent. Während Pest und Syphilis schon seit dem ausgehenden Mittelalter auf unserem Kontinent wüten, greift die Cholera erst 1830 von Asien auf Europa über. Ausgehend von Indien hatten russische Soldaten diese neue tödliche Krankheit in die deutschsprachigen Länder eingeschleppt. Alle Versuche, ein Vordringen der Seuche von Russland her zu verhindern, etwa durch Errichtung eines sogenannten »cordon sanitaire«, einer Art »Sperrgürtel«, dessen Linie von niemandem aus den infizierten Gebieten übertreten werden durfte, hatten sich dabei als wirkungslos erwiesen.

Unter der Münchner Bevölkerung macht sich bei täglich neuen Todesfällen verständlicherweise Angst und Panik breit und wer kann, verlässt die Stadt, in der Hoffnung, so Krankheit und möglichem Tod zu entrinnen. Fatalerweise – aber genau das ist ja das Urwesen einer Seuche – haben ausgerechnet diese Flüchtlinge die Cholera selbst »mit im Gepäck«.

Auch in Traunstein soll ein Reisender aus München die Cholera eingeschleppt haben. Wie die »Bayerische Landbötin« berichtet, hätten sich am 27. August anlässlich des Jahrmarkts die »ersten Spuren« gezeigt: »ein israelitischer Handelsmann, der den Markt bezogen hatte, fiel in Folge des Genusses von kalten Knoblauchwürsten als erstes Opfer. Seitdem hat die Seuche schon mehr als 30 Personen hinweggerafft«, ist in der Zeitung zu lesen. Umgekehrt wird die Seuche aber auch aus Traunstein »hinausgeschleppt«, wie der folgende Fall im »Hauptbericht über die Cholera-Epidemie von 1854 im Königreiche Bayern« von Aloys Martin zeigt:

»Die Ersterkrankte in Rosenheim besuchte einige Tage vorher im Leichenhause zu Traunstein ihren dort an Cholera verstorbenen Bruder und nahm sich angeblich von der Leiche eine Haarlocke, so dass es höchst wahrscheinlich ist, dass sie von dorther die Krankheit überkommen haben könnte, obwohl hierzu auch ihre leichtfertige Lebensweise, vorausgegangene Diätfehler, Herumziehen bei Nacht und Nebel mit leichter Kleidung … Veranlassung gegeben haben könnten, nachdem sie erst am 5. Tage nach ihrer Heimkehr von Traunstein befallen wurde.«

Diese wenigen Sätze sind ein Sinnbild für die Hilflosigkeit der Ärzte der damaligen Zeit, die zwar eine Reihe von Vermutungen über das Wesen der Cholera auf Lager haben, mit wissenschaftlich fundierten Fakten kann aber zu dem Zeitpunkt noch kein Mediziner aufwarten.

Besagten jüdischen Kaufmann hält Pettenkofer jedoch nicht als »Sündenbock « für die Einschleppung der Cholera nach Traunstein. Der Handlungsreisende sei am 24. August eingetroffen und fünf Tage später hier verstorben. In dieser Zeit seien aber in der Schrödlgasse bzw. Schaumburgerstraße (damals waren noch beide Bezeichnungen in Gebrauch) schon mehrere Personen an Cholera erkrankt, bei denen der Händler nicht als Infektionsherd in Frage käme.

Pettenkofers Aufmerksamkeit gilt dann auch den ersten Todesfällen in der Schrödlgasse: einem pensionierten Soldaten, – »ein Schnapstrinker« und einem wohlhabenden Metzger.

Der Münchner Arzt macht sich vor allem Gedanken über die »streng lokale Begränzung« der Cholerafälle auf eben diese Gasse. »Die Krankheit griff den Haupttheil der Stadt, welcher seit etwa 5 Jahren, wo er fast gänzlich abgebrannt war, neu aufgebaut ist, durchaus nicht an,« notiert der Professor und versucht, mit Hilfe einer grafischen Darstellung den Weg, den die Seuche in Traunstein genommen hat, nachzuvollziehen. Unterstützt wird er dabei vom hiesigen Landgerichtsarzt Dr. Hell, einem der heutigen Ehrenbürger der Stadt Traunstein.

Pettenkofer ist der festen Überzeugung, dass die Beschaffenheit des Bodens bei der Ausbreitung der Seuche eine, wenn nicht gar die zentrale Rolle spielt. Er glaubt, genügend Beweise zu haben, dass die Bewohner von Orten bzw. einzelnen Häusern, die auf festem, steinigem Grund errichtet sind, weniger Gefahr laufen, sich mit Cholera zu infizieren als Personen, deren Behausungen Geröll und Sand als Untergrund aufweisen. Die Lage der Häuser, in denen in Traunstein die Seuche vorgekommen sei, entspräche genau dieser Einschätzung: Während die Kernstadt auf Fels gebaut und frei von Cholerafällen geblieben sei, beginne in der Schrödlgasse der lockere Untergrund und passend dazu sei auch hier die Cholera ausgebrochen.

Pettenkofer wird zeitlebens auch gegen alle Widerstände und neue Erkenntnisse an dieser Theorie festhalten, die durchaus etwas für sich hat, nur dass in Pettenkofers Argumentation Ursache und Wirkung einfach umgekehrt werden:

Nicht der lockere Untergrund ist entscheidend für eine erhöhte Ansteckungsgefahr; vielmehr findet sich hier im Gegensatz zu felsigem Grund eine entsprechende Auffangfläche für Fäkalien und Abwasser, deren Verunreinigung mit Cholerabakterien, wie man heute weiß, die Hauptübertragungsquelle für diese gefürchtete Krankheit bilden. Pettenkofer erkennt nicht, dass die Bakterien bereits im krankmachenden Zustand in Fäkalien bzw. Wasser vorhanden sind und nicht erst eine Reaktion im Erdreich stattfinden muss, damit die Erreger virulent werden.

Liest man die Schilderungen über die baulichen Verhältnisse in der Schrödlgasse anno 1854, ist es aus heutiger Sicht alles andere als verwunderlich, warum die Cholera dort grassierte: »Die Schaumburgerstraße, die Aelteste in Traunstein …, ist aus schlechtgebauten, mit hölzernen Riegelwänden versehenen Häusern zusammengesetzt, die auf Sandboden stehen, an ihrer nordwestlichen Seite umgeben von Pfützen, Kloaken.« Weil das Gelände hinter den Häusern anstieg, lagen die Höfe damals höher als die Gebäude selbst, was dazu führte, dass »ein Ablauf der Düngergruben und Abtrittsflüssigkeiten nach den Wohnungen zu deutlich sichtbar wird.« Drastisch ausgedrückt: Die Schrödlgassler saßen in ihrem eigenen Dreck, in dem sich einmal eingeschleppte Cholerabakterien munter vermehren konnten.

Pettenkofer schreibt den Exkrementen zwar auch eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der Cholera zu, er erkennt aber den tatsächlichen Infektionsweg noch nicht, dazu ist er noch zu sehr der traditionellen Sichtweise der Medizin verhaftet.

Von der Antike bis weit ins 19. Jahrhundert war die Theorie der »Miasmen« die gängigste Erklärung für die Übertragung von Krankheiten: angefangen bei der Pest bis zu Malaria und eben der Cholera glaubte man, dass »schlechte Luft« Ursache für den Ausbruch von Seuchen seien. Im Falle der Cholera nahm Pettenkofer demzufolge an, dass sich bei entsprechender Bodenbeschaffung und im Zusammenwirken mit anderen Faktoren »schädliche Stoffe« im Erdreich entwickeln. Diese Stoffe würden dann in die Luft steigen und von den Menschen eingeatmet werden.

Die Gefahr einer Ansteckung sei umso stärker, je länger man sich in einem »verseuchten Luftraum« aufhalte, weil damit auch die Menge an »Gift«, das man einatme größer und damit gefährlicher sei. Pettenkofer nimmt irrigerweise an, dass kurze Aufenthalte in gefährdeten Bereichen demzufolge kaum Gefahr für eine Infektion bedeuteten.

Unklar war für ihn auch, ob eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch erfolgen könne. Ein weiteres Mysterium, mit dem Pettenkofer und seine Kollegen im Jahr 1854 kämpfen, ist die Frage nach dem Ansteckungsgrad von Cholera. Pettenkofer erklärt in diesem Zusammenhang, es sei überhaupt »viel schwerer zu sagen, warum so viele Leute die Cholera nicht bekommen, als warum einige davon sie bekommen.« Inzwischen weiß man, dass nur bei etwa zwei von zehn infizierten Personen die Krankheit auch tatsächlich ausbricht. Doch auch heutzutage führt eine unbehandelte Cholera in 20 bis 70 Prozent der Fälle zum Tod.

Für Pettenkofer wird im Laufe der Choleraepidemie von 1854 immer klarer, dass nur eine einzige Strategie erfolgreich sein kann: die Durchführung hygienischer Maßnahmen.

Wörtlich übersetzt bedeutet Hygiene »gesunde Kunst«; in der medizinischen Praxis versteht man darunter u.a. die Vorbeugung von Infektionskrankheiten. Welche Art von »Kunst« im Kampf gegen die Cholera hilfreich ist, beschreibt der Münchner Mediziner am Beispiel Traunsteins, wo er am 4. November 1854 eintrifft.

Die Epidemie, die hauptsächlich in der Schrödlgasse sowie in der Brunnwiese Dutzende von Opfer gefordert hatte, ist zu dem Zeitpunkt schon vier Wochen zum Erliegen gekommen.

Plötzlich treten jedoch in der Saline in der Au mehrere neue Fälle auf. Der Seuchenherd wird in einem der Häuser der Salinenarbeiter lokalisiert, dem sogenannten Albertistock, der heute noch rechterhand an der Einfahrt zum Karl-Theodor-Platz steht. 1854 leben hier dicht gedrängt 94 Personen auf 19 kleine Wohnungen verteilt.

Pettenkofer attestiert dem Albertistock »von all den kasernenartigen Unterkünften in der Au die ungünstigste, feuchteste Lage«. Grund für die Feuchtigkeit sei ein Bach, der den Untergrund des Hauses durchströme. Als er von diesen neuen Cholerafällen hört, trifft der Professor umgehend Maßnahmen: Um ein Übergreifen auf die Nachbarhäuser zu verhindern, ordnet er eine vollständige Desinfektion der Wohnungen an mit einem besonderen Augenmerk auf alle Stellen, »welche Excrementen-Stoffe aufzufangen im Stande sind.«

Die Wohnblöcke in der Au verfügen über keine Abtritte, die Bewohner müssen sich deshalb mit Nachtstühlen behelfen, deren Inhalt anschließend in jenen Bach gekippt werden, der durch den Albertistock fließt. Zwei Tage lang werden alle »mobilen Klos« des Wohnblocks mit brennendem Schwefel desinfiziert, alle Abtritte und Aborte sowie der Boden rund um die Nachtstühle mit Eisenvitriollösung, einer Schwefelverbindung, gespült und gereinigt. Pettenkofer, der hiesige Gerichtsarzt Dr. Hell und der Salineninspektor Schenk kontrollieren im Anschluss Wohnung für Wohnung, um etwaige Schlampereien aufzudecken. Pettenkofers Maßnahmen erweisen sich als erfolgreich, die Cholera breitet sich nicht weiter aus. Von den acht im Albertistock erkrankten Personen sterben vier Kinder sowie zwei ältere Damen, zwei Infizierte überleben.

Am 15. November 1854 wird die Epidemie in Traunstein offiziell für beendet erklärt. Die endgültigen Statistiken nennen bei einem Einwohnerstand von 2553 143 Cholerakranke, wovon 81 starben. Darunter befinden sich jedoch auch einige sporadische Fälle aus den Nachbardörfern.

Obwohl der Verlauf der Epidemie wie auch die Anzahl der Opfer im bayerischen Vergleich nicht spektakulär erscheinen, ist der Traunsteiner Fall dennoch in die medizinische Literatur eingegangen, und das nicht nur in Deutschland. Zu verdanken ist dies Max von Pettenkofer, der in diversen Abhandlungen über Ursache und Verlauf der Cholera immer wieder auf Traunstein als Beispiel verweist, um seine Theorie von Bodenbeschaffenheit und Verbreitung der Cholera zu untermauern. Pettenkofer wird von diesen Erkenntnissen im Lauf seiner weiteren Karriere auch nicht abrücken:

Obwohl der Italiener Pacini bereits 1854 unter dem Mikroskop »gekrümmte, kommaförmige« Teilchen in den Exkrementen von Choleraerkrankten entdeckt hatte und auch der englische Mediziner Snow zur gleichen Zeit verunreinigte Abwässer als Ursache für die Cholera ausmachte, wurden in der deutschen Medizin erst die Forschungsergebnisse von Rudolf Koch als unwiderlegbar anerkannt: Ihm gelang es 1884 Cholerabakterien in Reinform zu züchten, nachdem er auf einer Forschungsreise in Indien, wo gerade eine Choleraepidemie wütete, den Zusammenhang von Fäkalien und Trinkwasser erkannt hatte.

Max von Pettenkofer sollte sich zeitlebens weigern, Kochs Erkenntnisse zu akzeptieren. Im Beharren auf seine eigenen Thesen geht er 1892 sogar so weit, choleraverseuchtes Wasser zu trinken, um Koch zu beweisen, dass dessen Theorie der bakteriellen Verseuchung Unsinn sei. Zum Glück für Pettenkofer erkrankt er nach diesem gewagten Selbstexperiment nicht – was ihn allerdings in der Ablehnung von Kochs Erkenntnissen noch bestärkt.

Seine Leistungen um die Bekämpfung der tödlichen Seuche erscheinen aus heutiger Sicht trotz seiner Fehlannahmen keineswegs geschmälert: Pettenkofers Erkenntnissen ist es zu verdanken, dass München eine moderne Kanalisation mit getrennter, zentraler Trinkwasserversorgung erhält. Die Residenzstadt präsentiert sich Ende des 19. Jahrhunderts dadurch als eine der saubersten Städte Europas.

In München und Umgebung treten nach 1854 keine weiteren Choleraepidemien mehr auf. Pettenkofer selbst sollte dagegen kein glückliches Ende erleben: 1890 starb seine Frau Helene, 1893 legte er seine Professur nieder – unter anderem wohl auch aufgrund von Resignation im Streit mit Robert Koch und zog sich ins Privatleben zurück. Im Alter von 83 Jahren erschoss sich Pettenkofer in seiner Wohnung in der Münchner Residenz.


Susanne Mittermaier



4/2012