Jahrgang 2020 Nummer 51

Paracelsus und die Stadt Salzburg

Der große Arzt konnte in der Salzachstadt nicht Fuß fassen

Grabdenkmal des Paracelsus in der Vorhalle der Salzburger St. Sebastianskirche. (Alle Repros: Julius Bittmann)
Paracelsus, Kupferstich des Monogrammisten AH, 1540.
Ansicht der Stadt Salzburg. Holzschnitt von Michael Wolgemut, circa 1460.
Titelblatt der »Medici Libelli«, einer Sammlung medizinischer Schriften, die nach dem Tod von Paracelsus in Köln erschienen sind.

Ganz leicht ist es nicht aufzufinden, das Grabdenkmal des Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, in Salzburg. Es steht in der Vorhalle zur Sebastianskirche in der Linzer Straße, gegenüber der Kapelle des heiligen Philipp Neri. Das Denkmal besteht aus zwei Teilen. Die obere Hälfte ist eine Marmorpyramide, in deren Spitze die Gebeine des Paracelsus geborgen sind. Die Pyramide wurde erst 200 Jahre nach seinem Tod aufgestellt.

Den Sockel bildet der Grabstein des ursprünglichen Grabes mit einer lateinisch abgefassten Inschrift. Sie lautet in deutscher Übersetzung: »Hier liegt begraben Philippus Theophrastus, der hochangesehene Doktor der Medizin, welcher auch die schrecklichsten Wunden, Lepra, Podagra und Wassersucht und andere unheilbar scheinende Krankheiten auf wunderbare Weise durch seine Kunst heilte. Und der sein Hab und Gut unter die Armen verteilen liess. Im Jahre 1541, am 24. September, vertauschte er das Leben mit dem Tode. – Friede den Lebenden, ewige Ruhe den Toten.«

Paracelsus war kein Salzburger, sondern ein geborener Schweizer. Er kam Ende 1493 als Sohn eines Arztes in Einsiedeln zur Welt, besuchte eine Klosterschule, absolvierte das Medizinstudium in Wien und Ferrara und ging auf Wanderschaft, die ihn durch ganz Europa führte. Sein Versuch, in Salzburg eine Praxis aufzubauen, endete mit seiner Ausweisung, weil er Sympathien für die Reformation hegte und sich für die aufständischen Bauern eingesetzt hatte. Paracelsus erwarb das Bürgerrecht in Strassburg und ließ sich in Basel nieder, wo er Stadtarzt wurde und Vorlesungen an der Universität hielt.

Aber nicht lange. Durch sein aufbrausendes Temperament und seine Rechthaberei brachte er Kollegen und Studenten gegen sich auf. Auch der Stadtmagistrat ging zu ihm auf Distanz. Als ein Spottgedicht über ihn kursierte, verlangte er Genugtuung, konnte sich aber nicht durchsetzen und verließ schließlich wutentbrannt die Schweiz. In der nächsten Zeit findet man ihn im Elsass, in Nürnberg, Regensburg und in Südtirol, später in Pressburg und in Wien. Es ist ein unstetes Wanderleben, das er mit seinem Diener führt. Seine Bedürfnisse sind bescheiden: Feste Stiefel für Ritt und Fußmarsch, in der Herberge eine Pritsche fürs Nachtlager, Tisch, Tintenfass und gespitzte Federkiele fürs Schreiben. Tagsüber besucht er Patienten und arbeitet an seinen Manuskripten, die Abende verbringt er meist bei Wein und Bier mit rasch angefreundeten Zechbrüdern. Seine Devise lautet: »Alterius non sit qui suus esse potest« – auf deutsch: »Keines anderen Knecht sei, wer sich selbst verwirklichen kann.«

Heute sieht man in Paracelsus den Begründer einer zukunftsweisenden Medizin, der an die Stelle der überlieferten Säftelehre eine chemiebasierte Medizin setzte und bisher übersehene, pathologische Zusammenhänge und neue Krankheitsbilder erkannte. Er schrieb die erste Monographie über Berufskrankheiten und befasste sich mit der Konstitutionslehre, der Wundinfektion, der Syphilis und mit seelischen Erkrankungen. Von der religiösen Unruhe des Reformationszeitalters angesteckt, suchte er jenseits der Konfessionen nach einem auf die Bibel gegründeten, christlichen Glaubensweg und geriet damit ins Schussfeld von Katholiken und Protestanten, so wie er schon zuvor mit seinen medizinischen Theorien bei seinen Fachkollegen nur Ablehnung erfahren hatte. Dem Stil der Zeit entsprechend, bekämpften sich die Gegner mit harten Bandagen, so wenn Paracelsus seine Kollegen mit Ausdrücken wie Hundemetzger, Hornochsen, Bescheißer und Mörder tituliert und diese mit ähnlichen Schimpfworten antworteten.

Im Alter von 26 Jahren betrat Paracelsus zum ersten Mal Salzburger Boden mit dem Vorsatz, in der Stadt eine Praxis einzurichten. Aber der Zeitpunkt war ungünstig, in der Stadt gärte es. Kardinal Lang, geistlicher und weltlicher Landesherr in einer Person, sah sich einer doppelten Bedrohung gegenüber: Die Lehre Luthers hatte die Landesgrenzen überschritten und fand vor allem unter dem Bürgertum Anhänger, auf der anderen Seite hatten sich unzufriedene Bauern und Bergleute zusammengerottet und schickten sich an, die Stadt Salzburg zu belagern und in ihre Gewalt zu bringen.

Von August 1524 bis Mai 1525 ist der Aufenthalt von Paracelsus in Salzburg verbürgt. Er bewohnte in der heutigen Pfeifergasse 11 »ein Stübl und eine Kammer« in unmittelbarer Nähe des Rapplbades, in dem er als Arzt beschäftigt war. Das Rapplbad war das vornehmste aller Salzburger Badhäuser und gehörte den Brüdern Hans und Wolfgang, mit denen Paracelsus befreundet war. Zu seinem weiteren Freundeskreis zählten der Hofgerichtsschreiber Michael Setznagel, der Wirt Christoph Riß und der Stadtrichter Melchior Spach, alles Vertreter des gehobenen Bürgertums. Man traf sich, so schreibt Paracelsus selbst in einem Bericht, in Tavernen und Wirtshäusern, diskutierte die Landespolitik und »und polemisierte gegen kirchliche Einrichtungen wie Fasten, Beichten und Sakramente«. Paracelsus befasste sich immer wieder mit theologischen Fragen, seine diesbezüglichen Schriften entsprechen dem Volumen nach den naturkundlichen Werken und wurden zum Großteil erst lange nach seinem Tode publiziert.

Der lebenslang allein lebende Paracelsus war ein trinkfroher Zecher (er hatte eine »fröhliche Weinzunge«, heißt es in einem Dokument) und er liebte die Gesellschaft gleichgesinnter Kumpane; die Zusammenkünfte in Salzburg müssen zur Kenntnis der Obrigkeit gelangt sein, Paracelsus wurde offenbar wegen reformatorischer Reden einem Verhör unterzogen, aber wieder freigelassen und floh Hals über Kopf aus Salzburg. Die Wohnungsschlüssel übergab er dem Gastwirt Riß, der die Inventarisierung der hinterlassenen Gegenstände veranlasste. Darunter befanden sich 31 Bücher und wertvolle Kleidungsstücke.

Erst 15 Jahre später wagte sich Paracelsus wieder nach Salzburg. Seine Freunde hatten ihn vom Tod des Landesherrn verständigt. Von dessen Nachfolger, dem Wittelsbacher Ernst von Bayern, erhoffte sich Paracelsus Verständnis für seine Arbeit und Unterstützung für den Druck seiner Schriften. Aber seine Gesundheit war durch sein unstetes Wanderleben als Landfahrer, wie er sich selbst nannte, ruiniert. Er brach im Gasthaus »zum Weißen Roß« in der Kaigasse zusammen, wurde in seine Wohnung gebracht und starb drei Tage später, nachdem er sein Testament diktiert hatte.

Seiner Sippe in Einsiedeln vermachte er zehn Gulden, seinem Freund Hans Rappl sechs Gulden, die Arzneibücher und Pflaster sollte der Balbier Wendl bekommen. Seine sonstige Hinterlassenschaft bestand aus einem Konvolut beschriebener Blätter, Münzen, Schmuckstücken und einem silbernen Trinkgeschirr, außerdem Reitkleidung, Reitsack, Stiefeln und Sporen. Der Verkaufserlös sollte den Armen der Stadt zugute kommen. Als Ort der letzten Ruhe wünschte er sich den Armenfriedhof von St. Sebastian.

 

Aussprüche von Paracelsus

• Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht's, ob ein Ding kein Gift ist.

• Wiesen und Matten, alle Hügel und Berge sind die Apotheken Gottes.

• Größer als Weisheit und Vernunft ist die Kunst des Arztes, der aus dem Gesetz der Liebe handelt.

• Wir werden vom Glauben gesund und nicht von der Arznei. Durch das, was wir glauben, können wir Unheil und Heil bewirken, wir können uns selbst krank oder gesund machen.

• Ihr mir nach – nicht ich euch! • Die Kunst macht den Arzt, nicht Name oder Schule. Was nützt es, wenn wir angesehen sind, aber die Kunst nicht besitzen.

 

Julius Bittmann

 

51/2020

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