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Jahrgang 2016 Nummer 12

Palmzweige und Palmesel

Christen erinnern sich an den Einzug Christi in Jerusalem – Bräuche am Palmsonntag

Der sechste Fastensonntag, der Palmsonntag, steht am Beginn der Karwoche. An diesem Tag erinnern sich die Christen an den Einzug Christi in Jerusalem: Jesus ritt auf einer Eselin durch die Tore der Stadt Jerusalem, seine Anhänger riefen lautstark »Hosianna« und streuten zum Zeichen seiner Königswürde Palmzweige auf den Weg.

Weihe der Palmkätzchen

Im Mittelpunkt der liturgischen Feier des Palmsonntags steht seit Jahrhunderten die Weihe der »Palmen«, die bei uns ersatzweise Weidenkätzchen sind, ergänzt durch Buchsbaum und Immergrün, Wacholder und Stechpalmen. Die Zweige mit den kleinen Kätzchen werden nach altem Brauch zu einem »Palmbuschen« gebunden. Die einfachste Form ist ein Büschel, der in der Hand getragen wird. Gern werden die Weidenkätzchen mit dem grünen Beiwerk kunstvoll zu kleinen Kränzen, Herzen, Kreuzen oder langen Kolben gebunden. Die Palmzweige werden mit bunten Bändern zusätzlich fein herausgeputzt. In manchen Gebirgsorten behängt man sie noch mit kleinen Brezen (»Fastenbrezen«), rotbackigen Äpfeln und Papierrosen.

In einer ganz »herausragenden« Form werden die Palmbüschel z. B. im Werdenfelser und Tölzer Land, aber auch im Inntal zur Kirche getragen. Die Palmbuschen werden an möglichst lange Stecken gebunden. Nicht selten sind die »Palmbesen«, wie man die langen Palmstangen auch nennt, so lang, dass sie die Körperkräfte der Kinder übersteigen. Deshalb müssen ihnen die Eltern zur Seite stehen, haben doch die Palmstecken oft eine Länge von bis zu acht Meter.

Im Berchtesgadener Land wird gleich ein ganzer »Palmbaum« zur Weihe in die Kirche getragen. Dabei handelt es sich um einen großen, möglichst stark verästelten Zweig der Palmweide, der bis zu 1,50 Meter hoch sein kann. Nach altem Brauch wird im Land unterm Watzmann der Palmbaum mit bunt gefärbten Holzspänen, mit »Gschabert-Bandeln«, sowie mit ausgeblasenen Eiern behängt.

Gewöhnlich lässt der Berchtesgadener Bauer zwei Palmbäume weihen: Der eine bekommt einen Ehrenplatz unterm Dachfirst, der andere wird aufs Feld oder in den Garten gesteckt, damit es eine gute Ernte gibt. Dieser Brauch zeigt recht deutlich: Den Palmzweigen, ganz gleich in welcher Form sie zum Segnen in die Kirche getragen werden, misst man besondere Kräfte zur Abwehr von Krankheiten und Unwettern und zum Anregen der Fruchtbarkeit in Haus und Feld bei. Und deshalb wird das Palmgebinde auch immer sorgfältig aufbewahrt. Nach altem Brauch kommen die Zweige an das Kreuz im Herrgottswinkel der Stube, aber auch in den Stall und die Scheune.

Palmzweige als Glücksbringer

Da man in die geweihten Palmkätzchen so viel Vertrauen setzte, gab man gern dem Vieh eine Handvoll ins Futter, um es gegen Druden und Hexen zu schützen. Am Palmsonntag sollte auch jeder in der Familie einige Palmkätzchen schlucken und sich so gegen mancherlei Halskrankheiten schützen. Zur Abwehr von Gewittern und Unwettern warf die Bäuerin einen Zweig ins Herdfeuer. Darüber hinaus galten die geweihten Zweige auch als Glücksbringer.

Das Böse abwehren und Glück und Segen bringen sollten auch die geweihten Palmkätzchen, die man früher einer Braut ins Ehebett nähte. An ihre Segenskraft glauben noch heute viele Bauern und Sennerinnen, wenn sie im Frühjahr vor dem Auftreiben jedem Tier mit dem Palmbuschen ein Kreuz auf den Rücken zeichnen. In einer Zeit ohne Brandversicherung vertraute man sogar auf die Feuer abwehrende Kraft der Palmzweige. In Oberaudorf am Inn sagte man:

Balst a Palmkatzerl nimmst
und steckts es auf‘s Haus,
Na kimmt dir deiner Lebtag
koa Feuer net aus.
Mei Ahndl hat‘s gsagt,
und i glaab, es is wahr,
wo a Palmkatzerl steckt,
is‘s Brinna glei aus.

Palmeselprozessionen – heute vergessen

Bis ins Mittelalter lässt sich der Brauch zurückverfolgen, nach der Weihe der Palmzweige eine Prozession durchzuführen. Damit sollte an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert werden. Der älteste Beleg für einen Umzug findet sich in einer Biographie des heiligen Ulrich, der 923 Bischof von Augsburg wurde. Bereits damals führte man bei der Prozession ein Bildnis des Heilands, des Salvators, auf einem Esel reitend, mit.

Aus Aufzeichnungen wissen wir, dass es anfangs ein richtiger Esel war, auf dem ein kostümierter Geistlicher als Christusdarsteller saß. Da der Esel aber nur allzu oft seine sprichwörtliche Störrigkeit zeigte, ersetzte man das lebende Tier durch einen hölzernen Esel, auf den man eine Christusfigur setzte. In mittelalterlichen Chroniken wird oftmals von derartigen Palmeselprozessionen berichtet. Ein derartiges »Umziehen« war in ganz Süddeutschland, aber auch in Österreich ein beliebter Brauch. Die Kirche wollte damit den trockenen biblischen Text den Gläubigen veranschaulichen.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert ging das Verständnis für diese religiöse Darstellung mehr und mehr verloren, zumal man die Palmesel mit Blumen, ja sogar mit Backwerk, Würsten und Ketten von Eiern behängte. Aus historischen Niederschriften weiß man, dass es nur allzu oft bei den Umzügen recht turbulent zuging und diese in bloße Volksbelustigung und Ulk ausarteten. So wurde das unheilige Spektakel von kirchlicher Seite verboten, was auch ganz dem Geist der Aufklärung entsprach.

Nun ereilte die in Misskredit geratenen Palmesel ein böses Schicksal: »Eselsmetzger« zogen durchs Land und schlugen ihnen Ohren und Köpfe ab. Mit großer Gründlichkeit zersägte und verbrannte man die geächteten Prozessionsesel. Nur einige wenige Exemplare konnten dem staatlichen Zugriff entzogen werden. Man versteckte sie in Glockentürmen, in Scheunen und auf Dachböden. So gelang es, dass einige Esel die Stürme am Ende des 18. Jahrhunderts überleben konnten. Vereinzelt findet man sie noch da und dort in Heimatmuseen, Kirchen und Klöstern oder in Privatbesitz. Zu den ältesten erhaltenen Palmeseln in Bayern zählt jener von Petersthal im schwäbischen Landkreis Oberallgäu aus der Zeit um 1310. In der Pfarrkirche Erlach bei Simbach am Inn steht ein kunstvoller Palmesel aus der Zeit um 1470, den ein Bauer rettete: Er kaufte in der Säkularisation das Prachtexemplar und versteckte es auf dem Dachboden. Im niederbayerischen Kloster Metten stellte man einen Palmesel aus der Rokokozeit in den schönen Bibliothekssaal. Ein besonders schöner Palmesel aus Ottenstall bei Kempten hat einen Ehrenplatz im Bayerischen Nationalmuseum gefunden. Palmesel überlebten auch im Kloster Scheyern, in der Pfarrkirche in Landsberg/Lech und Kößlarn in Niederbayern.

Palmeselumzüge noch wie in der Barockzeit

Mit der Vernichtung der hölzernen Palmesel brachte man vor 200 Jahren auch den alten Brauch der Palmeselprozessionen zum Aussterben. Im aufgeklärten 19. Jahrhundert hatte man für derartige szenische Umzüge keinerlei Verständnis mehr, und so gerieten die einst so beliebten Palmesel in Vergessenheit, bis auf wenige Gebiete, wo man sich die Palmeselprozession nicht nehmen ließ. In einigen Orten, gelang es, sie fast ohne Unterbrechung und abgeschirmt von der staatlichen und kirchlichen Aufsicht weiterzuführen. Ein Musterbeispiel dafür ist der stolze Marktflecken Kößlarn im niederbayerischen Rottal. Hier steht in einer Kapelle noch der mittelalterliche Palmesel, mit dem man am Palmsonntag wie eh und je durch den Ort zieht.

Eine besonders eindrucksvolle Palmeselprozession im Stil der Barockzeit kann man bis heute in dem berühmten Tiroler Krippendorf Thaur in der Nähe von Hall bei Innsbruck erleben. Hier formieren sich am Morgen des Palmsonntags nach dem Gottesdienst in der Pfarrkirche die Gläubigen wie seit Jahrhunderten zu einem Umzug mit einem prächtigen Palmesel zu einer dem heiligen Romedius geweihten Bergkapelle. In der langen Prozession werden von Kindern an Stecken gebundene Palmbüschel mitgetragen.

Der Palmesel wird auf vier Rädern von Ministranten den Berg hinauf gezogen. Nach einer kurzen Andacht in der Bergkirche geht es wieder bergab. Nun müssen die Ministranten behutsam bremsen, um die wertvolle Christusfigur heil zur Pfarrkirche zurückzubringen. Es ist sehr eindrucksvoll, in welch tiefer Gläubigkeit die Gläubigen in Thaur das Geschehen vom Palmsonntag in Jerusalem auf ihre Weise nachvollziehen.


Albert Bichler

 

12/2016