Jahrgang 2001 Nummer 42

Otto der Große – Eine europäische Autorität

Historische Hintergründe zur Ausstellung in Kloster Seeon – Teil II

Berengar von Italien unterwirft sich Otto dem Großen 952 in Augsburg – Weltchronik Ottos von Freising, 2. Hälfte 12. Jahrhundert

Berengar von Italien unterwirft sich Otto dem Großen 952 in Augsburg – Weltchronik Ottos von Freising, 2. Hälfte 12. Jahrhundert.
Lechfeldschlacht (Buchmalerei von 1457).

Lechfeldschlacht (Buchmalerei von 1457).
Der Sturm der Auflehnung gegen den deutschen Herrscher schien sich gelegt zu haben, das königliche Schiff segelte inzwischen in ruhigeren Gewässern. Erreicht hatte der Niedersachse einiges: Das Nachfolgeproblem im eigenen Hause endgültig gelöst, den familiären Haussegen ins Lot gebracht. Dazu gehörte auch die Aussöhnung mit der Mutter, die von Edgitha (Edith), seiner angelsächsischen/englischen Gemahlin veranlaßt, durch eine feierliche Gesandtschaft an den Königshof zurückgeholt wurde.8)

Von europäischer Bedeutung war die Versöhnungspolitik mit Frankreich. Nach dem Tod Giselberts von Lothringen gelang Otto die Aussöhnung mit dem französischen König (Ludwig IV.), ja dieser verdankte ihm geradezu die weitere Herrschaft. Verheiratet mit Gerberga, der Witwe Giselberts und Schwester Ottos, war er, in aussichtsloser Lage, ein Opfer der Feindschaft seiner Vasallen geworden. Die französische Königin (Gerberga) fürchtete um sein Leben und das ihres Sohnes, die in der Hand ihrer Feinde waren. Der Hilferuf der Schwester veranlaßte Otto zu einem Kriegszug nach Frankreich, gleichsam eine europäische Expedition zur inneren Stabilisierung des Nachbarlandes, da auch der englische König Aethelstan (gleichzeitig Schwiegervater Ottos und Onkel Ludwigs) das Vorgehen des deutschen Königs unterstützte. Otto, dem familiäre Bindungen viel bedeuteten, wie wir gesehen haben, rettete den französischen Schwager aus der Gewalt seiner Feinde, brachte den feindlich gesinnten Normannen nicht unerhebliche Verluste bei, sicherte seinem französischen Neffen Lothar die Thronfolge, verzichtete aber auf die Einnahme der französichen Hauptstadt, die Ludwigs Widersacher Hugo von Paris, Herzog von Franzien, beherrschte. Auch dieser war mit einer Schwester Ottos (Hadwig verheiratet. So gewann der ostfränkische König auch im Westen Europas Einfluß und Ansehen und die Rolle Deutschlands als Pazifikator, als Friedensvermittler, wurde allgemein gewürdigt.

Als sich nun auch Boleslaw II., der böhmische Herzog, unterwarf (950), die Christianisierung des europäischen Ostens und Nordens mit der Gründung von neuen Bistümern wie Havelberg, Brandenburg, Schleswig und v.a. Magdeburg weit vorgedrungen war, das sich zum Zentrum der Slawenmission entwickelte, schien die Zeit gekommen, den Blick über Deutschland hinaus nach Süden zu richten, war doch »das Land, wo die Zitronen blühen«, nicht nur kulturelles Vorbild.

Otto und Italien

Italien war das Land des Papstes und der ehemaligen römischen Kaiser, deren Würde im frühen Mittelalter auf Karl den Großen und seine karolingischen Nachfolger überging. Eine sinnbildliche Verbindung zu diesem Land bestand bereits seit Heinrich I. durch den Besitz der Hl. Lanze. Er hatte sie von Rudolf II. von Hochburgund, (dem späteren zweiten Schwiegervater Ottos) im Austausch gegen die Stadt Basel erworben. Diese wertvolle Reliquie soll zur Zeit des Römischen Reiches im Besitz Kaiser Konstantins (der als Erster den christlichen Glauben tolerierte) gewesen sein, dessen Mutter Helena das Kreuz Christi in ihren Besitz gebracht haben soll. Wertvoll war diese Reliquie nicht nur deshalb, weil in ihr – der Überlieferung nach – ein Nagel jenes Kreuzes eingearbeitet worden sein soll, sondern weil der Besitz der Hl. Lanze die symbolische Herrschaft über Italien bedeutete.

Rom war offizielles Ziel seines 1. Italienzuges, wohin er aber nicht gelangte. Tatsächlich fesselten ihn zunächst andere Dinge, die eher politisch-erotischer Natur waren. Mit seiner ersten Gemahlin Edgitha – Tochter des angelsächsischen Königs Aethelstan – hatte er eine gute Ehe geführt. Als er damals die Nachricht von ihrem überraschenden Tod erfuhr, soll er wie ein Kind geweint haben.9) Sie bekam ihren ewigen Ruheplatz nahe dem seinen im Dom von Magdeburg, einer Stadt, die er ihr einst bei der Hochzeit als Morgengabe (zur Altersversorgung) vermacht hatte, inzwischen aber zu seinem Haupt- und Lieblingssitz emporgewachsen war.

In diesen Jahren als königlicher Witwer erreichten ihn im Frühjahr 951 Gerüchte und Berichte, die Rompilger über die Alpen gebracht hatten, von der erbarmungswürdigen Situation der italienischen Königin Adelheid, ebenfalls seit einem Jahr Witwe. Groß war die Empörung als bekannt wurde, daß sie in den Kerker gesteckt, ihres Eigentums und Schmucks beraubt und auf mancherlei Weise gequält wurde. Als ihr die Flucht gelang, mußte sie sich mit wenigen Getreuen untertags in Wäldern verbergen, um sich nachts fortzubewegen. Endlich in Sicherheit, war sie, von ihrem Mißgeschick gezeichnet, kaum wiederzuerkennen. Verantwortlich für diese Barbarei war Berengar von Ivrea, inzwischen selbst König von Italien, eine Stellung, die er dem Schutz Ottos, zu dem er vormals geflohen war, und der Unterstützung durch die Deutschen zu verdanken hatte. Sein Ziel war nun, die Adelheid verbliebene Macht, ihre Rechte und Territorien als königliche Witwe, wenn sie sich weigerte, auch mit Gewalt an sich zu bringen.

Otto war in der Lage, dies zu verhindern. Mit einem starken Heer zog er Anfang September 951 über die Alpen um, wie es hieß, »einer unserem Hause nahe stehenden Frau beizustehen«.10) Adelheid hatte inzwischen auf der Burg von Canossa, die knapp 120 Jahre später Schauplatz des denkwürdigen Kniefalls eines deutschen Königs sein wird, ihre von vielen gepriesene Schönheit wieder erlangt. Otto, der selbst recht genügsam war, ließ ihr prächtige Geschenke zukommen. Heinrich von Bayern, an einer diesbezüglichen Verbindung des Bruders interessiert – brachte sie doch die italischen Aktivitäten des Neffen Liudolf zu Fall – sollte ihr alle Ehre erweisen, ihre Sinnesart erforschen und sie nach Pavia geleiten, wo er sie Otto vorstellte. Beide zögerten nicht lange den neuen Bund (fürs Leben) einzugehen, ein Schachzug, der Ottos Familienleben stabilisierte und durch die schwäbisch-burgundische Abstammung und italienische erste Vermählung seiner neuen Gemahlin Besitz und Einfluß in allen beteiligten Ländern mit sich brachte. Otto nannte sich nun wie Karl der Große »König der Franken und Langobarden«. Daß trotz der neuen Machtfülle und beachtlichen Erfolge des deutschen Königs der Papst in Rom, zu dem Otto gern weitergezogen wäre, noch kein Interesse an ihm zu zeigen schien, stieß, zumindest in Deutschland, auf Unverständnis.

Auflehnung und Rettung 955 König Berengar von Italien unterwirft sich

Im Leben wie in der Geschichte können Erfolg oder Scheitern nahe beieinander liegen. Auf dem Reichstag von Augsburg 952 schien Otto die Fülle der erworbenen Macht zu genießen. Er übte die Schutzherrschaft über Hochburgund aus und war durch den Besitz Adelheids und Berengars zum Herrn über die Lombardei geworden, die jener als König von Italien und Lehensmann Ottos verwalten durfte (vgl. Abb). Die Großen jenes Landes und Frankreichs standen überwiegend auf seiner Seite. Doch in Deutschland gärte es nach wie vor, diesmal aus einer anderen Ecke. Liudolf von Schwaben, Ottos Sohn, war inzwischen vom einstigen Hoffnungsträger und Thronfolger zum hinderlichen Querulanten geworden. Seine italischen Unternehmungen, die nicht mit Otto abgesprochen waren und die seinen Interessen und denen Heinrichs von Bayern zuwiderliefen, scheiterten. Dieser Mißerfolg, der dem »bayerischen« Onkel zu verdanken war, der ihm entgegengearbeitet hatte, die empfundene Zurücksetzung durch den Vater und die Parteinahme Adelheids gegen ihn und für Heinrich, besonders aber deren Niederkunft mit Otto (II.), einem neuen möglichen Thronfolger, brachten ihn derart gegen den Vater auf, daß er danach trachtete mehr und mehr Unzufriedene um sich zu scharen, um auf die Abrechnung zu warten. Überhaupt mißfiel manchen das neue, machtbewußte Auftreten Adelheids, ihre politische Aktivität, die um den bisher gewohnten Einfluß fürchten ließen. So fühlte sich auch Konrad der Rote, (Haarfarbe!) Herzog von
Lothringen, Schwiegersohn Ottos (verheiratet mit Liutgard) und Schwager Liudolfs erst persönlich gekränkt, sodann politisch nicht mehr zur Loyalität verpflichtet. Als einer der tüchtigsten Heerführer des Reiches verstärkte er mit seinen Anhängern das Lager Liudolfs und wollte ihn als Mitregenten durchsetzen und den Einfluß Heinrichs schmälern.

Bald mußte Otto die feindselige Stimmung gegen sich wahrnehmen. Beide zwangen ihn, mit überlegenen Kräften vor Mainz gerückt, dessen Erzbischof sich inzwischen auch von Otto abgewandt hatte, einen Vertrag zu unterzeichnen, der diesen oppositionellen Zielen entsprach. Äußerlich soll Otto dabei nichts anzumerken gewesen sein, wieder in der sicheren Heimat widerrief er und forderte beide auf, die dahinter stehenden Verräter zu nennen. Andernfalls würden sie selbst als Reichsfeinde behandelt werden. 11) Als sie nicht auf dem Reichstag von Fritzlar erschienen (Mai 953), brach der Bürgerkrieg aus. Durch militärische Erfolge Konrads gewannen Ottos Gegner immer mehr die Oberhand, z.T. auch in Sachsen selbst. Betroffen von dieser härtesten Bewährungsprobe, der sich Otto stellen mußte, waren inzwischen alle Herzogtümer. In Bayern z.B. erhoben sich jetzt die durch die Inthronisation des Sachsen Heinrich von der Macht ausgeschlossenen Luitpoldinger (des früheren Herzogshauses), schlossen sich Liudolf an und brachten Regensburg, die damalige bayerische Hauptstadt in ihre Gewalt. Judith, die Herzogsgemahlin, mußte fliehen. Otto, dem alles an der Wiederherstellung der bayerischen Machtstütze lag, – besaß es doch wichtige Alpenpässe und war zur Brücke in die Lombardei geworden – belagerte Regensburg vergeblich. Vater und Sohn kämpften dort heftig, aber unentschieden miteinander.

Wie sollte ein Land, dessen innerer Aufruhr für Gesprächsstoff selbst am mohammedanischen Hofe der Kalifen in Spanien sorgte 12), vor den räuberischen Plünderungen der Ungarn sicher sein? Das um so weniger, als die Aufständischen sich von dieser Seite Unterstützung erhofften und dieses damalige Nomadenvolk, das zu jener Zeit einen ähnlichen Schrecken im ganzen Abendland verbreitete wie vormals die Hunnen, zu einem Einfall ermunterten. Es gab sichere Hinweise, daß beide Aufrührer mit ihnen zusammenarbeiteten. Unter Führung des gefürchteten Horka Bulscu strömten Sie 955 in einem bisher nicht gekannten Ausmaß über die bayerische Grenze. Wir können gut nachempfinden, wie es Otto zumute war, als er vor den gegnerischen Parteien eine erschütternde Rede hielt: »Sehet, meiner Söhne beraubt, sitze ich hier, kinderlos. Habe ich doch den Sohn aus meinem Blut zum schlimmsten Feind und den anderen auch, den Tochtermann, den ich so geliebt und aus niederer Stellung zu hoher Macht emporgehoben. Das alles würde ich tragen, wenn nicht die Feinde Gottes und der Christenmenschen in diese Händel mit hineingezogen würden. Sie (die Ungarn) haben mein Reich verödet, mein Volk gefangen oder getötet, die Städte zerstört, die Kirchen verbrannt, die Priester gewürgt...«13)

Die Ungarn konnten nicht ahnen, daß gerade sie, die zum Untergang Ottos bestimmt waren, entscheidend zu seiner und Deutschlands Rettung beitrugen. Genau über den damaligen Zwist informiert, konnten sie nicht wissen, daß durch die Treffen von Langenzenn (bei Nürnberg) vor allem von den Bayern betrieben und Arnstadt (Thüringen) es zu einer Versöhnung gekommen war, bei der Otto offenbar das richtige Wort im richtigen Moment gefunden hatte. Am erstgenannten Ort unterwarf sich Konrad, am zweiten Liudolf. Beide verloren ihre Herzogtümer. Wie groß waren aber nun wirklich die Chancen, daß sie sich trotzdem in der Schlacht für den König schlugen, ihre Lehensmänner und die Schärfe ihrer Waffen zur Verfügung stellten und ihr Leben für ihn und das Reichsheer einsetzten?

Otto rückte von Ulm aus gegen Augsburg vor, das von den Feinden belagert wurde. Er hatte zum ersten Mal Kontingente aus allen deutschen Stämmen zur Verfügung, kaum aber seine eigenen Sachsen, die gerade während eines Aufstands der Slawen die östlichen Grenzen zu sichern hatten, was von den Ungarn geschickt in die Planung einbezogen wurde. So begleitete ihn hauptsächlich nur seine Leibgarde, besonders tüchtige Krieger, die wohl notfalls auch bereit waren mit ihrem Leib das Leben des Königs zu schützen. Es ist Otto hoch anzurechnen, daß er in Zeiten, als sein Herzogtum Sachsen selbst schwer bedroht war, im weiten Reich durch Boten den Heerbann zusammenrief, um nach Süden zu ziehen. Vor allem Bischof Ulrich von Augsburg vertraute fest auf die königliche Zusage, seiner Stadt zu Hilfe zu kommen. So wurde er nicht müde den Belagerten Mut zu machen, die Verteidigung zu organisieren und selbst zu Pferd, ohne Panzer und Helm, aber mit bischöflichem Ornat und Schwert die nötigen Anweisungen zu geben.13). Die Belagerer waren über die Zähigkeit der Verteidigung erstaunt, wußten aber, daß die Stadt einer längeren Belagerung nicht würde standhalten können, da auch die Mauern niedrig und ohne Türme waren. Ulrichs Zuversicht wurde belohnt, als die ungarischen Kundschafter das Nahen des Reichsheeres meldeten und die Belagerung sogleich abgebrochen wurde.

Der 10. 8. 955 ging in die Geschichtsbücher ein als der Tag der Lechfeldschlacht. Als die zahlenmäßige Überlegenheit der Ungarn erkannt wurde, soll es doch manche betroffenen Gesichter gegeben haben. Diese flinken akrobatischen Reiter und oft verwegenen Fußkrieger brachten es nach heutigen Schätzungen auf etwa 12 000 bis 15 000 Beteiligte, denen etwa 8000 bis 10 000 Deutsche gegenüberstanden. An ihrer Spitze marschierten und ritten die Bayern, danach die Franken, in der Mitte Otto mit seiner Leibgarde, anschließend die Schwaben und zuletzt die Böhmen, die auf deutscher Seite mitkämpften. So war der Kampf geplant, doch schnell wurde er Makulatur, als den Ungarn, wie so oft, ein überraschendes Umgehungsmanöver gelang und sie den Böhmen wuchtig in den Rücken stießen, sie über den Haufen warfen, so daß die ganze Ausrüstung in ihre Hände fiel. Auch die Schwaben begannen zu schwanken. Diese Situation hätte das »Aus« bedeuten können, wenn psychologische Prozesse in Gang kommen, die einen erfolgreichen Ausgang nicht mehr in Betracht ziehen. In diesem Moment bewies Otto seine Kaltblütigkeit und Feldherrngabe und ließ gerade denjenigen eingreifen, über dessen Erscheinen die meisten Fragezeichen standen: Konrad den Roten. In einer Art Himmelfahrtskommando drang er mit einer weitern fränkischen Schar an den strategisch entscheidenden Punkt vor und brachte nun seinerseits die Ungarn in Verwirrung, die schon im Vorgefühl des Sieges den Tross geplündert hatten.15). Nun erst breitete sich jene Zuversicht über den Ausgang des Kampfes aus, die Otto beim morgendlichen Gottesdienst erzeugte, als er jeden schwören ließ, für den Nebenmann notfalls sein Leben einzusetzen. Er selbst soll sich mit der heiligen Lanze bewaffnet in das feindliche Getümmel gestürzt haben16). Die Überlegenheit der eigenen Waffen war auf einmal so groß, daß bei den damaligen Feinden panikartige Flucht einsetzte, sie in den Lech getrieben bzw. in weiteren kleinen Scharmützeln aufgerieben und zum Teil bis an die (damalige) bayerische Grenze (Enns, sö. Linz’) verfolgt wurden. Gefangene wurden – entgegen den sonst üblichen Kriegsgepflogenheiten – kaum gemacht, allenfalls um sie aufzuhängen. Das gleiche Schicksal mußte auch der Anführer über sich ergehen lassen, der in Regensburg am Galgen endete.

Dieser, trotz beachtlicher deutscher Verluste, überraschend deutliche Sieg, auf den vor der Versöhnung kaum einer zu hoffen gewagt hätte, war folgenreich: Otto wurde zum Übervater, zum »Vater des Vaterlandes« und im Überschwang des Triumphes zum »Imperator«, zum Kaiser, ausgerufen und der Glaube an seine Unbezwingbarkeit drang über die deutschen Grenzen hinaus. Wer den Sieg nicht mehr mitfeiern konnte, war derjenige, der wohl die Wende der Schlacht herbeigeführt hatte, Konrad von Lothringen. Ein Pfeil hatte ihn in den Hals getroffen in dem Moment, als er die Bänder seines Helms zum Atemschöpfen lockerte. Vielleicht waren Tod und Sieg ein letztes Geschenk an den Mann, den er vorher so hartnäckig bekämpft hatte.

Nicht immer in der Geschichte zeitigten Schlachten eine so nachhaltige Wirkung wie diese: Die Ungarn konnten sich lange nicht vom Ausgang und den für sie schrecklichen Folgen erholen. Sie erschienen nie wieder in feindlicher Absicht in Deutschland, gaben ihre nomadische Lebensweise auf, wurden seßhafte Bauern und waren bereit, das Christentum anzunehmen, entwickelten sich zu einem geachteten Mitglied der europäischen Völkerfamilie. Besonders erfreulich war es, daß ehemalige Feinde sich zur Versöhnung bereitfanden, sogar Freundschaften entstanden wie zum Beispiel zwischen dem bayerischen Herzogs- und ungarischen Königshaus. So heiratete König Stephan wenige Jahrzehnte nach den blutigen Auseinandersetzungen die Herzogstochter Gisela, deren Vater als Heinrich II. deutscher Kaiser werden sollte (vgl. Ausstellung Bayern - Ungarn in der Veste Oberhaus, Passau).

Wirkung zeigte die Lechfeldschlacht aber auch in Deutschland: Es war der erste große Erfolg, den ein nun wieder einig gewordenes Land erzielen konnte. Der Glaube, daß mit nationaler Eintracht auch die schwersten Gefahren zu meistern seien, erfuhr dankbare Bestätigung. Das Motto »Gemeinsamkeit macht stark« stärkte den Reichsgedanken und ließ die im Norden und Süden unseres Landes ausgeprägten Verschiedenheiten schrumpfen. Freilich darf auch nicht übersehen werden, daß dieser Geist der Einigkeit im weitern geschichtlichen Verlauf oft vergessen wurde.

Otto als Kaiser des Heiligen Römisch-Deutschen Reiches

War der deutsche König schon durch die Verbindung mit Adelheid fest an Italien gebunden, so galt dies noch in viel stärkerem Maße durch den ersten Romzug Ottos. Bis heute scheiden sich die Geister, ob durch die jahrhundertelange Italienpolitik, die mit Otto begann, durch den Wunsch der Könige, in Rom durch den Papst zum Kaiser gekrönt zu werden, Deutschland dadurch eher gestärkt oder geschwächt wurde. Diese Frage ist schwer zu beantworten, lassen sich bei den Teilnehmern dieser Romzüge doch Horizonterweiterung, Verständnis für Kultur und Lebensweise außerhalb des eigenen Landes, politische und religiöse Macht des deutschen Königs, dessen finanzielle und wirtschaftliche Teilhabe am Reichtum des Landes im Süden der Alpen und der Besitz des Kaisertitels als Ausdruck der höchsten weltlichen Autorität nicht vergleichen mit oder gar abwägen gegen die tausendfachen Opfer, die, in Kämpfe verwickelt, nicht mehr zurückkehrten, die Schmerzen der Witwen und Waisen, gegen die politische Instabilität, die manche als Folge des Engagements im Süden ansahen. Der Preis dafür jedenfalls scheint nicht gering, auch wenn die »Südpolitik« lange als nationale Aufgabe gesehen wurde, die dem gefährlichen Ehrgeiz der süddeutschen Herzöge neue Bahnen wies. Otto zögerte wohl kaum in seinem Entschluß, die Chance zu nutzen, den letzten Schritt auf seinem Weg zu übernationaler, europäischer Bedeutung zu tun.

In der Regensburger Pfalz, in der der deutsche König gern die Weihnachtsfeiertage verbrachte, unterbreiteten im Dezember 960 zwei päpstliche Gesandte dem König eine Einladung Johannes’ XII. nach Rom und ein interessantes Angebot: Er habe als Nachfolger der fränkischen Herrscher das erbliche Anrecht auf die Schutzherrschaft in Rom. Diese verpflichte ihn aber dazu, der Kirche Beistand gegen ihre Unterdrücker zu leisten. Dieser auffallende päpstliche Sinneswandel war hauptsächlich auf die Gefährdung des Kirchenstaates durch die Eroberungspolitik König Berengars zurückzuführen. Im Gegensatz zu diesem Angebot wurde auch eines von päpstlichen Gegnern bekannt, das direkter mit der Kaiserkrone lockte und Otto die Rolle eines Schutzherrn der Christenheit und einer Ordnungsmacht in Rom beimaß, wo dem Papst zahlreiche Vergehen vorgeworfen wurden.

Dem König kamen diese Angebote auch innenpolitisch gerade recht, hatte er doch seit geraumer Zeit – veranlaßt durch die schlechten Erfahrungen mit den weltlichen Vasallen, auch zum Teil mit den eigenen Verwandten – hohe geistliche Würdenträger wie Äbte, Bischöfe, Erzbischöfe zu Stützen seiner Herrschaft gemacht. Er stattete sie als Lehensträger mit großen Territorien aus, die aber beim Ableben des Betreffenden wieder in seine Hand zurückfielen, da sie bei Geistlichen, im Gegensatz zu den weltlichen Vasallen, nicht vererbt werden konnten. So vermochte er Leute seines Vertrauens immer wieder zu belehnen und der weltlichen Macht ein Gegengewicht an die Seite zu stellen (ottonisches Reichskirchensystem). Durch die enge Verbindung mit Rom und die Kaiserwürde glaubte er sein System noch besser absichern zu können. Freilich ging das nur, wenn der Papst hinter seiner Politik stand. Deshalb wurde im Vertrag mit Johann XII. festgelegt.

a) für den Heiligen Stuhl: Garantie des Kirchenstaates in den bestehenden Grenzen und Recht der Kaiserkrönung (nur bei deutschen Königen)

b) für den Kaiser: Einfluß auf die Papstwahl, so daß nur derjenige Papst werden sollte, der das kaiserliche Vertrauen besaß und die Vorrechte des deutschen Herrschers im Kirchenstaat anerkannte.

Unter dem Jubel des Volkes zog Otto am 31. Januar 962 in Rom ein und wurde zwei Tage später zusammen mit seiner Gemahlin, die ihm durch ihre Herkunft von großem Nutzen war, zum Kaiser gekrönt. Trotz des Höhepunktes in seinem Leben blieb er vorsichtig und soll eine Leibwache angewiesen haben, während des Gebets das Schwert über seinem Haupte zu halten, denn er fürchte die Hinterlist der Römer.17) Wie berechtigt diese Angst war, zeigt das Verhalten des Papstes, der nach Ottos Abzug einen Aufstand gegen ihn anzettelte, der ihm beinahe das Leben gekostet hätte. Der Kaiser, dessen Heer bereits in die Heimat entlassen war, überlebte durch sein Geschick im Nahkampf und konnte sich mit wenigen Getreuen durchschlagen. Der Papst hatte sich inzwischen wieder mit Berengar verbündet, gegen den Otto ja nach Rom gerufen wurde, und nichts unversucht gelassen, »den teutonischen Barbaren« wieder loszuwerden. Der Kaiser war nämlich inzwischen darangegangen, mit deutscher Gründlichkeit seinen Teil des Vertrages zu erfüllen und nun endgültig den Sumpf der Intrigen, Korruption und sittlichen Verfehlungen trockenzulegen, der sich im Umfeld des Papstes ausbreitete. Eine Synode (Bischofsversammlung) setzte Johann ab und auf Ottos Betreiben dessen Sekretär als neuen Papst (Leo VIII) ein, der als Laie die nötigen Weihen im Schnellverfahren erhielt. Dessen Pontifikat in der Hl. Stadt auf Dauer durchzusetzen erforderten Beharrlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit bei den sich rasch ändernden römischen Verhältnissen.

Nach knapp zweijähriger Anwesenheit in der Heimat zog Otto noch einmal nach Italien und führte diesmal den von den Römern vertriebenen Johann XIII. zurück auf den Hl. Stuhl. Nunmehr appellierten die Rädelsführer des Aufstandes vergeblich an die vielzitierte Milde des Kaisers. Diesmal wollte er ein Exempel statuieren. 13 der Aufständischen wurden wegen Hochverrats hingerichtet. Seinen Sohn Otto ließ er 967 zum Kaiser krönen (nachdem Liudolf schon 957 gestorben war), kämpfte im Süden des Landes gegen Byzanz, dessen oströmischer Kaiser die neue Herrscherwürde des Deutschen schließlich als gleichberechtigt anerkennen mußte. Zudem setzte er zuletzt die Vermählung Ottos II. mit der byzantinischen Kaisertochter Theophanu durch, die in Rom 972 stattfand. Der Italienzug, der auf ein bis zwei Jahre festgesetzt war, dauerte deren sechs. Hatte der Kaiser Blut geleckt vom Leben im Süden der Alpen, genoß er die Heiterkeit einer mediterranen Weltsicht oder ließen ihn die Amtsgeschäfte nicht mehr los? Als er endlich im Spätsommer 972 in das Reich zurückkehrte, dem er so sehr seinen Stempel aufgedrückt hatte, traf er zu seiner großen Freude auf ein Land, das sich trotz seiner langen Abwesenheit in tiefem Frieden sonnte.
Ottos Lebensabend

Viel Zeit verblieb Otto nicht mehr um auf sein ereignis-und erfolgreiches Leben zurückzublicken. Nun beleuchtete die milde Sonne des Lebensabends noch einmal die zahlreichen Klöster, in denen der Hände und des Geistes Arbeit in friedlichem Wettstreit lagen (ora et labora – bete und arbeite). Sie beleuchtete die Fülle von mühsam und liebevoll in den Schreib- und Arbeitsstuben gefertigten Werke wie Handschriften mit kunstvoll verschnörkelten Initialen und anderer Buchmalerei oder solcher der Goldschmiede. Sie beleuchtete die Schöpfungen der Baumeister, die sich an der Antike schulten, aber mit neuer Baufreude und landeseigener Kreativität ihre Kirchen, Dome, Klöster oder Pfalzen in die Höhe ragen ließen (ottonische Renaissance). Handel und Wirtschaft zeigten – auch durch die Verbindung mit dem Süden – Anfänge einer zarten Blüte und auf den wenigen und schlechten Straßen, umgeben von großen, nur langsam zurückweichenden Waldgebieten, herrschte relative Sicherheit ebenso wie an den Grenzen. Das junge Deutschland war zu einem Staatswesen geworden, das seinesgleichen unter den Nachbarländern suchte.

Otto spürte wohl den Hauch der Vergänglichkeit, als er in jenen letzten Monaten die Gelegenheit wahrnahm an den Gräbern der Angehörigen seiner Familie die Erinnerung an die Morgenröte der Kindheit und Jugend mit dem Schauder vor der Unendlichkeit des nahenden Todes zu verbinden. Alle seine Geschwister und – bis auf eine Ausnahme – auch seine Kinder hatte der Sechzigjährige überlebt (damaliges Durchschnittsalter 40 Jahre). Er gedachte, vor dem Grab stehend, seines unglücklichen Sohnes Liudolf, der vom Liebling zum Stiefkind des Schicksals wurde; ebenso Wilhelms, des unehelichen Sohnes (slawische Geliebte aus den Jahren der ersten Reife), der trotz des (damaligen) Makels der Geburt zu den höchsten Ämtern (Erzbischof von Mainz) aufsteigen konnte. In Köln gedachte er des Bruders Brun (ebenfalls Erzbischof), der loyal an seiner Seite ihm immer Rückhalt gab, in den Zeiten der Abwesenheit die Regierungsgeschäfte übernahm und sogar zeitweise in Frankreich die Regentschaft für den unmündigen König führte. In Magdeburg, dessen früheren, damals noch unvollendeten Dom er selbst bauen ließ, geschmückt mit Säulen und Kunstwerken aus Ravenna, kniete er vor dem Sarkophag Edgithas, neben der er bald selbst die ewige Ruhe finden wird. In Quedlinburg, wo seinen Vater Heinrich einst die Wahl zum deutschen König überrascht hatte, besuchte er in der Krypta der Stiftskirche noch einmal die Gräber seiner Eltern.

In dieser Stadt konnte er (Ostern 973) erleben, wie die Großen des Abendlandes, ja sogar des Morgenlandes ihm ihre Reverenz erwiesen und gleichsam Abschied von ihm nahmen: die Herzöge von Böhmen und Polen, hochstehende Abgesandte der Russen (Reich von Kiew) und selbst Bulgaren, denen durch die Verbindung mit Konstantinopel Deutschland näher gerückt war; Ungarn, noch vor zwei Jahrzehnten der Hauptfeind, schickte 12 Vornehme; der Wikinger und Dänenkönig Harald Blauzahn, vor kurzem von deutschen Missionaren zum Christentum bekehrt, war durch eine Delegation vertreten wie auch der neue Papst (Benedikt VI.) und der byzantinische Kaiser; etwas später stieß noch eine Gesandtschaft der islamischen Fatimiden aus dem fernen Afrika und Sizilien zum Schutzherrn der Christenheit hinzu.18) So war Quedlinburg für kurze Zeit zum Mittelpunkt der Welt geworden. Mit großen Augen verfolgten die Bewohner der sonst beschaulichen Stadt die multikulturelle Atmosphäre internationalen Zuschnitts.

Der Kreis schloß sich, als Otto gerade den Ort besuchte, an dem er selbst vor vier Jahrzehnten von seinem Vater Abschied genommen hatte: in Memleben an der Unstrut. Nach seiner Gewohnheit hörte er die Frühmette, verteilte Almosen an die Armen. Nach dem Gesang des Evangeliums in der abendlichen Vesper sank er lautlos um. Als er nochmals zu sich kam, verlangte er nach dem Abendmahl: »Er nahm es«, lesen wir bei Widukind »und übergab dann ohne Seufzer mit großer Ruhe den letzten Hauch dem barmherzigen Schöpfer aller Dinge…« Das Volk aber sprach viel zu seinem Lobe und gedachte dankbar seiner Taten…19)

Wie lauteten die Worte des Erzbischofs damals in Aachen? »Nimm dieses Schwert und vernichte alle Feinde des Herrn, die Heiden wie die schlechten Christen… auf daß Friede herrsche in der Christenheit… Doch noch mehr sollst du barmherzig sein und deine Hand reichen den Witwen und Waisen. Möge auf deinem Haupt das Öl des Erbarmens nicht versiegen…«

Otto hatte, wie sein Leben zeigt, Wort gehalten. Auf seinem einfachen Sarkophag in Magdeburg verkündet eine Inschrift dem Besucher:

König war er und Christ
Des Vaterlands hohe Zier
Den hier der Marmor umhüllt –
Dreifach beklagt ihn die Welt

Auch noch anders formuliert: Drei Gründe der Trauer sind unter diesem Marmor eingeschlossen:

Der König
Der Stolz der Kirche
Die höchste Ehre des Vaterlands

Quellennachweise: Teil 2: 8) Nach L. v. Ranke, Weltgeschichte, Bd. 9, Hamburg, 1928, S. 279. – 9) Nach Fischer-Fabian, ebd., S. 51. – 10) Ebd. S. 50. – 11) Nach Ranke, ebd. S. 295. – 12) Ebd. S. 294. – 13) Nach Fischer-Fabian, ebd. S. 53. – 14) Nach B. Eberl, Die Ungarnschlacht auf dem Lechfelde im Jahre 955, Augsburg, 1955. – 15) R. Holtzmann, Geschichte der sächsischen Kaiserzeit, München 1941, S. 164. – 16) Nach Widukind III, zit. nach Lautermann, Geschichte in Quellen: Mittelalter, 1970, S. 160. – 17) Nach Ranke, ebd. S. 308. – 18) Ebd. S. 343. – 19) Nach Widukind, ebd. (Katalog), Tafel 10.

Werner Segerer

Teil 1: Siehe Chiemgau-Blätter Nr. 41/2001



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