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Jahrgang 2001 Nummer 41

Otto der Große – Eine europäische Autorität

Historische Hintergründe zur Ausstellung in Kloster Seeon – Teil I

Magdeburger Reiter (Symbolisch für Otto den Großen) Exponat der Ausstellung »Macht und Vergänglichkeit«, Kloster Seeon. Bearbeit

Magdeburger Reiter (Symbolisch für Otto den Großen) Exponat der Ausstellung »Macht und Vergänglichkeit«, Kloster Seeon. Bearbeitet von dem Bildhauer Andreas Kuhnlein.
Die karolingischen Teilreiche seit 843 (Vertrag von Verdun).

Die karolingischen Teilreiche seit 843 (Vertrag von Verdun).
Herzogtum Bayern im Reich um 1000.

Herzogtum Bayern im Reich um 1000.
»Otto find’ ich gut«. Das ist nicht etwa eine Aussage zu einem der bedeutendsten deutschen Herrscher, vielmehr ein wohlvertrauter Werbespruch. Auch wenn in letzter Zeit im Fernsehen Hinweise auf die Ausstell-
ungen in Magdeburg, Kloster Seeon und Volterra (Toscana) gegeben wurden – bei Umfragen, die zu diesem Herrscher gemacht werden, könnten wir durchaus bei »Otto dem Außerfriesischen« oder anderen Filmen oder Sketchen des bekannten Komikers landen. Wurde ihm bisher wenigstens offizielles Interesse entgegengebracht? Mitnichten. 1962, dem 1000-jährigen Jubiläum der ersten Kaiserkrönung in der deutschen Geschichte in Rom, war er zwar Österreich und Italien feierlichen Gedenkens wert. Sein eigenes Land, das es ohne ihn in der heutigen Form wohl gar nicht mehr geben würde, fühlte sich allenfalls verpflichtet, sich seiner mit einigen dürren Worten zu erinnern. Gesprochen hatte sie der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke während der Eröffnung einer Landwirtschaftsausstellung. Waren die Deutschen von damals mehr mit Genuß und Ausbau des deutschen Wirtschaftswunders beschäftigt? Waren oder sind uns die »Großen« unserer Geschichte eher Ballast geworden, bei deren gebührender Erwähnung wir aus Angst vor Beifall aus einer falschen politischen Ecke zurückzucken?

Im Gästebuch der Seeoner Ausstellung findet sich der Eintrag: »Leben und Werk Ottos des Großen wirken im Nachhinein wie eine einzigartige Erfolgsstory. Das müßte in der deutschen Geschichtsschreibung stärker berücksichtigt werden.« Dagegen wäre nichts einzuwenden. Otto war immerhin der erste Deutsche, dem die Geschichte den Ehrennamen »der Große« verliehen hat und nicht Karl der Große, der 150 Jahre zuvor als Frankenherrscher die christlich-kulturelle Einheit Europas begründet hat, noch bevor es Deutschland gab. Was im Nachhinein wie eine Erfolgsstory aussieht, waren biografisch gesehen harte Bewährungsproben, die er bestehen mußte und die ihn nicht nur einmal an den Rand des Abgrundes brachten. Mit Beharrlichkeit, einem ausgewogenen Verhältnis von Langmut, Versöhnungsbereitschaft und entschlossener Durchsetzungsfähigkeit und wohl auch der Überzeugung, großen Aufgaben gewachsen zu sein, war es ihm möglich geworden, zu einer europäischen Autorität zu werden.

Beginn mit Hindernissen

Wenn es stimmt, daß der Wille Berge versetzen kann, so trifft es auf Otto zu. Vom Aussehen her kein strahlender Siegfried-Typ (das war wohl mehr sein jüngerer Bruder Heinrich, den seine Mutter ihm auch vorziehen wollte), war er eher breitschultrig, wuchtig. Er gewann die Menschen nicht auf Anhieb, beeindruckte aber durch sein Auftreten, seine Persönlichkeit und die Leuchtkraft seiner Augen, die seinem Wesen etwas Gebieterisches verlieh.2)

Auffällig war sein Bart, den er im Gegensatz zu seinen niedersächsischen Stammesgenossen unmodisch lang trug. Das Niederdeutsche, die Sprache seiner Heimat, behielt er bei, auch wenn damals das aus dem Süden vorgedrungene Hochdeutsche sich immer mehr durchsetzte. Verständigen konnte er sich auch im Slawischen (erste Geliebte!) und Romanischen (Altfranzösisch/Altitalienisch). Lesen und Schreiben erlernte er flüssig erst in späteren Jahren. Und das war durchaus nicht selbstverständlich, war dafür damals doch die Geistlichkeit zuständig. Im Ganzen war er äußerlich eher ein schlichter Mann, der trotz seiner Arbeiten – auch auf Kriegszügen – das Beten nicht vergaß.

Und Kriege führte der damalige Adel zahlreiche. Bei Otto kamen auch noch Aufstände gegen seine Herrschaft dazu, insbesondere von Seiten seiner eigenen Verwandten. Daß Otto überhaupt deutscher König wurde, war der Einsicht und Menschenkenntnis seines Vaters, Heinrich I., zu verdanken. Dieser war, obwohl zweiter König des erst vor kurzem entstandenen deutschen Reiches (911), sein eigentlicher Gründer. Als ihn 936 in der Pfalz von Memleben nach einem erfolgreichen und von allen respektierten Herrscherleben ein zweiter Schlaganfall ereilte, bat seine Gemahlin Mathilde die am Totenbett versammelten Söhne und Töchter das Herz wegen der umstrittenen Nachfolge nicht zu verhärten: »Möge euer Sinn sich nicht darüber verdüstern, wer von euch dem anderen vorgezogen werden solle und haltet im Gedächtnis, was der Mund der Wahrheit im Evangelium spricht: ‘Wer sich erhöht, der wird erniedrigt und wer sich erniedrigt, wird erhöht werden’.3) Sie selbst aber versuchte mit allen Mitteln ihren Liebling Heinrich, nach dem Vater benannt, auf den Thron zu bringen, war er neben seiner äußeren Stattlichkeit doch der »Purpurgeborene«, der bereits als Sohn des Königs auf die Welt Gekommene. Ottos Geburt reichte dagegen noch in die Zeit zurück, als Heinrich »nur« Herzog von Sachsen war. Die germanische Vorstellung vom »Königsheil«, von Vorrang und Erfolgserwartung des vom König Gezeugten war damals kein Widerspruch zur frommen und christlich geprägten Lebenseinstellung Mathildes. Obwohl die Anhänger der Königin zunächst in der Mehrzahl waren, mußten sie sich der Autorität der Vornehmsten des Reiches beugen, v.a. der Herzöge, die den Willen König Heinrichs respektieren wollten, der Otto auch testamentarisch abgesichert hatte. Die einseitige Festlegung der Königin hatte bedenkliche Folgen, die sich jahrelang hinzogen: Das Verhältnis Ottos zur Mutter war belastet, sie mußte den Königshof verlassen, der ehrgeizige Bruder Heinrich sann auf Gelegenheiten, die Macht dem brüderlichen Konkurrenten zu entreißen und Ottos Halbbruder Thankmar (Sohn aus erster Ehe Heinrichs mit Hatheburg) fühlte sich erblich benachteiligt.

Historische Grundlagen Deutschlands

Vor diesem Hintergrund fanden am 7. August 936 Krönung und Salbung des 24-jährigen in Aachen auf dem Steinthron Karls des Großen statt – äußerlich ein Schauspiel der Eintracht, das sich zwischen König, Kirche, Stammesherzögen und Volk abspielte. Bei Widukind von Corvey, einem Mönch des Klosters bei Höxter an der Weser, lesen wir – mit liebevoller Einseitigkeit und Stolz auf alle Taten »seines« Herrscherhauses – über den Ablauf der Zeremonien, die mit Absicht betont feierlich gehalten wurden. Mit dieser Feier war schließlich ein Signal an alle, auch Deutschlands Nachbarn, besonders an das Westfrankenreich, also Frankreich, verbunden, das neu entstandene Deutsche Reich als feste europäische Größe in seinem territorialen Bestand gesichert und mit dem Segen Gottes und der Kirche versehen, zur Kenntnis zu nehmen. Der Erzbischof von Mainz (Ranghöchster der deutschen Kirche – bis heute) nahm von den Reichsinsignien das Schwert und sagte: »Nimm dieses Schwert, vernichte damit alle Feinde des Herrn, die Heiden wie die schlechten Christen, denn kraft der Gewalt Gottes ist dir die Macht gegeben über das Reich, auf daß Friede herrsche in der Christenheit.« Bei der Übergabe von Zepter und Stab brachte er zum Ausdruck: »Bei diesem Zeichen sei eingedenk, daß du jene, die dir anvertraut sind, in väterlicher Strenge züchtigen sollst. Doch noch mehr sollst du barmherzig sein und deine Hand reichen den Dienern Gottes, den Witwen und Waisen ...«.4)

Es waren also hohe Ansprüche und Erwartungen, denen sich Otto als neuer König ausgesetzt sah. Noch saß man friedlich beieinander, die Herzöge walteten ihrer Erzämter: Hermann von Schwaben als Mundschenk, Eberhard von Franken als Truchsess verantwortlich für die Tafel, Arnulf von Bayern als Marschall für das Pferdewesen zuständig und Giselbert von Lothringen war (als Kämmerer) überhaupt der Wichtigste. Er richtete die Feier aus, in seinem Land fand sie statt. Das frühere Lotharingien (nach Lothar, einem Enkel Karls des Großen benannt) war das Mittelreich zwischen Ostfranken, dem späteren Deutschland, und Westfranken, dem späteren Frankreich (Vertrag von Verdun 843); dieses in territoriale Länge gezogene Gebilde reichte von der Nordsee über Burgund bis weit nach Italien hinein (als »Kegelbahn« bezeichnet). Den ostfränkischen Karolingern gelang es durch Verträge, die sie militärisch erfolgreich zu verteidigen wußten, den nördlichen Teil davon (»Lothringen« - mit Aachen) zu gewinnen. Otto hatte diese Stadt für seine Feier also nicht ohne Bedacht gewählt:

– Sie erinnert an die Leistung Karls des Großen und sein fränkisch-abendländisches Reich, aber auch an die nachfolgenden Reichsteilungen, aus denen sich das ostfränkische zum deutschen Reich entwickelt hatte. Endgültig möglich geworden war das durch das Aussterben der ostfränkischen Karolinger mit dem Tod Ludwig des Kindes 911. Durch die Wahl eines eigenen Königs (Konrad I.) wurden westfränkische Erbansprüche ignoriert.

– Das Herzogtum Lothringen wies eine bestimmte Sonderstellung auf. Es besaß kein landbezogenes Stammesvolk, sondern war überwiegend fränkisch, auch alamannisch besiedelt. Der König, der hier gekrönt wurde, stand dadurch gewissermaßen zusätzlich über den »normalen« Stammesherzögen.

– Die symbolischen Feierlichkeiten in diesem Herzogtum sollten auch die Eingliederung ins Deutsche Reich festi-
gen, empfanden manche die territoriale Absicherung als noch nicht so stark wie bei den anderen Stammesherzogtümern. Lothringen hatte sich z.B. bei der Gründung des Deutschen Reiches (911) auf die westfränkische Seite geschlagen und war durch Heinrich I. mit diplomatischem Geschick gegenüber dem französischen Westfrankenkönig und erfolgreichen Waffengängen wieder mit dem Ostreich vereinigt worden. Sein wankelmütiger Herzog Giselbert war darüber hinaus mit Gerberga einer Tochter Heinrichs I. verheiratet. Er glaubte nun durch die enge Verbindung mit Otto vor den karolingisch-westfränkischen Ansprüchen besser gesichert zu sein, hatten diese Lothringen nie ganz aus den Augen verloren und zeitweise sogar eine Art Oberhoheit über das Ostfrankenreich beansprucht. Bald jedoch sollte sich der Wind drehen und Giselbert reihte sich in die Front der Gegner Ottos ein.

Aufstände gegen den König in Deutschland und außerhalb

Frieden und Eintracht überdauerten die Feierlichkeiten in Aachen nicht lange. Zuerst erhoben sich die Böhmen unter Boleslaw, der durch die Ermordung seines Bruders Wenzel (tschechischer Nationalheiliger) an der Pforte des Doms von St. Veit (Prag) traurige Berühmtheit erlangte und ein Vorspiel für Ähnliches in Deutschland lieferte. Er bekämpfte als neuer Herzog die seit Heinrich I. dort bestehende deutsche Lehenshoheit. Boleslaws Erfolge ermunterten auch andere slawische Völker, z.B. die Elbslawen, Wenden, sich dem Aufstand anzuschließen. Otto plante die Feldzüge, war aber so klug, sich bei seiner militärischen Feuertaufe als König der Erfahrung lange gedienter Krieger, die auch mit den örtlichen Verhältnissen besser vertraut waren, nicht zu verschließen. Er kämpfte an ihrer Seite, überließ ihnen aber die Führung vor Ort und konnte erfolgreich heimkehren. Wenn es sich nicht gerade um seine Verwandten handelte, hatte er oft ein sicheres Gespür für Leute, auf die er sich verlassen konnte, wie z.B. auf die Markgrafen Gero und Hermann (gen. Billung), welche mit Stärken und Schwächen der slawischen Nachbarn vertraut waren und die er mit der Besiedlung, Verwaltung und Verteidigung der Marken zwischen Saale und Elbe betraute (Obersachsen, dem heutigen Bundesland Sachsen). Hier wie in den Gebieten in Mecklenburg und Pommern galt es, die Ostgrenzen zu sichern. Gerade die Belehnung Geros aber zog Otto in den Strudel von Auseinandersetzungen, die zuerst zu Thankmars Erhebung gegen seinen Halbbruder Otto führten, weil er die Lehen Geros für sich selbst forderte (Mitgift seiner Mutter). Büßen mußte es jener mit einem gnadenlosen Tod, einem Meuchelmord in der Kirche von Eresburg (Weserbergland- einst Ort eines heidnischen Heiligtums), in deren trügerischem Schutz ihn ein Lanzenstoß durchs Fenster niederstreckte. Otto war daran nicht beteiligt. 5)

Etwa zur gleichen Zeit (937) starb Arnulf von Bayern, »der Böse«, ein Beiname, den ihm die Kirche verabreicht hatte, zog er doch Kloster- und Kirchengut ein, um damit Maßnahmen gegen die Einfälle der Ungarn zu finanzieren, denen Bayern (als Nachbarland) stark ausgesetzt war. Arnulf widersetzte sich zunächst – wie auch andere Herzöge – dem Reichsgedanken und dem ersten deutschen König Konrad I., da er sich wohl – besonders nach ersten Erfolgen gegen die unbezwingbar erscheinenden Reiterhorden der Ungarn – für den besseren Thronanwärter hielt. Die Süddeutschen hatten ihn gegen Ottos Vater Heinrich I. zum Gegenkönig gewählt, dem er sich aber nach anfänglichem Zögern unterwarf. Dessen Sohn war er eine zuverlässige Stütze. Er hatte maßgeblichen Anteil an der endgültigen Entscheidung für Otto und an der Neugestaltung des Reiches in dessen Sinne. Nach seinem Tod ging der Funke des Aufstands kurz auf Bayern über, wurde aber durch das Eingreifen Ottos schnell beendet (Absetzung von Arnulfs Sohn).

Zäher war die Erhebung in Franken und Lothringen, wo Eberhard und Giselbert, verstärkt durch Ottos Bruder Heinrich, eine antikönigliche Allianz bildeten. Der König war ihnen offenbar zu mächtig geworden. Der Loth-
ringer fühlte sich – bedingt durch die geographische Lage seines Herzogtums – als Zünglein an der Waage zwischen Deutschland und Frankreich. Er drängte den französichen König Ludwig IV. (»den Überseeischen« – weil er einst am englischen Hofe aufwuchs) zu einem Bündnis gegen Otto, was Lothringen und Deutschland staatsrechtlich hätte gefährlich werden können, fühlte sich der Franzose – einzig überlebender westfränkischer Karolinger – doch als Rechtsnachfolger des alten Frankenreiches. Ziel dieser politischen Wühlarbeit war die Absetzung Ottos, von der sich die Großen mehr Unabhängigkeit versprachen. Er war nämlich nicht mehr bereit – im Gegensatz zu seinem Vater, der sich noch als »primus inter pares«, als Erster unter Gleichen mit den Herzögen empfand -, seinen königlichen Willen vor seinen Vasallen zu verbergen. Das sollte nun durch die Thronerhebung Heinrichs anders werden. Ausgezahlt hatte es sich für die beiden Aufrüher nicht. Dennoch schien Ottos Stern zu verglühen, als Ludwig IV. ins Elsass einfiel, Anhänger in Lothringen gewann und sich in Ottos Lager, wo die militärische Situation bereits als aussichtslos empfunden wurde, Bewegungen zugunsten des Rivalen Heinrich regten. Überraschenderweise gelang bald darauf dem getreuen Hermann von Schwaben bei Andernach am Rhein ein Coup, bei dem die beiden, sich in allzu großer Sicherheit wiegenden Abtrünnigen, beim Brettspiel überrascht wurden, während ihr Heer mit der Verteilung der Beute beschäftigt war. Eberhard wurde niedergehauen und Giselbert, der mit seinem Pferd zunächst entkam und in den Rhein springen mußte, wurde ein Opfer des ihn in die Tiefe ziehenden schweren Panzerhemdes. 6

Heinrich spielte nun den Reumütigen und gab den Widerstand auf. Dafür bekam er die gerade verwaiste Herzogswürde von Lothringen. Er sollte nun als Bruder in den Angelegenheiten des Reiches mit Otto an einem Strang ziehen. Heinrichs »Dank« ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem er Otto in offener Feldschlacht nicht hatte bezwingen können, mußte ein anderes Mittel her – wenn es nicht anders ging, der Bruder- und Königsmord. Was nun folgt, trägt die Züge Shakespearescher Dramatik: Der König sollte an Ostern in Quedlinburg auf dem Weg in die Kirche von den Verschwörern mit dem Schwert durchbohrt werden. Das Komplott wurde verraten, manche baumelten am Galgen oder wurden anderweitig bestraft, Heinrich kam in Untersuchungshaft, ein Ehrengericht der Herzöge sollte über seine Strafe befinden. Es gelang ihm die Flucht, aber nicht um als Geächteter sein weiteres Leben zu fristen. An Weihnachten 941 erschien er freiwillig vor der Frankfurter Bartholomäuskirche, warf sich seinem Bruder zu Füßen, gelobte ihm von nun an ewige Treue und hoffte auf Begnadigung. Der ersten deutschen Dichterin, der sächsischen Nonne Roswitha von Gandersheim, die auch Dramen (in lateinischer Sprache) verfaßte und Ottos Taten pries, verdanken wir die Poesie dieser »Frankfurter Weihnacht« (in Hexametern): »Als es der König vernommen, besiegte die Liebe die Strenge/ Und des nahenden Festes, das alle verehren, gedenkend/ Fühlt er Erbarmen, berührt vom Schuldbekenntnis des Bruders/ Und gönnt liebend ihm wieder Besitz von seiner Geneigtheit/ Nebst dem Geschenk von seiner vollen Vergebung...«7)

Dennoch wurde er vorerst in der Pfalz von Ingelheim inhaftiert.

Dem Beobachter der damaligen Szene drängt sich dabei schon die Frage auf, ob zuviel Großmut und Versöhnungsbereitschaft nicht doch schon eine Form von Naivität, vielleicht sogar Dummheit ist. Otto ging mit seinem Bruder große Risiken ein, seine Rechnung aber ging auf. Intrigiert hatte er von nun an nicht mehr, vielmehr schien er, nach Roswithas Worten, nicht wie ein Bruder aufzutreten, sondern wie dessen Sklave. So ist es nicht verwunderlich, daß Heinrich nochmals die Chance einer Herzogswürde bekam, diesmal als Herzog von Bayern (948). Er war bereits vermählt mit Judith, der Tochter Arnulfs. Von nun an kämpfte er loyal an der Seite des Bruders. Sein drängender Ehrgeiz erhielt durch Ziele im Süden eine Lebensaufgabe. Er gewann für sein neues Land die Markgrafschaften Istrien (heute zu Kroatien), Friaul und Verona. Damit hatte Bayern die Adria und die größte Ausdehnung seiner Geschichte erreicht und Heinrich galt neben Otto als der zweite Mann im Reiche. Das nun wiederum führte zu Spannungen mit seinem Neffen Liudolf, der als Ottos Sohn und Herzog von Schwaben selbst nach Süden ausgreifen wollte.


Quellennachweise: Teil 1: 1) Fotos der Holzskulpturen in der Ausstellung »Macht und Vergänglichkeit« (Kloster Seeon) von Erwino Nitz. – 2) Nach Widukind von Corvey, Sachsengeschichte II/36, Katalog Otto der Große, Kloster Seeon. – 3) Widukind, nach S. Fischer-Fabian, Die deutschen Cäsaren, Locarno 1977, S. 27. – 4) Widukind, nach Gisebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, Bd. I., 1855, S. 224 ff. – 5) Nach Widukind Sachsengeschichte II/11, Katalog Otto der Große, Kloster Seeon, Tafel 1. – 6) Nach Fischer-Fabian, ebenda, S. 44. – 7) ebd. S. 46.

Werner Segerer

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 42/2001



41/2001