weather-image
-1°
Jahrgang 2008 Nummer 23

Oldtimer der Devotion und Helferlein für ein besseres Jenseits

Die diesjährige Sonderausstellung im Salzburger Dommuseum zeigt Rosenkränze massenweise



Gleich in jeder Hand hält die Gottesmutter einen Rosenkranz, und damit nicht genug: Ein Engel assistiert ihr, und auch er hält eine Gebetskette für Dominikus bereit. Der auf diese Weise spirituell in die Zange genommene Heilige kann also gar nicht anders als devot die Augen niederschlagen und fürderhin ein emsiger Betreiber dieser Andachtsform werden.

So hat es der Kitzbühler Maler Simon Faistenberger 1747 in seinem Altarbild »Rosenkranzspende« eindringlich festgehalten. Er ist damit einer populären Legende gefolgt. In Wahrheit hat der Orden der Dominikaner zwar das Rosenkranzbeten emsig vorangetrieben, aber »erfunden« haben es die Zisterzienser.

Zwei Sammlungen von Rosenkränzen sind dem Salzburger Dommuseum überantwortet worden, und diesem Schatz gilt heuer die sommerliche Sonderausstellung. Sechshundert Rosenkränze! Würde man eine jede dieser Perlenschnüre andächtig entlang beten, käme man auf vierzig Acht-Stunden-Tage, sagt Dommuseums-Leiter Peter Keller. Das müsste reichen, um bekehrt zu werden.

Wenn man jeden Rosenkranz auch nur eine Minute anschaut, braucht's einen sechsstündigen Besuch im Museum. Das erscheint auch etwas übertrieben für eine Glaubensübung, der sogar der Tiroler Altbischof Reinhold Stecher im einleitenden Katalogtext bescheinigt, ein »Oldtimer der Devotion« zu sein. Hand aufs Herz: Wer weiß heutzutage noch was anzufangen mit der Perlenkette?

Das war früher anders: Da hatte jeder Christ seinen Rosenkranz, als fetischhafte Kranken-Zusatzversicherung und Helferlein für ein besseres Jenseits. Ein Rosenkranz gehört in die Hände der Frommen, auf unzähligen Bildern, auf Grab-Plastiken. Als 1475 in Köln die erste Rosenkranz-Bruderschaft gegründet wurde, hatte sie binnen eines Jahres achttausend Mitglieder. In Salzburg wurde diese Form der Frömmigkeit erst im frühen 17. Jahrhundert so recht populär. Vor allem Kitzbühel war ein rechtes Zentrum des Rosenkranzbetens.

Hübsch sind sie präsentiert, die Gebetsketten – zum Beispiel in einer Art Laube in Kreuzbogenform aus Plexiglas. Wer genau schaut, findet manche Besonderheit oder Skurrilität. Da findet sich schon mal eine Münze mit der Mariazeller Madonna oder es ist ein Stück Koralle mit eingearbeitet. Auch ein Wolfszahn, eine Marderkralle oder dergleichen waren kleine Dinge, auf die der Aberglaube große Stücke hielt. Für Volkskundler ist die Schau deshalb ein Eldorado. Aufgeklärte Geister mögen die Ausstellung immerhin als etwas mit hohem Freak-Wert einstufen.

Auffällig, wenn die Perlen beispielsweise durch Natternwirbel ersetzt sind. Und erst die vielen Totenköpfe oder janusgesichtigen beschnitzten »Perlen«! Der Totenkopf hat natürlich die Bedeutung eines Memento mori. Es war angeraten, nicht nur am Totenbett einen Rosenkranz in Händen zu halten.

Gebetsschnüre gibt es übrigens in allen Religionen: 33 oder 99 Kugeln hat der islamische Tasbih, über hundert die hinduistische Mala. 33 Kugeln brauchen die orthodoxen Christen zum Rosenkranzbeten. Und wir Katholiken? Sollten Sie's nicht wissen, wird es vielleicht mal wieder Zeit, den Katechismus hervorzukramen oder bei den Großeltern zweckdienliche Hinweise einzuholen. (Bis 26. Oktober)

Reinhard Kriechbaum



23/2008