weather-image
Jahrgang 2008 Nummer 34

Oldtimer der Devotion

Das Dommuseum zu Salzburg zeigt Rosenkränze als Schätze katholischer Frömmigkeit

Rosenkranzmadonna aus Thumersbach, Erzdiözese Salzburg (1650 – 1700?) mit Blick in einen Ausstellungssaal des Dommuseums zu Salz

Rosenkranzmadonna aus Thumersbach, Erzdiözese Salzburg (1650 – 1700?) mit Blick in einen Ausstellungssaal des Dommuseums zu Salzburg
Abschluss eines Rosenkranzes (18. Jahrhundert): Medaillon »Maria Hilf« (Schwäbisch Gmünder Arbeit).

Abschluss eines Rosenkranzes (18. Jahrhundert): Medaillon »Maria Hilf« (Schwäbisch Gmünder Arbeit).
Votivbild, Rosenkranz betende Stifterfamilie, Teisendorf (Mitte 18. Jahrhundert)

Votivbild, Rosenkranz betende Stifterfamilie, Teisendorf (Mitte 18. Jahrhundert)
Von der weiß stuckierten Decke des ersten Saales im Salzburger Dommuseum hängt eine lebensgroße »Immaculata« mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie steht, das Szepter schwingend, das Haupt bekrönt, auf der Weltkugel. Ein Rosenkranz umgibt die Figur und bildet um sie ein Oval aus kugeligen Perlen. Erst beim zweiten Hinsehen beginnt man zu zählen – sechsmal zehn Gesätze. Man stutzt. Fünfmal zehn Gesätze ist man gewohnt. Auch den »Zehner« hat man schon gesehen: zehn Perlen aufgereiht an einer Schnur, oft abgeschlossen durch ein Kreuz oder einen Totenkopf. Je zwei »Zehner«, also zwanzig Ave-Perlen sind um die Madonna weiß, rot und gelb. Was hat das zu bedeuten? Repräsentiert das den freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranz in simultaner Darstellung? Die drei Tugendperlen nehmen die drei Farben auf: Glaube – weiß, Liebe – rot, Hoffnung – gelb, nicht wie üblich grün. Die Rosenblüten der fünf Paternosterperlen sind auch nicht rot, sondern golden. Wie das balusterförmige, gleichschenkelige Credokreuz.

Der Besucher der Ausstellung »Edelsteine – Himmelsschnüre. Rosenkränze und Gebetsketten« ist mit der von der Decke hängenden Thumersbacher Rosenkranzmadonna (wohl 1650/1700) mitten im Thema. Er denkt nicht gleich an ihre Salzburger Provenienz. Im Gebiet des ehemaligen Erzbistums gibt es noch drei ähnliche Exemplare. Er denkt zuerst an Franken, an Nürnberg und Volkach. Doch hat auch das Innsbrucker Volkskunstmuseum zwei dieser Typen: Maria, Königin des heiligen Rosenkranzes. Marias Bildnis – hundertfach trifft man es beim Gang durch die üppig hinter dickem Glas hängenden, pfundschweren, fett behängten Rosenkränzen und Fraisenketten.

Von Bischof Reinhold Stecher stammt die flotte Bezeichnung dieser Frömmigkeits-»Geräte« als »Oldtimer der Devotion«. Dass sie noch heute, insbesondere bei Sammlern religiöser Volkskunst, genug Attraktivität besitzen, ist am regen Besuch der Schau ablesbar. Zwei Sammlungen sind hier vereinigt. Sie werden erstmals in dieser Kombination der Öffentlichkeit präsentiert: die des Schweizers Fredy Bühler (bereits 2003 in Sachseln, später auch in Speyer und Freising gezeigt) und eine, die Prälat Johannes Neuhardt in Wien ausfindig machte und für »sein« Dommuseum gewinnen konnte, dank großzügiger Subsidiarität der Münchner Edith-Haberland-Wagner-Stiftung.

Die rund 600 Exponate alle einzeln, Perle für Perle, Anhänger für Einhänger, Amulett für Gitterguss, Medaille für Medaillon, Schnur für Schnur zu erfassen, gelingt vielleicht dem Kenner. Aber auch er ist schon bald trunken ob der überwältigenden religiösen Ästhetik, des kaum schätzbaren (auch materiellen) Reichtums und der grandiosen Vielfalt dieser sakralen »Gehänge«. In ihrer Pracht und Fülle spiegelt sie das barocke Frömmigkeitsbild einer Zeit wider, in der – für Salzburg (und speziell hierfür haben Museumsdirektor Peter Keller und Mitarbeiter die Ausstellung konzipiert) – eine klerikale Gestalt ausschlaggebend war: Erzbischof Max Gandolph Graf von Kuenberg (1622 – 1687).

Ein nach ihm benannter vergoldeter Kelch aus getriebenem Silber – Meister Fesenmayr übersäte ihn mit Edelsteinen und Perlen – weist 15 rosafarbene Emailmedaillons mit den dreimal fünf Geheimnissen auf. Seit 1676/77 setzte sich Max Gandolph für die Gründung von Rosenkranzbruderschaften ein, wie ein großer Bruderschaftszettel belegt, ähnlich »bebildert« wie der Kelch. Erst 1716 wurde in Salzburg das Rosenkranzfest eingeführt. Die Ausstellung arbeitet die Verbindung zum Salzburger Hofmusiker Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 – 1704) heraus, der Max Gandolph seine so genannten, heute wieder öfters aufgeführten »Rosenkranz-Sonaten« widmete.

Wer in der Ausstellung selbst auf Grund des – zwar wohlgeordneten sowie akribisch und ausführlich beschrifteten, dennoch den Betrachter stark fordernden – überbordenden Angebots zur Frömmigkeitspraxis per Rosenkranz und »Betschnur« und zur Widerspiegelung der Entstehungsgeschichte in Gemälden (Albrecht Dürers »Rosenkranzfest«), Druckwerken, Skulpturen und Tafeln nicht umfassend nachgehen kann, sei auf den vorzüglichen Katalog verwiesen. Er ist zur »Nacharbeit« dringend empfohlen. Darin wird wenigstens kurz – die Ausstellung leistet das nur ansatzweise – darauf verwiesen, dass auch Islam, Buddhismus und Hinduismus die »Gebetsschnur« kennen.

Die 2003 von Urs-Beat Frei (heute Direktor des Museums Zug) konzipierte Ausstellung in Sachseln mit dem beredten Titel »Zeitinseln – Ankerperlen. Geschichten um den Rosenkranz« berücksichtigte den glaubensübergreifenden Aspekt weitaus mehr. Freilich arbeitet die Sonderschau im Dommuseum Spezifisches für Salzburg und das Salzburger Land (Rosenkranzproduktion in Kitzbühel) heraus und präsentiert folglich Exponate, die beinahe alle den direkten Bezug zur Geschichte des Erzbistums haben. So ergänzen sich beide große Rosenkranz-Ausstellungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die von Sachseln und die von Salzburg. Die auch hier gezeigte staunenswerte Sammlung Fredy Bühler vermag beide Ausstellungen auf das Glücklichste zu verbinden. Dass der Schweizer seine Schätze Österreich überantwortete, mag erstaunen. Ein erheblicher Zugewinn für den Salzburger Domschatz.

Hans Gärtner

Information: Ausstellung »Edelsteine – Himmelsschnüre« (Rosenkränze und Gebetsketten), 33. Sonderschau des Dommuseums Salzburg, bis 26. Oktober 2008, geöffnet Montag bis Samstag 10 – 17 Uhr, Sonn- und Feiertage 11 – 18 Uhr, Führungen Samstag 10.30 Uhr und nach Vereinbarung, Katalogbuch, herausgegeben von Peter Keller und Johannes Neuhardt, 343 Seiten, mit vielen Abbildungen 29,90 Euro. »http://www.kirchen.net/dommuseum«, www.kirchen.net/dommuseum.



34/2008