Jahrgang 2003 Nummer 8

Ohne Wurst gibt’s kein Schlaraffenland

Auch die Wurst ist eine Faschingsspeise – Die Minnesänger rühmten Würste »länger als ein Speer«

Die Blutwurst muss bereits eine Lieblingsspeise der indogermanischen Urzeit gewesen sein. Später sehen wir dann die Griechen als Liebhaber der mit Blut gefüllten Gedärme von Opfertieren. Die Römer der Kaiserzeit waren nicht mehr so anspruchslos. Sie kannten bereits eine ganze Reihe von Wurstsorten. Man ließ auch Würste aus Gallien, die als besonders wohlschmeckend galten, in die »Hauptstadt der Welt« kommen.

Hierzulande hat sich die Kenntnis feiner Wurstsorten allem Anschein nach von Italien und Frankreich her eingebürgert. Vier Arten Wurst sind uns im Mittelalter verbürgt: Hirnwurst, Blutwurst, Leberwurst, Fleisch- und Bratwurst.

Die feinsinnigen Minnesänger verschmähten es nicht, »würst lenger dan ein sper« zu verherrlichen. Und noch aus der frühen Neuzeit wird uns von überdimensionalen Würsten berichtet. So wurde etwa im Jahre 1606 zu Königsberg in Preussen bei einem Umzug eine Wurst mitgetragen, welche die stattlich Länge von 2010 Fuß aufwies, das sind ungefähr 600 Meter! Seit der Zeit des späten Mittelalters begann man sich darum zu kümmern, dass es beim Herstellen von Wurst, die zum Verkauf bestimmt war, mit rechten Dingen zugehe. Behördliche Verordnungen mahnten die Metzger, keine minderwertigen Fleischsorten zu verwenden und ja keine Schwarten zuzusetzen.

Und solche Beliebtheit hat sich die Wurst errungen, dass man sich ohne sie das Schlaraffenland nicht vorstellen kann. Doch auch in dem Decamerone des italienischen Dichters Boccaccio taucht eine paradiesische Gegend auf, wo die Leute neben einem Berg von Parmesankäse die Reben mit Bratwürsten binden.

Wie sollte es uns da wundern, wenn bei uns und auch in anderen Ländern die Menschen gerade zu jener Zeit des Jahres, die dem Schlaraffenland am nächsten kommt, in Würsten geschwelgt haben, nämlich in der fröhlichen Fastnachtszeit? Tatsächlich schreiben alte Bräuche sogar den Genuss dieser üppigen Speise zur Fastnacht sogar ausdrücklich vor.

So verlangt der Volksglaube in Bayern und Franken, man müsse vor Sonnenaufgang des Faschingsdienstages Hirsebrei und Blutwurst essen um das ganze Jahr über frei von Fieber zu bleiben und immer Geld zu haben.

Im Zürcher Oberland heißt dieser Tag geradezu »Schüblingziistig«, weil dort das übliche Mittagessen an Fasnacht Würste (Schüblinge) sind. Und zu St. Gallen kennt man das Fasnachtssprüchlein: »Ezt chunnt die luschtig Fasnachtsziit, wos Brotwürscht rägnet und Chüechli schniit«.

Altüberlieferter Fastnachtsbrauch ist auch das Würstesammeln mit Heischeliedern; der Reformator Luther bezieht sich bereits in seinen Tischreden darauf. Von den überlieferten Reimen, die beim Würsteheischen gesungen oder hergesagt wurden, sind uns noch so manche, namentlich dem württembergisch-badischen Raum, erhalten. Sie schließen immer wieder mit dem ebenso durchdringenden wie prägnanten Refrain: »Würschtle raus, Würschtle raus!« Übrigens ist dieser Fastnachtsbrauch auch in die Literatur eingegangen: der Mundartdichter Johann Peter Hebel hat in seinem »Statthalter von Schopfheim« das »Singen ums Würstli« erwähnt.

EL



8/2003
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