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Jahrgang 2008 Nummer 11

»O welch ein heiliger Schauer…!«

Die Karwoche: alte Bräuche und Andachtsgraphik

»O welch ein heil. Schauer durchwehet mich…«, betete der fromme Christ noch vor 150 Jahren »bei dem heiligen Grabe Jesu«. Ein alter, einmal gefalteter Gebetszettel – links die handkolorierte Darstellung vom »Hl. Grab Christi« mit dem Leichnam Jesu, auf ein Leintuch gebettet, von Engeln adoriert, dem bloßen Kreuzesholz auf dem mit einem schwarzen Tuch verhüllten Kalvarienberg, dem Tempel von Jerusalem im Hinter- und den Leidenswerkzeugen im Vordergrund, rechts der Text eines »herzrührenden Gebets« – schließt mit der Anrufung

Gedenk o Jesu, Heiland mein,
O laß mich einst im Himmel Dort
Mich Deiner heil. Näh’ erfreun.

Ein Besuch des Heiligen Grabes stand früher, geradezu als Pflichtleistung, auf dem zu absolvierenden Programm jedes bayerischen Katholiken. Und zwar »Charfreytags«, wie es ein Andachtsheftchen »auf die drey letzten Tage in der Charwoche«, gedruckt in Burghausen 1828, formuliert. Das althochdeutsche »Char« geht auf das (heute gebräuchliche) »kar« zurück und bedeutet »Wehklage«, »Trauer«. »Wehwoche« hießen mancherorts in Süddeutschland denn auch die Tage zwischen Palmsonntag und Ostersamstag.

Der Beter am Heiligen Grab – das Barock schuf heute wieder zu Pilgerstätten gewordene, herrlich theatralische Aufbauten mit oft lebensgroßen bunten Menschen- und naturgetreuen Landschaftsdarstellungen, vielfarbige, mit Wasser gefüllte Glaskugeln waren rückseitig beleuchtet und sorgten für eine geheimnisvolle, zauberhafte Stimmung – fiel (wie am Gründonnerstag vor dem ausgesetzten Allerheiligsten in der Monstranz) »ehrerbietig« und »demüthig« auf die Knie. Wie es in dem Burghauser Andachts-Heftchen steht, spricht er leise und ziemlich ungelenk:

O mein gekreuzigter Jesu!
Ich komme hieher dich zu besuchen,
in deinem Durst zu tränken,
in deinen Ohnmachten zu laben,
und von dem harten Holz des
Kreuzes abzunehmen…

Jesu bitteres Leiden und schmerzlicher Tod möge »uns armen Sündern zu Guten kommen«, wird zum Himmel gefleht. Die gute Absicht war unverkennbar. Und wurde – wie beispielsweise in Aschau im Chiemgau geschehen – gelegentlich ihres Ernstcharakters beraubt, als dort, an einem Karsamstag vor etlichen Jahrzehnten, beim Erklingen des dreimal wiederholten priesterlichen Singsangs am Ende desselben die beiden Burschen wie vom Blitz getroffen zu Boden stürzten, die, als römische Soldaten verkleidet, das Heilige Grab bewachten.

In einer Münchner Pfarrei soll es, wohl ein Überbleibsel der uralten Passionsspiele und Ausdruck der gegenreformatorischen Bestrebungen, üblich gewesen sein, ein lebendiges Mannsbild als leblosen Christus ins Grab zu legen. Hierfür nahm man, wohlgemerkt, nicht irgendjemanden, der sich durch die Übernahme dieser Rolle geehrt fühlen durfte, sondern vorzugsweise hoch angesehene Persönlichkeiten. Kein Geringerer als Graf Anton zu Törring-Seefeld soll zuletzt als »lebender Leichnam« fungiert haben. Der Mann war immerhin (seit 1793) Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Doch beginnt die Karwoche ja mit dem Palmsonntag. In Eduard Stemplingers erfrischenden »Immerwährenden Bayerischen Kalender« von 1973 ist zu lesen: »Am Tage vor dem Palmsonntag geht es ans Schmücken der Gerte mit bunten Seiden- und Papierstreifen, Äpfeln, Nüssen, Brezeln und Orangen. In Deggendorf brachten Knaben früher riesige, bis zum Chor der Pfarrkirche emporragende Weidenbäume mit, mit denen sie dann nicht selten ins Geräufe kamen. Oft schlugen sie zum Gaudium des andächtigen Publikums und zum Ärger der Geistlichkeit in der Kirche aufeinander los.«

Der mitgebrachte Palmenbuschen (in unserer Gegend tut es ein Strauß Weidenruten mit den flauschigen Kätzchen, da und dort »Maunzerln« oder »Mudeln« genannt) wurde vor dem Sonntagsamt geweiht. »Durch die Weih«, schreibt Karl von Leoprechting in »Bauernbrauch und Volksglaube« 1855, »erlangt er die große Kraft gegen alle Zauberei und gegen den Blitzschlag und bildet sohin einen schönen Haussegen… Der Haselstecken darf nicht zu lang und muss geschält seyn, denn die Hexen vermögen in den engsten Raum, sogar zwischen Holz und Rinde zu schliefen… Jedes Haus lässt so viele Buschn weihn, als es für Stuben, Kammern, Stallungen nöthig hat. Während einem Wetter wirft man einen kleinen Theil des Palms in das Herdfeuer, wodurch man sich den Einschlag des Blitzes abwehrt…« Viel Aberglauben spielte früher in das religiöse Brauchtum herein.

Doch auch vom Palmesel sprechen alte Brauchtums-Schilderungen – zur Erinnerung an Jesu Einzug in Jerusalem, bei dem der Herr auf dem Rücken einer Eselin gesessen sein soll. »Is’ an Palmsonntag klar, gibt’s ein fruchtbar’ Jahr«, war eine Bauernregel. Den Palmsonntag des Jahres 1877 vergaß man in Halsbach, dem Geburtsort Jörg Ganghofers, des Erbauers der Münchner Frauenkirche, lange nicht. Da brachte die Ehefrau des Schullehrers Henne den 20. Knaben zur Welt. Halsbach wurde damals berühmt auf Grund dieses die enorme Fruchtbarkeit der Landbevölkerung des nördlichen Chiemgaus indizierenden Palmsonntags-Ereignisses.

Am Gründonnerstag – er endet im Neuen Testament mit dem Abendmahl, der Einsetzung des allerheiligsten Altarssakraments – »greinte« (»grün« kommt von »greinen«) man ob des Herrn Todesangst auf dem Ölberg, wo er Blut schwitzte (»Christus sang(ui)nem sudans« steht unter einer Darstellung mit dem Engel des Trostes, der auf einer Wolke schwebt) und seine drei Begleiter schlafend fand. Trotz der prekären Lage, an welche die Heilige Schrift gemahnt, ließ man sich im Wirtshaus seiner Gemeinde das Bier schmecken, zu dem die »Männer ihre Weiber« mitnahmen. Es sei dies, nach Karl von Leoprechting, »dem in alten Zeiten folgenden Liebesmahl zu vergleichen«. Nach welchem man sich, wie überliefert wird, zu versöhnen hatte, falls man das Jahr über zerstritten war.

Gelobt sei Jesus Christus
zum Griendonnsche!
Wenn ihr mir nix gebt,
dann schmeiß’ch euch
ei de Ponsche!

So hörte man nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlingskinder aus dem Sudentenland durch das Dorf ziehen. »Ponsche« – das war eine Pansche, eine Dreckspfütze. In einer »Hucke« (in Altbayern »Pschoatiachi«) sammelten die ausgehungerten Mädchen und Buben Naturalien bei Verwandten, Freunden und Nachbarn. Dort aß man, vom Fasten schon recht ausgemergelt, gerne die »grüne Suppe« mit dem frischen Kerbel – ein Frühlingsbote selbst der ärmsten Küche. Der Bettel- oder Heischebrauch ist völlig ausgestorben, die »Kerblsuppe« gibt’s noch.

Zu »Ehren des bittern Leidens und Sterbens Jesu Christi« waren im 18./19. Jahrhundert in unserer Gegend gedruckte »Freitags-Gebete« im Umlauf. Sie richteten sich gegen die Juden in einer heute kaum mehr verantwortbaren Weise, was die Kirche damals aber anscheinend duldete. Diese »Freitags-Gebete« fassen das Karfreitagsgeschehen zusammen. Sie gehen gewissermaßen die ganze Karwoche betrachtend durch:

Wie mein Jesus ist auf den Oelberg gegangen, fing er Blut zu schwitzen an, er ist in den Garten Gethsemane gegangen, da haben ihn die falschen Juden gefangen, sie führten ihn in das Richthaus, von dem Richthaus führten sie ihn wieder mit Schand und Spott heraus, sie drückten ihm auf sein heiliges Haupt die Dornenkrone, daß sein heiliges Blut herausfloß. Es floß herab über sein heiliges Angesicht, Jesus sprach: Meine Wangen sind blaß von dem harten Backenstreich. Mein heiliges Kreuz drückt mir meine Wunden so tief, daß sowohl die kleinen als auch die großen Wunden bluteten.
Das Blut, welches ich vergossen, haben mir die Juden angethan.

Die »heilige Woche« wird durch den Karsamstag abgeschlossen. Bevor man fröhlich, nach der feierlichen Auferstehungsfeier in der Pfarrkirche, die Osterlichter, abgenommen von der Osterkerze, heimtragen darf, bei Orgelgebraus und Glockengeläut (das »Geratsch« hat endlich ein Ende), hatte man sich mit Pfeifen und Singen und Musizieren zurückzuhalten. Niemand wagte – besonders an Karfreitag und Karsamstag – zu lärmen oder ausgelassen zu sein. Man hatte Respekt vor der »Marter«, die Christus angetan wurde auf seinem Kreuzweg und auf Golgatha. In einem Andachtsbüchlein aus Wien (1677) ist von der »Heil. Char- oder Marter-Wochen« die Rede. Nicht nur in Nonnenklöstern, auch in frommen Bürger- und Bauernhäusern wurden »Antlitz Christi«- oder »Sudarien«-Bilder betrachtet. Sie führten drastisch das Blut schwitzende, durch grobe Misshandlung gemarterte, von der Dornenkrone bekränzte, im Lied besungene »Haupt voll Blut und Wunden« des Schmerzensmannes vor Augen, nicht selten als Abdruck auf dem »Veronika«-Tuch. »Siehe an mein Angesicht«, wird in einem gereimten Spruch der Betrachtende gemahnt, »und dich nach meinen Spiegel richt«.

Hans Gärtner



11/2008