Jahrgang 2001 Nummer 48

Nikolaus, Weihnachtsmann und andere Gestalten

Über Jahrhunderte hat sich an ihren Auftritten viel verändert

Die »Nikolauswelt« ist für die Kinder – und auch für manchen Erwachsenen – nicht leicht zu verstehen. Da werden viele Buben und Mädchen am Nikolaustag von einem weißbärtigen Poltergeist in einem meist roten, pelzbesetzten Kapuzenmantel, in der Rechten eine Rute, in der Linken einen Sack, heimgesucht. Man trifft aber (jedenfalls in katholischen Gegenden) auch immer noch auf den Nikolaus im edlen Gewand, einer hohen zweispitzigen Kopfbedeckung und einem langen Krummstab, der den Kindern in der Regel ohne Rute und Gepolter seine Aufwartung macht. Dieser Gabenbringer erinnert jedenfalls noch daran, daß Nilolaus ein Bischof, ein Heiliger war, der vor langer Zeit gelebt hat und als Freund und Helfer der Kinder galt. Mit ihm hat alles angefangen.

Historisch ist über den Bischof von Myra, einer Stadt im Südwesten Kleinasiens, nichts zuverlässig bekannt. Vielleicht ist er am 6. Dezember, an unserem Nikolaustag also, gestorben oder beerdigt worden. Jedenfalls wird davon ausgegangen, daß er Ende des dritten, spätestens aber Anfang des fünften Jahrhunderts Bischof von Myra gewesen und auch schon bald als Heiliger verehrt worden ist. Seine Persönlichkeit kann also nicht durch historische Fakten verdeutlicht werden, sondern nur durch das, was wir durch die Legenden von ihm wissen.

Durch seine Wundertaten wurde er von den Christen als universaler Helfer geachtet und verehrt. Für seine Entwicklung zum Patron der Schüler ist vor allem die Schülerlegende von Bedeutung. Darin wird von drei fahrenden Scholaren berichtet, die auf ihrer Reise von einem Wirt aus reiner Habgier ermordet und in ein Salzfaß eingepökelt werden. Bischof Nikolaus deckt das Verbrechen auf und erweckt die drei ermordeten Schüler wieder zum Leben. In einer anderen Legende tritt Nikolaus auch schon als Gabenbringer in Erscheinung. Da will ein verarmter Mann seine drei heiratsfähigen Töchter in ein Freudenhaus geben, weil er sie nicht ebenbürtig ausstatten kann. Als Nikolaus dies erfährt, wirft er allen drei nachts je eine Goldkugel auf das Bett, um sie vor dem schlimmen Schicksal zu bewahren. Vor allem auf diese Legende ist es zurückzuführen, daß der Nikolaus als Schenkender auftritt, wobei er oft nicht als Person erscheint, sondern in der Nacht handelt und seine Gaben in die bereitgestellten Schuhe legt – heimlich, wie auch hier.

Das Verkleiden und in Szene setzen des heiligen Nikolaus geht auf Spiele in den spätmittelalterlichen Klosterschulen zurück, wobei ein von den Schülern gewählter Kinderbischof auftrat. Bei den damit verbundenen
Festivitäten kam es natürlich zu fröhlicher Ausgelassenheit, aber auch zu mancherlei Auswüchsen und Entgleisungen, wie es eben bei Verkleidungen oder Maskierungen leicht geschieht. So ist es nicht verwunderlich, daß Martin Luther, der die besondere Stellung der Heiligen ohnehin ablehnte und die Nikolausauftritte kritisierte (»got kennet... Niclaß bischoffe nit«), lieber vom »Heiligen Christ« sprach. Damit düfte er wohl, wenn überhaupt eine konkrete Vorstellung bestanden haben sollte, an ein weißgekleidetes erwachsenes Christkind gedacht haben.

Von Seiten der päpstlichen Kirche wurde da natürlich gegengesteuert. Die Kinder wurden nun erst recht auf den heiligen Bischof von Myra eingeschworen, indem sie vor dem 6. Dezember eifrig beten mußten. Wer das Vaterunser aufsagen konnte und sich tugendhaft verhalten hatte, erhielt dann auch seinen Lohn – Obst, Nüsse, Gebäck, kleine Spielsachen usw. Wer nicht fleißig und brav war, bekam weniger oder gar keine Gaben, wohl aber Ruten.

Von der Mitte des 17. Jahrhunderts machte der Nikolaus dann auch »Hausbesuche«. Er ging also zu den Kindern, und zwar meist nicht allein, sondern in Begleitung einer oder mehrerer Schreckgestalten, die je nach Landschaft recht unterschiedliche Bezeichnungen hatten. Am bekanntesten dürften der schwarze oder rote teuflische Krampus und der pelzvermummte, furchterregende Knecht Ruprecht gewesen sein. Hier handelte es sich um Gestalten, die die Kinder strafen und Angst verbreiten sollten. Dem Nikolaus fiel dann die Rolle des gütigen Herrn zu, der schlimme Strafen seiner teuflischen Begleiter verkürzen bzw. verhindern und die Kinder schließlich durch Güte, lobende Worte und die Verteilung von Gaben erfreuen konnte.

In Tirol und in anderen Teilen Österreichs tritt der Krampus auch heute noch mit auf, während der Nikolaus bei uns seit langem allein unterwegs ist und längst zugleich auch die strafende Funktion ausübt. Knecht Ruprecht hat sich ebenfalls seit langem verselbständigt und vor allem in protestantischen Gebieten die Rolle des Nikolaus übernommen. In Theodor Storms bekanntem Gedicht »Knecht Ruprecht« (Von drauß’ vom Walde komm ich her...) wird er als treuer Knecht des Christkinds sehr anschaulich dargestellt. In einigen Gebieten, hauptsächlich in evangelischen Teilen Frankens, kommt bereits am 11. November eine ähnliche Gestalt zu den Kindern: der Pelzmärtel. Der Name knüpft natürlich an den heiligen Martin an, der seinen Mantel mit einem Armen teilte, doch hat er in dieser Form mit ihm nichts mehr gemein und sich zu einem weiteren Gabenbringer in der Art des Nikolaus entwickelt.

Der Nikolaus war den Menschen so sehr vertraut, daß er natürlich nach wie vor eine wichtige Rolle spielte. Seine Erscheinung und sein Auftreten erinnerten aber immer weniger an den Bischof von Myra, den er einst darstellen sollte. Statt Mitra, edlem Gewand und Bischofsstab erschien er oft mit Zipfelmütze, abgetragenem Mantel und einem gewöhnlichem Stecken. Ein alt aussehender, buckliger Mann mit Bart – so konnte er die Kinder natürlich ängstigen oder sogar in Panik versetzen. Jedenfalls war der Nikolaus im 19. Jahrhundert zu einer Figur geworden, die keine katechetischen Absichten mehr hatte, sondern mithelfen sollte, die Kinder der bürgerlichen Gesellschaft zu erziehen – eine fragwürdige, wohl häufig mißbrauchte Methode.

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich so ein »multifunktionaler« Gabenbringer, dessen rotes Gewand vom Bischof, die pelzbesetzte Kapuze und die Stiefel aber vom Knecht Ruprecht übernommen wurden: der Weihnachtsmann. Mit Gabensack und Rute, mit Güte und Strenge, aber ohne religiöse Funktion – so besuchte er die Kinder damals wie heute. Durch die Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse wurden die Kinder, jedenfalls die aus den wohlhabenderen Familien, schon früher mit Geschenken überhäuft. Der Weihnachtsmann, aber auch der Nikolaus waren dadurch mehr und mehr zu Lieferanten geworden, die die gewünschten Geschenke ins Haus brachten. Auf farbigen, meist naiv gestalteten Ansichtskarten wurde Anfang des vergangenen Jahrhunderts gern dargestellt, wie die beiden Gabenbringer die Geschenke transportieren und den Kindern übergeben. Heute ist ihr Konterfei überall auf Plakaten, Klebebildchen, in Zeitungen und Zeitschriften als Reklame zu sehen. Auch als nickende Schaufensterpuppe oder in persona können wir ihnen im vorweihnachtlichen Rummel begegnen. Nikolaus und Weihnachtsmann als Werbeträger! Konsumdenken und Gewinnstreben haben da viel verändert. Umzubringen sind die beiden aber trotzdem nicht. Die Kinder (und nicht nur sie) warten am 6. und am 24. Dezember sehnsüchtig auf sie – so wie es schon immer war und wohl auch bleiben wird.

Hans Feist



48/2001