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Jahrgang 2004 Nummer 31

»Nicht in die Tretmühle, sondern nach Olympia«

Die Olympiade – einst ein »strapaziöses Volksfest« – Die Spiele in der Antike

Bevor im August Athen die Welt zu den Olympischen Sommerspielen 2004 willkommen heißt, wollen wir ein wenig aus der Geschichte dieser Idee erzählen.

Olympia, der heilige Bezirk in der altgriechischen Landschaft Elis, liegt 15 Kilometer von der Westküste des Peloponnes, einer Halbinsel im Süden Griechenlands, entfernt, am Ufer des Alpheios. Das Tal ist dort weit und anmutig, überall erheben sich sanfte Hügel mit Ölbäumen und Eichen. Bis Sparta sind es 120 Kilometer, bis Athen weit über das Doppelte.
Trotz der Gunst der Lage war Olympia niemals eine Stadt oder ein Dorf. Es war eine Kultstätte zu Ehren des Himmels- und Wettergottes Zeus und seiner Gattin Hera. Heute ist dort ein Trümmerfeld. Was aber die gewaltigen Erdbeben von 522 und 551 vor Christus übrig gelassen haben, genügt durchaus, Größe und Harmonie nachzuempfinden.

Als feste Bauten standen in Olympia damals nur Sporthallen, Unterkunftsräume für die Kämpfer, Trainer und so weiter, Schatzhäuser, in denen kostbare Weihegaben aufbewahrt wurden, einige wenige Verwaltungsgebäude und Beamtenwohnungen.

Das Stadion, ursprünglich nur eine abgesteckte Laufstrecke von 200 Metern, wurde ständig erweitert. Als die Pferde-Arena, das Hippodrom, dazugekommen war, sollen die Anlagen bis zu 45 000 Personen gefasst haben. Sie waren durch einen überwölbten Gang von der Altis erreichbar, dem von den damaligen Dichtern so oft besungenen heiligen Hain.

Abgesondert von den anderen Bäumen, dicht neben dem Zeus-Tempel stand der Ölbaum, von dem ein auserwählter Jüngling (der »doppelt Umblühte«; beide Eltern mussten noch leben) mit einem goldenen Messer die Zweige für die Sieger abschnitt.

Niemand durfte hier mit Waffen eintreten, auch keiner, der mit Blutschuld oder Bann beladen war. Zur Zeit der Spiele herrschte Frieden in ganz Griechenland, der Pilger dorthin stand unter dem Schutz des Göttervaters. In das politisch nie eine Rolle spielende Elis wurden die immer wieder in Fehde miteinander stehenden Griechen alle vier Jahre zu einem friedvollen Nationalfest eingeladen. Ihre Spiele waren, zumindest anfangs, weniger Sport als Religion.

Die Leidenschaft, mit der sie in Olympia kämpften, hatte einen tieferen Sinn als nur Ehrgeiz. Es trieb sie der Gedanke, durch den Körper zum Göttlichen, zum Gottähnlichen hinanzusteigen. In der olympischen Idee sahen die Griechen das, was sie am Klarsten und Weitesten von den Barbaren trennte.

Nun war diese allverbindende Idee allerdings nur eine Seite der olympischen Medaille. Die andere war die Menschlich-Allzumenschliche, weshalb ja die alten Griechen uns so sehr sympathisch sind: im Lauf der Zeit wurden die Spiele immer mehr ein strapaziöses Volksfest. Als geflügelter Wort-Witz galt damals die Geschichte von dem Herrn, der zu seinem Sklaven gesagt haben soll, »nicht in die Tretmühle werde ich dich zur Strafe schicken, sondern nach Olympia mitnehmen«.

Will man den Historikern glauben, so sind die frühesten Hinweise auf die Spiele etwa vier Jahrtausende alt. Seit 776 vor Christus ist uns ihre Geschichte fast lückenlos überliefert. Am Anfang der Wettkämpfe stand der Stadionlauf über etwa 200 Meter.

Zur Zeit des athenischen Staatsmanns und Feldherrn Alkibiades, der um etwa 500 vor Christus mit seinen Gespannen für eine Sensation sorgte, gab es schon über zehn Disziplinen. Dazu kamen als Darbietungen mit Siegerehrung: Heroldsrufen, Trompetenblasen, Dichtkunst. Am Turbulentesten ging es am letzten Tag zu, wenn die Pferde antraten. Der Dichter Homer hat ein solches Rennen in seinem Heldenepos Ilias mit hinreißender Realität beschrieben.

Doch es kam schließlich, wie es kommen musste: die Wettkämpfe, anfangs eine kultische Demonstration von Kraft und Harmonie zu Ehren des Zeus, wurden im Lauf der Zeit immer mehr Sache der Berufssportler. Begonnen hatte es bei den Wagenrennen. Sie wurden von Berufsfahrern bestritten, die zwar die Binde, nicht aber den Siegerkranz bekamen. Und die anderen Disziplinen machten Leute unter sich aus, die berufsmäßig umherreisten, um Siege zu sammeln.



31/2004