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Jahrgang 2015 Nummer 41

Napoleons Geschenk entpuppt sich als schwere Bürde

Tirol wird nach Bündnis mit Frankreich 1805 bayerische Provinz – Klerus hetzt gegen Besatzer

Hauptsitz der bayerischen Verwaltung in Tirol war Innsbruck, hier eine zeitgenössische Lithographie von Gustav Kraus. (Repros: Mittermaier)
Franz Defreggers Wallfahrer hätten unter der bayerischen Herrschaft einen Gesetzesverstoß begangen. Religiöse Bräuche waren eingeschränkt oder verboten worden, um die Produktivität der Bauern zu steigern.
Die österreichischen Bancozettel wurden gegen »harte« bayerische Gulden ausgetauscht.

Als Bayern in den Napoleonischen Kriegen 1805 die Seiten wechselt und sich mit Frankreich gegen Österreich verbündet, bringt das Kurfürst Max Joseph nicht nur die Königskrone ein, sondern auch das Gebiet der Grafschaft Tirol, die sich über Innsbruck, Brixen und Trient bis zur Nordspitze des Gardasees hinzieht. Doch was auf den ersten Blick als prestigeträchtiges Präsent erscheinen mag, entpuppt sich in Wirklichkeit als kaum zu schulternde Bürde für ein Land, das in den politischen und wirtschaftlichen Wirren der Zeit ein neues Staatsgebilde aus dem Boden stampfen muss. Dass sich die Bevölkerung zwischen Inn und Etsch den neuen Herren gegenüber dann auch noch so unsäglich undankbar erweist, lässt das Projekt scheitern, ehe es überhaupt richtig begonnen hat. Die Eingliederung Tirols ins Königreich Bayern war Resultat des Pressburger Friedens vom Dezember 1805 nach der Schlacht von Austerlitz, bei der Napoleon dem kaiserlichen Heer eine vernichtende Niederlage verpasst hatte. Das Gebiet von Kufstein bis zum Gardasee war bis dahin 400 Jahre lang Teil des Habsburgerreichs gewesen. Die Provinz Tirol war allerdings kein geographisch zusammenhängendes Gebilde, sondern ein wie auch in Bayern vor der Mediatisierung anzutreffender Flickenteppich an weltlichen und geistigen Herrschaften. Einer bayerischen Statistik zufolge lebten 1807 rund 600 000 Menschen in Tirol und stellten bei einer Gesamtbevölkerung des Königreichs von 3,5 Millionen immerhin ein Sechstel aller Einwohner. Diese mehr als eine halbe Million Tirolerinnen und Tiroler mussten sich nach der Abspaltung von Österreich nun nicht nur an einen neuen Herrscher, sondern auch an neue Gesetze gewöhnen.

Etwa 40 Prozent dieser »Neu-Bayern« ernährten sich damals von der Landwirtschaft, wobei ein Großteil der Bauern jedoch so wenig Ertrag zustande brachte, dass ihre Familien auf Nebenverdienste angewiesen waren. Viele Tiroler und Welschtiroler, wie die Bewohner jenseits des Brenners genannt wurden, mussten sich deshalb zusätzlich als Tagelöhner, Kleinhändler oder im Transportwesen verdingen. Dem Historiker Reinhard Heydenreuter zufolge erwirtschafteten vor allem die Händler und Saisonarbeiter, die im Ausland tätig waren, einen beträchtlichen Nebenverdienst, der jedoch nicht besteuert wurde, wodurch dem Land während der Habsburger Herrschaft enorme Einnahmen verloren gegangen waren. Den größten Anteil an Steuern verschaffte dem Land jedoch der Transithandel über die beiden stark frequentierten Alpenübergänge am Reschen und Brenner sowie der Warenhandel und Transport auf den Wasserstraßen Inn und Etsch. Die bedeutendsten Umschlagplätze für Handelsgüter waren damals Hall, Bozen und Rovereto. Aufgrund des – zumindest offiziell – geringen Steueraufkommens Tirols sowie einiger Sonderrechte in punkto Militär und Verteidigung hatte das Land im Vergleich zu anderen Regionen im Habsburgerreich traditionell eine Ausnahmestellung eingenommen, die von den sogenannten Landständen immer wieder mit Zähnen und Klauen verteidigt wurden, was nun auch die Beamten des neuen Landesherren zu spüren bekamen. Bayern stand damals vor einer großen Herausforderung: Denn all die Territorien – Tirol war ja nicht die einzige Herrschaft, die während dieser Jahre einverleibt worden war, mussten schnellstmöglich eine einheitliche Verwaltung erhalten, und das nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis. König Max I. Joseph und sein regierender Minister Maximilian de Montgelas mussten sich bei den notwendigen Reformen zudem an die Forderungen Napoleons nach einer moderneren Gesetzgebung halten, wollten sie nicht Spannungen mit dem französischen Kaiser heraufbeschwören. Napoleon hatte mit seinem Code civil ein Rechtswerk geschaffen, das nicht nur auf der Gleichheit aller vor dem Gesetz fußte, sondern auch eine strikte Trennung von Kirche und Staat vorsah. Jener letzte Punkt sollte für besonders viel Ungemach in Tirol sorgen, denn die Würdenträger des tiefkatholischen Landes unternahmen alles, um eine Beschneidung ihres Status und damit ihrer Macht zu verhindern. Leiter der bayerischen Zivilverwaltung in Tirol, die ihren Hauptsitz in Innsbruck hatte, wurde Carl Graf Arco, dessen Familie aus Welschtirol stammte und dessen Schwester Ernestine die Ehefrau von Maximilian de Montgelas war. Erste Aufgabe der bayerischen Beamten war es nach der offiziellen Übergabe Tirols, der hiesigen Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Um der in ganz Österreich in den vergangenen Jahrzehnten stetig steigenden Inflation zu begegnen, entschied man sich in München schnell zu einer Währungsreform, bei der das österreichische Papiergeld, das im Jahrhundert zuvor eingeführt worden war, um die in die Höhe schießenden Staatsausgaben zu finanzieren, gegen bayerisches Silbergeld ausgetauscht wurde. Dabei bekamen Besitzer von Bancozetteln, wie die Scheine genannt wurden, jedoch weit weniger ausbezahlt, als sie selbst dafür ausgegeben hatten. Für einen Bancozettel im Wert von 100 österreichischen Gulden gab es zum Beispiel nur 63 Gulden 36 Kreuzer »harte« bayerische Währung. Besonders bitter sollte sich das für die Inhaber von Krediten auswirken. Alle Schuldverschreibungen, die nach 1797 in österreichischem Papiergeld ausgestellt worden waren, mussten in voller Höhe in bayerischem Silbergeld zurückgezahlt werden. Dass die Regierung in München die Währungsreform tatsächlich aus gutem Grund und keinesfalls nur aus Willkür angeordnet hatte, sollte sich fünf Jahre später zeigen, als sich der österreichische Staat, der das ganze 18. Jahrhundert über brav Geld hatte drucken lassen, ohne dafür die nötige Deckung zu besitzen, für bankrott erklären musste, doch da hatten sich die Tiroler längst gegen die verhassten Bayern und ihre vermeintlich halsabschneiderischen Reformen aufgelehnt. Ein, wenn auch kleiner Triumph sollte den bayerischen Reformern im Nachhinein dann aber doch noch zuteil werden. Als Tirol nach der bayerischen Zeit wieder österreichisch wurde, wehrten sich die Einwohner vehement gegen die erneute Einführung des Papiergeldes – allerdings ohne Erfolg.

Auch die weiteren gesetzlichen Bestimmungen, die Bayern in der neuen Provinz einführte, waren keineswegs so nachteilig für Tirol, wie mitunter von der Bevölkerung empfunden. Laut Heydenreuter hat es vor allem die österreichische Propaganda aber immer wieder verstanden, die Unzufriedenheit der zum Teil hochverschuldeten Bauern und Handwerker zu schüren, indem zum Beispiel verbreitet wurde, dass die bayerische Regierung durch den Geldwechsel große Teile des Tiroler Vermögens vernichtet habe. Schätzungen zufolge dürfte es sich aber um nicht mehr als fünf Millionen Gulden gehandelt haben, während Bayern im Gegenzug 14 Millionen Gulden Schulden übernahm. Ein weiterer Punkt, der so manchem sauer aufstieß, war die Verpflichtung zum Militärdienst, von dem die Tiroler Männer unter den Habsburgern befreit gewesen waren, wobei in den altbayerischen Landesteilen die Aushebung der von Napoleon geforderten Truppen ebenfalls für Unmut sorgte, da das System der Wehrpflicht auch hier neu war. Vor allem die ländlichen Bewohner empfanden die Wehrpflicht als große Belastung, da die einkassierten Burschen als Arbeitskräfte fehlten und kleine Bauern und Handwerker auch nicht das Geld hatten, sich freizukaufen, was möglich war, sofern man einen Stellvertreter fand. Für die Tiroler und Südtiroler kam aber noch die ideologische Komponente hinzu, denn der Bevölkerung, die oft verstreut in kaum zugänglichen Tälern wohnte, war von jeher ein großes Bedürfnis nach Freiheit zu eigen, die ihnen von diesen bayerischen Tyrannen nun genommen werden sollte.

Den bayerischen Beamten, die die unliebsamen Neuerungen umsetzen sollten, fehlte es gerade im Umgang mit den Befindlichkeiten der Bevölkerung dann auch noch am nötigen Fingerspitzengefühl, weshalb es immer wieder zu unnötigen Spannungen und Reibereien kam. Zudem hatten die Reformen aus München dafür gesorgt, dass im Tiroler Klerus ein mächtiger Feind erwuchs, der es geschickt verstand, Öl ins Feuer zu gießen. Hintergrund für den Hass der Pfarrer und Bischöfe auf die Besatzer war die geforderte Trennung von Politik und Religion, die es Pfarrern und Bischöfen verbot, sich in entsprechende Belange einzumischen. Wer sich nicht an die Gesetze hielt, lief Gefahr, von weltlichen Amtsträgern in die Schranken gewiesen zu werden. Den hochwürdigen Herren wurde dabei knallhart beschieden, dass sie, sollten sie gegen den neuen Landesherrn und seine Beamten hetzen, postwendend ihres Amtes enthoben würden, was für viele Geistliche, die damals aus Sicht der Bevölkerung – und zuweilen sicher auch aus eigenem Verständnis - kurz nach dem lieben Gott kamen – ein unerhörter Affront war.

Dass darüber hinaus auch noch das religiöse Brauchtum der Tiroler beschnitten wurde, brachte dann auch die Seele des Volkes zum Kochen. Die bayerische Regierung verbot nicht nur das allseits beliebte Wallfahren, sondern schaffte auch eine Reihe von sogenannten niederen Feiertagen ab; die Gründe dafür waren zwar rein wirtschaftlicher Natur, denn damit sollte die Produktivität vor allem des Bauernstands erhöht werden, doch die Menschen empfanden diese Maßnahmen als Anschlag auf ihr Seelenheil und waren deshalb nur zu willig, der Kritik der Priester über die neuen Machthaber und ihren Machenschaften zu folgen. Diejenigen unter den Pfarrern, die sich an die neue Ordnung hielten und versuchten, ihre aufgebrachten Schäfchen zu besänftigen, wurden dagegen oft selbst zum Ziel von wüsten Beschimpfungen.

Der Widerstand der Geistlichen beschränkte sich jedoch keineswegs nur auf die Einmischung in politischen und religiösen Fragen, weshalb es zu dem kuriosen Umstand kam, dass Bayern als erstes Land der Welt 1807 die Pockenimpfung verpflichtend einführte, nur weil die Tiroler Pfarrer auch die im wahrsten Sinn des Wortes verteufelten. Dabei zählten Blatternepidemien damals zu den Seuchen mit den meisten Todesfällen; Schätzungen zufolge starben im ausgehenden 18. Jahrhundert in Europa jährlich rund 400 000 Personen an dieser heimtückischen Viruserkrankung, die zudem für ein Drittel aller Erblindungen verantwortlich war. Dem britischen Arzt Edward Jenner war es 1796 gelungen, ein Impfserum zu entwickeln, das aus den weniger gefährlichen Kuhpockenviren gewonnen und, als Schutzimpfung verabreicht, eine Infektion mit den Menschenpocken verhinderte. In Bayern wurde diese medizinische Entdeckung sofort dankbar angenommen und mit Hilfe von Kampagnen propagiert, die vor allem darauf abzielten, dass Eltern ihren Nachwuchs impfen ließen, da 90 Prozent aller Pocken-Todesfälle Kinder in den ersten Lebensjahren waren. Als Mittler der Propaganda wurden damals Ärzte, Hebammen, Lehrer, Polizeibehörden und Pfarrer herangezogen. Während die Aufklärung und auch die Impfaktionen in Altbayern gut anliefen, verhallten die Appelle in Tirol ergebnislos, was zu einem Gutteil auf das Konto der Geistlichkeit ging. Die hatte sich mit der Baderzunft verbündet, die ebenfalls einen Groll gegen die neue Regierung hegte, nachdem Bayern Gesetze erlassen hatte, wonach alle nicht qualifizierten Heiler und Kurpfuscher nach und nach durch ärztlich ausgebildetes Personal ersetzt werden sollten. Bader und Prediger warnten ihre Landesleute deshalb vehement vor der Schutzimpfung, unter anderem mit der Behauptung, den Tirolern solle damit heimlich der Protestantismus »eingeflößt« werden. Als man in München feststellte, dass die Appelle zur freiwilligen Impfung keinen Erfolg zeigten, entschloss sich Bayern, die Schutzpocken-Impfung verpflichtend einzuführen – und wurde somit zum Vorreiter für alle anderen Staaten auf der Welt. Bald sollten König Max I. Joseph und seine Regierung jedoch gezwungen sein, einer Seuche ganz anderer Art Herr zu werden: In der Bevölkerung begann es mehr und mehr gegen die bayerische Besatzung zu gären, und den Beamten vor Ort gelang es nicht, den Unmut der Tiroler zu besänftigen, bis es 1809, nur drei Jahre nachdem Bayern das Kommando übernommen hatte, zu einem Volksaufstand kam, an dessen Bekämpfung auch ein später in Traunstein beheimateter Soldat beteiligt war, dessen Uniform und Tagebuch zur Zeit auf der Landesausstellung »Napoleon und Bayern« in Ingolstadt zu sehen ist. Welches Schicksal Peter Scheicher im Feldzug 1809 in Tirol erwartete, darüber mehr in der nächsten Folge.


Susanne Mittermaier

 


41/2015