weather-image
-1°
Jahrgang 2004 Nummer 12

Nachtwächter als Ordnungshüter in Traunstein

Die Institution der Nachtwächter gab es in Traunstein bis 1911 – Teil II

Künstlerische Darstellung eines Traunsteiner Nachtwächters.

Künstlerische Darstellung eines Traunsteiner Nachtwächters.
Der Stadtplatz um 1816

Der Stadtplatz um 1816
Der alte offene Herd in der Zieglerstube im Heimathaus Traunstein.

Der alte offene Herd in der Zieglerstube im Heimathaus Traunstein.
Wie war damals die Nachtwache organisiert? Über Jahrhunderte hinweg waren jede Nacht vier Nachtwächter im Einsatz. Zwei von ihnen patrouillierten auf dem Stadtplatz und in den Gassen, und zwei waren als Wächter auf dem Turm. Eine Vorschrift über den Dienst der Nachtwächter von 1811 hat folgenden Wortlaut:

»Instruktion
für die dahier aufgestellten und verpflichteten 4 Nachtwächter zur Ausrufung der Stunden, und Obachtgebung auf das Feuer, so anderem auf dem unterm Stadtthurm zu erscheinen und wieder Abzugehen haben.
Verfaßt den 10.ten April 1811
1.
Vom 1.ten April bis 1.ten August muß von 10 Uhr abends bis 3 Uhr früh
2.
Vom 1.ten August bis 1.ten Oktober von 9 Uhr abends bis 4 Uhr früh und
3.
Vom 1.ten Oktober bis 1.ten April von 8 Uhr abends bis 5 Uhr früh die Wacht auf das ordentlichste und fleißigste gehalten, und die Stunden ausgerufen werden.
Siegel Königlich Bayerischer
Landrichter Andorfer
Bürgermeister Dierank
Am 11. August 1811 den Wächtern zu Händen gestellt worden.«(17)

Diese Vorschrift ließe an sich den Schluss zu, dass die Nachtwächter nur die Stunden auszurufen und auf eventuelle Brandgefahren zu achten hatten. Sicher waren dies die Hauptaufgaben, als Erfüllungsgehilfen des Bürgermeisters waren sie aber auch für die Einhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit in ihrem Bereich verantwortlich. Unter anderem ergibt sich das aus einer Vorschrift der Regierung von Oberbayern von 1856. Demnach hatte der Nachtwächter »...seinen ganzen Bezirk sorgfältig und mit gehöriger Aufmerksamkeit zu begehen, die Stunden auszurufen, und im Falle der Feuersgefahr, eines Einbruches, Raubes und ähnlichen Vorfällen sogleich Lärm und Anzeige zu machen. Er hat sich bei dieser Gelegenheit der Verdächtigen oder Thäter zu bemächtigen...«.(18) Zusammenfassend ist zu sagen, dass es seit Jahrhunderten Aufgabe der Nachtwächter war, für nächtliche Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Vielfältige Probleme ergaben sich durch die zahlreichen nächtlichen Ruhestörungen. Da war zum Beispiel das Selbstdarstellungsverlangen der Jugendlichen. Heute sind es heulende Motoren und dröhnende Autoradios vor den Diskotheken, auf den Bahnhofsplätzen usw. Früher behaupteten die Jugendlichen ihr Terrain auf andere Weise, aber auch durch demonstrative Lautstärke ihrer Auftritte. Ein besonderes Ärgernis war das Jauchzen. Die »Juchuzer« fanden nirgendwo eine bessere Resonanz, als wenn sie nachts auf dem Stadtplatz und in den engen Gassen widerhallten. Die Auswirkungen auf die Nachtruhe der Bürger kann man sich unschwer vorstellen. Die Versuche der Obrigkeit, dieses »grob Geschrey bey der Nacht« zu verhindern, waren ohne besonderen Erfolg.(19) Kam dann zur Lust am Lärm auch noch jugendlicher Tatendrang, dann konnte es schon zu Ausschreitungen wie jener im Februar 1644 kommen: Kurz nach Mitternacht warfen Unbekannte mit Schneebällen die Fensterscheiben von zwölf am Stadtplatz gelegenen Wirts- und Bürgerhäusern ein.(20)

Weitere Ruhestörungen ergaben sich durch die Wirtshausbesucher. Immerhin gab es im Jahr 1600 am Traunsteiner Stadtplatz 20 Wirtshäuser; im Jahr 1900 waren es noch elf.(21) Auch hier kann sich der Leser vorstellen, welcher Lärm mit dem Abgang der Zecher entstand. Schindler beschreibt dies so: »Es war scheinbar immer dasselbe: der Alkoholpegel stieg im Laufe des Abends an, und der Tatendrang der Zecher erreichte meist erst nach Verlassen der Wirtshäuser seinen Höhepunkt. Hier fiel einer über die steile Wirtshaustreppe ... und fluchte gotterbärmlich, da beförderte der Wirt einen renitenten Gast mit sanfter Gewalt auf die Straße, was dieser natürlich nicht ohne Protest über sich ergehen ließ, und dort setzten einige ihre schon im Wirtshaus begonnenen Streitigkeiten auf offener Gasse fort ...«(22)

Es ist verständlich, dass sich durch diese Vorfälle die Bürger in ihrer Nachtruhe gestört fühlten. Die Sperrstunde, auch »Hosauszeit« oder »Bierläuten« genannt, war auf 21 Uhr festgesetzt. Tatsächlich wurde aber Nacht für Nacht bis 11 und 12 Uhr gezecht. Dies war ein Grund für den Traunsteiner Ulrich Schned, sich mit folgendem Beschwerdeschreiben an den Bürgermeister zu wenden: »... er habe anhören müssen, was an Son- und Feyertagen, zugleich auch sogar den Werktagen bei nächtlicher Weil bis in 11 und 12 Uhr in der Statt allhie sowol von verheyrathen als ledigen Mannspersonen für ein Muetwillen mit Juchizen, Gottslästern und anderem solchen Ungeschiecht auf offentlicher Gassen geiebt würde, welches allein dahero ervolgt, aldieweillen die Wirth und Preuen, sonderlich aber die Weisspierschenken, dergleichen Persohnen über die Hosauszeit in iren Heusern sizen.«(23) Schned beantragte, ab 21 Uhr die Stadttore zu schließen. Diesen Antrag lehnte aber die Stadt ab. Verständlich, denn die Herstellung und der Ausschank von Bier waren lukrative Einnahmequellen und die Wirte und Brauer waren in der Stadt tonangebend. Von den 25 Bürgermeistern des 17. Jahrhunderts waren allein 10 Weinwirte oder Bierbrauer.(24)

Zur Sperrstunde ist noch zu sagen, dass diese vom Türmer durch ein Hornsignal bekannt gegeben wurde. Da konnte es schon zu Problemen kommen, wenn der Türmer als zechender Gast selbst im Wirtshaus saß. So hatte der Traunsteiner Türmer Friedrich Schall im Jahr 1693 seine eigenmächtige Zeitvorstellung mit folgenden Worten dargelegt: »Bürgermeister und Rhat habe ihme zum Abblasen khein gewisse Stundt zu bestimben, sonder thue solches nach seiner Gelegenheit und Belieben zu verrichten.«(25) Diese Ansicht gefiel dem Stadtrat nicht und der Türmer wurde energisch zurecht gewiesen.
Die geschilderten Verhältnisse zeigen, dass die Nachtwächter, die ja auch für nächtliche Ruhe sorgen mussten, in diesem Bereich offensichtlich einiges zu tun hatten. Hinzu kamen noch Maßnahmen gegen Leute, sie sich gegen eine der zahlreichen Vorschriften vergangen hatten. Unter anderem war strafbar: Überschreitung der Sperrstunde, unmäßiges Trinken, Fluchen, Lästern, Schwören und natürlich Unzucht. Überprüft werden musste auch, ob nachts alle Türen und Fenster verschlossen waren, andernfalls erstattete der Nachtwächter Anzeige an den Magistrat. Nachstehend wird eine Anzeige vom 13. Januar 1854 wiedergegeben:

»An löblichen Magistrat der kgl. Stadt Traunstein.
Den Engelbert Pflaumer, Tischler-Meister von hier, wegen polizeywidriger Handlung betr.
Anzeige
Der Tischlermeister Engelbert Pflaumer dahier, lässt öfters zur Nachtzeit seine Hausthüre offen stehen, wie auch gehorsamst Unterzeichneter dieselbe in der Nacht den 18ten auf den 19ten dieses Monats soeben wiederum offenstehend getroffen habe.
Da durch diesen Leichtsinn der offenen Haus- und andern Thüren, zu Einbruch Anlass gegeben wird, auch sogar Feuer gelegt, und im Falle bei einem sich einschleichenden Verbrecher, an denen im Schlafe sich befindlichen Bewohnern, Mord verübt werden kann, so glaube ich, indem auch ein Nachtwächter ein Organ der Sicherheit ist, nebigen Stadtmagistrat hiervon die gehorsamste Anzeige zu erstatten.
Hochachtungsvollst bestätigt
Einem löblichen Magistate
gehorsamer
Josef Zunhausstetter
Nachtwächter.«

Mehrmals gab es auch Warnungen vor Brandstiftern. So wurde 1616 allgemein vor Brandstiftern und 1663 vor verkleideten Türken, die sich als Brandstifter betätigten, gewarnt.(26)

Wie sahen seinerzeit die Nachtwächter aus? Es gibt zwar allgemein viele Beschreibungen und zahlreiche Bilder, es gibt aber nichts über das Aussehen der Traunsteiner Hüter der Nacht. Jedenfalls waren sie wetterfest gekleidet. Sie hatten ein Signalhorn umgehängt und eine Unschlittlaterne in der Hand. Die beiden Wächter auf dem Platz waren mit Stangenwaffen und zwar mit Hellebarden ausgerüstet. Die Bewaffnung lässt vermuten, dass die Nachtwächter auf ein gewaltsames Eingreifen gegen etwaige Brandstifter vorbereitet sein sollten.(27) Da sie aber auch Polizeiaufgaben wahrzunehmen hatten, war die Waffe sicherlich ebenso als Hilfe bei der Festsetzung von Rechtsbrechern gedacht. Die beiden Wächter auf dem Jacklturm hatten keine Waffe; dies war auch nicht nötig, da für sie keine unmittelbare Gefahr bestehen konnte. Wir wissen, dass 1803 der Schlossermeister Franz Michael Rauber für die Nachtwächter zwei neue Hellebarden aus Stahl fertigte, die der Maler August Weindl dann mit Ölfarbe anpinselte.(28)

Spätestens ab Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Traunsteiner Nachtwächter uniformiert und anders bewaffnet. Jeder der vier Nachtwächter hatte zwei Dienstmäntel, eine Bluse, zwei Dienstmützen und als Waffe einen Säbel.(29) Dazu kam noch eine Signalpfeife. Eine Lampe war wegen der vorhandenen Straßenbeleuchtung nicht mehr notwendig. Übrigens wurden am Stadtplatz in Traunstein schon 1789 drei Straßenlaternen aufgestellt und 1817 kamen noch 21 weitere dazu. Damals waren es noch Unschlittlampen, die von den städtischen Lampenanzündern jeden Abend zum Leuchten gebracht werden mussten; aus Gründen der Sparsamkeit aber nicht in hellen Mondnächten.(30) Als durch den Stadtbrand im April 1851 alle Straßenlaternen ausfielen, kaufte der Magistrat schon bald darauf von der Stadt München 30 alte Stadtlaternen zur Wiederherstellung der Stadtplatzbeleuchtung.

Der Stadtplatz mit seinen Nebengassen war der Wirkungsbereich der Nachtwächter. Zwei von ihnen mussten auf dem Jacklturm die Stadt von oben überwachen. Bei Feuer oder etwa beim Nahen feindlicher Truppen, und was es sonst noch alles an vergleichbaren Gefahren gab, mussten sie Alarm schlagen. Als Hilfsmittel diente ihnen hierzu das schon seit 1576 auf dem Turm installierte »Polizeyglöckl«. Einer der beiden Wächter hatte auch die Aufgabe, die vollen Stunden und jede Viertelstunde auszurufen. Anhaltspunkt hierfür war die Uhr auf dem Jacklturm. Diese gab es schon seit dem 14. Jahrhundert, denn die Stadtväter betrachteten es damals als Prestigesache, eine Turmuhr zu haben. Allerdings hatten diese Uhren noch keine Schlagwerke; deshalb der viertelstündliche Ruf vom Turm. Wenn der Jacklturm nicht zur Verfügung stand, konnten die beiden Wächter auf den Turm der Stadtpfarrkirche ausweichen.

Die beiden anderen Nachtwächter, der »Laute« und der »Stille« drehten ihre Runden auf dem Platz und in den Gassen. Neben der vielfältigen und oben schon dargelegten Aufgaben musste der »Laute« die nächtlichen Stunden durch den sogenannten Stundenruf lauthals bekannt geben. Hierzu diente das heute noch bekannte Nachtwächterlied:

»Hört ihr Herren und lasst euch
sagen, unsere Glock hat
zehn geschlagen.
Zehn Gebote setzt Gott ein,
gib dass wir gehorsam sein.
Menschen wachen kann nichts nützen,
Gott muss wachen,
Gott muss schützen.
Herr durch deiner Güt und Macht,
gib uns eine gute Nacht.«

Vielen Traunsteinern wird dieses Nachtwächterlied aus alten Überlieferungen bekannt sein. Der Verfasser war überrascht, wie viele seiner Gesprächspartner auf Anhieb anfingen, das Nachtwächterlied zu singen oder zumindest den Text aufzusagen. Der Volksmund behauptet, ein Nachtwächter sei einmal gefragt worden, warum er in seinem Lied nur die Herren anspreche. Er soll geantwortet haben, »die Weiber lassen sich doch eh nix sagen.« Ab 1906 änderten sich die Verhältnisse der Nachtwache wesentlich. Die vier Nachtwächter nannte man Städtische Nachtwachmannschaft. Diese hatten mit einem Schutzmann als Wachkommandanten den Nachtwach- und Feuermeldedienst auszuüben, das Nachtwachlokal war im Rathaus eingerichtet und der Dienstbezirk umfasste das gesamte Stadtgebiet mit Empfing, Mayerhofen, Baumgarten usw.(31) Durch den Ausbau der Stadtpolizei konnte der Stadtrat die Institution der Städtischen Nachtwachmannschaft mit Wirkung ab 1. Mai 1911 auflösen.(32)

Die lange Zeit der Traunsteiner Nachtwächter war zu Ende gegangen.

AS


Teil 1: Siehe Chiemgau-Blätter Nr. 11/2004

Quellen:
17: StA TS, A II 4/9,
18: Königl. Bayer. Kreis-Amtsblatt von Oberbayern Nr.45 vom 9.8.1856,
19: Schindler S. 231,
20: Schindler S. 228,
21: Franz Haselbeck, Daß alhier 6 Preustetten ... vorhanden, Stadtplatz
22: Schindler S. 233,
23: Schindler S. 236,
24: Kasenbacher S. 59,
25: Schindler S. 238,
26: StA TS, AV 15 und AV 10,
27: StA TS, Franz Haselbeck zu Stadtbrandausstellung 2001,
28: StA TS, Stadtkammerrechnung 1803,
29: StA TS, 123/1,
30: Festschrift der Stadtwerke Traunstein von 1993,
31: StA TS, 123/1,
32: StA TS, 123/1.



12/2004