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Jahrgang 2004 Nummer 11

Nachtwächter als Ordnungshüter in Traunstein

Die Institution der Nachtwächter gab es in Traunstein bis 1911 – Teil I

Der Jackelturm mit dem Mauttor.

Der Jackelturm mit dem Mauttor.
Hellebarde, die Stangenwaffe der ehemaligen Nußdorfer Nachtwächter. Länge etwa 2 Meter mit Stoßklinge, Beil und Reißhacken. Verm

Hellebarde, die Stangenwaffe der ehemaligen Nußdorfer Nachtwächter. Länge etwa 2 Meter mit Stoßklinge, Beil und Reißhacken. Vermutlich 16. Jahrhundert.
Löhne und Preise im 16. Jahrhundert.

Löhne und Preise im 16. Jahrhundert.
Jede menschliche Gemeinschaft, sei es eine Familie, ein Dorf, eine Stadt oder ein Staat, kann nur dann richtig funktionieren, wenn es Regeln für das Zusammenleben und Garantien dafür gibt, dass diese Regeln auch beachtet werden. Der Rat der Stadt hatte seit Verleihung der Stadtrechte für Sicherheit, Zucht, Ordnung und Feuerschutz zu sorgen. Vorschriften hierfür gab es seit 1375. Insgesamt 92 Punkte regelten das Zusammenleben und auch das Strafmaß bei einem Regelverstoß. Ab 1587 musste jährlich am 24. April ein umfangreiches Verzeichnis mit Regeln für das städtische Leben den versammelten Gemeindebürgern vorgelesen werden. Das Verzeichnis enthielt viele Gebote, aber auch eine Reihe von strafbewehrten Verboten. Die ersten Ordnungshüter in der Stadt waren die »Aufleger«, die nicht nur als Salz- und Schrannenknechte, sondern auch als Nachtwächter tätig waren und so nachts für Sicherheit und Feuerschutz zu sorgen hatten.(1) Das Ordnungssystem bewährte sich und das Leben innerhalb der städtischen Gemeinschaft konnte sich voll entfalten. Das Sicherheitssystem entwickelte sich im Verlauf der Jahrhunderte entsprechend der Sicherheitslage. Zu den ehemaligen Nachtwächtern kamen hinzu: das Gerichtspersonal, die Türmer, die Torsperrer und Türlwächter, der Stadtknecht, der Viertelmeister und die Institutionen der Polizei und des Militärs.

Zweck der vorliegenden Arbeit ist es, das Wirken der Traunsteiner Nachtwächter darzustellen. Zum besseren Verständnis werden aber auch die Türmer, Torsperrer, Türlwächter, Stadtknechte und Viertelmeister angesprochen.

Türmer gab es in Traunstein seit 1623. Zu den Pflichten eines Türmers - der übrigens im Jacklturm auch wohnte » gehörte es, zwei Gesellen und einen Lehrjungen zu unterhalten und mit denen die Kirchenmusik zu machen und morgens, mittags und abends auf dem Jacklturm zu blasen. Außerdem bildeten der Türmer und seine Gehilfen die Stadtkapelle. Fremde Spielleute waren in der Stadt nicht zugelassen. Mit dem Wachdienst auf dem Turm und in der Stadt hatten die Türmer nichts zu tun.(2) Eine Ordnungsfunktion hatte lediglich das abendliche Hornsignal, denn das war das Zeichen für die Sperrstunde und das Zusperren der Stadttore.

Für jedes der beiden Stadttore gab es einen Torsperrer, den »Thorwarth« der für das Auf- und Zusperren seines Tores verantwortlich war und dafür vierteljährlich einen Gulden bekam. In Krisenzeiten mussten die Torsperrer abends den Schlüssel beim Bürgermeister abgeben.(3)

Ab dem späten Mittelalter trug die Hauptverantwortung für die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Stadt der Stadtknecht als Vollzugsorgan des »Rates«. Sein Tätigkeitsbereich war breit gefächert. Er war zum Beispiel zuständig für die Ermittlung und Festnahme von Übeltätern, er musste bei der Beitreibung von Außenständen mitwirken, Ladungen des »Rates« zustellen und frei in der Stadt umherlaufendes Vieh einfangen und verwahren.(4) Er hatte wirklich viel zu tun. Kein Wunder, wenn er hin und wieder zur Flasche griff. So sollte 1606 einmal der Stadtknecht in einem Wirtshaus, das als Lasterhöhle galt und in dem angeblich Unzucht getrieben wurde, einschreiten, aber er war so betrunken, dass er weder gehen noch stehen konnte.(5)

Nach der Feuerordnung der Stadt Traunstein von 1587 wurde die Stadt zur leichteren Brandbekämpfung in die Viertel »Sonnzeil«, »Schadtzeil«, »beide Hof-unnd die under Zwerchgassen« und den »Vorberg« aufgeteilt. Für jedes Viertel wurde ein Viertelmeister bestimmt und jeder Bürger war namentlich mit seiner jeweiligen Funktion aufgeführt. Bei einem Brand mussten die sechs Salzaufleger, unterstützt von zwei Bürgern je Viertel die Feuerleitern, Hacken, Seile und Eimer zur Brandstelle bringen.(6) Der Viertelmeister hatte aber auch die Aufgabe, der Bevölkerung die Anordnungen des Magistrats bekannt zugeben, ihre Befolgung zu überwachen und etwaige Klagen entgegenzunehmen. Außerdem hatte er die Preise für Brot, Fleisch und Bier zu kontrollieren und die Feuerstellen hinsichtlich ihrer Sicherheit zu überwachen.(7)

Wie sah nun die Stadt, oder besser gesagt, die innere Stadt im späten Mittelalter aus? Götz von Dobeneck schrieb hierzu folgendes: »Von Osten kommend zog man über die Heilig-Geist-Brücke durch die unbefestigte Vorstadt ‘Vorberg’, durch das Mauttor bei der Vordermühle, dann den steilen Kniebos, damals ‘Khniepaß’, hinauf und durch das untere Tor, den Jacklturm, in die Stadt. Im Westen verließ man die Stadt durch das obere Tor, neben dem der obere Turm stand. ... Die Stadt hatte also zwei bewehrte Hauptzugänge im Osten und im Westen, im Norden und im Süden noch zwei kleine versperrbare Ausgänge, sogenannte Türl, die ebenfalls mit Türmen befestigt waren. Dies waren im Norden am Ende der heutigen Schaumburgerstraße das Schaumburger- oder Brunntürl, von dem aus der Türlberg zur Mittermühle und in die Brunnwiese führte, und im Süden an der Stelle des heutigen Löwentors das Autürl ... An beiden Türln waren Türme und Vorwerke ..., vor dem Autürl lässt sich 1644 ein Wasserturm nachweisen, der die städtische Wasserversorgung speiste. ...«.(8) Im Süden, Osten und Norden boten die steil zum Trauntal abfallenden Hänge einen natürlichen Schutz für die innere Stadt. Diesen Schutz verstärkte eine mächtige Stadtmauer, die in Teilen auch heute noch zu sehen ist. Der Stadtplatz, früher »Schrannenplatz«, war von Bürgerhäusern und auch von einigen Behördenbauten eingesäumt, die mit ihrer Schmalseite zum Schrannenplatz standen und sich in die Tiefe hinein in Richtung Fuchsgrube, Maxplatz, Taubenmarkt und Vorberg entwickelten. Die meisten Häuser waren gemauert, verputzt und mehrstöckig. Soviel zur inneren Stadt, in der sich das öffentliche Leben abspielte und die den Hauptwirkungsbereich der Nachtwächter bildete. Die mittelalterlichen Städte waren ständig in Gefahr, von verheerenden Bränden verwüstet zu werden. Die Angst vor unkontrolliertem Feuer war für die Bürger und auch für die Obrigkeit geradezu ein Trauma und dies war wohl begründet; man erinnere sich nur an die furchtbaren Stadtbrände, die Traunstein heimgesucht hatten.

Die Brandgefahr war über Jahrhunderte hinweg groß und zwei Gefahrenquellen müssen als primär angesehen werden. Erstens die Eindeckung der Hausdächer.

Man muss davon ausgehen, dass die Häuser zumindest bis zum Stadtbrand von 1704 mit Holzschindeln gedeckt waren. Brannte so ein Dach, dann flogen brennende Holzschindeln auf die Nachbardächer und der Brand breitete sich rasend schnell aus. Beim Wiederaufbau verwendete man dann an Stelle der Holzschindeln Tonziegel. Das ergibt sich aus einem Votivbild aus dem Jahre 1742.(9) Anders sah dies Franz von Kohlbrenner, denn er schreibt: »Diese Stadt ist mit schönen Häusern versehen, sie sind aber, wie gar viele in Salzburg zu sehen, anstatt der Dachziegel mit hölzernen Schindeln gedeckt.«(10) Die zweite große Brandgefahr ging von den Feuerstellen und dem offenen Licht aus. Als Feuerstellen gab es den etwas selteneren bodenebenen Herd. Das war ein Stück festgestampfter Boden, mit Steinen umrundet und mit einem offenen Kamin. Die fortschrittlichere und üblichere Herdform hatte einen hüfthohen Unterbau und wurde als Tischherd bezeichnet. Auf einer steinernen Herdplatte brannte das offene Feuer und darüber befand sich der Rauchabzug. Ein besonders schönes Exemplar dieser Herdart ist im Traunsteiner Heimathaus zu besichtigen. Man kann sich unschwer vorstellen, welche Brandgefahr von so einer Feuerstelle ausgegangen sein dürfte. Ein starker Luftzug, Unachtsamkeiten oder an sich unbedeutende häusliche Unfälle konnten eine Katastrophe auslösen. Ebenso gefährlich war das offene Licht. Im Spätmittelalter waren Kienspäne die einfachste und billigste Form der Innenraumbeleuchtung. Das waren Späne aus Kiefernholz, die in Öl, Fett oder Talg getaucht und in Wandnischen oder gesonderten Halterungen eingeklemmt notdürftig Licht spendeten. Später gab es dann auch Unschlittlampen. Unter Unschlitt versteht man tierisches Fett, besonderes von Rindern und Schafen. Wachskerzen waren kaum erschwinglich und Petroleumlampen wurden erst ab dem 18. Jahrhundert verwendet. Auch hier ergab sich eindeutig die Brandgefahr, die vom offenen Licht ausging. Besonders bei einem Sturm war die Gefahr groß und man kann verstehen, warum die Nachtwächter bei stürmischem Wetter ihren Stundenrufen den Satz anfügten: »Verwahrt das Feuer und das Licht, damit dadurch kein Schaden g’schicht!«(11)

Im Folgenden sollen die Männer vorgestellt werden, von deren Pflichterfüllung die Sicherheit der Stadt und ihrer Bürger weitgehend abhing: die Nachtwächter. Wie schon in der Einführung aufgezeigt, waren Salz- und Schrannenknechte auch die ersten Nachtwächter. Dies änderte sich natürlich im Laufe der Zeit. Die Nachtwächter ernannte und entlohnte der Stadtrat. Der Lohn war aber so niedrig, dass damit der Lebensunterhalt der Familie nicht hätte bestritten werden können. Ein Nachtwächter auf dem Stadtplatz erhielt im Jahr 1650 30 Gulden, 1700 32 Gulden, 1750 32 Gulden, 1800 30 Gulden, 1850 27 Gulden und 1910 300 Mark. Ein Nachtwächter auf dem Jacklturm erhielt etwas weniger.(12) Der niedrig erscheinende Lohn war dadurch bedingt, dass ein Nachtwächter nur zwischen fünf und neun Stunden auf seinem Posten sein musste. Ein Handwerker dagegen hatte eine Arbeitszeit von 15 bis 16 Stunden. 1651 wurde zum Beispiel die Arbeitszeit für Hafner so geregelt: »Es soll ain Khnecht des Morgens umb vier Uhr zur Arbeith aufstehn, auf den Abent umb siben Uhr Feuerabent zu machen befuegt sein und Recht haben ...«(13)

Ein Lohn von 30 Gulden jährlich ergab eine Tageseinnahme von rund 5 Kreutzer, dies war im 17. Jahrhundert der Gegenwert von einem Liter Bier und weniger als ein Taglöhner verdiente.(14) Aber 30 Gulden waren anscheinend der übliche Lohn, denn auch anderen Orts wurde dieser Betrag bezahlt. Die Nachtwächter versahen ihre Tätigkeit in der Regel nur nebenbei zu ihrem bürgerlichen Gewerbe. Auch hatten sie oft neben ihrer Nachtwächtereigenschaft noch andere Nebenverdienste, so zum Beispiel der Nachtwächter Josef Meister, der auch für das Aufziehen der Uhr auf dem Jacklturm zuständig war und dafür entlohnt wurde. Oder der Nachtwächter Georg Stöger, der für das Läuten des »Polizeiglöckls« auf dem Jacklturm 2 Gulden erhielt.(15) Andere waren zusätzlich als Torsperrer tätig, das brachte auch 4 Gulden ein. Durch diese Ämterhäufung bedingt, schlief dann so mancher Nachtwächter während der Wache oder er setzte sich in eines der vielen Wirtshäuser am Platz.(16) Vielleicht war so mancher Nachtwächter einfach nur demotiviert. Wenn einer immer seinen Stundenruf mit dem Satz beschließt »Menschen wachen kann nichts nützen, Gott muss wachen, Gott muss schützen«, dann konnte er vielleicht schon auf den Gedanken kommen, dass die eigene Tätigkeit nicht recht sinnvoll ist, wenn die Sache ja doch höheren Orts geregelt wird. Allgemein muss hier aber festgehalten werden, dass die Nachtwächter in der Regel gute Arbeit leisteten. Dies beweist schon die Tatsache, dass diese Institution bis 1911 aufrechterhalten blieb.

AS

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 12/2004

Quellen:
1: Anton Kasenbacher, Traunstein, Drei Linden Verlag, Grabenstätt, 1980 (weiter Kasenbacher), S.159,
2: Götz von Dobeneck, Die Geschichte des Traunsteiner Jacklturms, in: Chiemgaublätter vom 24.August 1985,
3: Auskunft Götz von Dobeneck,
4: Staller Alfred Stadtpolizei und Polizeikaserne, Jahrbuch 1998 des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein (weiter Jahrbuch/Jahr),
5: Schindler Norbert, Widerspenstige Leute, S.239,
Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M., 1992 (weiter: Schindler),
6: Haselbeck Franz, Weilen die Brief verbrunnen sind, Jahrbuch 2002,
7: Bittmann Julius, Chiemgau-Blätter vom 1.8.1998,
8: Götz von Dobeneck, Die Geschichte des Traunsteiner Jacklturms, Chiemgau-Blätter vom 24. 8. 1985,
9: Götz von Dobeneck, Traunstein, Trostberg und Tittmoning, in: Stadt und Land. Profane Baudenkmäler im Landkreis Traunstein, Traunstein 1996, S.87),
10: Amann Hedwig, Der Traunsteiner Stadtplatz, Geschichte in Bildern, Stadt Traunstein, 1999, S.16 (weiter Stadtplatz),
11: Kasenbacher, S.159,
12: StA TS, Stadtkammerrechnungen,
13: Rosenegger Albert, Traunsteiner Keramikfunde und ihr Bezug zur Stadtgeschichte, Jahrbuch 1999, Seite 105,
14: StA TS, Franz Haselbeck, Preise und Löhne im 17. Jahrhundert, unveröffentlichtes Manuskript,
15: StA TS, Stadtkammerrechnung 1850/51,
16: Schindler S.238.



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