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Jahrgang 2020 Nummer 22

Nach Leid und Not, eine Festwoche für Grabenstätt

Vor 150 Jahren feierte man das 1000-jährige Jubiläum der Johanneskirche

Festbuch zum tausendjährigen Bestehen der Johanneskirche
Medaille vorn
Medaille hinten
Festhalle mit Altar
Erinnerungstafel

Wir alle wissen in der jetzigen Zeit derCorona-Pandemie, wie schwer es ist, auf Feiern verzichten zu müssen.

Auch die Vorvorderen von Grabenstätt, das damals noch Grabenstatt hieß, mussten dies schon einmal hautnah erleben, da es für sie viele Jahre kein Fest, ja überhaupt nichts zu feiern gab. DieUrsache war die große Not, denn am 30. Juli 1862 zerstörte ein gewaltiger Dorfbrand fast den gesamten Ort. Das Unvorstellbare an dieser Katastrophe war, dass 28 Jahre vorher schon einmal die Grabenstätter durch einen Großbrand ihre Häuser und die gesamte Habe verloren.

Wie bei dem ersten Brand 1834 wurden das Schloss mit seinem Bräuhaus, die drei Wirtshäuser, das Schulhaus, insgesamt 52 Haupt- und 23 Nebengebäude zerstört. Die Pfarrkirche, beim ersten Brand ein Totalschaden, überstand durch den Einsatz der Löschmannschaften den zweiten Brand unbeschadet, aber die Filialkirche St. Johannes wurde stark beschädigt.

Besonders schlimm war, dass die mit Holzschindeln gedeckten Wohnhäuser auch innen vollständig zerstört wurden und somit sämtliches Inventar verbrannte. Den meisten Bewohnern blieb buchstäblich nur noch das, was sie auf dem Leibe trugen.

Auch kam noch erschwerend hinzu, viele Hausbesitzer waren nicht in der Brandversicherung und wenn doch, völlig unterversichert. Aber es lief eine gewaltige Hilfsaktion aus ganz Bayern an, sogar aus Franken kamen Spenden und Baumaterial.

Als nach fünf harten Jahren die größten Aufbauarbeiten erledigt waren, dachte man auch an die mit einem einfachen Notdach versehene Johanneskirche. Das Feuer zerstörte damals Dach und Turm, wobei das Kreuzrippengewölbe keinen größeren Schaden nahm. Unglücklich war, dass die Aufstiegslucke zum Turm dem Feuer nicht Stand hielt und brennendeDachhölzer unten auf der Empore einen Schwelbrand entstehen ließen, der die gesamte Inneneinrichtung und die drei Altäre schwer schädigte.

Bei der genauen Untersuchung zeigte sich, dass zur Schadensbehebung gewaltige Summen nötig sind, so dass Gemeindeversammlung und Gemeindeausschuss heftig über Abriss oder Wiederaufbau des Gotteshauses debattierten. Die Fama weiß zu berichten, dass nur mit einer Stimme Mehrheit, der Wiederaufbau beschlossen wurde.

So wurde, unterstützt durch Holzspenden, zuerst das Dach und der hölzerne Turm erneuert. Für den Innenraum hat man, neue Altaraufbauten und Heiligenfiguren nach dem Vorbild der alten Altäre anfertigen lassen. Auch für dieses Vorhaben fand man großzügige Spender. So wurden die nicht unerheblichen Kosten der beiden Seitenaltäre von Grabenstätter Pfarrangehörigen übernommen.

Als im Jahr 1868 die Bau- und Restaurierungsarbeiten an der Johanneskirche dem Ende zu gingen, kam die Idee auf, ein großes Fest zu feiern.

Pfarrer Mathäus Miesgang kontaktierte seinen Mitbruder, Benefiziat Josef Wagner aus Ising,mit dem er gemeinsam die Volksschule in Palling besuchte. Wagner, der belesene Historiker, Kenner der Archive des Chiemgaus und der Verfasser der »Geschichte des Landgerichts Traunstein und seiner weltlichen und kirchlichen Bestandteile«, schlug, obwohl kein genaues Datum bekannt, eine Tausendjahrfeier der Johanneskirche vor.

Dies fand allgemein großen Anklang, wusste man doch von den Millenniumsfeiern von Palling und Erlstätt. So kamen nach Erlstätt zum tausendjährigen Jubiläum, das eine Woche dauerte, wie der Chronist berichtet: »... vom 12. bis 19. Juni 1831 ... der herbeigeströmten Menschen waren bey 90 000, der Communicanten bei 22 000«.

Grund für diesen großen Wallfahrerandrang war wohl, der von Papst Gregor XVI. gewährte Ablass für das Fest.

Der Erlstätter Festverlauf wurde für das neu gegründete Grabenstätter »Jubliäums-Komitè« Vorbild. Man beschloss im Jahr 1870, eine Festwoche zum tausendjährigen Bestehen der Johanneskirche zu feiern.

Die Vorbereitungen liefen an, so wurde über das Münchner Ordinariat beim Vatikan ein Jubiläumsablass beantragt, den Sr. Heiligkeit Papst Pius IX. auch gewährte.

Eine Festschrift in Form eines Buches wurde in Angriff genommen, in dem Josef Wagner auf den ersten 24 Seiten die Geschichte der Johanneskirche beschreibt, aber ansonsten soll es als Gebetbuch zu nutzen sein. Bei dem bekannten Passauer Lithographen Johann Bapt. Dietenberger wird ein Druckstock für ein Bild der Johanneskirche in Auftrag gegeben, um auf der zweiten Seite das hundertsechzigseitige Buch im Format 10 mal 15 Zentimeter, zu zieren.

Gedruckt wurde es dann bei der oberösterreichischen K.K. Druckerei Josef Feichtingers Erben in Linz. Warum nicht eine hiesige Druckerei beauftragt wurde, ist nicht bekannt, aber der Berichterstatter des Traunsteiner Wochenblattes bemerkte später in seinem Bericht über das Fest hierüber sarkastisch und spitz: »… überhaupt wurde (von den Besuchern; d. Verfasser) viel Opfer dargebracht und scheinen die Grabenstätter dieß im Voraus gewußt zu haben, da sie ihr Geld in Bayern gar nicht mehr unterzubringen wußten, sondern für das selbe einen Platz in Linz suchten«.

In der Maxhütte in Bergen wird eine fünf Meter hohe, gusseiserne Mariensäule gegossen, und für Bitt und Dank zum Jubiläum aufgestellt. Heute noch schmückt sie die Außenanlage der Johanneskirche.

Aus Messing geprägte Festzeichen werden bestellt, eine drei Zentimeter große, ovale Medaille. Vorne mit dem Bild der Johanneskirche und der Jahrzahl 1870, auf der Rückseite das Bild Johannes' des Täufers.

Da stirbt mitten unter den Vorbereitungen am 10. Juni 1869, Pfarrer und ehem. Dekan Mathäus Miesgang im 72. Lebensjahr. Unendlich traurig ist ganz Grabenstätt, verlieren sie nicht nur ihren Seelsorger, sondern den Mann, der unermüdlich beide Dorfbrände abgewickelt hat.

Der Termin des Festes kommt ins Schwimmen. Zum Glück wird schon im September ein Nachfolger gefunden, der Pfarrer von Kreuth, der 38- jährige Emeran Liedl, der am 4. Adventsonntag feierlich installiert wird. Pfarrer Liedl steht voll hinter dem Jubiläum und so wird die Woche von Sonntag, 15. Mai, bis Sonntag, 22. Mai 1870, für die Feier festgelegt

Nach Ostern entstand, wohl auf dem Marktplatz, ein gewaltiger Freialtar, eine hölzerne, vorne offene »Festhalle«, wie auf einer blassen Fotographie zu lesen ist. Sogar eine drei Meter hohe Empore für Chor und Orchester wird errichtet und ein ebenso hoher Predigtstuhl. Für das umfangreiche kirchliche Programm konnten die für ihre guten Predigten bekannten Kapuziner-Patres aus Rosenheim gewonnen werden.

Zwanzig Pfarreien mit Kreuzzügen (Wallfahrtprozessionen) haben sich auf die Einladungen des Festkomitees angemeldet und die Festwoche zeigte sich mit bestem Wetter. Das Traunsteiner Wochenblatt schrieb am 2.6.1870: »Tausende Andächtige und Neugierige besuchten den Ort, um dort ihr Gebet zu verrichten und eine Predigt zu hören, oder sich doch wenigstens sehen zu lassen. Das Wetter war aber auch wirklich herrlich und wie dazu gemacht, eine kleine Parthie zu unternehmen. Von Ruhpolding, Traunstein, Übersee, Surrberg, Siegsdorf, Bernau, Grassau mit Wössen und Schleching, Chieming, Otting mit Kammer, Waging, Traunwalchen, St. Georgen, Bergen, Vachendorf, Hart und Au kamen Kreuze in Begleitung eines Geistlichen. Die anhaltend schöne Witterung brachte eine Masse Andächtige auch aus weiter Ferne, besonders aus Tyrol dahin.« Dreimal täglich fuhr der Stellwagen (Postkutsche) zwischen Übersee und Grabenstätt, um Besucher, die mit der Bahn anreisten, zu befördern.

Eine große Herausforderung seinerzeit war gewiss, eine so große Besucherzahl leiblich zu versorgen. Grabenstätt hatte damals einen Bäcker, drei Wirtshäuser und eine Brauerei. Bei den Getränken gab es scheinbar auch keine Probleme, wie die Zeitung hierzu schrieb: »Bei dieser großen Menge Menschen blieb das Bier ausnahmsweise bei allen Wirthen gleich gut, im Bräuhauskeller sogar ausgezeichnet. Das Brod ließ aber sehr viel zu wünschen übrig, das Essen war ziemlich theuer, die Wirte und Bäcker haben nicht umsonst gearbeitet«.

Aber trotz dieser Mängel war der Festablauf sehr gut, Höhepunkt war am Sonntag, 22. Mai, der große Festzug.

Nach der feierlichen Messe am Freialtar setzte sich der Zug dorfauswärts, Richtung Übersee in Bewegung. Die mündliche Überlieferung erzählt, dass der Zug in Doppelreihe, dreieinhalb Kilometer lang durch Winkl, bis hinaus zur Rotgrabenbrücke, ging und im Gegenzug zurück zur Johanneskirche. Da die nur einen Eingang hat, wurde hinter dem Altar eine eineinhalb Meter breite Tür in die Außenwand gebrochen, so dass die Prozession durch die Kirche gehen konnte und jeder Gläubige einzeln von den Geistlichen gesegnet wurde.

Diese Türe wurde später wieder zugemauert, an ihrer Stelle befindet sich eine steinerne Tafel, die an das tausendjährige Jubiläum erinnert, obwohl man bis heute das genaue Baudatum nicht weiß.

 

Gustl Lex

Quellen:

Festbuch zur Geschichte der Kirche und des Benefiziums St. Johannis Baptiste et Evangelistae

Urkunden Gemeindearchiv Grabenstätt

Josef Wagner – Geschichte des Landgerichts Traunstein

Traunsteiner Wochenblatt Nr. 44

Gemälde mit Text von Joh. Neumüller, Pfarrkiche Erlstätt

Mündl. Überlieferung: Altbürgermeister Max Huber, Grabenstätt

 

22/2020