Jahrgang 2003 Nummer 42

Nach dem Gottesdienst die Gans

Kirchweih-Brauchtum auf dem Land

Bei kaum einem Brauchtumsfest in Bayern gibt es ein derart ausgeprägtes Stadt-Land-Gefälle wie bei Kirchweih. Während der dritte Oktobersonntag in den Städten heute kaum noch gefeiert wird, haben sich auf dem Land die Kirchweih-Bräuche noch teilweise erhalten. Nach wie vor ist »Kirta« in vielen Dörfern ein Fest, das mit üppigem Essen, mit Tanz und zumindest bei den Burschen mit so manchem »Rausch« verbunden ist. In zahlreichen ländlichen Museen wird an diesem Sonntag und Montag mit Sonderschauen wieder daran erinnert.

In früheren Jahrhunderten gab es den »Allerweltskirta« nicht. Jede Pfarrei feierte das Fest der Kirchenweihe an dem Tag, an dem ihr Namenspatron im Heiligenkalender steht. Erst später verständigte man sich den dritten Sonntag im Oktober.

Der Kirchweihsonntag beginnt traditionell mit dem Besuch des Gottesdienstes, der mit festlichen Orchestermessen musikalisch umrahmt wird. Vom Kirchturm hängt die Kirchweihfahne (rotes kreuz auf weißen Grund), im Volksmund auch »Zachäus« genannt. Danach trifft sich die gesamte Familie zum Essen.

Eine auf Tradition bedachte Bäuerin serviert knusprig gebratene Gans mit Knödeln und Blaukraut. Ersatzweise gibt es Schweinsbraten. Viele Bauern schlachten noch heute eigens eine für Kirchweih gemästete Sau. Zum Nachmittagskaffee warten dann schon schmalzgebackene »Kirtanudeln«.

Derweil gehen die Männer ins Wirtshaus. Die Zahl der Landwirte, die stattdessen den Brauch des »Kirtahutschens« wieder beleben, wächst allerdings. An langen Ketten ist ein Brett aufgehängt, auf dem die Kinder längs schaukeln. Abends ist im Dorf »Kirtatanz«, den vor allem die jungen Leute nicht auslassen.

Der Kirchweih-Montag, auch »blauer Montag« genannt, ist der eigentliche Wirtshaustag. So mancher Vollrausch wird an diesem Tag torkelnd nach Hause geschleppt. All zu viel ist von Kirta nicht mehr übrig geblieben. Mit der bäuerlichen Kultur stirbt auch Kirchweih. Immer mehr Geschäfte auf dem Land lassen am Nachmittag des Kirchweih-Montags ihre Läden offen – früher undenkbar. Pünktlich um 12.00 Uhr war Schluss, ein halber Feiertag brach an. Supermarktketten und Bankfilialen waren die ersten, die jedoch aus Wettbewerbsgründen den Brauch aufgaben.



42/2003
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