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Jahrgang 2015 Nummer 34

Mutter der schönen Liebe

Ein rares Zeugnis bayrischer Frömmigkeitskultur: das Mariahilf-Bild von Kirchweidach

Franz Josef Soll malte die Kuppel der Kirchweidacher Pfarrkirche mit Szenen aus dem Leben des hl. Vitus aus.
Die stattliche Allerseelenkapelle von Kirchweidach.
Das geschlossene Gitter in der Allerseelenkapelle verwehrt den Zutritt zum Mariahilfbild.
Im Zentrum – Maria mit dem Jesuskind, genannt MATER PULCHRAE DILECTIONIS.
Das Mariahilf-Bild von Kirchweidach.

Wer das dem heiligen Vitus geweihte, stattliche Gotteshaus von Kirchweidach südwestlich von Altötting besucht, geht nicht unbedingt auch in die Allerseelenkapelle, auch wenn die an Stattlichkeit – für ihre Verhältnisse – der ein paar Gräber entfernt stehenden Kirche nicht nachsteht. Die farbig leuchtenden, vielgestaltigen Spätrokoko-Fresken von Franz Josef Soll im Kircheninneren mit Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons in einer üppig-heiteren Voralpen- Landschaft mit Schein-Architektur haben des Besuchers Schaulust, bis hinauf in die phantasievoll ausgemalte Kuppel, stark beansprucht. Vielleicht will er sich noch etwas länger als vorgesehen mit dem goldgerahmten Fresko über dem nördlichen Seitenaltar von Kirchweidach-St. Vitus beschäftigen. Darauf verewigte sich der 1798 in Trostberg gestorbene Künstler F. J. Soll selbst, zusammen mit seiner Ehefrau. Die hält schützend eine Hand über das Haupt eines schmuck gekleideten, jungen Burschen, der, wie dem Kirchenführer von Kilian Kreilinger von 2004 zu entnehmen ist, die Schenkungsurkunde Herzog Theodos an den heiligen Bischof Rupert von Salzburg aufgerollt präsentiert. Rupertus deutet mit seiner ausgestreckten Linken auf die Gnadenstatuette der Schwarzen Madonna von Altötting.

Diese und einige andere nicht ohne Weiteres erklärbare Bilder und Figuren mögen den Besucher der Kirchweidacher Pfarrkirche genug beschäftigt haben, und so ist es kein Wunder, dass er gar nicht erst hineinschaut in die Seelenkapelle, die er in die Friedhofsmauer eingesetzt sieht. Man kann sie betreten, freilich nur bis zum schmiedeeisernen Gitter, das, wenn nicht eine Einsegnung stattfindet, mit einem dicken Sicherheitsschloss versperrt ist. Kreilinger zufolge gehört die Seelenkapelle dem 16. Jahrhundert an. Sie dürfte also weitaus mehr Jahre auf dem Buckel haben als die freilich viel wichtigere und mächtigere Pfarrkirche, die im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts ihre respektable Ausstattung erfuhr. Haupt-Baumeister war Franz Alois Mayr, der unter anderem in Raitenhaslach (Prälatenstock), Margaretenberg, Marienberg, Baumburg, Feichten, Mühldorf am Inn und im Schloss Wald an der Alz tätig war. Er wird zu den bedeutendsten »Trostberger Rokokomeistern« gerechnet. Kirchweidach verdankt ihm »eine der qualitätvollsten Landkirchen ihrer Zeit in Altbayern«, wie das »Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler«, Bayern IV: München und Oberbayern von Dehio u. a. (2002) lobt.

Der auch in dieser Quelle kurz aufgeführten Allerseelenkapelle – einem einfachen Bau, bestehend »aus einem einschiffigen, dreijochigen Langhaus mit Netzgewölbe und 5/8-Chorabschluss« (Kreilinger) – ist äußerlich nicht anzumerken, dass sich darin ein ikonographischer Schatz befindet. Er ist an der südlichen Langwand aufgehängt. Der neugotische Altar an der schmalen Ostwand nimmt ihm keineswegs die Schau. Vom Gitter aus kann man ihn leider nicht in seiner ganzen Pracht bewundern, die seitliche Ansicht aber lässt auf eine Rarität schließen. Man sollte nicht von diesem Ort gehen, ohne das Stück von vorne gesehen zu haben. Der »Dehio« verliert bedauerlicher Weise kein Sterbenswörtchen darüber. Auch der beschlagene Autor des Kirchenführers stuft das hochformatige »Mariahilfbild mit Wurzel Jesse« unter »ferner liefen« … ein. Er erwähnt es zwar, geht aber nicht näher darauf ein. Mehr als dass er es ins 18. Jahrhundert stellt, ist von ihm nicht zu erfahren.

Dabei fällt das Mariahilfbild allein schon wegen seines lang in die Höhe gestreckten Formates auf. Die ins Auge fallenden, vielen beschrifteten Medaillons, die das Bildnis der sitzenden Muttergottes mit dem stehenden Jesuskind auf den Knien umgeben – eine der zahlreichen Wiedergaben des so Lukas-Cranach-Bildes (seit 1611 in Innsbruck; die berühmteste Kopie: auf dem Mariahilfberg in Passau) – müssten eigentlich ins Interessensfeld eines Kirchenkunsthistorikers gerückt sein. Die für uns Heutige, namentlich den Laien teils schwierig, teils gar nicht bzw. eindeutig zu lesenden, geschweige denn gültig zu interpretierenden Aufschriften sind vielleicht ein Grund für die stiefmütterliche Behandlung dieses edlen Stücks.

»MATER PULCHRAE DILECTIONIS« steht in Lettern halbkreisförmig unter dem mittig angebrachten, ovalen Marienbild: »Mutter der schönen Liebe«. Das Haupt der Gottesmutter ist mit einer dicken Krone mit dominantem Rot geziert, die ein rechts schwebender, nackter, kleiner Engel festhält, während sein linkes Pendant ein goldenes Zepter schwingt.

Der »Mutter der schönen Liebe« empfahl bekanntlich der hl. Josefmaria Escriva die gläubigen Christen. Dabei berief er sich auf eine Stelle im Buch Jesus Sirach: »Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Furcht, der Erkenntnis und der heiligen Hoffnung«. »Zur Mutter der schönen Liebe« ist eine Kapelle in Koblenz-Arzheim benannt. Sie ist Teil des UNESCO-Welterbes in der Region Oberes Mittelrheintal. Hier zeigt ein Fresko von Franz Ittenbach aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Maria als das »Apokalyptische Weib«. Die einst berühmte, oberbayerische Wallfahrt Wessobrunn im Pfaffenwinkel ist ebenfalls der »Mutter der schönen Liebe« gewidmet. Das gemalte Wessobrunner Gnadenbild, ein Marien-Porträt voller feierlicher Lieblichkeit, ist eine mit einem Kranz dichter, blühender, roter Rosen und weißer Lilien gekrönte »Braut des Heiligen Geistes«. Maria, die leicht ihr Haupt neigt, ist hier solo. Das Jesuskind fehlt.

Der Schriftzug »MATER PULCHRAE DILECTIONIS« wird, namentlich im Bereich der Volkskunst, selten gebraucht. Er ist dem Vulgata-Text von Jesus Sirach 24,24 entnommen, wo es heißt: »Ego mater pulchrae dilectionis et timoris et agnitionis et sanctae spei …« (Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Gottesfurcht, der Erkenntnis und der frommen Hoffnung. In mir ist alle Lieblichkeit des Weges und der Wahrheit, in mir ist alle Hoffnung des Lebens und der Tugend.) Hier ist denn auch von einem »Weinstock« die Rede, welcher »schöne Ranken« treibt und von Blüten, die sich zu prächtigen und zahlreichen Früchten entwickeln. An ihnen könne sich laben und sättigen, »wer mich begehrt«. Damit könnte das Bildkonzept der Darstellung des Stammbaums Jesu (»Wurzel Jesse«, siehe das grüne Medaillon ganz unten in der Mitte der Mariahilf-Tafel: »Radix Jesu«) erklärt werden. Der Stammbaum Jesu oder Mariens trägt auf dem Kirchweidacher Mariahilf-Bild quasi als »Früchte« verschiedenfarbig gemalte ovale Schrift-Täfelchen in akkurater, stufenförmiger Anordnung. Wie Medaillons hängen sie an den Ästen und Zweigen des (Stamm-)Baumes, 62 Stück. Sie werden symmetrisch präsentiert, in wohl geordneter Aufreihung. Auch die Farben – von Dunkelgrün über Hellrot und Goldgelb bis Weiß – folgen der Symmetrie. Das gibt dem Bild schon beim ersten Anblick eine feierliche Gelassenheit und Erhabenheit.

Die Zuschreibung »MATER PULCHRAE DILECTIONIS« ist für ein Bild vom Typus »Mariahilf« ungewöhnlich. Es ist denkbar, dass das bei den Kapuzinern beliebte und vor allem von ihnen stark propagierte Mariahilf-Bild – man vergleiche die Wallfahrt von Vilsbiburg in Niederbayern, aber auch Kapuzinerkirchen wie etwa die Frauenkirche in Mühldorf am Inn – mit dem Bild und dem Ansehen der »Schönen Lieb-Mutter« verknüpft werden sollte.

Als »Überschrift« wählte der Maler (weder Name noch Herkunft noch Entstehungsjahr und -anlass sind bekannt) »Hayl deß Vatterland‘s – Ursprung der Glückseligkeit – Aufgehende Sonn – Arch deß Testaments«. Diese vierfache Zuschreibung bezieht sich selbstverständlich auf Maria, die Mutter Jesu. Sie wird hymnisch gepriesen als Beschützerin der Heimat, von der alles private und öffentliche Glück ausgeht, als die über Land und Menschen aufgehende Sonne mit ihrem lebenspendenden Licht sowie als »Urbild« der Heiligen Schrift. Die vier Zuschreibungen sind ein Marienlob der besonderen Art, mit Anklängen an geläufige Marienhymnen wie etwa die »Lauretanische Litanei« oder das »Salve Regina«.

Darauf greifen einige der 62 Medaillons zurück, wenn sie Maria als »Zuflucht der Sünder« oder »Hayl der Kranken« feiern und sie als »Admirabilis mater«, als »wunderbarliche Mutter« oder »Mutter der Barmherzigkeit« bezeichnen. Inwiefern Maria dem frommen Volk als »wunderbarliche« Helferin galt, verraten viele der Aufschriften auf den Medaillons. Sie habe Hilfesuchende von Zahn- und Gliederschmerzen erlöst, Gebärende von »Kindsnöthen« befreit, Stillenden die »gnad« erworben, »ihre Kinder zu saugen« oder Frauen von »geschwer an der Brust erledigt und gehailt«. Bei manchen, die Maria um Heilung von Krankheit baten, habe sich die »Glidersucht erlediget«, ihr »gemüth« aufgehellt, von »Teufeln erlöst«, andere seien von »gefahrlichem Katharr und hueste« erleichtert worden. »Seynd von Gefahr der erblindung und schmerzen der augen erlöset, auch blinde sehent worden« – bei solchen Aufschriften tut man sich als Leser des 21. Jahrhundert zwar schwer und muss über so manche orthographische Eigenheit hinwegsehen, bei anderen wieder ist man geradezu hilflos und kann nur »von Schmerzen und Schwindel« lesen, von der »Absperrung des Atmens« oder von »tödtlichen Leibsfällen« und der »Schlaffsucht«. Zum Lachen ist es einem, wenn zu lesen ist, dass »in dem hiern verruckte und unsinnige … zu guetem verstand kommen« sind.

Wer die Medaillon-Aufschriften genau liest, entdeckt – unter anderem – wie absichtsvoll und kompositorisch überlegt der Maler zu Werke ging. Schaut man die mittleren Medaillons von oben abwärts durch, so ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben der Eintragungen »Arbor (Baum …) – Vitae (des Lebens …) – Ex radice genetricis quae est (aus der Wurzel der Mutter Gottes, welche ist eine …) – Mater misericordiae (Mutter der Barmherzigkeit …) – Auxilium Christianorum (Hilfe der Christen …) – Refugium peccatorum (Zuflucht der Sünder …) – Infirmorum salus (Heil der Kranken …) – Admirabilis mater (»wunderbarliche Mutter) der marianische Gruß AVE MARIA.

Die in Öl auf Leinwand gemalte, im vergoldeten, mit Blattwerk gezierten leicht gewölbten Rahmen stehende Arbeit eines unbekannten Malers wirft Fragen auf. Keine Antwort gibt es darauf, wo der frühere Platz dieses raren Gemäldes wohl gelegen haben mag. In der Allerseelenkapelle kommt einem das Stück verloren und deplatziert, ja geradezu verbannt vor. Was soll es hier? Was hat es zu tun mit dem Armenseelen-Kult? Es erscheint regelrecht abgeschoben zu sein, weil niemand damit etwas Rechtes anzufangen wusste und weiß. In Unkenntnis seiner Funktion, auch der Umstände und Gründe seiner Entstehung kann niemandem unterstellt werden, es außer Beachtung gestellt zu haben. Es ist zu hoffen, dass sich jemand Zuständiger findet, der diesen Fragen nachgeht und Lösungen findet. Auch wenn vieles ungeklärt bleibt – an der Bedeutung des Mariahilf-Bildes von Kirchweidach für die volkstümliche, religiöse Praxis vor und während der Entstehungszeit ist nicht zu zweifeln.

Diese Hinweise auf einen einzigartigen Schatz barocker, bayerischer Frömmigkeitskultur, der, unversehrt geblieben und wohl erhalten, abseits im Verborgenen ruht und unverständlicher Weise bis dato keine gebührende Beachtung fand, sollen genügen. Herangezogen wurde, neben den schon erwähnten Kirchenführern, folgende Fachliteratur: »Lexikon der christlichen Ikonographie«, Freiburg i. Br. 1971 ff, »Handbuch der Marienkunde«, Regensburg 1984 und der Ausstellungskatalog »Maria allerorten«, Landshut 1999.


Dr. Hans Gärtner

 

34/2015