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Jahrgang 2012 Nummer 27

Morgen, Abend, Mess‘ und Vesper

Alte handgeschriebene und gedruckte Gebetbücher sind heute Museumsstücke

Eine mit einem Andachtsbildchen versehene Seite aus dem handgeschriebenen Gebetbuch »Geistliches Lust gartlein«, 1779.
»Kern aller Gebethe…«, gedrucktes Gebetbuch des J. Ch. Elias, Münster 1830, dazu Marienwallfahrtsbildchen.
Der betende König David, handgemalte Initiale im Stundenbuch des Bartolomeo Sanvito, Padua, spätes 15. Jahrhundert.
Johann Michael Sailer: »Vollständiges Lese- und Betbuch…«, 2 Teile, München, Ingolstadt 1783.
Mehrfarbige Zierschrift als ornamental geschriebener Innentitel des selbst verfassten und geschriebenen Gebetbuches »Himmlisches Jerusalem«, Tännesberg, 16. November 1794, Bibliotheks-Stempel.

»Ihr meine Leffzen, öffnet euch / zu loben und zu Preisen / Maria, die so gnadenreich / Mir wohlen ehr beweisen / H. Jungfrau, stehe mir bey / mach mich von meinen feiten frey / Gott vater Sohn im himmelreich / samt den h. geist zu gleich . . . » So beginnt der Teil »Tagzeiten von der Unbefleckten Empfängnis« eines handgeschriebenen Gebetbuches mit dem Titel »Geistliches Lust gartlein worinen sehr schöne Morgen; abend, Meß; Beicht; Commo; samt andere etc. schönen auserlesenen gebetteren« aus dem Jahr 1779. Die Texte sind durchwegs in deutscher Handschrift niedergelegt, die Überschriften mit lateinischen Buchstaben versehen. Die Schreiberin, deren Name nach der Seite 151 vermerkt ist, verwendete braune Tinte. Fünf ganzseitige Stiche zieren ihr Gebetbuch, drei Bildchen hat sie eingeklebt. Das Büchlein ist ledergebunden mit Goldornamenteindruck.

Wer weiß, aus welchen Gründen die Schreiberin zur Feder griff, um ihr ganz persönliches Andachts-Büchlein zu haben, das niemand anderer außer ihr selbst benützte. Das ihr Eigentum war. Das man ihr, wie vermutlich in zahlreichen ähnlichen Fällen, nicht mit ins Grab legte, sondern das sich in ihrem Nachlass befand.

Das Gebetbuch ist eines von 25, das die Bibliothek der Philosophisch- Theologischen Hochschule von Benediktbeuern bewahrt. Diese Bibliothek fiel zur Gänze der Säkularisation 1803 zum Opfer. Der Salesianerorden schuf erneut eine Bibliothek, die heute in Bayern die zweitgrößte in kirchlicher Trägerschaft ist, untergebracht im Maierhof des Klosters Benediktbeuern. Ein kleiner Teil der wertvollen Gebetbuchsammlung wird erstmals öffentlich gezeigt und in den Zusammenhang der privaten Frömmigkeitskultur vor allem des bayerischen Oberlandes gestellt. Einbezogen werden Andachtsgegenstände, die an der Grenze des Aberglaubens liegen, Amulette und Talismane, Wallfahrtsdarstellungen, Anastasia-Bildwerke und religiöse Schriften der Aufklärung.

Als »Aufklärer« wirkte Johann Michael Sailer (1751 - 1832) an den bayerischen Universitäten Dillingen und Ingolstadt, bis er 1829 Bischof von Regensburg wurde. 1783 veröffentlichte er sein »Vollständiges Lese- und Betbuch zum Gebrauche der Katholiken«. Er wandte sich mit seiner Zusammenstellung vorformulierter Gebetstexte an die gebildeten Männer, die seiner Erfahrung nach »ohnehin nicht so viel« beten, am wenigsten aus einem Buch. Aus »Personen des andächtigen Weibergeschlechts«, so schrieb er, bestehe »größtenteils« das »Betbücher-Publikum«. Sailer wurde richtig scharf, wenn er formulierte: »Die Nachbarin trägt ein mit Silber beschlagenes Betbuch mit in die Kirche. Die Blätter sind abgenutzt, und durch Fingerschmutz beynahe unleserlich gemacht. Sie kniet nieder, öffnet Buch und Mund, und spricht: Allerliebster Herr, ich grüße dich 33000mal; allersüßester Herr, ich küsse dich mit dem Kuss der Liebe; allerzärtlichster Herr, ich wünsche dir Glück, wie dir alle Seraphinen Glück wünschen. – So betet sie, wie es im Buche gedruckt ist. Sie geht wieder nach Hause. Ihr Herz ist so kalt gegen Gott, wie vorher, ihr Verstand so leer, wie vorher.«

Keine gute Meinung hatte Sailer also von den betenden Frauen. Es waren in der Tat keineswegs nur Frauen, die sich im 18. und 19. Jahrhundert gedruckte Gebetbücher zulegten oder gar selbst welche schrieben und malten. Oder vielleicht besser: schreiben und malen ließen. Denn die wenigsten einfachen Leute waren damals des Schreibens kundig. Sie konsultierten Briefmaler, -schreiber oder Schulmeister, die sie für ihre Arbeit entlohnten. Als Vorlagen für die eingefügten Andachtsbilder – oft sind es Gnadenbildkopien aus dem engeren Umland der Schreibenden – dienten gedruckte Bildchen, die in naiver Form nachgestaltet wurden.

Das Wallfahrtswesen dürfe man »als einen der stärksten Impulse der Gebetbuchfrömmigkeit « betrachten, sagt der Benediktbeurer Bibliothekar Philipp Gahn. Er wirkt derzeit an dem einst stark frequentierten Gnadenort der hl. Anastasia. Im Jahre 1054 wurden die Reliquien der 304 unter Diokletian den Märtyrertod Erlittenen nach Benediktbeuern verbracht. Auf das erhaltene handgeschriebene Verzeichnis der Heiligtümer dieser für Kloster und Gnadenstätte wichtigen Gestalt ist Gahn nicht weniger stolz als auf weitere alte Gebetbücher, die im Besitz der von ihm betreuten Bibliothek sind. Insgesamt stattliche 1300 Exemplare. Nur ein verschwindend kleiner Teil ist handgeschrieben und handgemalt.

Aus dem Nachlass des Paters Karl Abt stammt das Gebetbuch, das Johann Christian Elias um 1830 in Münster in Westfalen im heute noch bestehenden Verlag Aschendorff herausbrachte: »Kern aller Gebethe« heißt es. Es bietet »Morgen-, Abend-, Mess-, Beicht- und Kommuniongebethe, wie auch Gebethe zur h. Dreifaltigkeit, zum Namen Jesus, h. Engeln und verschiedenen Heiligen…« Elias bezeichnet sich selbst als »katholischen Pfarrherrn des hochadel. freiweltl. Stiftes Fröndenberg in der Grafschaft Mark«.

Aus St. Martin im Mühlkreis ist ein etwa gleichaltriges, ebenfalls gedrucktes Gebetbuch vorhanden, das vielleicht weniger durch seinen Inhalt als durch seine handgeschriebene Eintragung auffällt. Sie weist darauf hin, dass dieses Buch dem Michael Öllinger gehört, einem Handelsmann und Hausbesitzer aus St. Martin im Mühlkreis (Oberösterreich), der betont: »Wenn ich es verliere, so bitte ich den Finder, es mir freundlich zurück zu geben. Wer mir es aber stiehlt, ist ein Dieb, und ein Dieb ist ein Diener des Teufels.«

Handgeschriebene und handgemalte Gebetbücher haben hohen Seltenheits- weil Original-Wert. Es gibt sie jeweils nur in einer einzigen Ausgabe. Philipp Gahn: »Die Tatsache, dass sie in Museen und Bibliotheken nur mehr spärlich vorhanden sind, lässt nicht darauf schließen, dass ihre frühere Verbreitung gering gewesen wäre. Ihr Gebrauch als Grabbeigabe, die Unachtsamkeit der Erben und andere Widrigkeiten haben ihren Bestand dezimiert. Sie zeigen vor allem eines: Mit welcher Liebe und Hingabe Menschen in Zeiten, die uns heute manchmal als finster und unaufgeklärt erscheinen, ihrem Glaubensleben Ausdruck verleihen konnten.«

Das schmälert keineswegs den Wert der in manchen Sammlungen oder Museen aufbewahrten gedruckten Gebetbücher. Sie tragen so köstliche Titel wie »Geistlicher Himmelschlüssel« oder »Himmlisches Jerusalem«. Oft sind sie als Schatz einer frommen Person kostbar gebunden und mit getriebenen Metallschließen versehen. Zusammen mit dem Rosenkranz oder dem »Zehner«, auch mit den darin lose verwahrten Andachtsbildchen und Gebetszetteln waren sie als unterstützendes und förderndes Instrumentarium der Frömmigkeit aus dem Alltag von Ordensleuten wie der Laien- Christen nicht wegzudenken. Hier insbesondere derer, die sich solche Kostbarkeiten leisten konnten. Großbauern- und Bürgertum versuchten hier mit Klerus und Adel Schritt zu halten.

Aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, also aus der Frühzeit des Buchdrucks, stammt eine kleine gebundene Handschrift, die Philipp Gahn mit besonderem Nachdruck erwähnt. Er zeigt sie nur mit weißen Strickhandschuhen, die er sich überzieht. Das Stundenbuch des Bartolomeo Sanvito, eines bedeutenden Buchkünstlers aus Padua – er lebte von 1433 bis 1511 – war wohl ein Auftragswerk des Brotgebers, des Kardinals Francesco Gonzaga. Die Illuminationen wurden von Antonio Maria de Villafora, der im gleichen Jahr wie Savito starb, angefertigt. Dass sich er und seine Schüler in die Anfertigung der Initialen teilten, ist anzunehmen. Sie zeigen Porträts biblischer Gestalten wie etwa den betenden König David oder der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind.


Dr. Hans Gärtner

 


27/2012