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Jahrgang 2008 Nummer 51

»Mordweihnacht« von 1705

Der Bauern-Aufstand wurde grausam niedergeschlagen

Die Sendlinger »Mordweihnacht« ist ein bis heute unvergessenes düsteres Kapitel der bayerisch-österreichischen Geschichte. Am Roten Turm, östlich von München, erhoben sich im Jahre 1705 rund 2200 Bauern gegen das damals herrschende brutale Besatzungsregime der Österreicher. Sie wurden am Vormittag des 25. Dezember grausamst niedergemetzelt. Sogar Bauern, die sich bereits ergeben hatten, fanden keine Gnade und mussten sterben. Die blutige Bilanz: 1066 Tote, von denen 294 auf dem Sendlinger Friedhof begraben wurden, 682 bestattete man auf dem heutigen Alten Südfriedhof in München und 90 fanden ihre letzte Ruhe auf dem Gottesacker der Frauenkirche.

Im Krieg um die Thronnachfolge des kinderlos gebliebenen Habsburgers Karl II. hatte sich Bayern auf die Seite Frankreichs gestellt. 1704 kam es zur Schlacht bei Höchstädt, bei der die kaiserlich-englische Truppe das bayerisch-französische Heer vernichtend schlug. Bayern kam unter die Oberherrschaft Österreichs, die bis 1715 dauern sollte.

Der Freiheitsdrang der bayerischen Bauern war jedoch so groß, dass es am Weihnachtstag 1705 zu dem folgenschweren Aufstand kam. Den Freiheitskämpfern hatten sich Zimmer- und Schreinerleute angeschlossen, die auch Opfer der mit harter Hand zurückschlagenden Besatzer wurden. Von den 96 Zimmerern fielen 34, darunter auch einige Frauen, die an der Seite ihrer Männer gekämpft hatten. Die Toten hinterließen 45 Waisen.

Mit diesen Waisenkindern gab es zwei Jahre nach der Mordnacht die erste Gedenkfeier. Der Gastwirt Jakob Gelb organisierte im Juni 1707 ein Trauern am Sendlinger Friedhof der Gefallenen und anschließend eine Wallfahrt nach Andechs. Daraus entwickelte sich eine Tradition, die bis 1742, als Bayern längst wieder frei war, wiederholt wurde. Jahrzehnte später schlug der große bayerische Sprachforscher Johann Andreas Schmeller (1785-1852) ein Kunstdenkmal auf dem Massengrab der ermordeten Bauern vor, das 1831 feierlich enthüllt wurde: Ein über zwei Meter hoher Bronzebrunnen mit einem Kreuz, entworfen von Franz Xaver Schwanthaler, einem Onkel des berühmten Bildhauers Ludwig Schwanthaler.

Das Metall für das Mahnmal stammte von einer Kanone, die Inschrift lautete: »Den im Jahre 1705 am heiligen Christtage den 25. December im Kampf für Fürst und Vaterland gefallenen Bauern.« An der nördlichen Außenwand der Alten Sendlinger Kirche malte der Historienmaler Wilhelm Lindenschmit der Ältere (1806-1848) ein großflächiges Fresko zum Gedenken an die blutige Weihnacht. 1832 verfügte der Geheime Rat Phillip von Zwackh auf Holzhausen eine Seelenmesse für die gefallenen Bauern. Die Zweihundertjahrfeier der »Mordnacht« 1905 dauerte drei Tage. An ihr nahmen damals acht Wittelsbacher Prinzen teil, darunter der spätere König Ludwig III., ranghohe Vertreter des Militärs und alle damaligen Honoratioren. 1911 wurde das Denkmal »Der Schmied von Kochel« gegenüber der Sendlinger Kirche errichtet, wo es immer noch an dieses Massaker erinnert.

Bis heute finden alljährlich an Weihnachten Gedenkveranstaltungen statt. Jeweils am Heiligen Abend versammeln sich um Mitternacht die Mitglieder der »Historischen Gruppe Schmied von Kochel« zu ihrem Gedenken. Der Heimat und Volkstrachtenverein »Schmied von Kochel« kommt traditionell am 4. Advent zu seiner Gedächtnisfeier zusammen.

Nikolaus Dominik



51/2008