Jahrgang 2009 Nummer 41

Mit goldenen Buchstaben ausgeziert

Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek führt an die Wiege des Buchdrucks

Titelseite mit Holzschnitt der ersten Gesamtausgabe der Werke des heiligen Ambrosius, 1492.

Titelseite mit Holzschnitt der ersten Gesamtausgabe der Werke des heiligen Ambrosius, 1492.
Ansicht von München aus Hartmann Schedels Weltchronik (»Liber chronicarum«), 1493.

Ansicht von München aus Hartmann Schedels Weltchronik (»Liber chronicarum«), 1493.
Miniatur-«Stundenbuch«, Größe: 4,5 x 3,5 Zentimeter, 160 Blatt, Ledereinband, 1499.

Miniatur-«Stundenbuch«, Größe: 4,5 x 3,5 Zentimeter, 160 Blatt, Ledereinband, 1499.
Jung war er, unternehmungslustig und geschickt, der Augsburger Handwerkersohn Erhard Ratdolt. Ihn zog es schon bald nach Venedig, mehrmals sogar. Bis er dort hängenblieb. Mit seinen Kumpels Bernhard Maler und Peter Löslein machte er in der Lagunenstadt eine Druckerwerkstatt auf. Das war um 1475. Drei Jahre später trennte Ratdolt sich von den Freunden. Vermutlich spielte dabei die Pest eine Rolle. Ratdolt entkam der Epidemie. Er war bald einer der gefragten Drucker seiner Zeit. So viele gab es allerdings damals noch nicht. Immer noch wurden Texte vielfach per Hand (ab)geschrieben und schön ausgestattet. Aber Ratdolt hatte Erfolg, weil er drucktechnisch höchsten Qualitätsansprüchen genügte. Er verstand sich auf die Verwendung von Holzschnittbordüren und -initialen und experimentierte mit Mehrfarben-Druck. Die Bayerische Staatsbibliothek besitzt einige (Er)Zeugnisse der blühenden Ratdolt’schen venezianischen Offizin. Sie zählen zu den Highlights einer Ausstellung, die sich recht flott »Als die Lettern laufen lernten« nennt.

So schnell wie das heute immer noch manche meinen, ging es damals allerdings gar nicht. Nicht über Nacht kam die Erfindung des Buchdrucks in Mainz. Gutenbergs Großtat war keine »Medienrevolution«, wie das häufig angenommen wird. Die Übergänge von der Handschrift zum gedruckten Buch waren gleitend. Das Unverwechselbare, Individuelle, das die Handschriften auszeichnete, soll noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Die Drucker verwendeten bewegliche Lettern – die Druckmaschine lässt noch lange auf sich warten – und zierten ihre Werke mit Holz- und Metallschnitt-Illustrationen aus, die noch »Charakter« besaßen. Gedruckte Bücher wurden lange Zeit noch per Hand korrigiert – mit Rotstift sozusagen, wie ihn die Lehrer heute noch benützen – und Überschriften wurden nicht gedruckt, sondern handschriftlich eingesetzt, Anfangsbuchstaben (Initialen) groß, bunt und »bildhaft schön« gestaltet.

Beleuchtet wird, unter der fachkundigen Leitung der Kuratorin Bettina Wagner – im Fürstensaal und in der abgedunkelten Schatzkammer – der »Medienwandel im 15. Jahrhundert«. So der wissenschaftlich ambitionierte Untertitel der Schau. 90 (von insgesamt gut 20 000 in der BSB gehüteten) Inkunabeln (Wiegen-Drucken) werden der Öffentlichkeit vorgestellt. Von der Vorform des gedruckten Buches, der mittelalterlichen Handschrift geht es zu den kunsthandwerklich hergestellten Blockbüchern und Texttafeldruckwerken. Bibeln und Widmungsbücher, Einblattdrucke und Schrifttypenverzeichnisse, die bewundernswerten Metallschnitte des nur Insidern bekannten Wanderdruckers Johannes de Turrecremata, Chroniken und Werbeschriften, Probedrucke, Stundenbücher und so lustige Sachen wie etwa eine Almanachparodie oder das kleine Vorlesungsverzeichnis eines übereifrigen Professors, der um Hörer besorgt war – viele Herrlichkeiten und Kostbarkeiten der ersten Druckerzeugnisse auf deutschem Boden sind zu sehen.

Und: Es wird ein konzentrierter Einblick in die sich damals erst allmählich entwickelnde Buch-»Industrie« und den »literarischen Betrieb« geboten. Themen sind: Absatz, Vertrieb, Werbung, Layout, Titelblattgestaltung, Verlagssignets, Formate, Druckverfahren, Produktionsbedingungen und Produktionsabläufe, Auflagenhöhe, Kaufpreis, Marktstrategien. Dies alles hob, dank tatkräftiger Persönlichkeiten des Handwerks, in einer Zeit an, in der gerade einmal jener genialische Johannes Gensfleisch, der sich Gutenberg nannte, in Mainz die erste lateinische Vulgata herausbrachte. Das war 1454/55. Dieses Buch und der sogenannte Türkenkalender von 1454 gehören zu den ausgesuchten spektakulären Objekten, die unter Glas und bei guter Beleuchtung und Beschriftung im Original vor dem Besucher liegen, jeweils eine Seite aufgeschlagen. Allesamt Eigentum der Bayerischen Staatsbibliothek.

1494, also kaum ein halbes Jahrhundert nach der Erfindung des Buchdrucks, staunt der Käufer einer Inkunabel über deren geringen »Ladenpreis«. Der Buchdruck hatte sich endgültig durchgesetzt und stand praktisch allen zur Verfügung. Das Ende der Handschriftenproduktion namentlich der Klöster war gekommen. Freie Bahn für den Siegeszug massenhaft verbreiteter Texte! Im selben Jahr kam »Das Narrenschiff« von Sebastian Brant in Basel heraus, wo sein Urheber Universitätslehrer beider Rechte war. Hatte er zwei Jahre zuvor schon mit einem Flugblatt auf dem Druckmarkt von sich reden gemacht – es thematisierte das Naturereignis des Meteoriten-Einschlags vom 7. November 1492 im Elsass - und war er gleichzeitig als Herausgeber und Mitautor der Werke des hl. Ambrosius aufgetreten, hatte er nun als Humanist und Satiriker mit seinem »Narrenschiff« europaweites Ansehen errungen.

Das Buch gilt als erstes deutschsprachiges und opulent ausgestattetes Werk des 15. Jahrhunderts. Von den 114 Holzschnitten, die es ziert, werden 73 Albrecht Dürer zugeschrieben. Bis 1512 folgten fünf weitere Ausgaben, Übersetzungen und mehrere unautorisierte Nachahmungen. 112 Narren machen eine Schiffsreise ins gelobte Land namens »Narragonia«. Jeder Reisende repräsentiert eine Form menschlichen Fehlverhaltens. Der Büchernarr sitzt »vornan in dem schyff« der versammelten »Dummköpfe«. Er hockt in einer Art Lese-Gestühl, tut mit seiner starken Brille und den vielen Folianten um sich herum recht gescheit. Dabei wedelt er aber nur die Fliegen von den Buchseiten anstatt sie zu lesen und zu verstehen.

Da ging es Sebastian Brants »Narr« vor gut 550 Jahren, als die Massenware Buch gerade einmal geboren war, wie es manchem Bücherfreak heutzutage ergeht: Er kauft und schafft eine Fülle von Lesestoff ein, hortet und hütet die Schmöker wohl, staubt sie ab und hält sie frei von Ungeziefer – aber die Zeit zum Lesen weht darüber hinweg wie ein Lufthauch. Ein Lufthauch ist auch unser Leben nur.


Hans Gärtner

Informationen:
»Als die Lettern laufen lernten. Medienwandel im 15. Jahrhundert«. Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek, München, Ludwigstr. 16, Fürstensaal und Schatzkammer, bis 31. Oktober 2009, Mo – Fr 10 – 17, Do 10 – 19, Sa/So 13 – 17 Uhr außer an Feiertagen.
Eintritt frei. Ein Audioguide-System steht kostenlos zur Verfügung. Führungen für Gruppen in begrenztem Umfang möglich, nur nach Anmeldung, Telefon 089-28638-2115. Der reich bebilderte Katalog (»Inkunabeln aus der Bayerischen Staatsbibliothek«, Dr. Ludwig Reichert Verlag, Wiesbaden 2009) kostet 19,90 Euro. Siehe auch www.bsb-muenchen.de.



41/2009