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Jahrgang 2004 Nummer 39

Mit Dirndl und Lederhose in Amerika

Eine Million Bayern sind in die Vereinigten Staaten eingewandert

Wilhelm Schleich aus Hohenpeissenberg vor der Einwandererstation Ellis Island 1907.

Wilhelm Schleich aus Hohenpeissenberg vor der Einwandererstation Ellis Island 1907.
Ein Boot bringt die Auswanderer zum Segelschiff, mit dem sie nach Amerika reisen. Gemälde von Antonie Volkmar, 1860.

Ein Boot bringt die Auswanderer zum Segelschiff, mit dem sie nach Amerika reisen. Gemälde von Antonie Volkmar, 1860.
So sah ein Bilderbogen das sorgenfreie Leben eines erfolgreichen Auswanderers.

So sah ein Bilderbogen das sorgenfreie Leben eines erfolgreichen Auswanderers.
»Am Anfang geht es keinem gut, bis man erst einmal die Sprache kann und bekannt ist – aber wenn es einer kann, hat er es leicht, die Kost ist sehr gut, es ist hier alle Tage so, wie bei Euch an Kirchweih.« So begeistert schrieb der nach Amerika ausgewanderte Benno Daxl vor einhundertzehn Jahren aus dem Mittleren Westen an seine Eltern in der Gegend von Mühldorf. Und der aus dem Chiemgau stammende Johann Bachhuber berichtete seinen Angehörigen: »Für den eigentlichen Beruf gilt hier das Geldverdienen, darauf ist das ganze Bestreben der Leute gerichtet. Jeder kann nach Belieben eine Beschäftigung wählen und nach dieser auf zwanzig andere übergehen, ohne dass man sich darüber wundert oder ihn beschränkt.«

Benno Daxl und Johann Bachhuber sind zwei von der insgesamt einer Million Bayern, die in den vergangenen dreihundert Jahren ihrer alten Heimat den Rücken kehrten, um in Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ihr Glück zu versuchen. Ihre Spuren verfolgt die vom Haus der Bayerischen Geschichte konzipierte Ausstellung »Good Bye Bayern – Grüß Gott Amerika«, die bis zum 7. November 2004 in der Alten Schrannenhalle in Nördlingen zu sehen ist.

In den meisten Fällen waren wirtschaftliche Not und mangelnde berufliche Perspektiven der Grund für den Entschluss zur Auswanderung. Wer dazu noch einen Schuss Unternehmungsgeist und Abenteurerlust mitbrachte, hatte gute Aussichten auf eine erfolgreiche Karriere. Dazu kamen Auswanderer aus politischen oder religiösen Motiven. Aufsehen erregte der Landtagsabgeordnete Fidel Schlund, ein Verfechter der revolutionären Ideen von 1848, der aus Verbitterung über den reaktionären Kurs von König Ludwig I. sein Heimatland verließ. Enttäuschung über die autoritär-katholische Kirchenpolitik unter Ludwig I. veranlasste auch zahlreiche Juden, Bayern den Rücken zu kehren; unter ihnen befand sich auch der Hausierersohn Levi Strauss, der später durch die »Erfindung« der Jeans weltberühmt werden sollte. Natürlich waren unter den Emigranten gelegentlich auch reine Abenteurer sowie Menschen, die sich straffällig gemacht hatten. Um solche Einwanderer abzuweisen, wurden in den amerikanischen Hafenstädten Kontrollstellen eingerichtet, bei denen sich jeder registrieren lassen musste. Nur wer körperlich gesund war, einen Beruf erlernt hatte und Bekannte angeben konnte, die bereit waren, ihn zunächst aufzunehmen, erhielt die Einreiseerlaubnis. Alle anderen wurden zurückgewiesen, »weil sie eine Belastung für die Öffentlichkeit werden könnten«, wie es in den Vorschriften hieß. Dieses Schicksal ereilte den 25 jährigen Bauerssohn Wilhelm Schleich aus Hohenpeissenberg. Er konnte bei der Kontrolle nur drei Dollar Bargeld vorweisen und wurde deshalb wieder zurückgeschickt. Schleich gelang es trotzdem, illegal unterzutauchen; seine Angehörigen standen noch bis nach dem 1. Weltkrieg mit seinen Nachkommen in Briefkontakt.

Da im Königreich Bayern das Recht auf Freizügigkeit (freie Wahl des Aufenthaltsortes) und auf Auswanderung erst seit dem Jahre 1868 bestand, mussten Auswanderer bis dahin einen Antrag auf Auswanderung stellen. Dazu brauchte man neben dem Geburts- und Taufzeugnis noch einen Vermögensnachweis, ein polizeiliches Leumundszeugnis und den Militärentlassungsschein. Beim langsamen Arbeitsgang der Behörden stellte die oft jahrelange Wartezeit die Geduld der Ausreisewilligen auf eine harte Probe. Nach den ersten Jahrzehnten der ungeregelten Einwanderung war auch Amerika nicht bereit, jeden Ankömmling aufzunehmen. Aus Sorge um die innere Sicherheit des Landes wurden »organisierte Sozialisten und Anarchisten« mit einem Einreiseverbot belegt. Später musste jeder Bewerber sogar Lese- und Schreibkenntnisse nachweisen. Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs kam es in Amerika zu einer stark deutschfeindlichen Stimmung. In mehreren Bundesstaaten wurden deutsche Ortsnamen amerikanisiert, die deutsche Schulsprache verboten, zeitweise verfielen sogar die das heimatliche Brauchtum pflegenden Traditionsvereine dem Verdikt, wurden aber bald wieder zugelassen. Der bayerische Einfluss auf die amerikanische Volkskultur ist in den verschiedensten Gegenden Amerikas bis heute ungebrochen. »Wenn die Amerikaner an Deutsche denken, haben sie bayerische Lederhosen und bayerische Dirndl vor Augen und scheinen davon auszugehen, dass alle Deutschen Schuhplattler tanzen und jodeln können – und das Schloss Neuschwanstein ist das Vorbild für die Phantasieschlösser in den vielen Disneylands geworden«, schreibt der amerikanische Soziologe Don Lhoder.

In den Ballungsräumen und in den Städten erfreuen sich bayerische Restaurants nach wie vor großer Beliebtheit. In Philadelphia wurde erst vor kurzem das Restaurant »Ludwigsgarten« mit bayerischer Innenausstattung eröffnet, in New Braunfels (Texas) bietet das »Bayerische Dorfrestaurant mit Biergarten« ein ganzjähriges »Wurstfest« an, bei dem natürlich die Brez’n nach Münchner Art nicht fehlen dürfen.

Seit dem Jahre 1874 existiert in New York der »Bayerische Volksfest-Verein«, der sich die Pflege der bayerischen Tracht und der heimatlichen Bräuche auf die Fahnen geschrieben hat. »Unsere Mitglieder sind streng konservativ, gute Bürger unseres Adoptivlandes mit tief eingewurzelter Liebe zur alten bayerischen Heimat« lautet ihr Programm. Auf einer in Nördlingen ausgestellten Übersicht bayerischer Heimatvereine in Amerika sind auch Gruppen von Einwanderern aus Oberbayern gebührend vertreten, beispielsweise »D’ Oberlandler«, ein »Schuhplattlerverein Edelweiß«, die »Lustigen Wendelstoana« und sogar »D’ Chiemgauer of Winnipeg«.


Aus Briefen ausgewanderter bayerischer Landsleute:
– »Hier im Lande darf sich keiner der Arbeit schämen oder er muss verhungern.« (1840)
»Die 900 Zwischendeck-Passagiere waren wie Vieh verstaut. Das Zwischendeck sollte per Gesetz abgeschafft werden.«
»Dieses Land verlässt man nicht mehr, wenn man sich eingewöhnt hat.«
»Die Weibspersonen haben es gut in Amerika, sie brauchen nicht zu arbeiten, können in der Stube sitzen und kochen und stricken.«
– »Wir durften anfangs kein Wort sagen, sonst hat es geheißen: Geh doch dort hin, wo du herkommst.«
»Die Kost ist sehr gut, alle Tage drei Mal Fleisch, Kaffee, Butter, Käse, weißes Brot, kein schwarzes haben wir nicht einmal gesehen, viel weniger gegessen.«
»Die Frauen sind sehr genügsam, haben feine Augen und hie und da sieht man eine klassische Schönheit. Würde mich gar nicht wundern, wenn ich euch noch eines Tages mit einer dunklen Schwägerin überraschen würde.«
– »Einen Bräuknecht will ich nicht gerne machen – das Bier ist hier nicht so gut wie das bayerische Bier.«
– »In ganz, Deutschland geht es keinem Menschen so gut, das dürft ihr mir gewiss glauben.«
– »Kuchen gehört hier auf den Tisch, auch beim ärmsten Arbeiter, ebenso Butter. Wecken gibt es hier nicht.«
– »Um Religion kümmert sich die Regierung nicht, sie duldet alle Religionen, aber unterstützt keine. Es kann einer predigen, was er will.«
– »Liebe Mutter, ich wollte, du wärest so gütig und würdest mir sämtliche deiner Lieder schicken, ich bin so einsam.«
»Schicke mir im nächsten Brief ein paar Samen von verschiedenen Blumen für meinen Garten, ich möchte welche haben aus meinem Vaterland.«



JB



39/2004