Jahrgang 2020 Nummer 43

Mit Brief und Siegel

Ein lehrreicher Streifzug durch die bayerische Rechtsgeschichte

Lehenseid eines Ritters, Miniatur aus einem Lehensbuch im Staatsarchiv Amberg.
Plakat des Betriebs- und Soldatenrats München (1919).
Der Landesherr überreicht einem Reichsgrafen den Richterstab, Miniatur Staatsarchiv Würzburg

»Darauf geb' ich dir Brief und Siegel« – wer das sagt, möchte etwas ganz und gar endgültig ausdrücken und seiner Aussage gleichsam einen Rechtsanspruch verleihen. Dabei wird das Wort »Brief« in seiner ursprünglichen Bedeutung »Urkunde« gebraucht, so wie es heute noch in den Bezeichnungen Meisterbrief und Kfz-Brief anklingt. Derartige Briefe und Urkunden waren und sind keine Privatangelegenheit, sondern sie bedürfen einer Beglaubigung, früher durch Siegel, heute durch die förmliche Ausstellung und den Stempeldruck einer dafür autorisierten Stelle.

Die Frage nach der Glaubwürdigkeit und der Rechtskraft einer Aussage steht im Mittelpunkt der Ausstellung »Brief und Siegel« im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München. Was muss man tun, damit eine Vereinbarung hieb- und stichfest ist und ihre Gültigkeit nicht angefochten werden kann? Dieses Problem hat Menschen schon immer umgetrieben. Wie die Erfahrung lehrt, gibt es jederzeit Schwindler, die andere hinters Licht führen. Lug und Trug begleiten nun einmal die Weltgeschichte wie das Privatleben, mag man auch die Aussage des Psalmisten übertrieben finden, der offenbar in einer Anwandlung von Entttäuschung ausruft »Alle Menschen sind Lügner!« (Psalm 116). Eine sehr pessimistische Bilanz. Märchen und Mythen aller Kulturen berichten von Betrügern, denen der Held oder die Heldin das Handwerk legt, um unschuldig Verfolgten zu ihrem Rechte zu verhelfen.

In den bayerischen Archiven lagern Tausende von Dokumenten, die durch Siegel oder andere Formen der Beglaubigung vor Fälschung gesichert sind und Rechtskraft erlangt haben, von denen eine interessante Auswahl bei der Ausstellung gezeigt wird. Sie ist in die drei Abschnitte Rechtssymbolik, Formen der Beglaubigung und Ungültigmachen von Dokumenten gegliedert. Ein Schwerpunkt liegt auf der rechtlichen Stellung von Frauen und ihren Rechtsgeschäften. Thematisiert werden auch symbolische Handlungen, etwa die zum Schwur erhobene Hand, das Zerbrechen des Richterstabs bei einem Todesurteil sowie verschiedene Erinnerungstechniken wie Backenstreich oder Ohrenziehen, durch die eine nachhaltige Erinnerung an ein Rechtsgeschäft erzielt werden sollte.

Unterschrift mit drei Kreuzen

Am 16. März 1812 schlossen der Kleinbauer Johann Wolf und die Bauerstochter Barbara Stefl vor dem Richter in Sulzbach-Rosenberg einen Ehevertrag. Dieser ist bei der Ausstellung zu sehen. Da die beiden nicht schreiben konnten, unterzeichneten sie ersatzweise jeweils mit drei Kreuzen. Drei Kreuze stehen für Johann Wolf und drei Kreuze für Barbara Stefl. Ihre KreuzUnterschriften wurden vom Gerichtsdiener amtlich beglaubigt und erlangten dadurch Rechtskraft. In Bayern galt zwar seit dem Jahre 1802 die Schulpflicht, aber am flachen Lande haperte es offenbar noch eine Zeit lang mit den Schreibkenntnissen. Das war sogar noch 1862 bei der Einführung des Notariats im Königreich Bayern der Fall, denn das Gesetz erlaubte auch damals Analphabeten weiterhin, drei Kreuze als Unterschrift zu verwenden, allerdings hatten zwei Zeugen oder der Notar den Akt zu bestätigen.

Auch andere graphische Zeichen tauchen auf alten Urkunden als Unterschriften auf. Mittelalterliche Königs- und Kaiserurkunden tragen ein vom Kanzleipersonal kunstvoll vorgezeichnetes Monogramm, das der Herrscher nur noch mit einem Vollziehungsstrich vervollständigte. Fehlt dieser Strich, ist die Urkunde wahrscheinlich eine Fälschung und ungültig. In späterer Zeit traten Siegel an die Stelle der Unterschrift, zuerst aus Wachs, später aus Metall oder Lack. Ein Siegel wurde jeweils nur für eine bestimmte Person hergestellt. Höchst ausdrucksvoll ist die ausgestellte Kaiserurkunde von Heinrich VII., in der er den Nürnbergern die Privilegien seiner Vorgänger bestätigt. Und zwar mit einem imposanten Goldsiegel, das von einem Goldschmied aus Venedig angefertigt wurde. Eher wie eine Kuriosität mutet der »Regensburger Igel« von 1342 an, ein Dokument mit über vierhundert angehängten Bürgersiegeln, das in zusammengefaltetem Zustand wie ein Igel aussieht. Die Bürger verpflichten sich darin feierlich und in rechtsverbindlicher Form, den innerstädtischen Frieden zu wahren.

Der Richterstab als Symbol

Das Symbol der richterlichen Amtsgewalt bildete seit dem Mittelalter der Richterstab. Er wurde dem Richter bei der Amtseinsetzung überreicht, wie eine kolorierte Miniatur aus dem »Zentgrafenbuch« des einstigen Hochstifts Würzburg illustriert. Dargestellt ist der thronende Fürstbischof in geistlichem Ornat, der dem vor ihm knieenden Richter einen Stab als Symbol der Blutgerichtbarkeit überreicht. Bei Verhängung eines Todesurteils zerbrach der Richter den Stab über dem Kopf des Verurteilten und warf ihm die beiden Teile vor die Füße. Dass sich mit dem Ende der Todesstrafe die Redewendung »Den Stab über jemandem brechen« erhalten hat, beweist die Langlebigkeit einprägsamer sprachlicher Wendungen, wie sie auch in anderen Redewendungen und Sprichwörtern zum Ausdruck kommt.

Vielen Einschränkungen unterlag früher die Geschäftsfähigkeit und Prozessfähigkeit der Frauen. Diese Abstufung wurde als »Rechtswohltat« und »weibliche Freiheit« interpretiert und diente angeblich dem Schutz der Frau, natürlich aus männlicher Sicht. In Rechtsbüchern ist unverhohlen von weiblicher »imbecillitas« (Dummheit) und infirmitas (Schwäche) die Rede, die einen männlichen Beistand erforderlich machten. In adligen Kreisen gab es die sogenannten Anweiser als Helfer für Frauen in Rechtsgeschäften. Bei der Ausstellung ist die Urkunde auf den Thronverzicht der bayerischen Herzogin Elisabeth Amalie Eugenie, genannt »Sisi«, zu sehen, den die damals 16jährige Prinzessin vor ihrer Eheschließung mit Kaiser Franz Joseph von Österreich leistete. Sie sei von drei Anweisern über die Folgen des Verzichts »hinlänglich unterichtet« worden, bestätigt sie, was die Anweiser durch ihre Unterschrift bezeugen.

(Ausstellung bis 20. November im Hauptstaatsarchiv München, Ludwigstraße 14)

 

Julius Bittmann

 

43/2020

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