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Jahrgang 2010 Nummer 37

Mein unvergessener Schulweg

Erinnerungen an die Kindheit

Es war an einem milden Spätsommertag, als ich mich endlich entschloss, einen schon seit langer Zeit gehegten Wunsch in die Tat umzusetzen. Ich hatte mir, trotz Bedenken meiner Tanten, dieses schon so lange vorgenommen. Übereinstimmend waren diese der festen Überzeugung, dass ich nur enttäuscht von diesem »Ausflug« zurückkommen würde. – Meinen alten Kirchen- und Schulweg wollte ich noch einmal gehen, soweit dies überhaupt noch möglich war. – Der Weg mit dem Auto dorthin war ja nicht weit, nur eine knappe halbe Stunde brauchte ich, um dorthin zu kommen. Dennoch kam es mir vor, als wäre ich weit fortgefahren – zurück in die Vergangenheit. – Ich fuhr von Traunstein kommend in die weniger befahrene Straße, vorbei an Nußdorf. Kurz vor Sondermoning bog ich in das schmale Seitenstrasserl ein und vorbei an etlichen Einödhöfen war ich kurz darauf an der mir noch jetzt wohlbekannten Abzweigung angekommen. Gerade weiter wäre ich nach ein paar hundert Metern an meinem Heimathaus angelangt. Jedoch, ich blieb nur ein paar Augenblicke stehen und schaute sinnend zu dem auf der Anhöhe stehenden Pittersdorf hinauf.

So war ich schon einige Minuten später beim Untermeisinger angelangt, wo damals meine Freundin Muschi gewohnt hatte. Von dort unten konnte ich nochmal hinaufschauen zu dem Ort, von wo aus unser schmales Kirchen- und Schulwegerl sich durch die Wiesen die Leit’n hinunter schlängelte. – Im Winter hatte damals der Großvater mit unseren »Alten Blass« ein Wegerl geräumt – im Sommer aber, wenn das Gras immer höher wuchs, streiften die langen Halme an meinen kurzen Beinen hinauf bis zu den Knien. Wenn es regnete war oftmals auch der Saum meines Kleides vom hohen Gras nass, wenn ich in Untermeising angekommen war.

Genau dort stand ich nun – schaute wehmütig dort hinauf und meinte fast, ein kleines Dirndl von der Anhöhe oben herunterlaufen zu sehen. Ich wischte mir über die Augen, drehte mich schnell um und ging das kurz Stückchen Weg bis zum Wald zu Fuß. Auf den angrenzenden, weiten Wiesen konnte ich nur etliche Golfspieler zu sehen bekommen. Damals – so dachte ich bei mir – waren es die Bauern-Knechte und Mägde, die mit den Rössern und mit Gabeln und Rechen dort werkten.

Kurz darauf war ich am Rande des Waldes angelangt, genau dort, wo einmal die kleine Holzhütte stand. Früher waren die vielen Hiefeln fürs Heu drinnen, ich bin dort lieber immer schnell vorbeigegangen, obwohl mein Großvater mir immer wieder versicherte, es seien wirklich nur die alten Hiefeln drinnen.

Wie ich nun wieder vor dem Wald stand, entdeckte ich nach einigem Spähen eine Art Weg und einige Meter weiter links, das musste ebenfalls ein Waldweg gewesen sein. Jetzt kamen mir erste Zweifel, welcher von den beiden nun der richtige war, nach kurzer Überlegung entschloss ich mich, den rechts ins Holz hineinführenden zu gehen. Es war ein mühsames Vorwärtskommen, denn die wilden Brombeerstauden wucherten überall am Boden und ich konnte auf dem einstmals so vertrauten Waldweg nur bei genauem Hinschauen noch alte Radspuren erkennen. - War dies nun der richtige Weg – oder wäre es doch der »linker Hand« gewesen?

Angesichts dessen, dass die wilden Stauden und Äste immer undurchdringlicher wurden, kamen mir nun doch Zweifel. Dennoch mühte ich mich langsam weiter durch das Gestrüpp, bis ich kurz darauf an einer Stelle, an der sich der Wald etwas lichtete, eine unerwartete Entdeckung machen konnte. Ich war auf den etwas links verlaufenden Weg gestoßen - staunend blieb ich erstmal eine Zeitlang stehen und freute mich - war dieser anscheinend auch noch einigermaßen begehbar. Ich konnte nun auch deutlich die Spuren von den Pferdefuhrwerken erkennen. – Unser Kirchen- und Schulweg durch das Holz – hinüber nach Hart, war schon damals eigentlich nur ein Abkürzungsweg und auf dem »gachen«, steinigen Berg kurz bevor der Wald zu Ende war, hätte sowieso kein Fuhrwerk hinunterfahren können. Die großen, schweren Holzfuhrwerke fuhren auf der »breiten Sandstraße« über Hilleck, oder rechter Hand von Knesing her nach Hart.

Ich war nun schon ein gutes Stück auf dem »richtigen« Weg weitergegangen und die kleine Biegung jetzt vor mir, glaubte ich noch in Erinnerung zu haben. Jetzt musste gleich der steile Weg, der einer Hohlstraße glich, kommen, als ich kurz darauf schon unmittelbar vor dem Berg stand. Eigentlich, so redete ich alleine mit mir selbst, ist dieser steile, steinige Weg das einzige, was sich meinen Erinnerungen nach, die ganzen Jahrzehnte lang kaum verändert hatte. Ohne lange zu überlegen, ging ich mit meinem langen Stecken vorsichtig die ersten Schritte hinunter und passte gut auf, dass ich nicht ausrutschte - genauso wie damals das erste Mal an der Hand meiner Großmutter. Noch um einiges tiefer, so schien es mir, war der Hohlweg geworden – ausgeschwemmt vom Regen. - Vielleicht, so denke ich bei mir, trete ich jetzt gerade auf denselben Stein, über den meine Kinderschuhe schon einmal gehüpft sind?

Die Gegend muss mehr und mehr der Vergangenheit weichen, als ich schließlich unterhalb des Berges die Stelle gefunden hatte, wo der Schulweg von den Öderdirndln mit den Pittersdorfern und den Ober- und Untermeisingern zusammentraf. Es war mir, als sähe und hörte ich auch die Menschen mit den vertrauten Gesichtern, die alle dem kleinen Pfarrdörfchen zustrebten. Jetzt an diesem Platz stehend, kamen manche Erinnerungen ganz deutlich – öfters hatte ich dort schon gewartet und still gehorcht, ob ich nicht bald die Stimmen von den Öderdirndln, die ebenfalls mit mir zur Schule gingen, hören konnte.

Ein paar Schritte waren es noch, bis ich schließlich am Waldrand stand – genau an der Stelle, wo ich noch genau wie vor über sechzig Jahren, die traute Pfarrkirche auf der gegenüberliegenden Anhöhe sehen konnte. Lange stand ich dort und dachte bei mir, dass es schon so viele liebe Menschen sind, die nicht mehr diesen Weg mit mir gehen könnten - sie sind schon ihren letzten Weg gegangen.

Gerne wäre ich jetzt das schmale Weglein durch die Wiesen weitergewandert, hinauf ins Pfarrdorf nach Hart. Dieses letzte Stück Weg jedoch gibt es nicht mehr, auch nicht die gleich an den Wald angrenzende »Pfarrerwiese«. Dort war es, wo ich meiner Tante und Gon Mathilde oft geholfen habe, das Heu auf einem großen Leiterwagen mühsam den Kiesweg zum Pfarrhof hinaufzuziehen. Ein riesenhoher Drahtzaun zieht sich entlang des ganzen Waldrandes und anstatt der ehemals grünen Wiesen und Felder kann ich durch den dichten Maschendraht hindurch das Fabrikgelände sehen. Sogar die breite Teerstraße sehe ich, die jetzt hinaufführt zu dem schmucken Pfarrhof. Ich schaue noch ein letztes Mal hinauf zur Kirche - da kommt mir plötzlich ein Gedanke - wo es keine Schule und keinen Lehrer mehr gibt, brauchen die Kinder ja auch ihr Schulwegerl, das sich durch die Wiesen und den Wald geschlängelt hat, nicht mehr.

Eilig mache ich kehrt und stolpere mit meinem Stecken mühsam wieder den steinigen Berg hinauf. Froh, oben auf der Anhöhe zu sein, setzte ich mich müde auf einen alten, bemoosten Baumstumpf. Wäre nicht über ein halbes Jahrhundert seitdem vergangen, könnte man fast glauben, es wäre derselbe, auf dem ich oft mit dem Bauernbuben Mattl gerastet habe. Nebenbei brockten wir uns eine Handvoll von den vielen, saftigen Walderdbeeren, die dort wuchsen.

Am liebsten mochte ich meinen Schulweg im Herbst, wenn sich die Nebel vom frühen Morgen verzogen hatten und die milden Strahlen der Sonne durch das Gehölz blinzelten. Da war der Weg besonders von der Schule heimwärts am schönsten. Den Wald hinter mir lassend, hüpfte ich fröhlich zwischen den auf der Wiese weidenden Kühen vorbei - die Anhöhe nach Pittersdorf hinauf. Mein Großvater wartete ja schon auf mich und die Großmutter hatte bestimmt wieder ein gutes Essen für mich gekocht..

Elisabeth Mader



37/2010