Jahrgang 2001 Nummer 29

Mehr Fremde sollten nach Waging kommen

Vor 50 Jahren wurde viel unternommen, um Urlauber in den Ort zu bringen

Der Waginger See vor 70 Jahren: Diese Aufnahme entstand um 1930.

Der Waginger See vor 70 Jahren: Diese Aufnahme entstand um 1930.
»Scharnow-Reisen«: Sie brachten den Wagingern die Sommergäste aus dem Norden in den fünfziger Jahren, als es steil aufwärtsging

»Scharnow-Reisen«: Sie brachten den Wagingern die Sommergäste aus dem Norden in den fünfziger Jahren, als es steil aufwärtsging mit dem »Fremdenverkehr«.
Der Markt Waging und das ganze Land um den Waginger See, das Gebiet hinunter nach Laufen und hinaus nach Tittmoning, zählte zu den schlimmsten Notstandsgebieten Bayerns. Das war Tatsache, nicht nur gleich für die 40er Jahre nach Kriegsende und die gleich nach der Währungsreform im Jahre 1948, sondern auch für den Beginn der 50er Jahre. In der Zeitung finden wir damals zur Lösung des Problems u. a. Schlagzeilen wie: »Die Fremden müssen her!«

Wer heute solche Zeilen zum Lesen vorgesetzt bekommt, der unterschriebe solche Forderungen nicht unbedingt. »Fremde«? Sollen hier die Türken, Inder, Schwarze aus Afrika helfen? Unter dem Begriff »Fremde« hat man vor einem halben Jahrhundert freilich etwas ganz anderes verstanden. Das sind nämlich die Sommerfrischler gewesen und die haben uns Geld gebracht, freilich nur in den wenigen Wochen des Sommers, im Juni, Juli und im August. Dann ist die Zeit wieder aus gewesen, wo man zur Sommerfrische in das südliche Bayern hinunter gefahren ist, aus Berlin, aus Hamburg, aus dem Ruhrgebiet (aus »Preußen«). Da zu uns ins südliche Bayern, ins billige Bauernland! Diese »Fremden« haben dann bei uns ihr sauer in Fabriken oder in Kohlengruben erarbeitetes Urlaubsgeld ausgegeben und unser nicht bestes Einkommen verbessert.

Freilich war man damals auch nicht so anspruchsvoll. In unseren Häusern war man noch mit einem »Plumps-Clossett« zufrieden, in den Bauernhäusern vielleicht gar schon an den Stall angebaut (nicht wie ganz früher, als sich »das Häusl« neben dem Misthaufen befand). In den Waginger Markthäusern gab es dazu auch da und dort schon eine Wasserspülung, ein WC! Im zu vermieteten Schlafzimmer stand eine Kommode mit steinerner Platte, darauf hatte die Waschschüssel mit Wasserkrug ihren Platz. Alles für die »Fremden«, damit sie sich eine oder gar zwei Wochen wohlfühlten und im nächsten Sommer wiederkamen. »Fremder« zu sein, hatte früher also eine andere Bedeutung, auf jeden Fall eine vorteilhafte, die uns etwas bedeutete und etwas brachte, nämlich »Dire-Dare«, der Bäuerin oder Hausfrau Geld in die Kasse.

Ständig dachte man an Verbesserungen, um ein Zimmer besser an die »Fremden« zu vermieten. Also »fließendes Wasser« in das Zimmer! Ein geschickter Hausherr baute die Wasserleitung selbst in das zu vermietende Zimmer, dazu Fließen an die Wand, das Waschbecken davor. Zur weiteren Modernisierung kam später noch ein Bad dazu. Mit dem Schild am Haus lockte man die Fremden herein! Zuerst »Zimmer mit fl. Wasser«, dann »Zimmer mit k. u. w. Wasser«, dann dazu »mit Bad«!

Der weitere Fortschritt brachte das »Wasser-Klosett« ins Zimmer und die Dusche. Allerdings brauchte diese Entwicklung noch Jahre.

»Keine unsittlichen Zustände am See!«

Auch solche Sätze ließen sich vor einem halben Jahrhundert in der Zeitung entdecken, sogar in der Unter-Überschrift! Im damals noch meist besuchten Bad beim »Seeteufel«, an der Straße von Waging nach Taching, gab es freilich bei der Badeanstalt auch noch eine Trennwand vom Familienbad zum Damenbad und etwas entfernt Badehütterl, in denen man »ungesehen« ins Wasser steigen konnte. Doch lesen wir besser im Bericht: »Wichtig ist, daß nicht eine einzige von den 80 anwesenden Personen etwas über »sittenwidrige Zustände« am Waginger See vorzubringen hatte. Selbst der Pfarrer von Waging, H. Geistlicher Rat Ringmaier konnte feststellen: »Seegemeinden sind im allgemeinen von Pfarrern gefürchtet, da dort meist mehr Anlaß zu Beschwerden bestehet. Das kann vom Waginger See nicht behauptet werden. Er hätte als Pfarrvorstand nur den Wunsch, daß der Waginger See in dem guten Rufe bleibt, den er jetzt hat.«

Segelclubgründung

Schifferlg’fahr’n auf dem Waginger See sind die ersten Fremden schon vor 100 Jahren. Sogar ein Motorboot gab es auf dem See schon vor dem Ersten Weltkrieg. Aber »Segeln« auf dem schmalen See? Auf dem Chiemsee, auf dem Bayerischen Meer, ja, da konnte man das bestens. Doch das Segeln probiert auf dem schmalen See von Waging hat man auch schon in den dreißiger Jahren, wie sich Senioren erinnern. Zu einer Gründung eines Clubs kam es freilich erst vor 50 Jahren. Im »Wochenblattl« ist dazu festgehalten: »Herr Molkereibesitzer W. Steffl hatte für Samstag sämtliche Segelsportinteressenten zur Gründung eines Segelclubs ins Strandcafé geladen.

Die 14 Segelbootsbesitzer am Waginger See wollen sich zu einer Sportkameradschaft zusammenschließen, segelsportliche Veranstaltungen aufziehen und damit den Fremdenverkehr heben und nicht zuletzt eine Kampfgemeinschaft bilden gegen Bestrebungen, welche gegen die Interessen des Waginger Sees als Fremdenverkehrsgebiet gerichtet sind. In allernächster Zeit soll bereits ein Segelkurs stattfinden. Einstimmig wurde Herr Steffel als erster Vorstand gewählt. Der neue Club konnte mit 21 Mitgliedern aus der Taufe gehoben werden. Bürgermeister Schuhbeck stellte ein Seegrundstück zur Anlage eines Landungssteges zur Verfügung. Ein Gründungsmitglied wird ein Segelboot für die Jugendgruppe stiften.«

Strandbad »an der Überfuhr«!

Mehr als ein halbes Jahrhundert badete man meist drunten am Waginger See bei der Seeteufel-Wirtschaft. Das sollte nun anders werden, nämlich in der Region nördlich von Gaden, bei der sogenannten »Überfuhr«, wo drüben Tettenhausen liegt. Vielleicht ist es nötig an die Zeit zu erinnern, wo man noch nicht mit dem Auto fuhr. Wenn also die Tettenhausner zum Einkaufen nach Waging oder gar zum Waginger Bahnhof wollten, um nach Traunstein zu fahren, ging man nach Gut Horn und ließ sich dort mit dem Schifferl »übersetzen«. Daher für diese Stelle am Waginger See der frühere Name »Überfuhr«. Doch lesen wir wieder in der Heimatzeitung vom 1. Juni 1951: »Schon seit einigen Wochen hat das Strandbad »Überfuhr« seinen Betrieb eröffnet. Der Waginger See hat seinen Ruf, wärmster See Bayerns zu sein, jetzt schon gerechtfertigt. Der Sprungturm war wieder Hauptanziehungspunkt für die Wasserratten und vom gemütlichen Terrassencafé aus, dessen Terrasse im Herbst ein gutes Stück verlängert wurde, genoß man die wunderbare Aussicht auf die Berge des Salzkammergutes.«

»Bequem« von Traunstein zum See hinunter!

Wer es sich »leisten« konnte, fuhr damals auf der schlechten Staubstraße von Traunstein nicht mehr mit dem Radl hinunter, sondern benützte die Eisenbahn. Doch dann mußte man noch vom Waginger Bahnhof eine 3/4 Stunde zum See hinunter marschieren. Doch diesen widerlichen Umstand versuchte man vor 50 Jahren bereits zu verbessern, wenn man das Geld hatte. Lesen wir dazu nochmals in der Zeitung: »Um den Traunsteiner Gästen die Anfahrt bequem zu machen, werden sie vom Mittagszug, der um 12.33 Uhr von Traunstein abfährt, am Bahnhof Waging mit dem Omnibus abgeholt und zum Strandbad gebracht. Der gleiche Omnibus nimmt auch die mit dem Mittagsauto aus Traunstein kommenden Gäste auf. Die Bundespost hat sich bereiterklärt, jeden Sonntag vom Postamt Traunstein ab (12.30 Uhr) Sonderomnibusse direkt zum Strandbad »Überfuhr« zu fahren mit Rückfahrt um 18.30 Uhr.«

Wasserwachtgruppe gegründet

Im Juni 1951 finden sich auch bereits Waginger zusammen, die eine »Wasserwacht« für den See einführen wollen. Segelclubvorstand Steffel wird deren erster Vorsitzender und Georg Egger Gerätewart. Im gleichen Monat organisiert man auch schon den ersten Samstag/Sonntag-Kurs, der im »Seeteufel« beim alten Strandbad stattfindet. Auch erste Geräte können bereits angeschafft werden und extra ist damals in der Zeitung festgehalten: »Besonders begrüßt es. Hr. Kroh aus München, daß der Ortsgruppe von Anfang an zwei Motorboote zur Verfügung stehen, nämlich die Boote des Herrn Steffel aus Waging und die des Herrn Fürst aus Fridolfing.«

Tatkräftig versuchten die Waginger also aus dem Dilemma des Notstandsgebietes mit Hilfe der Ankurbelung eines modernen Tourismus herauszukommen: Ein neues Seebad mit entsprechenden Einrichtungen und Anlagen wie Bau eines Sprungturms, ein vergrößertes Gelände für das neue Terrassencafé, Gründung eines Segelclubs und einer Wasserwacht, eine Busverbindung zum See hinunter und vieles andere noch.

Herauskommen aus der Enge des abseits gelegenen Rupertiwinkels und überregional hineinkommen und bekanntwerden gehörte natürlich auch zu den Bemühungen der damals in Waging Verantwortlichen. Waging lag doch damals recht abseits einer großen Eisenbahnlinie und noch abseits einer großen modernen Straßenverbindung. Man schaute eben von Traunstein, vom Chiemgau oder von Ruhpolding nach Waging, zu seinem See und den umliegenden Bauernorten, vor 50 Jahren nur sehr geringschätzig hinunter. Da ist es nicht uninteressant in einer Julizeitung des Jahres 1951 diesbezüglich nachzulesen: »Aus den Kreisen der Ruhpoldinger Fremdenverkehrsträger ist die merkwürdige Äußerung gefallen, daß Waging und sein See eigentlich nicht mehr zum Chiemgau gehörten, weil Waging ja bereits im Bereich des Landratsamtes Laufen läge. Vorstand Hafenmayer fühlte sich ganz mit Recht brüskiert. Er erklärte, daß Waging bewiesen habe, daß es ein Fremdenort sei und Herr Benkert stellte in ultimativer Form die Frage zur Beantwortung, ob man Waging als zum Chiemgau gehörend anerkennen wolle oder nicht. Man möge bedenken, daß es heute ein Verkehrsverein in der Hand habe, seine Gäste bei Tagesausflügen hieher oder dorthin zu lenken.« Diese Drohungen, in Waging weilende Gäste bei Tagesfahrten mit dem Omnibus nicht mehr nach Ruhpolding oder anderswohin nach Chiemgauorten zu fahren, verfehlte nicht ihre drohende Wirkung, und wir finden in dem Zeitungsbericht die Zeilen: »Von sämtlichen Anwesenden wurde es als eine Selbstverständlichkeit bezeichnet, daß Waging ein anerkannter regsamer Fremdenverkehrsort sei und mit dem übrigen an Traunstein angrenzenden Gebiet fremdenverkehrstechnisch unbedingt zum Chiemgau gehöre.

Vor 50 Jahren war eben noch vieles »anders«, bescheiden, ärmlich. Der furchtbare Krieg mit seinen schrecklichen Folgen war erst vor ein paar Jahren zu Ende gegangen. Man war arm, gehörte hier im Osten Bayerns gelegen sogar noch immer zum Notstandsgebiet des Staates. Ein Bericht in der Heimatzeitung über eine Gemeinderatssitzung in Waging vom 9. August 1951 hält daraus u. a. fest: Die Gemeinde Waging ist noch nicht in der Lage, einen geforderten Wirtschaftsplan zu erstellen, weil die erforderlichen Mittel fehlen. Das Wasserwirtschaftsamt vermerkt kritisch, daß die Abwasserleitungen noch im Ort in den Höllenbach münden und nicht außerhalb Wagings. Dazu erklärte der Bürgermeister, daß die Gemeinde nicht über die finanziellen Mittel verfüge. Es werde jedoch in Zukunft streng darüber gewacht, daß der Bach nicht noch mehr verunreinigt werde.

Josef Metz



29/2001