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Jahrgang 2015 Nummer 23

Marseillaise ist einem Gastwirtsohn aus Cham gewidmet

Nikolaus Luckner steigt bis zum Marschall auf und endet 1794 unter der Guillotine

Der Chamer Gastwirtsohn Nikolaus Luckner steigt bis zum Marschall von Frankreich auf – und endet 1794 auf der Guillotine. (Fotos: Mittermaier)
Die französische Nationalhymne ist einem Bayern gewidmet. Druck des Liedes aus dem Entstehungsjahr 1792.
Maximilien de Robespierre ließ Luckner köpfen – und endete kurz darauf selbst auf dem Schafott.

Manchmal ist die Wirklichkeit kurioser, als eine erfundene Geschichte es je sein könnte: Einem Gastwirtsohn aus Cham, der, statt zu studieren, lieber in den Krieg zieht, gelingt eine rasante militärische Karriere, auf deren Höhepunkt er zum Marschall von Frankreich ernannt wird. Dann wird ihm, als Dank für seine Erfolge auch noch ein Soldatenlied gewidmet, das zuerst zum Ohrwurm und dann zur französischen Nationalhymne erklärt wird. Der viel Gerühmte sollte das aber nicht mehr miterleben, denn sein Schicksal hatte eine dramatische Wende genommen. Nikolaus Luckner, eben noch umjubelter Held, ist zur falschen Zeit am falschen Ort, was ihm am 7. Januar 1793 den Kopf kosten sollte.

Der Mann mit dem ungewöhnlichen Werdegang kommt im Januar 1722 im oberpfälzischen Cham zur Welt. Vater Samuel ist Hopfenhändler, Bierbrauer und Gastwirt und fungiert zeitweise als Stadtkämmerer und Kirchenverwalter. Zusammen mit seiner Frau, einer Wirtstochter aus Kötzting, hat er acht Kinder, von denen der kleine Nikolaus das zweitjüngste ist. Wie in früheren Jahrhunderten in kinderreichen Familien mit einem gewissen finanziellen Wohlstand üblich, soll einer der Söhne eine geistliche Laufbahn einschlagen und weil Nikolaus sich leicht lernt, ist er es, der aufs Jesuitenkolleg nach Passau geschickt wird. Doch der Bub ist viel zu freiheitsliebend und wohl auch dem süßen Leben zu sehr zugetan, als dass er seine Zeit in stickigen Studierstuben oder in der kalten Kirche verbringen will. 1737 vertauscht er deshalb die Kutte zugunsten von Kanonen und tritt als Kadett ins 5. Bayerische Infanterie-Regiment »Morawitzky« ein. Ob Luckner, der als eher schmächtig, mit großem Kopf und großen Ohren beschrieben wird, schon an den Feldzügen gegen die Türken 1738/39 teilgenommen hat, darüber sind sich seine Biographen nicht einig. Wie auch immer die ersten Jahre im Leben des bald zum Fähnrich avancierten Burschen tatsächlich abgelaufen sind, gelingt ihm nun ein rasanter Aufstieg vom Leutnant (1741) zum Major (1748). Als Bayern und Österreich 1745 im Erbfolgekrieg Frieden schließen, wechselt Luckner zum Husarenregiment »Frangipani «, das 1746 in die Niederlande zieht, nachdem Kurfürst Maximilian III. die Elitetruppe mit rund 5000 Soldaten gegen entsprechende Bezahlung an die Generalstaaten ausgeliehen hat, die sich im Kampf gegen Frankreich befinden – und das, obwohl Bayern und Franzosen kurz zuvor noch gemeinsam gegen die Habsburger ins Feld gerückt waren. Aus heutiger Sicht erscheint dieses Bäumchen-wechseldich- Spiel vielleicht merkwürdig, doch bis zur Einführung der stehenden Heere und dem Aufkommen der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert war es für die europäischen Mächte gang und gäbe, ausländische Soldaten zu verpflichten. Untersuchungen haben ergeben, dass sich im 18. Jahrhundert in den vier größten Armeen Europas, das heißt Preußen, Österreich, Frankreich und Großbritannien, zwischen 25 und 60 Prozent Soldaten fremder Nationalitäten tummelten und das galt nicht nur bei den gemeinen Truppen, sondern auch fürs Offizierscorps. In der bayerischen Armee kamen 1705 zum Beispiel 40 Prozent der Offiziere aus Italien und Frankreich und eines der Regimenter hatte Soldaten aus 16 unterschiedlichen Ländern unter seiner Fahne. Auch Nikolaus Luckner sollte im Laufe seines Lebens mehrmals den Arbeitergeber wechseln. Doch zuerst zog er noch unter bayerischer Fahne im Sommer 1746 in Richtung Norden – sein Heimatland sollte der damals erst 23-Jährige allerdings nie mehr wiedersehen. Auf dem Weg in die Niederlande gesellte sich übrigens ein gewisser Johann Caspar Schiller zu Luckners Husarentruppe, um mit in den Krieg zu ziehen. Der spätere Vater des Dichters Friedrich von Schiller war Wundarzt und hatte, wie man auf Neudeutsch sagen würde, »Bock« auf Abenteuer, die er sich durch den Beitritt zu diesem als Elitetruppe gepriesenen Regiment versprach. Er war sicher nicht der einzige unter den jungen Burschen, die nicht von den Gefahren, die ein Krieg unweigerlich mit sich bringt, abgeschreckt wurden, sondern darauf hofften, Dinge zu erleben, die dem Durchschnittsbürger damaliger Zeiten in der Regel verwehrt blieben: Reisen in fremde Länder, neue Bekanntschaften und aufregende Erfahrungen. Der 22-jährige Schiller und der ein Jahr ältere Luckner sollten dann auch tatsächlich auf ihre Kosten kommen: Nicht nur, dass sie Städte wie Brüssel und London mit eigenen Augen sahen, sie bekamen auch Einblick in neue technische Errungenschaften wie Manufakturen oder Bergwerke, in denen sogar Marmor mit einer Maschine zersägt werden könne, wie Schiller fasziniert nach Hause schreibt. Der Einsatz der bayerischen Husaren in nördlichen Gefilden ist mit dem Abschluss des Aachener Friedens Ende 1748 allerdings schneller vorbei als ursprünglich erwartet. Das Regiment wurde daraufhin abgerüstet, und die Soldaten sind gezwungen, sich eine neue Aufgabe zu suchen. Während Johann Caspar in seine württembergische Heimat zurückkehrt, zieht sich Luckner auf seine holsteinischen Güter zurück, wo er die nächsten neun Jahre, fern von Krieg und Kampf, mit seiner Familie verbringen wird. Für den Haudegen aus dem Bayerischen Wald ist es in den Jahren zuvor nicht nur beruflich steil nach oben gegangen; er hat auch privat den Aufstieg vom kleinbürgerlichen Gastwirtsohn zum wohlhabenden Gutsbesitzer geschafft. Auf seinen Adelstitel muss er zwar zu dem Zeitpunkt noch warten, der wird ihm erst 1778 vom dänischen König verliehen, doch die wohlhabende Niederländerin Johanna Cornelia Cuijpers, die er 1748 in Venlo heiratet, bringt einen ansehnlichen Besitz mit, um den er sich nun kümmert, während seine Frau eine Schar Kinder auf die Welt bringt: 1750 Nikolaus, 1753 Johanna Katharina, 1759 Sophie Agnes und 1762 Ferdinand. Nach fast zehn Jahren juckt es den ehemaligen Husaren dann aber doch, wieder Kriegsluft zu schnuppern, worauf er in die Dienste Hannovers tritt, das damals in Personalunion vom britischen König Georg II. regiert wird. Der unterstellt Luckner 1758 ein Husarencorps, mit dem der Bayer im Siebenjährigen Krieg gegen die Franzosen kämpft. Und wieder steigt der ehemalige Fähnrich schnell in höhere Ränge auf: 1761 ist er Generalmajor und kurz darauf schon Generalleutnant, wobei den knapp 40-Jährigen nun schon die Legende umweht, dass ihn nichts und niemand umhauen kann. Nachdem der Konflikt gegen Frankreich zu Ende ist, nimmt Luckner 1763 seinen Abschied aus dem Hannoverschen Dienst, worauf er sofort von Russland und dem gerade noch so erbitterten Feind Frankreich umworben wird, für den er sich schließlich entscheidet. In den folgenden gut 20 Jahren gibt es allerdings nicht viel zu tun für Luckner und das ihm unterstellte Regiment. Wo und wie er diese lange Zeit im Wartestand verbringt, darüber verraten die Chroniken nichts.

Ins Rampenlicht tritt der inzwischen 68-Jährige erst wieder 1790, als er, ein Jahr nach Beginn der Revolution, vor der französischen Nationalversammlung erscheint, um dort seine Loyalität gegenüber Frankreich zu bekunden. Als ein Jahr später die Revolutionsregierung eine Armee aufstellt, um die Grenzen gegen die drohende Invasion durch österreichische Truppen zu sichern, erhält Luckner das Kommando über die Rheinarmee, die in Straßburg stationiert ist. Als ihm kurz darauf als Dank für seine Treue der Marschallstitel verliehen wird, ist der gebürtige Bayer am Zenit seiner Macht angekommen. Der höchsten militärischen Auszeichnung des Landes sollte bald noch eine weitere Ehre folgen, deren Dimension damals allerdings noch gar nicht abzuschätzen war. Nachdem Frankreich am 25. April 1792 den Alliierten den Krieg erklärt hat, komponiert ein gewisser Roger de Lisle in der folgenden Nacht in Straßburg einen Marsch, den er »Chant de guerre pour l’armée du Rhin«, nennt. Der Offizier will mit diesem Kriegslied den Soldaten Mut machen für den anstehenden Kampf gegen die Österreicher. Als nette Geste widmet Lisle das Lied dem Oberbefehlshaber der Rheintruppen, Marschall Nikolaus Luckner. Die Komposition sollte sich schnell zum Schlager entwickeln, der bald landauf landab von Militärs wie Zivilisten geträllert wird. Als Soldaten aus Marseille das Kriegslied bei ihrem Einmarsch in Paris singen, wohin sie geeilt sind, um die militärischen Truppen gegen den Feind zu unterstützen, wird der Schlachtgesang von nun an »Marseillaise« genannt. Am 14. Juli 1795, dem sechsten Jahrestag der Revolution, wird das Lied, das Nikolaus Luckner gewidmet ist, zur Nationalhymne erklärt. Der Geehrte sollte diesen Triumph allerdings nicht mehr miterleben. Wie so viele seiner Zeitgenossen, war auch er unvermutet von der Revolution überrollt worden. Im Juni 1792 hatte sich der frischernannte Marschall noch mit seiner Armee in Richtung Belgien aufgemacht, wo es ihm gelang, die angreifenden Österreicher zurückzudrängen. Da seine Armee dem Feind jedoch zahlenmäßig weit unterlegen war und der nötige Nachschub an Soldaten ausblieb, entschloss sich Luckner, die von ihm besetzten belgischen Orte zu räumen und seine Männer wieder nach Frankreich zurückzuziehen. Während er in Straßburg trotzdem von der Bevölkerung als Sieger gefeiert wird, kochen die Revolutionäre in Paris, die inzwischen auch König Ludwig XVI. endgültig entmachtet haben, vor Wut und unterstellen Luckner, dass er mit seinem Rückzug bewusst den Österreichern in die Hände spielen wollte. Die Nationalversammlung setzt Luckner nun kurzerhand als Oberbefehlshaber der Rheinarmee ab und schickt ihn in die Provinz, wo er Reservisten mustern soll. Der altgediente Feldherr ist darüber zutiefst empört und reicht sein Abschiedsgesuch ein, das ihm mit einer Pension von 36 000 Livres auch bewilligt wird. Der inzwischen vom bayerischen Kurfürsten zum Grafen geadelte Marschall zieht sich nach Straßburg zurück, wo er kurz darauf eine folgenschwere Entscheidung treffen sollte. Als ihm die Auszahlung seiner Pension verweigert wird, macht Luckner sich im Oktober 1793 wütend auf nach Paris, um beim dortigen Wohlfahrtsausschuss gegen diese Behandlung zu protestieren. Dabei bekommt er es mit dem Vorsitzenden, Maximilien de Robespierre, zu tun, einem ehemaligen Anwalt, der als »Blutrichter« in die Geschichte eingehen wird, weil unter seinem Einfluss Tausende von Köpfen rollen. Auch Nikolaus Luckner, der vor Kurzem noch so hochgelobte Feldherr, gerät durch den Protest in sein Visier, wird kurzerhand verhaftet und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Die fadenscheinige Begründung: Luckner habe bei seinem Rückzug aus Belgien bewusst die Österreicher begünstigt und sei damit zum Verräter an Frankreich geworden. Am 4. Januar 1794 muss der gebürtige Chamer tatsächlich den Weg zur Guillotine antreten. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: »Ich 72-Jähriger Greis sterbe im vollen Bewusstsein meiner Unschuld.« Sein Ankläger Robespierre sollte ihm, nur ein halbes Jahr später, folgen.


Susanne Mittermaier

 

22/2015