Jahrgang 2009 Nummer 33

Marienverehrung an bayerischen Gnadenorten

Unter dem Patrozinium der Muttergottes stehen vier bayerische Bischofskirchen

Die Marienverehrung prägt seit Jahrhunderten die Volksfrömmigkeit in Bayern, sie gehört zur Wesens- und Lebensart unseres Landes. Davon zeugen neben zahllosen Marienkirchen und -kapellen in Stadt und Land die vielen Mariensäulen – die älteste ist jene auf dem Münchner Marienplatz, die Bildstöcke in Franken und Marienfiguren an den Fassaden von Häusern.

Unter dem Patrozinium der Muttergottes stehen vier bayerische Bischofskirchen: der Dom zu Unserer Lieben Frau in München, der Dom in Freising, die Kathedralen in Augsburg und in Eichstätt. Zahllose Kirchen in unserer Erzdiözese wurden zu Ehren der Muttergottes errichtet. Erinnert sei hier nur an die herrliche Klosterkirche Fürstenfeld, in der das große Hochaltarbild die glorreiche Himmelfahrt Mariens zeigt.

Die Marienverehrung hat in unserem Land eine lange Tradition. Das Herzogshaus der Wittelsbacher stellte Bayern unter den Schutz Mariens. Kurfürst Maximilian I. ließ 1616 an der Außenfassade seiner Residenz eine Marienfigur anbringen mit der Aufschrift: »Patrona Boiariae« - »Schutzfrau Bayerns«.

Lebendige Volksfrömmigkeit

Eine herausragende Stellung unter den Marienkirchen in unserer Erzdiözese nehmen seit Jahrhun-derten die beliebten Gnadenorte ein, zu denen nach alter Tradition bis heute Wallfahrer ziehen. Hier wird alljährlich bei den großen Marienfesten das Marienlob mit großer Begeisterung gesungen.

Ein Höhepunkt im Wallfahrtsjahr stellt an besonders vielen Gnadenorten das Fest Mariä Himmelfahrt dar. An diesem größten Marienfest fühlen sich besonders viele Beter zu diesen Gnadenstätten hingezogen. Hier kann man erleben, wie lebendig die von einer innigen Marienverehrung geprägte Volksfrömmigkeit in unserem Land trotz fortschreitender Säkularisierung und Kirchenferne ist. Das Fest der Himmelfahrt Mariens wird an allen Wallfahrtsorten mit großer Feierlichkeit begangen. Dazu tragen neben der Kräuterweihe, festlicher Musik und Fahnenschmuck auch Lichterprozessionen bei hereinbrechender Dunkelheit bei, zu Ehren der himmlischen Frau, der Schutzfrau Bayerns. Nicht zu vergessen sind die Marienlieder, die an diesem Tag auf besonders innige Weise gesungen werden. Die marianische Begeisterung findet so einen sehr sinnenreichen, freudigen Ausdruck.

Die Schwarze Muttergottes von Altötting

Eine herausragende Stellung im Kreis der Mariengnadenorte nimmt seit Jahrhunderten Altötting ein, der größte Wallfahrtsort in Bayern und Deutschland. Die Anfänge der Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Nach der Legende war »ein dreijähriges Knäblein zu Alten Ötting in das Wasser gefallen und eine halbe Stunde darin getrieben.« Die traurige Mutter brachte das tote Kind zur Mutter Gottes in die Kapelle aus dem 8. Jahrhundert und fand Erhörung ihrer Gebetsbitte: »Alsbald wurde das Kind lebendig.« Nach dieser wundersamen Heilung kam es zu weiteren Mirakeln, die sich schnell im ganzen Land herumsprachen.

Herzog Wilhelm V., der Fromme, wallfahrtete oft zum Bild der Schwarzen Muttergottes, ebenso sein Sohn Maximilian I., der den Weg nach Altötting mehrmals zu Fuß zurücklegte. Seit dem 18.Jahrhundert ließen die Wittelsbacher ihre Herzen nach ihrem Tod in der Gnadenkapelle bestatten. Ihr Zentrum ist das Gnadenbild, eine bekleidete Marienfigur aus dem frühen 14. Jahrhundert. Ihr Gesicht wurde durch den Kerzenrauch in der Kapelle geschwärzt, so dass es zur Bezeichnung »Schwarze Muttergottes« kam. Der älteste bayerische Gnadenort zieht zu allen Jahreszeiten Wallfahrer und Beter an, besonders viele am Hochfest der Himmelfahrt Mariens.

Maria Thalheim – Hollerbaum bei der Kapelle

Ihr Patrozinium feiert am Großen Frauentag auch die kleine Wallfahrtskirche von Maria Thalheim im Erdinger Land. Die Wallfahrt lässt sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Nach der Legende wurde einst ein Marienbild in einem Holunderbaum verehrt, der noch an der Nordseite der Kirche steht. Als man das Bild in eine nahegelegene Kapelle auf einer Anhöhe bringen wollte, soll es immer wieder zum Hollerbaum zurückgekehrt sein, was man als Hinweis deutete, dass die himmlische Frau unten »im Thal« verehrt werden wolle. So kam es zu dem Namen der Wallfahrt »Maria Thalheim«. Deshalb errichtete man dort eine Kapelle und später eine Kirche, wo das Marienbild verehrt wurde.

In der Zeit der Gegenreformation erlebte die Marienwallfahrt nach einem Einbruch in der Reformationszeit einen großen Aufschwung. 1736 wurde die spätgotische Kirche nach Westen verlängert und mit verschwenderischem Prunk im Stil des späten Rokoko ausgestattet. Das große Deckengemälde des Münchner Hofmalers Johann Martin Heidl zeigt die Aufnahme Mariens in den Himmel. Der Mittelpunkt der herrlichen Kirche ist der Hochaltar mit dem Gnadenbild, einer spätgotischen Meisterarbeit um 1475. Die Himmelskönigin hält in der Rechten Krone und Zepter, in der Linken das Kind mit der Weltkugel. Ihr Bild ist von Wolken und Engeln eingerahmt, ein Baldachin und Vorhänge verleihen ihr himmlischen Glanz.

Hohenpeißenberg – Kleinod im Pfaffenwinkel

Einer der höchst gelegenen Wallfahrtsorte in unserer Erzdiözese ist auf dem Hohenpeißenberg. Die Anfänge dieser Wallfahrt reichen bis zum Jahr 1514 zurück, als die Bauern aus Hohenpeißenberg auf dem Berg eine kleine Kirche errichteten, für die der herzogliche Pfleger aus Schongau ein spätgotisches Marienbild stiftete. Dieses wurde schon bald von Bauern aufgesucht. Mit der Hilfe der himmlischen Frau konnten sie auch im Bauernkrieg den Aufständischen widerstehen. 1604 beauftragte das herzogliche Haus die Augustinerchorherren aus dem nahen Kloster Rottenbuch mit der Wallfahrtsseelsorge.

Die beliebte Wallfahrt litt stark unter den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges und des Spanischen Erbfolgekrieges. Nach der Rückkehr des nach München in Sicherheit gebrachten Gnadenbildes im Jahre 1705 kam es zu einer neuen Blüte der Wallfahrt. So waren auch die Voraussetzungen für die Umgestaltung der spätgotischen Gnadenkapelle im Stil des Rokoko gegeben. Joseph Schmuzer aus Wessobrunn wirkte als Baumeister, sein Sohn Franz Xaver als Stuckateur. Der berühmte Maler Matthäus Günther schuf in tiefer Frömmigkeit das herrliche Deckenfresko, das die Verherrlichung Mariens zeigt. Die größten Künstler der damaligen Zeiten schufen auf dem Hohenpeißenberg, dem weithin sichtbaren Berg im Pfaffenwinkel, ein Kleinod und einen Ort der Stille, an dem sich seit dreihundert Jahren Wallfahrer der Muttergottes ganz nahe fühlen.

Ramersdorf – alter Münchner Gnadenort

Bereits im 11. Jahrhundert wird diese Gnadenstätte in München erstmals geschichtlich erwähnt. Herzog Ludwig der Brandenburger schenkte 1377 dieser Kirche ein kostbares, vergoldetes Umhängekreuz mit einem Kreuzpartikel. Nach dieser Stiftung entstand eine Wallfahrt zum Heiligen Kreuz. Nach einem Neubau kam 1480 in die Kirche das heutige Gnadenbild, das irrig Erasmus Grasser, dem Münchner Meister der Spätgotik, zugeschrieben wird. Es ist eine farbig gefasste Figur der thronenden Mutter-gottes, zu der sich bald eine Marienwallfahrt entwickelte, die besonders im Dreißigjährigen Krieg auflebte. An diese Zeit erinnert ein großes Votivbild in der Kirche: Als 1632 der Schwedenkönig Gustav Adolf die Stadt München besetzte und die Zahlung von 300 000 Reichstalern forderte, nahmen seine Soldaten 42 Münchner Bürger als Geiseln. Sie brachten sie nach Augsburg, wo sie bis zur Zahlung der gesamten Summe bleiben sollten. Angesichts der Drohungen legten die Münchner Bürger das Gelübde für eine Wallfahrt nach Ramersdorf ab und versprachen ein großes Votivbild. Ein Beleg für die über 500-jährige Marienverehrung ist in der Wallfahrtskirche auch eine Schutzmantelmadonna von Jan Pollak aus dem Jahre 1503.

Ramersdorf, einst vor der Stadt gelegen, gehört bis heute zu den marianischen Zentren Münchens. Nach einer über 300-jährigen Tradition ist der Höhepunkt der Wallfahrt die Feier des »Frauendreißigers«, also der Zeit zwischen Mariä Himmelfahrt und dem Fest Kreuzerhöhung am 14. September. In dieser Zeit wird an allen Tagen der Rosenkranz gebetet und eine Messe gefeiert. Der Frauendreißiger ist auch in Maria Thalkirchen, dem alten Wallfahrtsort am Isarufer, bis in unsere Tage ein fester Brauch in der Marienverehrung. An beiden Gnadenorten wird bis heute das Fest Mariä Himmelfahrt mit großer Festlichkeit gefeiert.


Albert Bichler



33/2009