Jahrgang 2010 Nummer 5

Mariä Lichtmess (2. Februar)

Vom »Kerzenweihen« und anderen Bräuchen – Die aufregenden Schlenkltage

Mariä Lichtmess war früher noch ein richtiger Feiertag und hat neben seinem christlichen auch noch einen heidnischen Ursprung, wie es bei vielen anderen Festen im Jahresablauf der Fall ist. In erster Linie war es das Fest der Kerzenweihe in der Kirche, wo die Kerzen für verschiedenste Anlässe geweiht wurden. So gab es viele, teils uralte Bräuche, die mit den Lichtmesskerzen unmittelbar in Verbindung standen.

Mit dem Lichtmesstag begann auch die Schlenklwoche. Dies waren die Tage, an denen ein Dienstjahr zu Ende ging und die Knechte und Mägde ihren Jahreslohn bekamen. Besonders beliebt waren die Schlenklmärkte. Sowohl für die Dienstherren als auch für die Dienstboten war es die letzte Gelegenheit, sich einen neuen Knecht oder umgekehrt einen neuen Bauern zu suchen. Aufregende, lustige Tage standen der Landbevölkerung bevor. Auf dem Schlenkltanz ging es oft recht ausgelassen zu.

Vom Kerzenweihen und anderen Bräuchen

Wenige Tage waren es noch bis zum »Liamesstag« (Lichtmesstag), als ich wieder einmal mit meinen Tanten gemütlich zusammensaß. Ich mag es gern, dieses Beisammensein, denn da werden die Erinnerungen, die wir austauschen, jedes Mal wieder lebendig.

Rot stand er vor Jahren im Kalender, dieser ganz besondere Tag am Anfang eines neuen Jahres. In aller Früh, gleich nach der Morgensuppe, legte die Großmutter die verschiedenen Kerzen für das ganze Jahr in einen großen Korb. Ich schaute ihr andächtig dabei zu, wie sie ganz behutsam zuerst die langen, weißen Kerzen zu den Korb gelegt und mir dabei erklärt hat, wofür diese alle seien. »Für die Taufe und für die Kommunion brauchen wir einige, die große für die Mutter Gottes ist ganz wichtig und auch für den Altar in der Kirche brauchen wir ein paar. Die da«, meinte sie zu mir, als sie eine lange, schwarze Kerze zu den anderen legte, »ist unsere Wetterkerze, wenn im Sommer ein ›grob’s Weda‹ (schweres Gewitter) aufzieht, Blitz und Donner immer näher kommen, müssen wir diese anzünden, damit kein Blitz in Haus und Hof einschlagen kann.«

Auf dem schon fast vollen Korb war zum Schluss gerade noch für einige Wachsstöcke Platz – auch ein paar ganz weiße waren dabei. Jedes Mal, wenn ich mit meiner Großmutter im Advent in unsere kleine Pfarrkirche in dem entfernten Dörfchen ins Engelamt ging, durfte ich diesen ganz vorsichtig anzünden. Ich war ganz andächtig und stolz zugleich. Daheim in unserer großen Stube brannte an »Liamässn« immer eine kleine Kerze über dem »Weichbrunndegei« und auf einem Schemel hat meine Großmutter eine Kerze für die Toten angezündet.

Dann gab es noch einen uralten Brauch, der jeden von der großen Familie Todesangst spüren ließ und an den ich mich Gott sei Dank nicht mehr erinnern kann. Wahrscheinlich war er, als ich zur Welt gekommen bin, schon Vergangenheit. Jedoch meine beiden Tanten haben ihn mir ganz genau geschildert. Am Lichtmesstag hat meine Großmutter das große, runde Brett, auf dem die riesige Bratpfanne stand, in die Stube geholt und es auf einen großen Hocker gelegt. Der Großvater stellte für jeden von der Familie, ob jung oder alt, eine Kerze darauf. Gegen Abend, zum Rosenkranzbeten, mussten sich alle auf den Boden knien und der Großvater zündete nun sämtliche Kerzen an. Nachher ist das Grausige gekommen, denn derjenige, dessen Kerze zuerst erlosch, würde als Erster sterben müssen. Da hat man oft eine gute Zeit lang gebraucht, um die Angst wieder loszuwerden, und gut ist’s gewesen, dass der grausige Brauch mit den Jahren abgekommen ist, so meinten die beiden Erzählerinnen.

Jedoch ist es schade, dass es den schönen Brauch des »Wachsstöckeherschenkens« nicht mehr gibt. Wie hat sich da ein Dirndl gefreut, wenn es einen solchen großen, reich verziert mit roten »Röserln« und blauen Vergissmeinnicht, von jemandem bekommen hat, den es gerne mochte. Vor allem im Chiemgau, um Inn und Salzach herum, gab es die »Wachsmärkte«, wo die großen Opfer-, Tauf-, Kommunions- und Wetterkerzen – von den einfachsten bis zu den wertvollsten Wachsstöcken – zu haben waren. Dort kauften sowohl Knechte als auch Mägde ihre Wachsstöcke. Der Knecht brauchte zum Beispiel einen »Aufbettstock«, den er der Dirn für das »Aufbetten« unter die »Dugad« legte.

Ich habe damals, als kleines Mädchen mit vier, fünf Jahren, meiner Mutter so ein »Wachsstöckl« abgebettelt und meine Tante Marie schenkte mir eins, leuchtend blau mit einem Schutzengelbildchen drauf. Von meiner »Gon« bekam ich auch eines, viereckig ist’s gewesen mit bunten Blumen rundherum und mittendrin lag das Jesuskind. Und weil sie mir halt gar so gut gefallen haben, hat mir meine Großmutter zum Namenstag noch eines mit der Gottesmutter in der Mitte geschenkt. In einer mit Seidenpapier ausgelegten Schachtel habe ich meine Schätze an einem besonderen Platz in der Schublade aufbewahrt. Eine lange – und manchmal denke ich fast zu lange – Zeit haben sie überlebt, meine Wachsstöckl, denn wer kann heute schon noch etwas damit anfangen und weiß noch um deren Bedeutung, die mit diesem schönen Brauch verbunden war.

Die aufregenden Schlenkltage und unser Knecht »Dadei«

Mariä Lichtmess war auch fürs »eher Tagwerden verantwortlich«, denn wie es doch heißt: »Liamässtn um a’ ganze Stund« ist er wieder gewachsen, der Tag. Für die Dienstboten waren dieser Tag und die darauf folgenden Schlenkltage oftmals die wichtigsten im ganzen Jahr. Manche/r Dirn oder Knecht, denen es bei ihren Bauern gar nicht mehr gefallen hat, sind auf dem Schlenklmarkt meist schnell mit einem neuen Dienstherrn einig geworden. Diese Schlenklmärkte waren besonders in den Gegenden um Rosenheim, Traunstein und Mühldorf nicht nur bei den Dienstboten, sondern auch bei den Vieh- und Rosshändlern recht beliebt. Nach langem, ausgiebigem Handel schlossen sie manch gutes »Gschäftl« ab und auch die Weiberleut haben oft rare Stückl erstanden. Hüte, Schuhe, Ringe, Halsketten, Holzpantoffel, Rossdecken, Sensen, einfach alles hat es gegeben, für Jung und Alt, für Vieh und Ross. Sind sich Dienstherr und Knecht mit einem Handschlag einig geworden, der mindestens so viel wie eine Unterschrift galt, ging man zusammen zum Wirt. Es war für einen Bauern schon fast ein Segen, einen guten Dienstboten zu erwischen.

Wenn aber ein Knecht keinen Schlenkltag und auch keinen Schlenklmarkt brauchte, um neu »eingstellt« zu werden, weil er auf einem Hof nicht nur eine Arbeit und eine Kammer hatte, sondern zeitlebens auch ein Daheim, so war dies ein doppelter Segen für Bauer und Knecht. Die älteste meiner Tanten wusste von einer Grabinschrift, nach der ein Bauer seinen Knecht, der fünfzig Jahre bei ihm im Dienst gewesen ist, in seinem Familiengrab beerdigen ließ. Auf dem Grabstein waren eine Heugabel, ein Rechen und ein Schubkarren eingemeißelt und dazwischen die Worte: »Da liegt der Herr bei seinem Knecht – so ist es recht.«

Auch unser »alter Dadei« hat damals, vor vielen Jahren, bei meinem Großvater so ein »Daheim« gefunden. Er durfte bis zu seinem Tode im »Zuhäusl« wohnen. Wenn eine meiner Tanten sich um ihn gekümmert und das Essen gebracht hat, bin ich als ganz kleines Dirndl jedes Mal mitgegangen, hinauf auf der schmalen knarrenden Stiege zu seiner Kammer. Das war, als er nicht mehr an dem großen Tisch bei uns in der Stube mitessen konnte. Schon viele Jahre, bevor ich zur Welt gekommen bin, ist der »Dadei« dort gesessen. Als meine Tanten und meine Muter selbst noch junge Mädchen waren, kam unser Knecht zu seinem komischen Namen: »Stad sei – Stad sei«, mahnte er immer, wenn die Tanten und Onkeln am Tisch beim Essen nicht still waren. Mit der Zeit ist daraus der »Dadei« geworden. Seppi, mein jüngster Onkel, der mit neunzehn Jahren im Krieg gefallen ist, war ein recht lebenslustiges Bürscherl. Mit ihm hatte es der »Dadei« oft besonders schwer. Als wir um den großen Stubentisch saßen, schöpften alle mit ihren Löffeln die Suppe aus der großen Schüssel in der Mitte. Es ist nicht immer ganz ruhig zugegangen, und Seppi war es, der am meisten »herumgefuchtelt« hat. Da wurde der alte Knecht »fuchsteufelswild« und bevor Seppi sich versah, hat er von ihm mit dem Suppenlöffel ein paar Schläge auf die Finger bekommen. Damals hat auch mein Großvater oft nach dem Knecht geschaut, wie es ihm geht und ob auch der Ofen oben im »Zuhäusl« gut geheizt war. Eines Tages in der Früh, als wir ihm seine Milchsuppe bringen wollten, lag der »Dadei« tot im Bett. Seine Augen hatte er geschlossen und ein friedlicher Zug zeigte sich auf seinem Gesicht. Ein Leben war ausgelöscht, ein Leben voll Arbeit, mit viel Inhalt und der Gewissheit, nicht allein in Einsamkeit leben zu müssen, auch wenn er »nur« ein Knecht war.

Neben dem Familiengrab meiner Großeltern hatte er seine letzte Ruhestätte gefunden – für unsere ganze Familie war er viel mehr als ein Knecht.

An den Schlenkltagen und an den Tagen darauf ging es bei meinem Großvater auf dem Hof eher ruhig zu. Die Tage und Wochen waren meist kalt und windig. Es gab jedoch genügend Arbeit im Haus zu tun. So wurde fleißig gesponnen, gestrickt und geflickt. Diese Stunden und Tage gehörten für mich als kleines Dindl mit zu den schönsten. Ich sang damals mit Thea schon am Vormittag allerlei lustige Lieder. Der Kachelofen ist Mittelpunkt unserer heimeligen Stube gewesen. Die Ziegelsteine lagen in der Durchsicht, bereit zum Bettwärmen am Abend. Auf d’Nacht, wenn es gar so gemütlich war in der Stube, hat mich mein Großvater schmunzelnd gefragt, ob ich das Verserl noch weiß: »Achte ins Bett tracht i’ Neini’ ins Bett eini’, Zehne ins Bett renn i’«.

Heute weiß kaum einer mehr, dass der Lichtmesstag noch viele Jahre zwar als nicht mehr gesetzlicher Feiertag, aber als beliebter Bauernfeiertag dem Landvolk erhalten blieb.

Doch etwas gibt es auch noch in unserer heutigen Zeit – den »Schlenkltratsch« (Matschwetter), den wir fast alle Jahre »dawartn« (abwarten) können. Die Bedeutung ist weitgehend unbekannt, doch spätestens dann, wenn »d’ Schuah durchgwoagt san« (die Schuhe nass sind), kennt sie jeder.

Elisabeth Mader

Aus dem Buch: »Eine Kindheit auf dem Land«.



05/2010