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Jahrgang 2007 Nummer 4

Maler zwischen Renaissance und Barock

Restaurierung der Haslacher Tafelbilder – Wolf Jakob Schroff, ein erster Vertreter des Frühbarock

Ehemaliges Hochaltarbild für die alte Schlechinger Pfarrkirche. St. Urban, St. Remigius, St. Sebastian von Wolf Jakob Schroff.

Ehemaliges Hochaltarbild für die alte Schlechinger Pfarrkirche. St. Urban, St. Remigius, St. Sebastian von Wolf Jakob Schroff.
Hl Petrus, aus dem Freskenzyklus in der Salinenkirche St. Rupert und Maximilian in der Au. Die in grau-blauer Grisaillemalerei a

Hl Petrus, aus dem Freskenzyklus in der Salinenkirche St. Rupert und Maximilian in der Au. Die in grau-blauer Grisaillemalerei angelegten Apostelfiguren in Renaissancenischen zählen zu den frühen Werken Schroffs in Traunstein, (um 1631-32).
Das zweite Haslacher Tafelbild, welches ebenfalls wieder in neuem Glanz entstehen soll, ist schwieriger zu interpretieren, denn es fehlt der Hinweis auf die dargestellte Stifterfamilie und damit auch der Zeitpunkt seiner Entstehung.

Wie Pfr. Josef-Rosenegger in seiner Haslacher Pfarreigeschichte 1963 bereits vermutete, ist das Bild »Maria mit dem Kind auf der Mondsichel« nur der Mittelteil eines ursprünglich größeren Holzepitaphs, von dem zumindest der Inschriftteil verloren gegangen ist.

Der Autor stützte sich damals bei der Beschreibung der Haslacher Grabdenkmäler auf die verlässliche Vorarbeit des Diözesanarchivars Dr. Peter von Bomhard, der zurecht dem Traunsteiner Maler Wolf Jakob Schroff als Schöpfer des Tafelbildes erkannte.

Eigenartiger Weise aber hatte von Bomhard in seiner Forschungsarbeit über die »Traunsteiner Künstler und Kunsthandwerker der Barockzeit« das Haslacher Tafelbild nicht in das Werkverzeichnis über Schroff mitaufgenommen. Durch die Abhängung des Bildes nach einer Kirchenrenovierung in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ist das wertvolle Kunstwerk allmählich aus der Erinnerung der Haslacher Kirchenbesucher gewichen. Nur ältere Gemeindemitglieder wissen noch, dass es vorher an der nördlichen Langhauswand der Pfarrkirche angebracht war.

Die Vermutung, es hätte sich früher in der Michaelskapelle befunden, ist zwar nicht belegt, liegt aber nahe.

Zu Maler und Bild ist folgendes zu sagen: Wolfgang Jakob Schroff kam im Jahr 1631 nach Traunstein. Er stammte aus einer angesehenen Altenmarkter Malerfamilie. Bereits sein Vater Johann Schroff hatte dort am Fuße des Baumburger Stiftsberges künstlerische Bedeutung erlangt. Vermutlich war sein Sohn Wolf Jakob dessen Schüler oder Geselle, ehe er nach dem Wegzug von Michael Hueber nach Waging um die freigewordene Malergerechtsame in Traunstein anfragte. Dem Rat war daran gelegen, die Stelle so bald wie möglich zu besetzten »weiln dermalen kein Maller hier sei«, weshalb man dem Altenmarkter Malergesellen sogleich das Bürgerrecht in Aussicht stellte.

Nun hatte der wahrscheinlich noch sehr junge Schroff sein Privatleben zu ordnen. Er führte noch im selben Jahr die Pfarrkirchner Schlosserwitwe Christina Hofmannin vor dem Traualtar. Der Ehevertrag der beiden Neuvermählten wurde am 26. Oktober 1631 im Beisein mehrerer Zeugen in der Hofmarkstaferne von Altenmarkt geschlossen.

Zu diesem Zeitpunkt war Wolf Jakob Schroff bereits Traunsteiner Bürger. Wo sich in der Stadt seine erste Werkstatt befand wissen wir nicht.

1644 kauft er schließlich die baufällige Neuhubersche Behausung in der »hintern Thürlgasse an der Stadtmauer« (heute Taubenmarkt) in unmittelbarer Nachbarschaft des Bäckers Schröll, setzt sie wieder instand und führt dort seine Werkstatt bis zu seinem Tod 1677.

Er begründet damit am Taubenmarkt eine ohne Unterbrechung fortlaufende Werkstatttradition, welche erst im Jahr 1847 mit dem Ableben des akademischen Kunstmalers Georg Sollinger enden sollte.

Alle Kunsthandwerker der Stadt waren zünftischen Gemeinschaften untergeordnet. Keiner von ihnen konnte sich als »freischaffender Künstler« betrachten und aus dem strengen Regular einer Zunft heraustreten. Im Gegensatz zu einem Hof- oder hofbefreiten Maler, war es einem bürgerlichen Maler, wie Schroff nun einer war, nicht erlaubt seinen Wirkungskreis über die Grenzen des Pfleggerichts auszudehnen. Eine Ausnahme bildete das Pfleggericht Marquartstein, dessen zentraler Markt Grassau nie die Bedeutung eines Kunstzentrums erlangte. Die Kunstschaffenden von Rosenheim und Prien, allen voran aber jene von Traunstein versorgten daher auch das Achental bis hin zur Tiroler Grenze. Daraus erklärt sich die auffallende Fülle von Auftragsarbeiten, die im 17. und 18. Jahrhundert vom künstlerischen Kleinzentrum Traunstein aus in das Gebirgstal gelangten. Diese sind in so großer Anzahl heute noch präsent, dass man versucht ist, vom »Traunsteiner Barock im Achental« zu sprechen. Bezeichnend hierfür sind auch die Werke Wolf Jakob Schroffs, von denen in der Stadt und innerhalb der alten Grenzen des Traunsteiner Pfleggerichts kaum mehr etwas erhalten ist, mit Ausnahme eben des Haslacher Epitaphs und der Apostelfresken an den Weihestellen der Aukirche, im Achental hingegen das Wirken des Malers vergleichsweise oft sichtbar wird.

So schuf er um 1640 im Auftrag von Pfarrer Simon Feeler für die Pfarrkirche Grassau die erste frühbarocke Ausmalung der Gewölbe »mit Englköpfen und Rosenwerch«, die sich derzeit wieder einer zumindest teilweisen Freilegung erfreuen kann. Ein paar Jahre zuvor arbeitete er hoch oben am Schnappenberg an der Freskierung des Chorgewölbes in dem kleinen Kirchlein, welches dem Heiligen Wolfgang geweiht ist.

Dort heißt es in dem Kirchenrechungen des Jahres 1637: »Wolf Jakob Schroff, Maller und Bürger zu Traunstain, hat aufm Schnappen in neuen Gottshaus dem ganzen Chor mit gueter bestendiger Farben, nemblich in den nein Feldern indes ein zimblich groß ganzes Pild, schöne Englsköpf und Roteschgen, wie auch die gewöhnliche 12 Apostel Creiz gemallen.«

Daraus entnimmt man die Zufriedenheit des Auftraggebers mit der Arbeit des Malers.

Nur sei aus heutiger Sicht dem hinzugefügt, dass ihm der Baumeister des Kirchleins, der Traunsteiner Stadtmaurermeister Wolf König bereits ein »modernes« rippenloses Tonnengewölbe anbieten konnte, Schroff aber anscheinend außerstande war, darin die Chance für ein zusammenhängendes Themenfresko zu sehen. Er blieb bei seiner erlernten Methode, malte die fehlenden Rippen wieder an die Decke und füllte die Kleinfelder mit Einzelfiguren und Symbolen aus.

Somit zeigen die Fresken von Schroff in der Schnappenkirche deutlich die Grenzen auf, welche den damaligen Lokalfreskanten gesetzt waren, die von der italienischen Freskokunst noch weitgehend unberührt, ihr Handwerk ausübten.

Auch in der Altarblattmalerei fällt es dem Traunsteiner noch schwer, den »Geist des Barocks« auszudrücken. Für die alte Schlechinger Kirche malt er für einen frühbarocken Hochaltar eine Dreiergruppe mit St. Urban, St. Sebastian und dem Kirchenpatron St. Remigius in der Mitte. Die etwas statisch anmutenden Heiligenfiguren vermissen noch jegliche barocke Regung. Dennoch sind sie angesichts ihrer kunstvollen Ausführung das wohl schönste und bedeutsamste Werk des gebürtigen Altenmarkters, das uns die Zeitläufte hinterlassen haben.

Auch das viel kleinere Rottauer Bild mit der seltenen »Zusammenführung« der Hl. Barbara und des Evangelisten Johannes mit einer über dem Wolken thronenden Madonna, lässt nur im oberen Bildausschnitt die barocke Vorahnung zu. Im Grunde ist es noch der Stil des Manierismus, der hier dominiert.

Ähnliches lässt sich auch bei dem früheren Altarbild in der Expositurkirche St. Andreas in Egerndach feststellen. Die massig wirkende Gestalt des Kirchenpatrons vor einer volkreichen Hintergrundmalerei, lässt in deren Kleinteiligkeit noch den Nachklang an eine verflossene Stilepoche mitschwingen. Umso bemerkenswerter, weil das Egerndacher Andreasbild wohl erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts entstand, als die Kirche ihre erste Barockausstattung erhielt.

Bei aller Wertschätzung die einem Wolf Jakob Schroff als versierten Maler zukommen muss, bleibt doch die Erkenntnis, dass er dem Stilwandel hin zum Barock nur sehr zögerlich vollzog. Im Haslacher Epitaph »Maria auf der Mondsichel« wird die stilistische Zerrissenheit in der sich der Traunsteiner Maler wohl zeitlebens befand deutlich sichtbar.

In der Thematik des zentralen Motivs greift er weit zurück. Er wählt das bereits in der Gotik populär gewordene Thema vom apokalyptischen Weib aus der Johannesoffenbarung (12. Kap. 1. Vers), in dem es heißt: »Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: Ein Weib, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen«. Weit ausladend umfasst die Sichel des Mondes die ganze Fülle der sitzenden Maria, die als jungfräuliche Gottesgebärerin (weißes Kleid) und gleichzeitig als Himmelskönigin (Krone) dargestellt ist. Marias Haupt erscheint vor einer strahlenden Sonnengloriole, von 12 Sternen umgeben. In demütiger Haltung mit gefalteten Händen blickt sie liebevoll auf den neugeborenen Erlöser herab, der auf ihrem Schoß liegt.

Unter dem blauen Überwurf ihres Kleides ragt zu ihren Füßen der Kopf des »alten Adam« heraus. Eine Anspielung auf die Tilgung der Erbschuld, bei der sie als Gottesmutter eine entscheidende Rolle einnimmt.

Schroff hat mit diesem Marienbild eine sehr beliebte volkstümliche Kompostition geschaffen, die auch dem theologischen Anspruch gerecht wurde.

Im oberen Bildteil schieben jeweils vier putzige Engelchen, zur Linken und zur Rechten die Wolken beiseite, um das Durchdringen der Sonne zu ermöglichen. Gerade diese kleinen Götterboten aber geben dem Betrachter des Bildes einen dezenten Hinweis, wann und von wem das Werk geschaffen wurde. Bei seinen früheren Werken in Grassau, Rottau und Schleching malt Schroff ausschließlich geflügelte Engelsköpfe. Im Haslacher Bild sieht man bereits ganzkörperliche nackte Puttis, die sich nahezu spielerisch elegant in den Lüften bewegen. Das muss zu dem Schluss führen, dass das Eptaph nicht wie in der bestehenden Literatur vermutet wird, um 1630 entstand, sondern später. Frühestens wird es um die Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden sein, als das barocke Pathos sich anschickte in die Verniedlichungsphase einzutreten. Am leichtesten lässt sich Schroffs Urheberschaft aber an den farbigen Engelsflügeln ausmachen und an einer nur ihm eigenen Macke; – er setzt einem der Engel in jeder Gruppe eine Haarrolle aufs Haupt.

Was nun die Stifterfamilie im unteren Bildteil betrifft, so ist auch hierbei davon auszugehen, dass man sie im Zeitraum um die Jahrhundertmitte zu suchen hat. Natürlich reizt es den Heimatforscher, diese Unbekannten zu identifizieren. Bei einem »Testdurchlauf« verschiedener in Frage kommender Personen im Zeitraum von 1640 - 1670 lenkte sich der Verdacht zunehmend auf den 1657 kinderlos verstorbenen ehemaligen Gerichtsschreiber und späteren törringischen Lehensverwalter Adam Perkhover. Er war der Schwiegersohn des Wolfgang Kreninger und dessen Gattin Judith, deren Grabplatten sich an den Wänden im Chorraum der Haslacher Michaelskapelle befinden.

Von Kreninger übernahm Perkhover 1632 die Traunsteiner Gerichtsschreiberei. Vorher übte er das Amt des Pflegsverwalters von Braunau aus. Seine hinterbliebene Witwe Anna Maria Kreninger (als einzige auf dem Bild unbekreuzigt) käme demnach als Auftraggeberin des Epitaphs in Betracht. Wie aus dem umfangreichen, gute 43 Seiten umfassenden Inventarium, welches 1680 nach dem Tod der Witwe erstellt wurde, hervorgeht, waren die Perkhovers sehr wohlhabend und führten einen für damalige Zeiten geradezu luxuriösen Haushalt. Ihr Haus befand sich in der oberen Querzeile, nur wenige Schritte von der Werkstatt Schroffs entfernt.

Bei der Vermögensauflösung im Jahr 1680 wurden zwei Verwandtschaften auffallend reichlich beerbt; die der Sommerauer von Hallein und der Marstaller von Salzburg. Handelt es sich hierbei um die Sippen von zwei verstorbenen Ehefrauen Perkhovers? Liese sich diese Vermutung bestätigen, würde der Gerichtsschreiber Adam Perkhover den vordersten Platz unter den »Auswahlkandidaten« für die auf dem Epitaph abgebildete Mannsperson einnehmen. Dann müsste als früherer Standort die Michaelskapelle in Erwägung gezogen werden, wo sich wie bereits erwähnt, die Grablegen seiner Schwiegereltern befanden. Aber wie gesagt, dies ist nur ein Gedankenspiel, das erlaubt sein soll, ohne die Historie übermäßig mit Spekulationen zu strapazieren.

Für den Maler des frühbarocken Bildes liegt uns allerdings ein deutlich umrissener Steckbrief vor. Wolfgang Jakob Schroff muss in der Stadt Traunstein eine sehr dominante Bürgerpersönlichkeit gewesen sein. Obwohl er nie ein politisches Amt als Ratsherr udgl. ausübte, ist sein langjähriges Ehrenamt als Consultor der Corporis-Christi-Bruderschaft wie eine außergewöhnliche Karriere zu sehen. Kein Vertreter seines Standes vor und nach ihm, erreichte jemals diese Würde, die in der Regel nur hochrangigen Beamten des Salinenwesens oder des Pfleggerichts, gelegentlich auch Ratsherren zuteil wurde. Auch die Tatsache, dass er als Bürger sowohl in der schriftlichen Korrespontenz als auch auf der Straße mit »Herr« angesprochen wurde, ist eine seltene Ausnahme.

Natürlich half ihm dieser Status städtische Aufträge zu gewinnen, die aber samt und sonders den nachfolgenden Stadtbränden zum Opfer fielen. Auch die so gerühmte »Justitia« für die Ratsstube, die er als Geschenk der Stadt vermachte, existiert heute nicht mehr.

So bleibt das 140x100 cm große Haslacher Stifterbild »Maria auf der Mondsichel« neben den Fresken in der Aukirche, der einzige Bezugspunkt innerhalb der Stadt Traunstein zu einen ihrer bedeutenden Kunsthandwerker.

Wolf Jakob Schroff war noch ein Renaissancemensch bester Prägung. So gab er sich im Schriftverkehr und so führte er lange Zeit seinen Malpinsel, ehe er sich allmählich in den neuen Stil »einlebte«. Das Haslacher Epitaph ist ein gutes Beispiel für diesen Wandel.

Albert Rosenegger



4/2007