Jahrgang 2010 Nummer 50

Majestät, Sisi und ein kleiner Lebzelter

Ein kleines Vermächtnis alter Sterbebildchen

hat auf Andachtsgrafik, überhaupt auf Blättchen aus dem Bereich des Volksglaubens. Das Angebot einer Münchner Dame war daher willkommen: Mit einem kleinen Karton alter »Totenzettel« aus dem Innviertel konnte sie, ohne damit in irgendeiner Weise überfordert zu sein, halt nichts anfangen. Wohl wissend, dass es da einer ihrer Bekannten auf alte »Heiligenbildchen« abgesehen hat (stammt von ihm doch ein ganzes Buch über die »Andachtsbildchen« als »Kleinode privater Frömmigkeitskultur«, München 2004), brachte sie das Schachterl zu ihm: »Sie werden schon was anfangen können damit…«. Er konnte. Und war beglückt.

Verstaubt und beschädigt, verschmutzt und beschmiert breitete sich bald der beinahe die ewigen Jagdgründe hinabgegangene Schatz auf dem Arbeitstisch des Sammlers aus. Unverständlich für ihn, aber wahr und immer wieder zutreffend: Die ihren »alten Krempel« auf dem Dachboden ungeschützt und unbeachtet hütenden Häusler und Bauern – von einem solchen hatte die Dame den Schatz erhalten – legen oft wenig Wert auf den Inhalt von (ihnen suspekt erscheinenden) Pappschachteln voll altem Plunder. Was dem einen nichts, das ist dem anderen viel oder gar alles.

Die Neugier war`s denn auch, die den Liebhaber volksreligiöser Graphik – und in diese Sparte sind die »Sterbebildchen« einzuordnen – motivierte, das unvermutet ins Haus gelangte Hab und Gut, das anderen unnütz dünkte, genau zu besehen. Dazu war keine Lupe nötig. Alles schwarz auf weiß Gedruckte (in gut 50 Fällen farblithographiert) erwies sich als leicht lesbar. Eine ausgediente Zahnbürste musste her, um den eingetrockneten Dreck von den Objekten zu putzen. Darauf waren erst im vollkommen gereinigten Zustand, befreit von den unappetitlichen Resten skelettierter Insektenkörper, die für uns Heutige nicht selten lächerlich wirkenden Texte vollständig zu lesen.

Michael Danninger war ein gewesener Müllermeister und Hausbesitzer. Die Tischler-Tochter von Katzenberg, Josefa Schlager, war im 25. Lebensjahre selig und gottergeben im Herrn entschlafen. Die Bäuerin Alfrosina Weinberger hatte, so scheint es, noch zu Lebzeiten verfügt, als Private in Kirchdorf aufs Sterbebildchen zu kommen. Das Hausbesitzertöchterlein in Katzenbergleithen, Marianne Kobler, war am 3. Mai 1941, _ 12 Uhr mittags, unerwartet schnell im 10. Lebensjahre in die Ewigkeit hinübergegangen.

Von »Regelsöhnen2 ist die Rede (was immer das bedeuten mag), von einem »absolvierten Gymnasist« (dem Setzer schien wohl »Gymnasiast« unkorrekt), von »gewesenen« Gutsbesitzern, Müllern und »Leutköchinnen«, von »Auszugsbäuerinnen«, »ehrbaren Jünglingen« und ebensolchen »Jungfräulein«, »Oekonomiebesitzers-Töchtern«, dazu von einem Alois Mitter, den, Krämersohn zu Kirchdorf am Inn, der Herr bereits mit 31 Jahren zu sich genommen hatte, exakt am 12. Juni 1912 um 9 Uhr vormittags. So genau nahm man also damals das der Nachwelt zu vermittelnde Datum des Hinscheidens einer Person, ganz egal welchen Ansehens oder Abkommens.

Abgesehen von der unfreiwilligen Komik, die gelegentlich aus solchen, zum »christlichen Andenken« an Verstorbene in Druck gegebenen »letzten Visitenkarten« (wie Fritz Demmel einmal trefflich die Sterbebildchen nannte) spricht – wer schmunzelt denn nicht über die im ausgehenden 19. Jahrhundert (aus dem der Großteil der etwa 500 durch einen schönen Zufall erhaltenen Bildchen stammt) noch übliche Gelegenheitslyrik dieser Art:

»Die Mutter, ach, sie ist nicht mehr!
Die Freude unsres Lebens,
Wir sehen traurig hin und her
und suchen sie vergebens…«

– ist die Freude über derart originelle und allein schon wegen ihrer Unvergleichbarkeit kostbare Fundstücke groß.

Drei besondere Freude erregende Fundstücke seien vorgestellt. Ein Fürstenherz, schwer geprüft wie keines, das sich verzehrte in Liebe und Arbeit für das Wohl seiner treuen Völker… – damit kann nur eine geschichtliche Persönlichkeit gemeint sein, der noch heute, zeifellos weit über Österreichs Grenzen hinaus, nicht wenige Menschen nachtrauern: »Sr. Apostolische Majestät Franz Josef I., Kaiser von Österreich, König von Ungarn, Böhmen etc.« Das papierene »Gebetsandenken« (Druck und Verlag des Katholischen Pressvereins Linz) geht mit zehn Zeilen auf das Leben des Habsburgers ein. Rückseitig wird auf die »dornumrankte Herrscherkrone« abgestellt, die »die Majestät des Todes… dem greisen Monarchen abgenommen« hat. Das war am 21. Dezember 1916 – nach einer Rekord-Regierungszeit des Verblichenen von 68 Jahren.

Am 10. September 1898, so erinnert das Sterbebildchen der Kaiserin Elisabeth von Österreich, im Volksmund: Sisi, musste die am 24. Dezember 1837 in Possenhofen am Starnberger See geborene Wittelsbacher Prinzessin »durch Mörderhand« ums Leben kommen. Für das Sterbebildchen von Franz Josefs I. ebenso schöner, zerbrechlich-zarter wie kapriziöser Gemahlin, deren Brustbild von einem breiten schwarzen Rahmen eingefasst wird, hätte man sich ein weniger »heftiges« religiöses Bildmotiv als das theatralisch wirkende dornengekrönte Haupt Christi auf die Kehrseite des Blattes mit der in Großlettern zitierten lateinischen Bitte, Elisabeth möge in Frieden ruhen, gewünscht.

Daneben nimmt sich, sehr bescheiden, ein Blättchen aus, das auf den ersten Blick kein Sterbebild ist. Auf beiden Seiten verzichtet es auf einen Trauerrand. Dem vom seinerzeit gut beschäftigten und vielseitig (etwa auch in der Herstellung von Andachtsgraphik) arbeitenden Druck- und Verlagshaus Lutzenberger in Burghausen an der Salzach (und Altötting) stammenden zweiseitigen christlich frommen Andenken an den Jüngling Joseph Niggl, Lebzelterssohn aus Mühldorf (den männlichen Nachkommen eines Lebkuchenbäckers) gab man ein zierliches Medaillon als Bildschmuck bei. Ein hübsches kleines Persönchen schmiegt sich an den mädchenhaft gekleideten Jesusknaben, beide befinden sich auf einem erhöhten Rasenstück mit Rosen daneben unter freiem Himmel. Eine reizvolle biedermeierliche Idylle, die Hingabe und Inbrunst atmet. Darunter steht das vierzeilige Gebet:

»O Jesu, ich bin dein,
Und Du bist ewig mein!
O Freund in Lust und Schmerz,
Drück fest mich an Dein Herz!«

Kaum anzunehmen, dass der als »Jüngling« bezeichnete und zu betrauernde Joseph Niggl sich den wenig männlich anmutenden Spruch selbst ausgesucht hatte. Wie man aus dem Sterbebild-Text erfährt, ist Niggl als Geselle eines „Lebzelters“ in Deggendorf gestorben, am Michaelitage 1859 abends 7 1/4 Uhr, auf dem Stadtplatze seinen besten Vater erwartend, am Herzblutschlag im 31. Lebensjahre.

Wie so manches Gedenkbildchen an Tote des »gemeinen Volkes« lässt das Niggl-Bildchen eine Reihe von »Geschichten« zu. Es regt die Phantasie derer an, die gleichwohl zeitlich wie räumlich dem vor gut 140 Jahren Verstorbenen fern sind. Dem Leser stellen sich Fragen: Wo stand Joseph Niggls Geburtshaus? Ist ein Lebzelter (und Wachszieher) Niggl aus der oberbayerischen Innstadt Mühldorf noch heute bekannt? Leben Nachfahren? Wie kam Joseph ausgerechnet nach Deggendorf? Hat ihn der Vater daheim im eigenen Betrieb nicht brauchen können? Oder wollte er den Sohn gar an jenem unseligen Michaelitag nach Hause zurückholen, falls er ihn nicht einfach hatte mal besuchen wollen? Den »Herzblutschlag« – wie würde man den heute medizinisch korrekt bezeichnen? Kaum vorstellbar das Entsetzen des Vaters, seinen Sohn sterbend – oder bereits verschieden – vorgefunden zu haben.

Die beiden »Kaiser«-Bildchen: eine kleine Kostbarkeit. Das »Niggl«-Bildchen: fein, schicksalhaft, anrührend. Und: Zufall oder nicht – es ist das älteste von all den Sterbebildern aus dem kleinen Innviertler Vermächtnis. Alle anderen Stücke stammen aus der Zeit zwischen 1860 und 1968, umfassen also ein ganzes Jahrhundert.

Dr. Hans Gärtner



50/2010