weather-image
Jahrgang 2007 Nummer 23

Mächtig stolz: die Grenzen sind gefallen

Zwiesel lockt mit Landesausstellung »Bayern – Böhmen. 1500 Jahre Nachbarschaft«

Abschieds-Händedruck zwischen J. A. Comenius und Karl d. ƒ. Zerotin (Gemälde von V. Brozik)

Abschieds-Händedruck zwischen J. A. Comenius und Karl d. ƒ. Zerotin (Gemälde von V. Brozik)
Barocke Zahnreliquie des böhmischen Heiligen Wenzel.

Barocke Zahnreliquie des böhmischen Heiligen Wenzel.
Haupt der Mariensäule vom Prager Altstädter Ring.

Haupt der Mariensäule vom Prager Altstädter Ring.
Mächtig stolz sei seine Stadt, für ein halbes Jahr eine Vermittlerstation zwischen Bayern und Böhmen sein zu dürfen. Klar, dass Zwiesel sich, wie der Bürgermeister bei der Eröffnung der neuen Landesausstellung durch die Kultusminister von Prag (Vaclav Jelicka) und München (Siegfried Schneider) sagte, ins Zeug gelegt hat. In der Tat: Nicht nur hat die Grenzkommune – genau 100 km von München bzw. Prag gelegen – ihren »Bayerwalddom« zur musikalisch mit Lachner (Bayern) und Dvorak (Böhmen) umrahmten Eröffnungsfeier herausgeputzt und viele Wegweiser wie auch das Ausstellungs-Plakat zweisprachig durch das Haus der Bayerischen Geschichte drucken lassen: »Bayern – Böhmen / Bavorsko – Cechy. 1500 Jahre Nachbarschaft«. Auf Schritt und Tritt trifft der Besucher auf zwei Maskottchen in Gestalt des tschechischen und bayerischen Löwen, die ihre Zwillingschaft durch die Pelzfarben Rot und Blau ausdrücken. Lebendig laufen sie sogar herum und werben, auf Tschechisch und auf Bayerisch, für die große Sache »Landesausschau«. Bis 14. Oktober ist sie auf dem Kirchplatz (im renovierten, sanierten alten Mädchenschulhaus) und auf drei Etagen (mit insgesamt 1500 qm) täglich von halb 10 Uhr in der Früh bis halb 6 Uhr abends geöffnet.

2,5 Millionen Euro hat sie gekostet, diese zu einem bedeutenden Verbrüderungsakt von Deutschen (nicht nur Bayern!) und Tschechen gediehenen Landesausstellung, erklärte der mit diesem Projekt sich in den Ruhestand verabschiedende Geschichtshaus-Direktor Claus Grimm, der mit kundigen Experten, voran Rainhard Riepertinger, die 450 Exponate umfassende Ausstellung hievte und den gewichtigen Katalog (460 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 30 Euro) erstellte. Der Aufwand hat sich vollauf gelohnt. Zwiesels Landrat Heinz Wölß konnte zu Recht vor versammelter Kulturdelegation verkünden: »Die Grenzen sind gefallen, Ängste sind abgebaut.« Damit rührte er an weniger angenehme Erinnerungen einer uralten Landes-Nachbarschaft: Hussitenkriege, Feldzug des Passauer Heeres nach Böhmen, Dreißigjähriger Krieg, vor allem Naziterror. Freilich sei dem tschechischen Ex-Präsidenten Vaclav Havel zuzustimmen, der einmal sagte: »Angst kann auch neue Fähigkeiten wecken.«

Die Zwieseler Ausstellung – nach dreijähriger Vorbereitungszeit und vorausgehendem Fach-Symposium – war eine Herausforderung und will Brücke sein. Vergessen die Konflikte? Nein. Die Phasen der Übereinstimmung beider aneinander grenzender Länder galt es in den Vordergrund zu heben. Dafür plädierte der bayerische Schulminister Schneider in Vertretung seines Kabinetts-Kollegen Goppel. Eine »Pilgerstätte für Schulklassen« möge nach Schneiders, aber auch nach Jehlickas Wunsch, die zum Museum auf Zeit umfunktionierte Zwieseler Mädchenschule werden. Denn: »Zukunft braucht Herkunft«.

Und – so sei ergänzt – Zeichensetzung in Sachen »grenzüberschreitende Kontakte«. Von Vaclav Jehlickka lobend hervorgehoben, neben einer Reihe von Gemeinde- und Städtepartnerschaften, Sprachkursen und Austauschaktionen, das im März 2006 errichtete Kulturzentrum »Bavaria – Bohemia« in Schönsee. Ein Blick in das soeben erschienende Programm-Heft »Bayern – Böhmen: Treffpunkte«, das unter Mitwirkung von »Ostbayern-Tourismus« entstand und »Kulturdenkmäler, historische Wegeverbindungen, Museen, Festspiele und Sonderausstellungen an etwa 50 Orten« aufführt, zeigt: In Schönsee, etwa auf halber Strecke zwischen Regensburg und Pilzen gelegen, steht eine Symbolfigur für die Nachbarschaft von Böhmen und Bayern, eine Steinplastik des Böhmen- und Bayern-Heiligen Johannes von Nepomuk. Sein Blick ist sowohl nach drüben als auch nach hüben gerichtet. Eine Janus-Figur sondergleichen. Hätte sie nicht das Hauptmotiv für die Landesausstellung abgeben können? Wäre sie nicht besser geeignet gewesen, das Anliegen dieser einmaligen Schau zu verdeutlichen: das Hinüber- und Herüberschauen, das »Über-Sehen« einer Grenze zwischen den beiden durch jahrhundertelangen »Austausch« (Goldener Steig ...!) geprägten Gebiete?

Nun, die herrliche, emailmedaillonbesetzte Prozessionsmonstranz von 1721 aus dem Stift Waldsassen des Egerer Goldschmieds J. M. Frank mit ihrem herzförmigen Schaugehäuse und ihren schaukelnden und klingenden Blütenrosetten ist schon auch ein schönes, freilich den Sinn der Landesausstellung nicht auf Anhieb verdeutlichendes Motiv. Das Prunkstück zählt zu den am meisten bewunderten Exponaten. Auf sechs chronologisch geordnete, sehr unterschiedlich gestaltete, gelegentlich mit witzigen Ideen gespickte Säle sind sie verteilt. Die Themen: »Länder – Leute – Grenzen«, » Begegnungen im Mittelalter«, »Konfession und Krise«, »Gemeinsamer Kulturraum«, »Nationale Identitäten« und »Zwanzigstes Jahrhundert«.

Wertvolle, z. T. erstmals veröffentlichte Schaustücke, die hohen Seltenheitscharakter haben, sind von gewöhnlichen nicht auf den ersten Blick zu unterscheiden. Ob die Goldene Bulle von 1356, blitzende Waffen der Hussitensoldaten, eine Reitgerte der Kaiserin Sissi, eine Doppeldarstellung des hl. Gunther, eine Zahnreliquie des hl. Wenzels (wohlgemerkt: aus dem bayerischen Schrobenhausen), ein Handschuh von König Karl IV, das Bildnis des Freskanten Cosmas Damian Asam, der auch in Böhmen wirkte, Alfons Muchas Altarbildstudie mit den Sklavenaposteln Kyrill und Method von 1886, das Dokument zum Münchner Abkommen von 1938 mit den Signaturen von Hitler, Mussolini & Co. – man wird nicht fertig mit der Aufzählung. Und man wird auch kaum »fertig« mit dieser Schau. Sie betreten zu haben (und nicht »betreten« dreinzuschauen bei manchem, was einem da, vor allem gegen Schluss, zu Augen kommt) ist das eine. Darin auszuharren und sich dem Gang der Geschichte einer wechselvollen, Höhen und Tiefen gleichermaßen ansprechenden, immer aber Wesentliches hervorhebenden Serie der Ereignisse durch anderthalb Jahrtausende zu widmen, ist das andere. Dem Besucher wird einiges abverlangt. Er wird staunen über die vielen beredten Zeugnisse des kulturellen Austauschs und der wirtschaftlichen Befruchtung (ein Vilshofener hat zum Beispiel den »Pilsnern« zu ihrem Bier verholfen) von Böhmen und Bayern! Im Katalog kann man die Zusammenhänge zweifellos studieren. Alle Exponate sind abgebildet. Warum eine heutige Karte der Grenzregion fehlt, bleibt ein Rätsel, ebenso, dass auf ein Register verzichtet wurde.

Unbedingt durchhalten sollte der Ausstellungsgast aber, bis er auch das letzte Stockwerk durchmessen hat. Hier wird er über manches erschüttert sein. Krieg und Feuer. Vertreibungselend und Flüchtlingsnot. Naziherrschaft und Volksverführung. Judenhass und KZ-Verbrechen. Abschiebungen und Gewaltakte an Unschuldigen. Sudetendeutsche »Frage« und Alliierten-Überheblichkeit. Gründung der Tschechoslowakei. Nachkriegsgrauen. Neuanfang ... Das letzte Bild: die Außenminister Genscher und Dienstbier am Stacheldrahtzaun von Waidhaus. Katalogtext dazu: »Die Durch-trennung des Grenzzauns war das Symbol für das Ende des »Eisernen Vorhangs«. Eine 40 Jahre lang bestehende massiv befestigte Staats-, Militär- und Systemgrenze hatte ihre Funktion verloren. Kann man nur ergänzen: ...hoffentlich für immer.

Hans Gärtner



23/2007