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Jahrgang 2008 Nummer 49

Macht hoch die Tür, die Fenster weit

Vorweihnachtlicher Schmuck weckt Vorfreude aufs Christkind

»Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit. Ein König aller Königreich. Ein Heiland aller Welt zugleich. Der Heil und Leben mit sich bringt. Derhalben jauchzt, mit Freuden singt. Gelobet sei mein Gott, mein Heiland reich an Rat.«

Von den »Zweiglein der Gottseligkeit« ist in der vierten der fünf Strophen des Kirchenliedes die Rede, das Georg Weißel vor 385 Jahren dichtete und das 1704 in Halle seine Melodie unterlegt bekam. Der Autor hat die Psalmen der Heiligen Schrift studiert und seinen Text als Mahnung angelegt: Wir Menschen sollen den Herrn empfangen und uns auf ihn nicht nur einstellen, sondern freuen. Dazu braucht es der angemessenen Vorbereitung. Zweiglein der Gottseligkeit aufstecken? Ja, das auch. Aber zuerst einmal die Türen aufsperren, um den Herrn einzulassen. Die Tore weit auftun, um den Heiland hereinzubitten. In unsere niedrigen Hütten. Die nichts gleichsähen, wenn sie nicht fein herausgeputzt würden. Der Schmuck ist das Mindeste, was der hohe Gast verdient, wenn wir sonst schon nichts Besonderes zu bieten haben. Obendrein noch hinfällig sind und rückfällig werden. Unsere letztes Jahr gefassten Vorsätze längst über Bord geworfen haben und wieder in so manch ausgefahrenes Gleis geraten sind. Zweiglein aufstecken – sie sollen an die Palmzweige erinnern, die das Volk – wie Matthäus 21,8 berichtet – für den in Jerusalem einziehenden Jesus ausstreute. Das Volk, das in Jesus den Messias erkannte? Wollen wir es zu seinen Gunsten annehmen, dass es sich damals auch um einige Einsichtige und Weise, nicht nur um lauter Mitläufer handelte…

Bei uns heute sind die Palmzweige von damals halt Tannenzweige. Sie zieren Haus und Hof. Als Zeichen frommer Hingabe. Mit »Lust und Freud’« sollen sie aufgesteckt werden. Und »mit Andacht«. Was meistens vergessen wird. Dann erst, so wollte Georg Weißel es wohl sagen, »kommt der König auch zu euch.« Und nicht nur er, sondern mit ihm kommen »Heil und Leben«. Was wünscht man sich Besseres, Zuträglicheres zum Hohen Fest als »Heil und Leben«?

Die Zweiglein sind es beileibe nicht allein, die so manche Tür, so manches Tor in den Tagen vor Weihnachten zieren. Kunstvoll gebunden zu Kränzen, die, mit allerhand buntem Zierrat versehen, im faden Dezemberlicht leuchten, oder zu Girlanden gewunden werden. Tannen- und Fichtenzweige, wenn sie da und dort nicht allein durch ihr frisches Grün an das unvergängliche ewige Leben erinnern, das dem Christen versprochen ist, und Auge und Herz mit Hoffnung füllen. Türen und Tore sind es nicht allein, die viele Hausbesitzer und Wohnungsmieter im Advent schmücken, auch die Fenster bekommen ihr adventliches Flair.

In manchen Orten fällt der Hang zur verspielten vorweihnachtlichen Auszier der Hausfassaden besonders auf. Etwa im südböhmischen Krumau, dem tschechischen Krumlov. Ein Abstecher dorthin, durch Adalbert Stifters Land, ist aus unserer Gegend sogar an einem einzigen Reisetag möglich. Das, sich immer mehr durch seine gelungenen, einem modernen, weitsichtigen Verständnis folgenden Erneuerungen der Altstadtarchitektur hervortuende, Krumau hält etwas auf Autofreiheit der Innenstadt. Es gewährt dem Fußgänger viel Bewegungsfreiheit, lädt ihn in gemütliche Kaffeehäuser und originelle Restaurants ein, wo das dunkle Bier ausgeschenkt und ein resch gebratenes Ganserl mit Rotkraut und Knödeln angeboten wird, führt ihn in Gassen und Winkel hinein und damit in ein Stück alter, zurückgewonnener Moldaustadt-Herrlichkeit unserer Urahnen

Der Vorweihnachtszauber entfaltet sich in Krumau weniger drinnen als draußen. Hier scheint das Lied vom Hochmachen der Türen und Weitmachen der Tore auch das Aufreißen der Fenster einzubeziehen. Die Rahmen oft noch aus Holz, die doppelten Scheiben noch aus dem Glas der Vorväter, haben viele von ihnen ihre Läden nicht eingebüßt. Die Fenster sind, so will es scheinen, den Krumauern wichtig, um »die rechte Freudensonn« ins Haus einzulassen, wie es in der 3. Strophe von »Macht hoch die Tür« heißt. Bringt sie, die »Sonn« doch »lauter Freud und Wonn«!

In Resten sind die christlichen Heilszeichen an den vorweihnachtlichen Tür- und Fenster-Dekorationen noch vorhanden. Darin weicht Krumau nicht von anderen Orten, ob in Tschechien, Österreich oder Süddeutschland, ab: Stern, Kugel, Engel, Kreuz. Doch schleichen sich immer mehr profane Symbole und Objekte ein, namentlich aus der Welt der Kinder: Trompete, Zwerg, Rute, Schneemann. Da kraxelt an einer Hauswand ungeniert der Weihnachtsmann eine Leiter zum »Fensterln« hoch – dem heiligen Nikolaus wäre so eine Turnerei auch nicht zuzumuten. Aber auch sonst findet man kaum den wundertätigen Bischof aus Myra mit den Insignien seiner Würde, also Mitra, Stab und Buch. Eher Engel lächeln einen an, selbst gebastelt oder maschinell gefertigt aus Pappe, Glas oder Schaumsilber. Aus Stroh, Watte, Papier oder auch getrockneten gelben Zitronenscheiben lässt sich, wie in Krumau beinahe an allen Hausecken nachprüfbar, einfacher Adventschmuck für Türen und Fenster herstellen. Kleine rotbackige Äpfel oder nelkenbesteckte Mandarinen und Orangen gehören zu den »natürlichen« Schmuckstücken, wie dann, am Heiligen Abend, ja auch Lebzelten und Pfefferkuchen, Biskuitfiguren und vergoldete Nüsse am Christbaum hängen.

So reich soll der Advents-Schmuck – egal ob am oder im Haus – nicht ausfallen. Führt er doch, als Vorgeschmack, auf den weihnachtlichen Reichtum, auf die Fülle zu, die uns geschenkt wird, wenn uns Christus als kleines Kind im ärmlichen Stall zu Bethlehem erscheint. Der »Herr der Herrlichkeit«, der »König aller Königreich«, der »Heil und Leben« bringt und uns jauchzen und »mit Freuden« singen lässt: »Gelobet sei mein Gott, voll Rat, voll Tat, voll Gnad.«

Hans Gärtner



49/2008