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Jahrgang 2020 Nummer 19

Lügenbaron, Abenteurer, Adliger

Zum 300. Geburtstag von Hieronymus. C. F. von Münchhausen

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen.(akg-images)
Baron von Münchhausen und das Pferd auf dem Kirchturm.
Cover: Farblithographie von Adolphe A.Gery-Bichard, übernommen aus Aventures et Mesaventures du Baron de Münchhausen, Paris 1879.

Auch wenn er vielenMenschen nur als literarische Figur oder als Filmheld geläufig ist, so ist er doch eine historische Person, der am 11. Mai 1720 im niedersächsischen Bodenwerder geborene »Lügenbaron«, Abenteurer und Geschichtenerzähler Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen. Er war das fünfte von acht Kindern seiner Eltern, sein Vater war der Oberstleutnant der Kavallerie Georg Otto von Münchhausen (1682 bis 1724), Gutsherr auf Rinteln und Bodenwerder, seine Mutter Sybille Wilhelmine von Reden aus Hastenbeck (1689 bis 1741).

Einem Brauch in Adelskreisen folgend, tritt er 1732 in den Hofdienst und wird Page beim Prinzen Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, der ein Jahr später nach Russland reist, um eine Nichte der russischen Zarin Anna zu heiraten. 1738 folgt Hieronymus seinem Patron und tritt in das russische Braunschweig-Regiment ein, das Prinz Anton Ulrich kommandiert. Damit beginnen die Reisen und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen. Er nimmt am Russisch-Österreichischen Türkenkrieg (1736 bis 1739) teil, der ihn zu seiner wohl bekanntesten Lügengeschichte inspiriert hat, seinem berühmten Ritt auf der Kanonenkugel.

1740 zum Leutnant befördert, scheint seine Karriere unter Prinz Anton Ulrich gesichert, denn im selben Jahr wird dessen Sohn zum Zar Iwan VI. ernannt. Doch ein gewaltsamer Thronwechsel ändert alles: 1741 lässt Elisabeth I., Tochter des Zaren Peter der Große, den kleinen Iwan und seine Eltern gefangennehmen und Jahre später ins Exil schicken. Münchhausen übersteht den Umsturz zwar heil – vermutlich, weil er zu dieser Zeit in Finnland kämpft – aber aus seiner so glänzend begonnenen Karriere wird nichts. Eine weitere Beförderung (zum Rittmeister) lässt ein Jahrzehnt auf sich warten.

Stationiert in der Garnisonsstadt Riga, die nun sein hauptsächlicher Aufenthaltsort wird, und umgeben von Freunden, in deren Kreisen ausgiebig und phantasievoll erzählt wird, entdeckt Münchhausen seine Liebe zum Fabulieren. Aber nicht nur, denn er findet auch seine Lebensgefährtin, Jacobine von Dunten. Am 2. Februar 1744 schließt er die Ehe, die 46 glückliche Jahre währen sollte. Als er trotz der Ernennung zum Rittmeister erkennt, dass Aufstieg und Karriere für ihn zu Ende sind, nimmt er seinen Abschied und fährt mit seiner Frau heim nach Bodenwerder. Die Abenteuerjahre sind vorbei.

Was ihm bleibt, sind seine Erfahrungen und Eindrücke während seiner Militärzeit, die er nun als phantasievolle Geschichten in seinem Bekannten- und Freundeskreis zum Besten gibt. Zur angemessenen Unterhaltung lässt er eigens ein Gartenhaus bauen, das er als »Grotte« bezeichnet und das später als »Lügenpavillon« bespöttelt wurde. Zu seinen Gästen zählen dabei der Göttinger Dichter Gottfried August Bürger, der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg und der Museumsdirektor und Universalgelehrte Rudolf Erich Raspe, alle drei auch große Erzähler. Seine Geschichten finden so großen Anklang, dass sie in den Jahren 1781 bis 1783 in der Zeitschrift »Vade Mecum für lustige Leute« anonym veröffentlicht werden.

Noch nicht belegt, aber denkbar ist es, dass Rudolf Erich Raspe der Verfasser dieser Geschichten war. Denn nachdem er 1775 wegen eines Eigentumsdelikts von Kassel nach England geflohen war, gibt er dort zehn Jahre später ein 49-seitiges Büchlein mit dem Titel »Baron Munchausen's Narrative of his marvellous Travels and Campaigns in Russia«, heraus, wobei er die meisten Geschichten aus dem Vade Mecum übernimmt und den rasch folgenden Neuauflagen stets neue Abenteuer hinzufügt. Und überdies die Frechheit besitzt, Münchhausens vollen Namen und Wohnort zu nennen. Aus heutiger Sicht eine Unmöglichkeit, aber damals durchaus legal, besonders, wenn man dabei unerkannt blieb. Gottfried August Bürger nimmt die Erzählungen auf und übersetzt sie 1786 zurück ins Deutsche, wobei er die Stoffe bearbeitet und die Sammlung mit eigenen Texten ergänzt, die schließlich unter dem Titel »Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen« erscheint.

Bürgers Fassung zählt auch zu den bekanntesten Ausgaben der Münchhausiaden, werden darin doch die berühmtesten Geschichten des Freiherrn erzählt, wie er sich beispielsweise am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, wie er von einem Walfisch verschlungen wird, oder wie er auf einer Kanonenkugel reitet. Münchhausen selbst ist über das Erscheinen der Geschichten alles andere als erfreut und fühlt sich in seiner Offiziersehre angegriffen. Dazu kommen private Probleme: Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1790 ehelicht er am 12. Januar 1794 die 20-jährige Bernhardine Brunsig von Brunn. Und reicht kurz darauf wegen ehelicher Untreue die Scheidung ein. Der Scheidungsprozess dauert drei Jahre lang und kostet den Baron fast sein ganzes Vermögen. Und bringt ihm, eine Erfindung des Scheidungsanwalts, auch noch die Bezeichnung »Lügenbaron« ein. Am 22. Februar 1797 stirbt er vereinsamt auf seinem Gut Bodenwerder.

Seine Geschichten und die weiterer Autoren, die sich den Münchhausen-Stoffen annahmen, erlangten indes Weltruhm und werden noch heute in Büchern, Ausstellungen und anderen Veranstaltungen rezipiert. Das ehemalige Herrenhaus der Familie Münchhausen dient heute in Bodenwerder als Rathaus, in der »Schulenburg«, einem weiteren Gebäude auf dem ehemaligen Gutshof der Adelsfamilie, gibt es ein Münchhausen-Museum. Hier zeichnen Erinnerungsstücke aus dem persönlichen Besitz von Münchhausen sowie Bilder und Dokumente die wichtigsten Stationen seines Lebens nach.

Aus den Jahren 1938/39 stammt der vierbändige Roman mit dem Titel »Münchhausen« von Karl Immermann, und 1943 schrieb Erich Kästner das Drehbuch zu dem Film »Münchhausen« mit Hans Albers in der Rolle des quirligen »Lügenbarons«. Ein aufwendig inszenierter und episodenhaft erzählter Bilderbogen, in dem Münchhausen am Hof von St. Petersburg die russische Zarin Katharina mit seinem Charme betört, über Venedig nach Konstantinopel reist, um gegen die Türken zu kämpfen, und schließlich sogar eine Ballonfahrt zum Mond unternimmt. Ein märchenhafter Abenteuerfilm, der die kriegsgebeutelte Bevölkerung vom trüben Alltagsleben ablenken sollte. 1988 versuchte sich der englische Regisseur Terry Gilliam mit seinem Fantasy-Werk »Die Abenteuer des Baron Münchhausen« ein weiteres Mal an Gottfried August Bürgers Geschichten, fiel damit aber sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum durch. Pünktlich zum Jahrestag ist im Salzburger Benevento Verlag die – soweit ersichtlich – erste populäre Biografie über Münchhausen erschienen: »Die ganze Wahrheit über Münchhausen & Co. Über 300 Jahre Lügengeschichten«, verfasst von Tina Breckwoldt. In seinem Vorwort dazu schreibt Matthias Freiherr von Münchhausen: »Das Buch kommt rechtzeitig. Es ist überaus sorgfältig recherchiert, dabei schwungvoll geschrieben und gekonnt formuliert. Ich freue mich über dieses Buch. Und ich bin sicher, Hieronymus auch. Es rückt sein Bild zurecht. Wenn er sich jetzt im Grabe umdreht, dann vor Freude.« Ein Urteil, dem man sich nur anschließen kann.

Das 288 Seiten umfassende Buch (mit vielen Abbildungen) ist in vier Teile gegliedert: Im ersten Teil »Wenn das Glück favorabell ist« geht es um den historischen Münchhausen, seine Biografie, seine persönliche Geschichte und auch ein wenig um die Geschichte seiner Familie. Daneben geht es um die Biografien von Rudolf Erich Raspe und Gottfried August Bürger, und darum, was die drei, Münchhausen, Raspe und Bürger, verbindet – oder trennt.

Der zweite Teil des Buches »Bis sich die Balken biegen« setzt sich mit der Lüge und dem Lügen auseinander, mit Fake News und Scherzen, mit Jägerlatein und Seemannsgarn. Im dritten Teil »Das Blaue vom Himmel« geht es um mögliche Quellen und Vorläufer. Vor allem aber geht es um die siebzehn Münchhausischen Geschichten im »Vade Mecum« und die Versionen von Raspe und Bürger. Im vierten Teil »Daß Cuireuse anzumercken« soll umrissen werden, was der Baron – nämlich der erfundene – noch so alles kann: Musik, Theater, Filme. Es geht um Münchhausen als Begriff, als Idee und Ikone. Zum Verständnis trägt auch bei, dass im Buch sehr viele Originalzitate vorkommen, denn niemand, so die Autorin, sollte nebenbei googeln müssen bzw. in den Tiefen des Internets verschwinden.

Ein Personenglossar, eine Bibliografie und Bildnachweise schließen den schön aufgemachten Band ab, der ab dem 20. Mai für 24 Euro in allen Buchhandlungen erhältlich sein wird.

 

Wolfgang Schweiger (Repros von Marietta Heel)

19/2020