weather-image
-1°
Jahrgang 2012 Nummer 29

Linz, kaiserliche Residenz ohne Kaiser

Kaiser Rudolf ließ das Schloss zu seinem Alterssitz ausbauen

Lucas van Valckenborch, Blick auf Linz, 1599.
Dirck de Quade van Ravesreyn, Kaiser Rudolf II., 1600.
Kaiser Matthias, zeitgenössischer Stich.
Jan Vermeyen, die Krone Kaiser Rudolfs II., 1602.
El Greco, Mariä Verkündigung, um 1600.

Linz, die Hauptstadt des österreichischen Bundeslandes Oberösterreich, spielte zu Beginn der Neuzeit als Zentrum des »Landes ob der Enns« politisch und wirtschaftlich eine wichtige Rolle und war eine Art Nebenresidenz der Habsburger. Mehrere Mitglieder der kaiserlichen Familie verbrachten einige Jahre im Linzer Schloss. Kaiser Rudolf II. hatte sogar die Absicht, seine Residenz von Prag nach Linz zu verlegen und das Schloss zu seinem Alterssitz zu machen. Er ließ den Bau erneuern und prachtvoll ausstatten. Aber aus dem Umzug wurde nichts. Bedingt durch seine psychische Erkrankung wurde Rudolf entmachtet. Das Linzer Schloss blieb eine Residenz ohne Kaiser. Dafür erlebte die Stadt Linz an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert einen außergewöhnlichen Aufschwung, vor allem auf kulturellem Gebiet. Diese glanzvolle Zeit lässt eine Ausstellung lebendig werden, die bis Ende August unter dem Titel »Des Kaisers Kulturhauptstadt« im Linzer Schlossmuseum zu sehen ist.

Durch seine zentrale Lage als Verkehrsknotenpunkt und als Handelsplatz hatte es Linz am Ausgang des Mittelalters zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Das Stadtbild wird geprägt durch das majestätisch über der Donau thronende Schloss. Der Linzer Schlossberg ist ein langer schmaler Ausläufer des Freinberges und fällt an drei Seiten steil ab, lediglich vom Westen her ist er leichter zugänglich. Diese Seite wurde deshalb stark befestigt. Vor dem Westtor, dem sogenannten Friedrichstor, ist ein Vorbau aus mächtigen Granitbruchsteinen, dahinter die gewaltige Westmauer und der Burggraben.

Jahrelang war das Schloss zur Zeit Kaiser Rudolfs eine Baustelle. Die alten Burggebäude samt der Kapelle wurden abgerissen, die Gräben zugeschüttet. Kaiser Rudolf war es ein großes Anliegen, die Baumaßnahmen zügig voranzutreiben und finanziell zu unterstützen. Um die Wasserversorgung sicherzustellen, wurde eine neue Wasserleitung angelegt und ein begehbarer Stollen in den Freinberg getrieben. Im Schloss waren die Räume des Landeshauptmanns, seiner Beamten und die Kanzleien der landesfürstlichen Ämter untergebracht. Die für den Kaiser vorgesehenen Räume nahmen den ersten Stock ein.

Noch vor dem Umbau des Schlosses hatte Erzherzogin Katharina von Österreich, die verstoßene Gattin des polnischen Königs Sigismund, das Linzer Schloss als Ruhesitz genutzt und hier die letzten Lebensjahre verbracht. Die unglückliche Ex-Königin litt unter epileptischen Anfällen und war kinderlos geblieben, weshalb sich ihr königlicher Gemahl von ihr getrennt hatte. Katharina liegt im Stift St. Florian begraben.

Ein weiterer Schlossbewohner war der Erzherzog Matthias, der älteste Bruder von Kaiser Rudolf. Der Kaiser selbst hatte ihm Linz zum Aufenthaltsort bestimmt. Das gespannte Verhältnis der Brüder zueinander ist als der »Bruderzwist im Hause Habsburg « in die Geschichte eingegangen. Der labile, später geisteskranke Rudolf witterte in Matthias - nicht zu Unrecht - seinen Rivalen und wollte ihn nicht in seiner Nähe haben. Der extrem misstrauische, menschenscheue Kaiser residierte in Prag, widmete sich der Alchemie und Astrologie und überließ die Politik seinen Günstlingen. Matthias setzte sich später an die Spitze einer Verschwörung der Erzherzöge und entmachtete seinen Bruder, um selbst Kaiser zu werden. Er wählte Wien zu seiner Residenz. Rudolf blieb König von Böhmen und starb in Prag.

Als Erzherzog Matthias im Jahre 1580 mit seinem Hofstaat im Linzer Schloss Einzug hielt, waren eine Reihe Künstler und Kunsthandwerker in seinem Gefolge, unter ihnen Maler und Bildhauer, Musiker, Goldschmiede und Steinschneider. Die meisten stammten aus den Niederlanden, wo sich Matthias einige Jahre auf das Experiment des Statthalters eingelassen hatte und kläglich gescheitert war. Dem Hofmaler Lucas van Valckenborch verdanken wir mehrere Ansichten von Linz, auf denen auch das Schloss zu sehen ist.

Wie es sich für eine fürstliche Residenz gehört, wurde das Schloss standesgemäß mit Kunstwerken und wertvollem Mobiliar ausgestattet. Davon ist leider fast nichts erhalten geblieben. Nach Rudolfs Tod kamen die Stücke nach Wien, aber auch in andere Schlösser der Monarchie, die heute zum Teil in Tschechien und Ungarn liegen. Viele Gemälde und Skulpturen aus einstigem Habsburger Besitz befinden sich im Museum der Bildenden Künste in Budapest, das für die Ausstellung im Linzer Schloss eine repräsentative Auswahl aus der Zeit um 1600 zur Verfügung gestellt hat, angereichert mit Exponaten aus Habsburger Kunst- und Wunderkammern mit Münzen, Mineralien und Kuriositäten aus fernen Landen.

Kunstgeschichtlich sind die Jahrzehnte um 1600 die hohe Zeit des Manierismus, einem Übergangsstil zwischen Renaissance und Barock. Anstatt die Natur zu studieren, wurde für die Künstler die malerische Virtuosität zum Selbstzweck, sie ahmten die Werke berühmter klassischer Meister nach, gerieten aber dabei in Gefahr, den Stil ihrer großen Vorgänger in gekünstelter, schematischer Routine zu ersticken. Bevorzugte Bildthemen waren Szenen aus der antiken Mythologie, deren Verständnis gute Kenntnisse der griechischen und römischen Sagenwelt voraussetzt. Aus der Bibel waren Themen beliebt, die den Malern Gelegenheit boten, den weiblichen Körper in seiner vollen Schönheit darzustellen: Eva im Paradies, Bethseba im Bad, Susanna und die beiden Alten, Putiphars Weib, die büßende Maria Magdalena.

Mit dem Tod der Kaiser Rudolf II. und Matthias verlor das Linzer Schloss seine Bedeutung als Residenz der Habsburger. Mehrfach war es Verbannungsort für prominente politische Gefangene. Der einzige Kaiser, der 1683 einige Wochen in Linz residierte, war Leopold I. während der Türkenbelagerung Wiens. In der Folgezeit diente das Linzer Schloss unter anderem als Kaserne, Gefängnis und Flüchtlingslager. Beim Großbrand der Linzer Altstadt im Jahre 1800 wurden sämtliche wertvollen Holzdecken ein Raub der Flammen. Heute beherbergt das Schloss nach gründlicher Renovierung mit großzügigem Erweiterungsbau das Oberösterreichische Landesmuseum.


Julius Bittmann

 


29/2012