Jahrgang 2009 Nummer 39

Licht auf Sankt Sebastian!

Ein 500 Jahre alter Flügelaltar verlässt nach 80 Jahren das Depot

Hans Burgkmair: Sigismund-Sebastian-Altar, Flügel geöffnet, 1505

Hans Burgkmair: Sigismund-Sebastian-Altar, Flügel geöffnet, 1505
Lukas Furtenagel: Bildnis Anna und Hans Burgkmair, um 1520.

Lukas Furtenagel: Bildnis Anna und Hans Burgkmair, um 1520.
Hans Burgkmair: Sankt Christophorus, Detail des Flügelaltars von 1505.

Hans Burgkmair: Sankt Christophorus, Detail des Flügelaltars von 1505.
War der Herr Papa, Thoman, schon Maler, wollte der Filius es auch werden. In der väterlichen Werkstatt erlernte er schon frühzeitig die Techniken, die ihn zu einem der bedeutendsten bildenden Künstler zwischen Spätgotik und Renaissance – vor allem religiöser Motive – werden ließen: Hans Burgkmair. 1473 in Augsburg geboren (Vater Thoman war 29), gilt er mit Hans Holbein als wichtigster Kunstschaffender der Reichsstadt. Die Maler Holbein und Burgkmair tragen den Zusatz »d. Ä.« (der Ältere). Die Söhne erreichten die Bedeutung ihrer Väter nicht.

In Colmar lernt Hans bei Martin Schongauer. Mit 17 gelingt ihm, der zu den Koryphäen des Holzschnitts zählt, das erste Opus von Rang, ein Bildnis des Straßburger Münsterpredigers Johann Geiler von Kayserberg. Auf seiner (ersten) Italienreise lässt Hans Burgkmair sich von der venezianischen Kunst – Farbspiel, Licht, Perspektive – stark anregen. 1498 heiratet er Anna Allerlai. Da ist Hans bereits als Meister in die Augsburger Malerzunft aufgenommen.

Auf dem Augsburger Reichstag 1500 hat Hans Burgkmair die für sein weiteres Leben und Schaffen entscheidende Begegnung – mit dem Kaiser selbst, Maximilian I. Auf Vermittlung Conrad Peutingers wird Burgkmair kaiserlicher Haus- und Hofgraphiker. Ihm gelingt bald der erste Farbholzschnitt. Für seine außerordentlichen Leistungen verleiht ihm Maximilian I. ein Wappen. 1526 – vier Jahre vor seinem Tod in Augsburg – kann er ein Leibgedinge erwerben – zur Absicherung fürs Alter.

Einige Bildnisse und bedeutende Altarbilder sind von Hans Burgkmair d. Ä. erhalten. Das erste entsteht für das Dominikanerinnenkloster seiner Geburtstadt. 1505 – zwei Jahre nach seinem Niederrhein-Aufenthalt – kreiert er einen Altar, den der Sachsen-Kurfürst Friedrich der Weise für die Schlosskirche zu Wittenberg in Auftrag gibt – für 81 Gulden Lohn. Die 14 Nothelfer sollen dargestellt werden. So will es der stets kränkelnde Sachsenherrscher. Von ihm ist bekannt, dass er eine Anzahl von Nothelfer-Reliquien besaß, die jedes Jahr dem gläubigen Volk von Wittenberg zur Schau gestellt wurden.

Das Mittelfeld des Wittenberger Schlosskirchen-Altars zeigt Kaiser Sigismund und, ihm gegenüber rechts, den heiligen Sebastian mit zwei langen Pfeilen in einer Hand. Engel halten ein Goldbrokat-Tuch zwischen den beiden Männern. Von den beiden Flügel-Innenseiten fällt besonders die rechte ins Auge. Weniger wegen des Zierrats im oberen Teil – der fehlt nämlich seltsamerweise – sondern wegen einer selten schönen Darstellung von Sankt Christophorus mit dem Kind auf der Schulter.

Das Gold, vor dem die beiden Figuren des linken Seitenflügels platziert sind, wurde bei St. Christophorus einst abgetragen. Das geht auf das Konto des veränderungsfreudigen Kurfürsten Maximilian I. von Bayern (1573 – 1651). Er gewinnt Mittelfeld und rechten Flügel des Burgkmair-Schaustücks, wohl 1641/42. Jedenfalls taucht er in Maximilians Münchner Residenz-Kammergalerie auf. Hier hortet der an altdeutschen Meistern interessierte Herrscher auch andere kostbare Sammlerstücke.

Mit ihnen geht er um, wie es ihm gefällt: er zerlegt, stückelt an, vergrößert, ergänzt nach Lust und Laune, lässt übermalen und hinzufügen, Gold abkratzen und Farben hinzusetzen. Die Niederländer haben es ihm so sehr angetan – also sollen deren Bildmotivteile in die Sammlerobjekte: Landschaften, Hallenarchitektur. Ins Burgkmair-Altarbild lässt er eine Signatur einarbeiten, damit das edle Stück auch seine glaubwürdige Provenienz aufweist.

Dieses geht dann – wieder seltsamerweise – auf Reisen: aus der Münchner Residenz zuerst nach Schleißheim, dann zurück in die Hofgartengalerie. 1829 sehen wir die Mitteltafel und den Christophorus-Flügel in Nürnberg, ab 1882 ist der Altar Dauerleihgabe des Germanischen Nationalmuseums. Erstmals seit 300 Jahren als Triptychon ist das Stück erst 1931 wieder beisammen. Es verschwindet dann aber ins Depot, als die in München und Augsburg stattfindende große Burgkmair-Ausstellung zu Ende ist. 1935 wird der rechte Altarflügel von den Übermalungen befreit, so dass nur noch der Kreidegrund bleibt. Eine heikle Sache, die Restaurierung, befindet man noch vor gut 50 Jahren, als man auch das Mittelfeld stark übermalt findet. Erst 2006 macht man sich daran, das Stück in den alten Prachtzustand zu bringen. Die Wartezeit im Depot, so sagen die Experten heute, sei nicht sinnlos gewesen.

Neben diesem Altar mit seiner verwickelten Geschichte zeigt die Münchner Alte Pinakothek durchaus noch zwei weitere sehenswerte Altäre von Hans Burgkmair, in den Ausmaßen den Sigismund-Sebastian-Altar übertreffend: den Johannesaltar (Mittelfeld: Johannes auf Patmos, Seitenflügel links: die Heiligen Erasmus und Martin, rechts: Johannes der Täufer und Johannes Evangelist) und den Kreuzaltar (Mittelfeld: Christus am Kreuz mit Maria, Maria Magdalena und Johannes, zu beiden Seiten die »bußfertigen Schächer« mit (links) Lazarus (rechts) Martha).

Man wundere sich nicht, dass viele Nothelfer, die Hans Burgkmair für Friedrich den Weisen malte, durch Hand anlegen am Bayerischen Hofe verschwanden. Rochus und Cyprian gehörten nie zu den Vierzehn. Ausgerechnet die beiden Pestpatrone hatte aber der krankheitsanfällige Friedrich der Weise auf die Außenflügel des Sigismund-Sebastian-Altars anbringen lassen. Davon gibt es in der Alten Pinakothek aber nur kleine Fotos.

Thoman Burgkmair neu in Augsburg

Hans Burgkmairs Vater Thoman (1444 – 1523) dürfte der Schöpfer von drei Tafeln eines Altars um 1515/1520 sein, dessen Flügel die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erst vor kurzem als Leihgabe aus Privatbesitz zur Ausstellung erhielten. Es sind ursprünglich doppelseitig bemalte Altarflügel. Sie zeigen zwei namhafte Heilige des Dominikanerordens des 13. und 14. Jahrhunderts, Vinzenz Ferrer und Petrus von Mailand sowie die Szene der »Wiedererweckung des totgeborenen Kindes«. Man nimmt an, dass der Mittelteil des Altars Reliquien der Heiligen Vinzenz und Petrus enthielt. Er ist verloren gegangen. Zudem wird vermutet, dass die Gemälde aus einer der vier Dominikanerkirchen von Augsburg stammen. Um 1800 wurden diese aufgehoben. Vor drei Jahren tauchten sie im Kunsthandel auf. Ein Privatmann hat sie erstanden. Dass er sie nun der Staatsgalerie Augsburg lieh, ist höchst löblich. Zusammen mit dem in Münchens Alter Pinakothek bis Ende Oktober zu sehenden, später nach Nürnberg gehenden Sigismund-Sebastians-Altar von Hans Burgkmair ergibt sich die Gelegenheit, Vater und Sohn Burgkmair auf engem Raum präsent zu haben.

Hans Gärtner



39/2009