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Jahrgang 2012 Nummer 51

Letzter Landesherr und Bischof in einer Person

Vor zweihundert Jahren starb Hieronymus Graf von Colloredo

Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo, Ölgemälde eines unbekannten Künstlers.
Residenzplatz Salzburg, Radierung, Ende 18. Jahrhundert.
Grabmal von Graf Colloredo im Wiener Stefansdom, Zeichnung von C.P.Goebel.

Vor zweihundert Jahren ist der Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus Graf von Colloredo gestorben, der letzte Erzbischof von Salzburg, der in einer Person die höchste geistliche und weltliche Macht über sein Land vereinte. Modern gesprochen war er gleichzeitig Ministerpräsident und Bischof. Zu seinem Herrschaftsgebiet gehörten nicht nur Stadt und Land Salzburg, sondern auch der Rupertiwinkel zwischen Freilassing und Tittmoning sowie die Stadt Mühldorf. Außerdem unterstanden seiner geistlichen Vollmacht große Gebiete des Chiemgaus, das sogenannte Chiemseebistum, für das ein eigener Bischof bestellt war.

Unter der Herrschaft von Erzbischof Hieronymus erlebte das Erzstift Salzburg eine letzte, kurze Blütezeit, bevor es in den Wirren der Napoleonischen Zeit seine Selbständigkeit verlor und im Land Österreich aufging, während der Rupertiwinkel zu Bayern kam. Erzbischof Colloredo war ein Vertreter der Aufklärung und wandelte ganz in den Spuren des österreichischen Kaisers Joseph II. Um den hoch verschuldeten Staatshaushalt zu sanieren, reformierte er das Steuerrecht, ließ sein Land neu vermessen und ersetzte die Vermögenssteuer durch die Grundsteuer. Die Staatsausgaben für die Hofhaltung wurden beschnitten, die Verwaltung vereinfacht. Um landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen, wurden Moore trockengelegt und die Salzach zur Vermeidung von Überschwemmungen streckenweise reguliert.

Auch auf kulturellem Gebiet begann ein allgemeiner Aufschwung. Salzburg entwickelte sich zu einem Zentrum der katholischen Aufklärung. Für Theater- und Opernaufführungen wurde ein bürgerliches »Comödienhaus« gebaut, das bisherige Hoftheater durch ein neues Stadttheater (heute Landestheater) ersetzt. Das Grundschulwesen wurde reformiert und ein Lehrerseminar unter der Leitung des Pädagogen Franz Michael Vierthaler errichtet. Mehrere Zeitungsgründungen führten zur Belebung des Pressewesens, die in Salzburg erscheinende »Oberdeutsche Allgemeine Literaturzeitung« errang überregionale Bedeutung und wurde sogar von Goethe in einem Vers seiner »Xenien« gewürdigt.

Vom aufgeschlossenen geistigen Klima angezogen, ließen sich bedeutende Wissenschaftler und Literaten in Salzburg nieder, unter ihnen der Jurist Johann Kleinmayrn, der Naturforscher Freiherr von Moll, der Historiker Judas Thaddäus Zauner, der Journalist Lorenz Hübner, der Schriftsteller Friedrich Graf Spaur und der Mediziner Johann Jakob Hartenkeil.

Der Erzbischof liebte die Musik, spielte gerne auf der Violine und produzierte sich gelegentlich in Gesellschaften sogar als Solist. Bekanntlich standen auch Vater Leopold Mozart und Wolfgang Amadé in seinen Diensten. Ihr Verhältnis zum Erzbischof war, wie man weiß, nicht das allerbeste, in seinen Briefen belegt das musikalische Wunderkind den Landesfürsten mit wenig schmeichelhaften Namen, von »Erzlimmel« bis »elender Bube« und »boshafter Fürst«. Des ungeachtet genossen Vater und Sohn gerne die Großzügigkeit des Erzbischofs bei den beachtlichen Urlaubsüberschreitungen. Zwischen 1763 und 1771 war Mozart ganze sechseinhalb Jahre auf Reisen…

Für erhebliche Unruhe in der Bevölkerung sorgten die Reformen Colloredos auf religiös-kirchlichem Gebiet. Sie sind im Hirtenbrief zum 1200-Jahr-Jubiläum des Bistums Salzburg aus dem Jahre 1782 niedergelegt und enthalten das Programm für ein vernunftgemäßes, von populären Zutaten gereinigtes Christentum. Aber die Mittel und Wege, mit denen der Erzbischof »die ursprüngliche Reinheit der katholischen Religion wiederherzustellen und sie von schädlichen Überwucherungen reinigen« wollte, stießen auf den erbitterten Widerstand vor allem bei der Landbevölkerung. Viele Leute wollten sich die altüberlieferten Gewohnheiten und Bräuche nicht nehmen lassen und erblickten im Versuch ihrer Abschaffung einen Frontalangriff auf die Religion überhaupt.

Ein Chronist zitiert ein damals verbreitetes Scherzwort »Wir haben einen Hirten, der uns schert, aber keinen, der uns weidet…« Ein anderer Spottvers lautete: »Der Fürst Colloredo hat kein Gloria und kein Credo.« Der Erzbischof war natürlich weit davon entfernt, an den Fundamenten des Glaubens zu rütteln. Wogegen er sich wandte, das war die Veräußerlichung der Religion und manche Fehlform der Volksfrömmigkeit. Dabei ging er allerdings zu überstürzt vor und ließ das nötige Fingerspitzengefühl vermissen. Entsprechend seiner Auffassung vom absoluten Herrscher, auf dessen Befehl jedermann flugs parierte, reformierte er einfach durch Dekrete von oben herab, ohne sich um die Empfindungen der Gläubigen zu kümmern.

An der Spitze der Reformen stand die Verminderung der kirchlich gebotenen Feiertage von bisher 95 (davon 52 Sonntage) auf 71, die vom Vatikan gebilligt worden war. An den abgeschafften Feiertagen (Oster- und Pfingstdienstag, die zwölf Apostelfeste, hl. Anna, Laurentius, Michael, Unschuldige Kinder, Silvester) war künftig normal zu arbeiten, die bisher an diesen Tagen üblichen Bittgänge und Andachten wurden untersagt. Als Feiertage verblieben fünf Marienfeste (Lichtmess, Maria Verkündigung, Mariä Himmelfahrt, Maria Geburt und Unbefleckte Empfängnis) und die Heiligenfeste Josef, Johannes der Täufer, Peter und Paul, der Landespatron Rupert, Allerheiligen, Stefanus und der jeweilige Kirchenpatron.

Die Streichung vieler arbeitsfreier Tage fand nicht nur bei der Landbevölkerung kein Verständnis, sondern teilweise auch beim Klerus. Doch der Erzbischof gab nicht nach. Ein Salzburger Franziskaner, der in einer Gegenschrift den bischöflichen Erlass hart kritisierte, musste seine Aufmüpfigkeit mit acht Jahren Kerker büßen.

Wie der Erzbischof mehrfach betonte, sollte eine »geläuterte Religion die Sitten des einfachen Volkes verbessern und es zu nützlichen Staatsdienern erziehen helfen«. Die bisher übliche Barockfrömmigkeit mit vielen Wallfahrten, einem überschwänglichen Marien- und Heiligenkult, Ablasswesen, Passionsspielen, Pferdeumritten, Wettersegen, Böllerschießen und mit langen, lateinischen Orchestermessen hatte im Konzept des aufgeklärten Monarchen keinen Platz. Stattdessen rief er zu tätiger Nächstenliebe auf, die sich vor allem in der Armen- und Gesundheitsfürsorge zu äußern hatte und bemühte sich, auch auf dem Land bessere Bildungsmöglichkeiten zu schaffen. Weitere Programmpunkte waren die Förderung des Bibellesens und des deutschen Kirchengesangs. Eine Schlüsselrolle hatte dabei die zeitgemäße Ausbildung der Geistlichen im Priesterseminar und an der Universität. Der aufgeklärte Priester sollte nach seinen Vorstellungen nicht nur Seelsorger, sondern auch wahrer Volkserzieher sein, der den Gläubigen in weltlichen, wirtschaftlichen und sogar medizinischen Fragen an die Hand gehen konnte.

An manchen Orten wollte man sich mit dem Verbot alter Gewohnheiten im Laufe des Kirchenjahres nicht abfinden. So kämpften die Bauern von Taching erbittert darum, den uralten »Päpstlichen Ritt« an Ostern beizubehalten. Eine Prüfung in Salzburg ergab jedoch, dass im päpstlichen Breve wohl von einer Prozession, aber nicht von einem Umritt die Rede war; das Verbot blieb bestehen, der Vorschlag, statt des Umritts einen Umzug mit dem Allerheiligsten zu genehmigen, erhielt kein Plazet. Bei anderen Gelegenheiten zeigte man sich in Salzburg nachgiebiger. So wurde das Verbot des Heiligen Grabes an den Kartagen so modifiziert, dass »ein einfaches Grabtheater ohne übermäßigen Schmuck an einem Seitenaltare« gestattet wurde. Bezüglich der Fronleichnamsprozession blieb es beim Verbot der Prangerstangen und der abgeschnittenen Birkenzweige, aber das Mittragen eines (!) Bildes wurde zugestanden. Ob und wie genau sich die einzelnen Pfarreien im übrigen an die Vorgaben aus Salzburg hielten, muss dahingestellt bleiben. In den Visitationsberichten ist später noch häufig von Verstößen zu lesen, weil die Bevölkerung passiven Widerstand leistete, so dass manche Verbote abgemildert werden mussten. Auch die abgeschafften Feiertage lebten als Bauernfeiertage mit Arbeitsruhe und Kirchenbesuch noch lange weiter.

Hieronymus Colloredo stand 31 Jahre an der Spitze seines Bistums. Die politischen Umwälzungen im Gefolge des zweiten Koalitionskrieges veranlassten ihn im Jahre 1800 zur Flucht nach Wien. Er trat als Landesfürst von Salzburg zurück, leitete aber sein Erzbistum weiter von Wien aus bis zu seinem Tode im Jahre 1812 und fand im Stephansdom seine letzte Ruhestätte. Im Mai 2003 wurden seine sterblichen Überreste von Wien nach Salzburg überführt und in der Domkrypta bestattet.

Eine Doppelausstellung über Erzbischof Hieronymus Colloredo ist bis 10. Januar in Salzburg im Landesmuseum und im Archiv der Erzdiözese zu sehen.


Julius Bittmann

 

51/2012