Jahrgang 2009 Nummer 27

Leben und Zeit des bayerischen Herzogs Ludwigs X.

Biographische Anmerkungen und Bilder der Ausstellung in Landshut

Herzog Ludwig X. von Bayern

Herzog Ludwig X. von Bayern
Der Italienische Saal der Stadtresidenz

Der Italienische Saal der Stadtresidenz
Medaille auf Herzog Ludwig X. mit der Umschrift: FLOREAT SEMPER BAVARIAE REGIO – Ewig blühe Bayerns Land

Medaille auf Herzog Ludwig X. mit der Umschrift: FLOREAT SEMPER BAVARIAE REGIO – Ewig blühe Bayerns Land
Unter dem Motto »Ewig blühe Bayerns Land« ist in der Landshuter Stadtresidenz bis zum 27. September 2009 eine Ausstellung über Herzog Ludwig X. und die Renaissance zu sehen. Freilich liegt dem aus mehreren Beiträgen in den »Chiemgau Blättern« bekannten Verfasser die Landshuter Ausstellung nicht nur räumlich nahe. Und weil Landshut nicht nur seiner Hochzeit wegen viel zu bieten hat und mit historischen Kostbarkeiten aufzuwarten vermag, ist heute ein Besuch bei Ludwig X. angesagt, dem wir in seiner Landshuter Residenz in der sehenswerten Ausstellung begegnen.

Die Biographie Herzog Ludwigs X.

Der Ausstellung sei ein Blick auf die Biographie des Herzogs vorangestellt: Ludwig X. wurde am 8. September 1495 am Münchner Hof geboren. Er war für den geistlichen Stand bestimmt und wurde als Dompropst in Freising eingekleidet. Schon nach fünf Jahren fand er keinen Gefallen mehr am geistlichen Leben und ging daran, in das Gefüge der weltlichen Macht einzugreifen. Das war allerdings nicht so einfach. Bis zum Ende des Landshuter Erbfolgekrieges 1505 war die »Landeshut« neben München die Hauptstadt des Herzogtums Bayern. Nachdem Herzog Georg der Reiche, der bei der Landshuter Hochzeit 1475 die Tochter des Polenkönigs geheiratet hatte, ohne männliche Nachkommen geblieben war, kam es wegen der Erbrechtsnachfolge zum Landshuter Erbfolgekrieg, nach dessen Ende 1506 das Primogeniturgesetz erlassen wurde. Danach sollte nur der erstgeborene Sohn das Herzogtum Bayern ungeteilt erhalten.

Nach diesem Gesetz war der 1483 geborene Bruder Wilhelm IV. legaler bayerischer Herzog. Dies ließ Ludwig nicht gelten und beanspruchte mit der Begründung, dass er schon vor dem Primogeniturgesetz 1495 geboren sei, einen angemessenen Anteil an der Macht. Statt einen Krieg vom Zaum zu brechen, einigte er sich mit seinem Bruder Wilhelm IV. auf eine gemeinsame Regentschaft, wobei Ludwig X. in Landshut seinen eigenen Hof hielt und, wie er dies in seinem Wappen zum Ausdruck brachte, sich als Herzog beider Teile Bayerns betrachtete.

Zunächst residierte Ludwig X. auf der Burg Trausnitz und ließ dort ab 1516 den Fürstenbau und den Kapellentrakt umgestalten. Im Mai 1536 begann er mit der Grundsteinlegung den Bau der Stadtresidenz. Im Anschluss an das herzogliche Zollhaus konnte er mehrere Häuser auf Abbruch erwerben, um mitten in der Stadt, dem Rathaus gegenüber, seine Residenz zu errichten. Der Grund für den Umzug in die Stadt ist wohl auch darin zu sehen, dass die Verteidigung der Burg Trausnitz infolge der fortgeschrittenen Waffentechnik nicht mehr gewährleistet schien. Vielleicht gefiel es dem Herzog auch, dem humanistischen Zeitgeist entsprechend, »inmitten der Bürgerschaft« zu wohnen. Der sog. deutsche Bau, der stilistisch der Renaissance zuzurechnen ist, wurde in der Zeit von 1536 bis 1540 erbaut.

Der erste Renaissancebau in Deutschland

Wäre Ludwig 1536 nicht nach Italien gereist, um Kaiser Karl V. bei seinem Krieg gegen Frankreich beizustehen, wäre es wohl bei der Residenz in der Altstadt geblieben, der zur Länd hin allenfalls ein Garten angefügt worden wäre. Auf seiner Italienreise besichtigte Ludwig in Mantua den Palazzo del Te, von dem er über alle Maßen angetan war. Kaum in Landshut angekommen, ließ er den italienischen Bau in Angriff nehmen, der annähernd zeitgleich mit dem deutschen Bau von 1537 bis 1543 errichtet wurde. Noch beeindruckt vom Bild des Palastes in Mantua, ließ er das bauliche Konzept ändern. Die der Isar zugewandte Seite der Residenz sollte die Hauptfassade werden und den Glanz eines italienischen Palazzo ausstrahlen. Hier ließ Ludwig sein herzogliches Wappen anbringen und im Verputz italienisches Rustika-Mauerwerk nachahmen.

Der Besucher, der die Residenz von der Altstadt her durch die einer Loggia nachempfundenen Vorhalle betritt, ist eingenommen von der sich ihm öffnenden Renaissancearchitektur. Die Segmentbögen über den Fenstern und die durch Bögen verbundenen Säulen der Arkaden folgen ebenso dem Gleichmaß der Renaissance wie die Säulenpilaster mit korinthischen Kapitellen. Die tonnenförmigen Dachkamine waren nicht nur zur Vermeidung des Funkenfluges ästhetisch ansprechend gestaltet worden. In der Renaissance wurden auch praktische Formen dem Prinzip der Schönheit untergeordnet.

Die Renaissance war eben nicht nur eine Zeit, in der im Blick auf die Antike deren architektonische Formen übernommen wurden. Es war vielmehr eine Zeit des Umbruchs, die sich vom finsteren Mittelalter abwandte und Mensch und Natur als Werk göttlicher Schöpfung betrachtete. Die Entdeckung Amerikas, die Erfindung der Buchdruckerkunst und Luthers Abwendung von der Kirche waren Eckpunkte, die das neue Zeitalter prägten. Das Interesse an neuen Wissenschaften und die Deutung der antiken Sagenwelt, für die die Metamorphosen von Ovid die Grundlage lieferte, waren für Herzog Ludwig X. zum Maß seines Lebens geworden, dem er auch die künstlerische Ausgestaltung seiner Residenz unterordnete.

Eine Führung durch die Ausstellung

Für die Ausstellung »Herzog Ludwig X. und die Renaissance« hätte sich auch der Herzog selbst keinen besseren Ort aussuchen können. Vermittelt doch die Residenz selbst mit ihrem prachtvollen Bilderschmuck eine eindrucksvolle Vorstellung von der Gedankenwelt des Herzogs und seiner Ideale. Die Ausstellung ist in 22 Themenbereiche gegliedert, die in den einzelnen Abteilungen jeweils kurz beschrieben und mit Gemälden, Urkunden und Kunstgegenständen reichlich ausgestattet sind. Kurz gefasste und übersichtliche Texte führen in die Themenbereiche ein.

Zur Ausstellung gibt es einen umfangreichen, reich illustrierten Katalog, weshalb sich der Verfasser nur auf einige Schwerpunkte beschränken möchte. Schon in der ersten Abteilung stehen wir vor dem Porträt von Jadwiga, der Gattin von Herzog Georg, dem Bräutigam der Landshuter Hochzeit. Da sie keinen überlebenden männlichen Nachkommen zur Welt brachte und so die Ursache zum Landshuter Erbfolgekrieg setzte, bedeutete dies das Ende des selbstständigen Bayern-Landshut.

Das von Herzog Albrechts IV. 1506 erlassene Primogeniturgesetz war Anlass zu einer Auseinandersetzung Ludwigs mit seinem Bruder. 68 Siegel hängen an dem Pergament, das schon seines Alters und der von ihm ausgehenden historischen Tragweite wegen eine gebührende Beachtung verdient. Die Abteilung »Humanismus am bayerischen Hof« erinnert daran, dass die von antiken Idealen geprägte humanistische Bildung für die Renaissance von grundlegender Bedeutung war. Von den Gelehrten am Hofe Ludwigs wird an Aventinus erinnert, dessen Grabplatte ebenso ausgestellt ist wie seine Bayerische Chronik von 1522, die in deutscher Sprache als Lesebuch charakteristische Eigenschaft des bayerischen Volkes anspricht.

In der sich wandelnden religiösen Welt hielt Ludwig, vielleicht nur oder auch aus politischem Kalkül am rechten, katholischen Glauben fest. Symbolisch steht dafür die Figur des heiligen Georgs, der als herzoglicher Schutzheiliger den Drachen des lutherischen Irrglaubens bekämpft. Auch die beiden Stifterfiguren für den Altar der Heiliggeistkirche in Landshut sind Zeugnisse für die Frömmigkeit Ludwigs X. und seines Bruder Wilhelm IV.

An die Zeit, die Ludwig X. von 1516 an auf der Burg Trausnitz residierte, erinnert das eigens für die Ausstellung gefertigte Holzmodell der Burg. Von der reichen, durch Herzog Ludwig in Auftrag gegebenen Einrichtung ist nach dem Brand von 1961 nichts mehr verblieben. Von Interesse ist das herzogliche »Betstüberl«, das sowohl in der Trausnitz wie auch in der Residenz eingerichtet war. In einem nur an der Vorderseite offenem, mit einem Betschemel ausgestatteten Gehäuse konnte der Herzog abgesondert von seinem Gesinde am Gottesdienst teilnehmen und sich an einem kleinen Ofen wärmen.

Der italienische Bau der Residenz

Von der Italienreise des Herzogs 1536 erzählt ein Film, der vor allem die Residenzen in Mantua und Trient zeigt, die als architektonische Muster für die Landshuter Residenz dienten. Die Vorbilder in den beiden italienischen Residenzen und ihre Kopien in Landshut werden in Dias in einer anderen Abteilung vorgestellt. Ein Quergang leitet über zum italienischen Bau, den Herzog Ludwig von den berühmtesten Künstlern seiner Zeit nach seinem Kunstverständnis hat ausstatten lassen.

Der Renaissancefürst sah sich der Welt der Antike geistig eng verbunden. Vor allem die Metamorphosen des Dichters Ovid hatten sein Interesse geweckt, so dass sie von den Künstlern als Vorlage zu übernehmen waren. Dabei suchte Ludwig in den Sagen auch einen Bezug zu seiner Zeit und seinen persönlichen Empfindungen. Durch den Bacchussaal gelangen wir in den italienischen Saal, den Festsaal der Residenz.

Die zierlichen Rundreliefs an den Wänden erinnern an die Taten des Herkules und damit an die sich niemals verzehrenden Kräfte des Herrschers für sein Volk. Die Kassetten mit den Bildern von Feldherrn und Staatsmänner auf der Innenseite sowie von Dichtern und Philosophen auf der Fensterseite der Decke deuten an, dass der Fürst des Rates der Weisen und der Strategie der Krieger bedarf, um besonnen zu regieren. Der Kindlfries ist in lateinischen Worten so zu lesen: »Eintracht lässt kleine Dinge wachsen. Zwietracht zerstört die größten.« Die Anspielung auf die Einigung Ludwigs mit seinem Bruder Wilhelm über die Teilung der Macht im Herzogtum ist unverkennbar. Im italienischen Saal sind sechs Portraits der Familie des Herzogs in respektabler Größe zu sehen.

Aus der griechischen Mythologie stammt die Vorlage für die Bilder des Göttersaales. Sie erzählen vom König Lykaon, der Zeus bei seinem Besuch auf Lykaons Schloss auf die Probe stellen wollte und ihm Menschenfleisch zum Mahl vorsetzte. Zeus bestrafte den König. Der Palast wurde zerstört. Eine Sintflut brach über das Land herein. Im Göttersaal ist die Statue des Jünglings vom Magdalensberg als Blickfang aufgestellt. Diese idealtypische Statue war Vorbild für die Kunst, die sich nun im Gegensatz zum Mittelalter auch der Schönheit des menschlichen Körpers annahm. Ein Bild des Jünglings finden wir im Kapellengang, wobei nicht nur ein Vergleich mit dem Vorbild sondern auch der ungewohnte Umgang mit der Nacktheit des Jünglings beachtlich ist.

Bilder aus der griechischen Mythologie

Im Sternenzimmer ist ein kleines Planetarium farbig an die Decke gemalt, wobei die Sternbilder ihrer tatsächlichen Stellung am Himmel entsprechend wiedergegeben sind. Von Interesse ist dabei die Entdeckung der sogenannten Kosmologie, in der die Astrologie im Zusammenhang mit der Mythologie gesehen wurde. Karten und Instrumente zur Beobachtung der Gestirne stehen neben dem ältesten, bekannten Himmelsglobus von 1493.

Apollo, der Gott des Lichtes, fährt in seinem Sonnenwagen über die Decke des Apollozimmers, das wir der Führungslinie folgend als nächsten besuchen. Dem Lauf der Sonne sind die Jahreszeiten zu verdanken, die in eindrucksvollen Landschaftsmotiven dargestellt sind. An der Decke des anschließenden Dianazimmers hält die Göttin der Nacht die Pferde ihres Gefährts im Zaum. Ein Wandbild erzählt von Actäon, der Diana mit ihren Gefährtinnen beim Bade beobachtet, in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden zerfleischt wird. Gewalttätig ist auch die Szene, in der Pluto Proserpina in die Unterwelt entführt. Die Bilder sind Allegorien, die den Metamorphosen folgend Eigenschaften der Götter und ihr Verhältnis zu den Menschen beschreiben.

Der Kapellengang ist der Übergang vom italienischen zum deutschen Bau. An der Rückwand hat Hans Bocksberger der Ältere Fresken von Herrschern gemalt, die als idealistische Vorfahren der Wittelsbacher gesehen wurden. Ein nicht namentlich bezeichneter bayerischer und ein norischer König, ein Herzog von Österreich und ein König von Sizilien finden sich unter der illustren Reihe herzoglicher Verwandtschaft. Dass Herrscher ihre Abstammung auf große Gestalten der Weltgeschichte zurückführen, war durchaus üblich.

Die Fresken an der Alten Post in der Altstadt sind ein Beispiel dafür, dass die Herrschaft der Wittelsbacher sich auf ruhmreiche Vorfahren aus der Antike zu stützen glaubte. Der Renaissancealtar in der später klassizistisch veränderten Mathiaskapelle zeigt ein Bild von Hermann Posthumus von 1542, das seiner Perspektive und der magischen Lichtwirkung wegen eine nähere Betrachtung verdient. Der Niederländer Hermanus Posthumus hat in Italien gearbeitet und daher antike Architektur in das Bild mit einbezogen.

Ende und Vermächtnis Herzog Ludwigs X.

So sind wir über eine steile Treppe in den Saal gelangt, in dem wir in Skizzen und Modellen die räumliche Gestaltung der Residenz und der italienischen Vorbilder studieren können. In dem über den Hof erreichbaren Saal stehen wir vor der Kopie der Grabplatte Herzog Ludwigs X. Sie bedeckte ursprünglich das Hochgrab des Herzogs in der Klosterkirche Seligenthal. Herzog Ludwig überlebte die Fertigstellung seiner Residenz nur zwei Jahre lang. Von schwerer Krankheit gezeichnet verstarb er am 22. April 1545. Der Wahlspruch Ludwigs »Ewig blühe Bayerns Land« lässt erkennen, dass dem Herzog die Wohlfahrt des Herzogtums und seiner Menschen mehr am Herzen lag als sein eigener Ruhm. Als Symbol hierfür wurde die Tellus Bavariae gesehen. Auf einem Salzfass steht eine mit einem Hirschfell bekleidete weibliche Figur. Sie symbolisiert die Schätze des Landes, Wild, Salz und Getreide und steht damit für das Land, um dessen Blüte sich Herzog Ludwig eifrig gemüht hat.

Im Heldensaal betrachten wir antike und biblische Gestalten, die als Mahner für die in dieser Welt anzustrebende Ideale gelten. Die Sagen der Göttinnen Nemesis, Arachne und Latona werden in farbigen Deckenfresken in den drei letzten Räumen erzählt, wobei die Göttinnen in das Schicksal der Menschen gestaltend eingreifen. Wie eindrucksvoll die Sprache in den Metamorphosen Ovids auf uns überkommen ist, lässt sich an der Audioanlage im Arachnesaal nachvollziehen. Die Melodie der gesprochenen Texte der Ovidsage lässt erahnen, wie sehr der der antiken Gedankenwelt zugewandte Herzog davon begeistert war. Es war ihm ein Anliegen, die Welt der Antike in seiner Residenz stets gegenwärtig zu sehen.


Dieter Dörfler



27/2009